6. Juli 2026Peter Pionke
May West’s Komödie „Sex“: Doppelmoral der Oberschicht
Mae West, Schauspielerin, Sängerin und Autorin, sorgte mit ihrer Komödie „Sex“ 1926 für einen handfesten Skandal – © CC BY 4.0Obwohl die Kritiken der berühmt-berüchtigten Komödie „Sex“ durchweg schlecht waren, entwickelte sich das Stück zu einem Erfolg. Warum?
Peter Lodermeyer: „Der Erfolg verdankte sich gerade auch den schlechten Kritiken. Negative Kritik kann die allerbeste Werbung sein, und im Fall von „Sex“ war sie es auch. Kritiker hatten zwar auch die mangelnde künstlerische Qualität des Stücks beklagt, aber das hatte kaum abschreckende Wirkung, denn was dieser Theaterproduktion zur Bekanntheit verhalf, war primär ihr Inhalt: die Geschichte der Prostituierten Margy LaMont, gespielt von Mae West selbst. Dass das Stück, dessen erster Akt im Rotlichtbezirk spielt, in den Rezensionen als unmoralisch, obszön und jugendgefährdend bezeichnet wurde, verstärkte nur die Neugier darauf. In der Psychologie nennt man das Reaktanz: Wenn eine Handlung verboten oder tabuisiert wird, weckt genau dies das Bedürfnis, sie auszuführen. Man sollte auch nicht vergessen, dass sich die USA 1926 mitten in der Prohibitionszeit befanden. Damals waren die Herstellung, der Verkauf und der Transport alkoholischer Getränke verboten. Bekanntlich hatte dies keineswegs dazu geführt, dass den Amerikanern die Lust auf Whiskey oder Champagner ausgetrieben worden wäre.
© Bergische UniversitätIllegale Kneipen, sogenannte Speakeasies, sprossen zu Tausenden wie Pilze aus dem Boden. Ganz ähnlich war es mit „Sex“: Je verruchter das Stück erschien, desto größer war das Interesse, es sich anzuschauen. Aus der Sicht der heutigen Theaterszene – man denke nur etwa an die exzessive Körperlichkeit in den Aufführungen der Choreografin Florentina Holzinger, deren Beitrag zur Biennale in Venedig ich mir vor Kurzem angeschaut habe, – kann man die Aufregung um „Sex“ kaum mehr nachvollziehen. Anders als es der plakative Titel erwarten lässt, geht es in dem Stück nicht besonders heiß her. Theaterstücke zum Thema Prostitution gab es schon früher, aber bei Mae West, die „Sex“ übrigens unter dem Pseudonym Jane Mast verfasste, ist die Protagonistin keine gefallene Sünderin, sondern eine positive Heldin, die selbstbewusst ihren Weg geht und dabei die Verlogenheit und Doppelmoral der Oberschicht bloßstellt. Vermutlich war das der eigentliche Skandal.“
Die Autorin und Hauptdarstellerin Mae West war zeitlebens eine lebendige Provokation. Woran erkannte man das?
Peter Lodermeyer: „Sex sells – der bekannte Spruch trifft auf Mae Wests Karriere eindeutig zu. Mit dem Theaterstück „Sex“ von 1926 hatte sie ihren Durchbruch, auch finanziell, nur ein Jahr später packte sie mit ihrem Stück „The Drag“ tabuisierte Themen an: männliche Homosexualität, Cross-Dressing, die Kritik an der „Konversionstherapie“ zur Heilung der angeblich pathologischen homoerotischen Neigung. Queerness (wie man das später nannte) auf die Bühne zu bringen war zu dieser Zeit schon sehr gewagt und rief auch bald die Zensur auf den Plan. Mae West war zeitlebens unerschrocken, wenn es um das Thema Sexualität ging; das war der Kern ihrer provokativen Präsenz in der Öffentlichkeit. Mit ihrem Wortwitz und ihrer Schlagfertigkeit bediente sie immer wieder die Erwartungen an erotische Anspielungen und Anzüglichkeiten. Ihre Outfits, die körperbetonte Kleidung, platinblond gefärbte Haare beziehungsweise Perücken, eine ganz auf erotische Ausstrahlung getrimmte Körpersprache, dazu ihr loses Mundwerk, rundeten ihre Person ab und machten sie zu einer Kunstfigur, einer Marke, von der sie selbst zuweilen in der dritten Person sprach.
