1. Oktober 2026

Opportunitätskosten: Was zehn Jahre Tagesgeld kosten

Geld auf dem Tagesgeldkonto wirkt neutral. Nichts wurde gekauft, nichts steht im Risiko, der Kontostand bewegt sich nicht.

Genau diese Wahrnehmung macht die Kosten unsichtbar. Liquidität ist eine Position wie jede andere, mit einem eigenen Ertragsprofil, und die Entscheidung für sie hat über längere Zeiträume messbare Folgen.

Wie groß diese Folgen ausfallen, lässt sich für den deutschen Markt über einen sehr langen Zeitraum nachrechnen.

Was die Frage eigentlich stellt

Die Frage was ist investieren wird meist über Instrumente beantwortet: Aktien, Fonds, Anleihen. Sinnvoller ist die Antwort über die Funktion.

Investieren heißt, heute verfügbares Geld in eine Form zu bringen, die zu einem späteren Zeitpunkt einen bestimmten Zweck erfüllen soll. Jede Form trägt dabei ein anderes Risiko:

  • Tagesgeld trägt das Risiko, dass die Inflation die Kaufkraft aufzehrt
  • Anleihen tragen Zins- und Bonitätsrisiko
  • Aktien tragen das Risiko großer und mitunter langer Rückschläge
  • Gar nichts zu tun trägt das Risiko, ein späteres Ziel zu verfehlen

Eine Option ohne Risiko gibt es nicht. Die Wahl betrifft die Art des Risikos und passt zum jeweiligen Zeithorizont.

Was die lange Reihe für Aktien zeigt

Für den deutschen Aktienmarkt liegen Renditedaten über fünf Jahrzehnte vor, aufbereitet nach Kaufzeitpunkt und Haltedauer. Das erlaubt Aussagen, die über einzelne Jahre hinausreichen.

Die Bandbreite

Die veröffentlichte Auswertung kommt zu dem Ergebnis, dass wer langfristig, breit gestreut und kontinuierlich in Aktienfonds, ETFs und Aktien investiert, Renditen von sechs bis neun Prozent pro Jahr erwirtschaften kann.

Die Rolle der Haltedauer

Aufschlussreicher als der Mittelwert ist der Zusammenhang mit der Anlagedauer. Eine frühere Auswertung derselben Reihe hält fest, dass bei einer Spardauer von 20 Jahren in der Vergangenheit eine durchschnittliche Rendite von 8,7 Prozent im Jahr erzielt werden konnte und man nach zwölf Jahren mit einer breit gestreuten Aktienanlage immer im Plus lag.

Diese zweite Zahl beschreibt nicht die Höhe der Rendite, sondern ihre Streuung. Mit zunehmender Haltedauer verengt sich die Bandbreite der historischen Ergebnisse deutlich.

Für die Frage nach den Opportunitätskosten ist das der entscheidende Punkt. Über kurze Zeiträume ist die Aktienanlage keine verlässliche Alternative zum Tagesgeld, über lange Zeiträume verhält es sich nach dieser Datenreihe umgekehrt. Die Kosten des Wartens hängen damit vor allem am Anlagehorizont.

Warum die Quelle mitzulesen ist

Bei solchen Auswertungen gehört die Herkunft zur Einordnung. Die Daten stammen von einem Verband, der die Interessen börsennotierter Unternehmen vertritt und die Aktienkultur in Deutschland fördern möchte.

Das entwertet die Berechnung nicht, da sie auf öffentlichen Indexständen beruht und methodisch offengelegt ist. Es bedeutet aber, dass die Auswahl und Darstellung der Zahlen einem Zweck folgt. Die Auswertung selbst weist zudem darauf hin, dass Kosten beim Kauf und Verkauf nicht berücksichtigt sind und vergangenheitsbezogene Daten kein verlässlicher Indikator für die künftige Entwicklung sind.

Beides gehört in jede Rechnung, die jemand für sich selbst aufstellt.

Wo Liquidität die richtige Antwort ist

Nichts davon spricht gegen das Halten von Liquidität. Es spricht dagegen, sie ohne Entscheidung zu halten. Für mehrere Zwecke ist sie eindeutig die passende Form.

  • Geld, das innerhalb weniger Jahre gebraucht wird, da für eine Erholung keine Zeit bleibt
  • Die Notfallreserve, deren Zweck Verfügbarkeit und nicht Rendite ist
  • Feststehende Ausgaben mit bekanntem Termin
  • Bewusst gehaltene Reserve, um Gelegenheiten ohne Zwangsverkäufe finanzieren zu können
  • Jeder Betrag, dessen Verlust die Lebensumstände verändern würde

Für diese Zwecke ist die Verzinsung der falsche Maßstab zur Beurteilung.

Die deutsche Besonderheit bei der Besteuerung

Ein Punkt kommt hierzulande hinzu und wird selten mitgerechnet. Die Abgeltungsteuer wird auf den nominalen Ertrag erhoben, nicht auf den realen.

Bei einer Inflationsrate, die in der Nähe der Nominalverzinsung liegt, fällt die Steuer damit auf einen Ertrag an, der real klein oder negativ ist. Die reale Rendite nach Steuern liegt entsprechend unter dem, was der Zinssatz auf dem Kontoauszug vermuten lässt.

Der Sparerpauschbetrag mildert das für kleinere Beträge ab. Für größere Guthaben bleibt der Effekt bestehen.

Wichtig ist dabei die Reihenfolge: Er steht nur einmal pro Jahr zur Verfügung und wird von allen Kapitalerträgen gemeinsam beansprucht. Wer ihn bereits durch andere Erträge ausgeschöpft hat, versteuert Zinsen auf Guthaben vom ersten Euro an.

Wie sich die eigene Liquidität einordnen lässt

Die Unterscheidung, auf die es ankommt, liegt zwischen Liquidität mit Zweck und Liquidität ohne Entscheidung. Sie lässt sich in einer Stunde herstellen.

  • Für jeden Guthabenblock notieren, wofür er gedacht ist und wann er gebraucht wird
  • Die Notfallreserve aus tatsächlichen monatlichen Ausgaben ableiten statt aus einer Faustregel
  • Reserve und unverplantes Guthaben trennen, da sie unterschiedliche Fragen beantworten
  • Für jeden Betrag ohne Zweck einen Überprüfungstermin setzen
  • Die reale Verzinsung nach Steuern berechnen statt der nominalen

Der letzte Punkt schließt die Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirkung. Der Kontostand bleibt gleich, während sich verändert, was man dafür bekommt, und genau deshalb bleibt dieses Risiko so lange unbemerkt.

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