Der Kunstgeschichtler Dr. Peter Lodermeyer von der Bergischen Universität – © privatNach 375 Vorstellungen beendete das New York Police Departement die von mittlerweile 325.000 Zuschauern besuchte Aufführung, und Mae West musste sogar ins Gefängnis, was aber ihrer Popularität keinen Abbruch tat, oder?
Peter Lodermeyer: „Das ist doch wirklich Realsatire: Von April 1926 bis Februar 1927 hatte „Sex“ ganze 375 Vorstellungen mit durchschnittlich fast 900 Besuchern pro Aufführung. Das war ein grandioser Erfolg, das Stück war längst Kult, viele Menschen gingen gleich mehrmals hin. Man weiß auch, dass hochgestellte Persönlichkeiten aus Polizei und Justiz mit ihren Ehefrauen im Publikum saßen. Und dann wollte man ganz plötzlich bemerkt haben, dass das Stück sittenwidrig und eine Gefahr für die Jugend sei? Mae West sollte 500 Dollar Strafe bezahlen und für 10 Tage ins Gefängnis gehen. Mit einer Kautionszahlung hätte sie sich Letzteres leicht ersparen können, aber als die geniale Selbstvermarkterin, die sie war, wusste sie ihre Haft zur Selbstinszenierung zu nutzen. Sie ließ sich zum Gefängnis in einer Limousine vorfahren und erzählte später, dass sie während ihrer Inhaftierung mit dem Gefängnisdirektor und seiner Frau zu Abend gegessen habe.
Natürlich ließ sie es sich auch nicht nehmen, zu erwähnen, dass sie keine Gefangenenkleidung anziehen musste und stattdessen seidene Unterwäsche getragen habe. Wegen guter Führung wurde ihre Haftzeit übrigens um zwei Tage verkürzt. Falls es die Intention der Sittenpolizei gewesen ist, Mae West mundtot zu machen, war dies gründlich missglückt. Der Gefängnisaufenthalt steigerte ihre Popularität als Broadway-Star beträchtlich. Aber weltberühmt wurde sie erst über das Medium Film. Ihre ersten Hollywood-Produktionen, „Night after Night“ von 1932 und „She Done Him Wrong“ ein Jahr später, waren Riesenerfolge. Mae West, damals immerhin schon 40 Jahre alt, wurde zur bestbezahlten Schauspielerin überhaupt – und zudem zum Sexsymbol, obwohl sie dem Schönheitsideal Hollywoods, das damals noch von Jean Harlow, später von Marilyn Monroe idealtypisch verkörpert wurde, nur bedingt entsprach.“
Ihr Sexappeal beeinflusste jedenfalls die kulturelle Welt. Eine der frühesten Mae West-Anlehnungen war die Coca-Cola-Flasche. Was hat es damit auf sich?
Peter Lodermeyer: „Die geschwungene Coca-Cola-Flasche, auch Konturflasche genannt, ist ein wahrer Designklassiker mit hohem Wiedererkennungswert. 1950 schaffte sie es auf das Titelbild des Time Magazine. Spätestens seit Andy Warhol 1961/62 sie zum Motiv etlicher großformatiger Bilder machte, ist sie auch in die Kunstgeschichte eingegangen.
Vergrößertes Plattencover des Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ im Beatles-Museum in Liverpool. Mae West ist die dritte Person ganz oben links – © CC B-SA 2.0 5.Tatsächlich wurde die Konturflasche in den 1920er- und 30er-Jahren zuweilen auch als Mae-West-Flasche bezeichnet, aber eine Anlehnung an die Schauspielerin war ihr Design keineswegs. Coca-Cola ist ja schon seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf dem Markt. Die Flaschen waren zunächst ziemlich konventionell gestaltet, daher entschied die Coca-Cola Company 1915, einen Wettbewerb auszuschreiben, um eine unverwechselbare Flaschenform zu kreieren. Sieger war ein kleines Team um Earn Dean von der in Indiana beheimateten Root Glass Company.
Die bauchige Form der Konturflasche beruhte lustigerweise auf einem produktiven Missverständnis. Dean war der irrigen Meinung, dass zur Herstellung von Coca-Cola auch Kakao verwendet würde und orientierte sich für seinen Entwurf an der Form von Kakaofrüchten. Die Flasche, die 1916 in Produktion ging, war letztlich deutlich schlanker als der Prototyp seines Entwurfs, aber doch ausladend genug, um in ihr, wenn man partout möchte, die Kurven eines weiblichen Körpers zu sehen. Und dabei war Mae West, die sich durch ihren körperbetonten Kleidungsstil zu einem curvy icon stilisiert hatte, der naheliegende Vergleich – zumindest für einige Zeit. Wäre die Coca-Cola-Flasche 40 Jahre später erfunden worden, hätte man sie sicherlich Marilyn Monroe Bottle genannt.“
1934 schuf Salvador Dalí das Gemälde „Das Gesicht der Mae West, das als Wohnung genutzt werden kann“. Was ist an diesem surrealen Meisterwerk so besonders?
Peter Lodermeyer: „Wenn man sich fragt, wie die Motive aus der Filmindustrie Hollywoods in die Kunst kamen, denkt man sicherlich zunächst an Andy Warhol und seine Darstellungen von Marilyn Monroe, Liz Taylor und Elvis Presley. Doch Salvador Dalí war deutlich früher mit dem Thema beschäftigt. 1939 malte er den Kinderstar Shirley Temple und 1955 den britischen Schauspieler Laurence Olivier als Richard III. Er arbeitete 1945 für den Film „Spellbound“ mit Alfred Hitchcock zusammen und mit Walt Disney an dem animierten Kurzfilm „Destino“. Und er übermalte 1934/35 ein Zeitschriftenfoto von Mae West mit Gouache und Graphit und verwandelte ihr Gesicht in ein perspektivisch aufgefasstes Interieur. Das nur knapp 27 Zentimeter hohe Bildchen befindet sich im Art Institute of Chicago. Handelt es sich um ein surreales Meisterwerk? Sicher nicht für André Breton, den Mastermind des Surrealismus. Für ihn war Dalís Hollywood-Engagement bloß schnöde Kommerzialisierung, der geistige Ausverkauf des Surrealismus, daher sein böses Anagramm, in dem er die Buchstaben des Namens Salvador Dalí umstellte zu ávida dollars – gierig nach Dollars. Auf jeden Fall ist Dalís Gesicht Mae Wests als Apartment ein gutes Beispiel für seine „paranoisch-kritische Methode“, die darin besteht, in Bilder etwas anderes hinein zu imaginieren, eine doppelte oder dreifache Bedeutungsebene einzuziehen.
Premierenplakat des Theaterstücks „Sex“ von 1926 – © gemeinfreiDas Bild funktioniert durch den Konflikt zwischen Fläche und Raum. In der Fläche sehen wir genügend Fragmente des übermalten Gesichts von Mae West, um sie wiederzuerkennen. Im illusionistischen Raum, der mit dem klassischen Mittel der Zentralperspektive entworfen ist, staffeln sich jedoch die einzelnen Gesichtspartien in die Tiefe und werden zu einem Interieur arrangiert. Die Frisur wird dabei zu einem Vorhang, der den Blick in die Wohnung öffnet, die Lippen zu einem Sofa, das mitten im Raum steht, die Nase zu einer bizarren Art von Kamin, die Augen zu goldgerahmten Bildern an der Wand. Es ist, als würde man in das Gesicht Mae Wests ein Zimmer hineinhalluzinieren, oder aber umgekehrt in eine Wohnung das obsessiv auftauchende Gesicht der Schauspielerin.
Es ist bekannt, dass Dalí, der geradezu besessen war von der Beschäftigung mit der Psychoanalyse, Sigmund Freuds „Traumdeutung“ gelesen hat. Dort könnte er auf die Symbolik des Zimmers als Zeichen für die Frau gestoßen sein: „In den Träumen von Franzosen und anderen Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese Völker nichts dem deutschen ‚Frauenzimmer‘ Analoges kennen.“ Um doch noch einmal auf Andy Warhol zurückzukommen: Auch er hat ja ein eigenwilliges Porträt von Mae West angefertigt. Das geschah 1956, als er noch gar nicht als Künstler, sondern als Werbegrafiker unterwegs war. Zu dieser Zeit fertigte er seine „Golden Slippers“, fantasievolle Schuhentwürfe aus Tinte und „Blattgold“ (in Wirklichkeit bloß Rauschgold), die Prominenten wie Julie Andrews, Truman Capote und James Dean gewidmet waren – und eben auch Mae West. Ihr Bild zeigt in einem ungewöhnlichen Hochformat einen wohlgeformten, bestrumpften Unterschenkel, der in einer hochhackigen Stiefelette mit silberfarbigem Besatz steckt. Daneben sieht man eine silberne Rose aus gestanzter Folie – alles sehr elegant, glamourös und gewollt kitschig. Das passt perfekt zu Mae West.“
Ihr Bild war auf dem Cover des Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ zu sehen, ihre Lippen inspirierten Salvador Dalí 1972 erneut zu einem berühmten Möbelstück. Um was handelt es sich dabei?
Peter Lodermeyer: „Die 1967 von dem britischen Pop-Art-Künstler Peter Blake und seiner damaligen Ehefrau Jann Haworth entworfene Hülle für das Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ dürfte das berühmteste Plattencover in der Geschichte der Pop-Musik überhaupt sein. Seine Ikonographie ist so komplex, dass der Kunsthistoriker Walter Grasskamp ihm 2004 ein ganzes Buch widmete. Tatsächlich ist dort links oben ein Schwarzweiß-Foto der jungen Mae West zu entdecken. Es wird berichtet, dass die Beatles sie wegen der Abbildung um Erlaubnis gefragt hatten, und dass sie mit ihrem typischen Humor abgesagt haben soll: „What would I be doing in a Lonely Hearts Club?“
Das berühmnte, rote „Mae West Lips Sofa“ des Künstlers Salvador Dali – © CC BY 3.0Doch die Beatles ließen nicht locker und schrieben ihrem mittlerweile 74jährigen Idol aus Jugendtagen einen sehr schmeichelhaften Brief, woraufhin sie dann doch ihr Einverständnis gab, und so taucht ihr Konterfei zusammen mit Karl Marx und Albert Einstein, Edgar Allan Poe, verschiedenen indischen Gurus, Marilyn Monroe und vielen anderen auf der Plattenhülle auf. Was Salvador Dalís Sofa in Form der Lippen von Mae West betrifft, so geht dies natürlich auf das bereits erwähnte Bild „Mae West’s Face which May be Used as a Surrealist Apartment“ zurück. Der schottische Multimillionär Edward James, der ein begeisterter Anhänger des Surrealismus und persönlicher Freund Dalís war, hatte die Idee, das Sofa des Bildes als reales Möbelstück bauen zu lassen.
1938 wurden fünf Exemplare realisiert, zwei davon für James‘ Landsitz Monkton House. Diese waren aus roter Filzwolle in Form von Mae Wests Kussmund gefertigt, am unteren Rand mit schwarzen Wollfransen versehen und oben mit grünen Filzapplikationen in Form von Larven geschmückt. Das schreit natürlich nach psychoanalytischer Deutung. 1972 beauftragte Dalí den Architekten und Designer Óscar Tusquets damit, den Mae-West-Raum für sein Museum in Figueres als Installation einzurichten. Im Jahr 2004 begann Tusquets mit seiner Firma BD Barcelona Design, das Sofa dann in Serie zu produzieren. Es ist nach wie vor lieferbar, aus Polyethylen gefertigt und außenraumtauglich, aber nicht annähernd so formschön und elegant wie Edward James‘ Entwurf.“
Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Rettungswesten der alliierten Luftstreitkräfte „Mae Wests“ genannt, auch das eine Anspielung, oder?
Peter Lodermeyer: „Auf der Website wordhistory.net, die dem Ursprung sprachlicher Ausdrücke nachgeht, wird mitgeteilt, dass „Mae West“ als Name für die aufblasbaren Rettungswesten der Royal Air Force erstmals im Januar 1940 nachweisbar ist. Es war nicht unüblich, dass die Flieger Teilen ihrer umfangreichen Ausrüstung mehr oder minder witzige Spitznamen gaben. „Mae West“ statt „Life Vest“ ist zunächst nur ein albernes Wortspiel, nicht viel geistreicher als „Elvis Pressluft“, aber psychologisch doch sehr interessant. Die Rettungswesten waren früher mir Kork gefüllt und ziemlich sperrig, die neuen aufblasbaren Exemplare, die weich und rund am Oberkörper saßen, erinnerten die Soldaten offenbar an weibliche Brüste. Dass sie dabei spezifisch an Mae West dachten, zeigt, wie prominent sie 1940 tatsächlich war, und wie ihre Körperlichkeit die männliche Fantasie befeuerte. Die Bezeichnung hat sich dann durchgesetzt und Eingang in die Wörterbücher gefunden. Im Merriam-Webster steht unter dem Stichwort „Mae West“: „an inflatable life jacket in the form of a collar extending down the chest that was worn by fliers in World War II.“ („eine aufblasbare Schwimmweste in Form eines Kragens, der bis auf die Brust hinabreichte und von Fliegern im Zweiten Weltkrieg getragen wurde“)
Diese erste Version der berühmten Coca Cola-Flasche ging 1916 in Produktion – © GemeinfreiIm Netz findet man einige Fotos, die Mae West zusammen mit Soldaten zeigen, die luftgefüllte Rettungswesten tragen, während sie in ihren üblichen engen Kleidern zu sehen ist, die ihre Rundungen betonen – kuriose, zugleich ein wenig befremdliche Aufnahmen.“
Auch in Deutschland gibt es auf dem Effnerplatz in München seit 2011 ein Kunstwerk der Künstlerin Rita McBride mit dem Titel Mae West. Um welches Kunstwerk handelt es sich da?
Peter Lodermeyer: „Es handelt sich um eine riesige, 52 Meter hohe Skulptur, die aus 32 schräg gestellten, mit Karbonfasern verstärkten Kunststoffröhren besteht, welche so im Kreis aufgestellt sind, dass sich eine taillierte Silhouette ergibt. Die amerikanische Künstlerin Rita McBride, seit 2003 Professorin an der Düsseldorfer Kunstakademie, gab dem Gebilde ursprünglich den sachlichen Titel „Tower“, änderte ihn während der Planungsphase aber in „Mae West“. Wie sie später selbst einräumte, sei diese Entscheidung nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, um die kontroversen Diskussionen über technische Details und die Kosten des Projekts in eine andere Richtung zu lenken. Ehrlich gesagt, überzeugt mich der neue Titel überhaupt nicht. Die Skulptur hat einen ganz und gar technoiden Charakter, sie besticht gerade durch ihre streng geometrisch angelegte Form und das zeitgenössische Material.
Es handelt sich um einen sogenannten einschaligen Rotationshyperboloid, eine Form, wie sie vergleichbar auch bei Kühltürmen für Kraftwerke zum Einsatz kommt. In der Bevölkerung hatte das Werk auch Spitznamen wie Strickliesel oder Eierbecher bekommen. Ich weiß nicht, wie und warum eine so gigantische Struktur Assoziationen an einen weiblichen Körper hervorrufen soll und worin ein sinnvoller inhaltlicher Bezug zu Mae West bestehen könnte. Es ist ja nicht ehrenrührig – ganz im Gegenteil –, wenn eine solche Monumentalplastik an Industriearchitektur oder funktionales Design erinnert. Wenn die Süddeutsche Zeitung zur Einweihung der Skulptur im März 2011 titelte: „Eine Sex-Göttin für München“, ist das doch ziemlich daneben.“
Die Skulptur „Mae West“ auf dem Effnerplatz in München – © CC BY-SA 3.0Von ihr stammt das Zitat: „Sex ist in Bewegung umgesetztes Gefühl.“ Ihre humorvolle und direkte Art war eine bewusste Gegenreaktion auf die damalige Prüderie. 2023 musste eine Lehrerin in Florida ihre Stelle aufgeben, weil sie Schülern den nackten David von Michelangelo gezeigt hatte. Da hat sich seit Mae Wests Skandalstück „Sex“ vor 100 Jahren scheinbar wenig in den USA getan, oder?
Peter Lodermeyer: „Über den Fall der Schulleiterin Hope Carrasquilla, die ihren Job an der Tallahassee Classical School verlor, wurde seinerzeit sehr viel, aber oft auch ein wenig einseitig berichtet. Das Problem war wohl weniger die Tatsache, dass sie 11- bis 12-jährigen Schülern und Schülerinnen Abbildungen von Renaissancewerken wie Michelangelos „David“ und „Die Erschaffung Adams“ sowie Botticellis „Geburt der Venus“ gezeigt hatte, sondern dass die Eltern nicht vorab darüber informiert worden waren, dass ihre Kinder mit Darstellungen von Nacktheit konfrontiert würden. In Florida ist seit Juni 2022 der „Parental Rights in Education Act“ in Kraft, ein Gesetz, das den Eltern große Mitspracherechte bei den Lehrinhalten zugesteht. Dieses Gesetz ist ein Teil der Kulturkämpfe, der culture wars, die in den USA immer wieder aufflammen und deren Ursprung sicherlich darin liegt, dass in der kulturellen DNA dieses Landes zwei Prinzipien stecken, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind: das puritanische Erbe mit seiner religiös-konservativen Werteordnung einerseits, die starke Betonung individueller Freiheitsrechte andererseits. Der Zusammenprall beider hat zuweilen Folgen, die aus europäischer Sicht nur schwer zu verstehen sind. Das oben schon erwähnte Prohibitionsgesetz ist nur eine davon. Mae West hat das Problem am eigenen Leib erfahren: Ihre Stücke und Filme wurden skandalisiert und zensiert, zugleich war sie ungemein beliebt und wurde zu einer wahren popkulturellen Ikone. Mit ihrem trockenen Humor hat sie diesen Widerspruch ultimativ auf den Punkt gebracht: „I believe in censorship. I made a fortune out of it.“ („Ich glaube an Zensur. Ich habe damit ein Vermögen gemacht.“)
Uwe Blass
Dr. Peter Lodermeyer – © privatÜber Dr. Peter Lodermeyer
Der Kunsthistoriker, Autor, Kritiker und Kurator Dr. Peter Lodermeyer lehrt Kunstgeschichte in der Fakultät für Design und Kunst an der Bergischen Universität.
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