21. September 2026

Ein Bücherparadies und Traumarbeitsplatz

Man nennt ihn "Sal` Sistina", den rund 70 Meter langen, prächtigen Säulen Hauptsaal der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Erbaut 1587 unter Papst Sixtus V. sind die Wände im Renaissancepalast eindrucksvoll verziert. Ein imposanter Arbeitsraum, in dem der Historiker Arne Karsten für seine Forschungen jahrelang gearbeitet hat und schwärmt: „Ich kann aus eigener Anschauung sagen, es ist ein Bücherparadies und ein Traumarbeitsplatz, die schönste Bibliothek, die ich kenne.“ Autor Uwe Blass wirft im Gespräch mit Arne Karsten im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe "Transfergeschichten" einen Blick in dieses geschichtsträchtige Kleinod.

Der große Saal der Vatikanischen, Apostolischen Bibliothek „Salone Sistino“ in Rom – © Dnalor_01, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0

Die Vatikanische Apostolische Bibliothek ist eine der ältesten und wertvollsten Bibliotheken der Welt, doch auch sie fing einmal klein an. Zwar wurden bereits in der vorchristlichen Antike Texte in Bibliotheken gesammelt, doch der Vatikan als Sammelstelle bestehe erst seit der Renaissancezeit im 15. Jahrhundert, erklärt der Fachmann. „Vorher haben die Päpste in Rom an verschiedenen Orten residiert, lange Zeit im Lateranpalast, teilweise auch außerhalb Roms. 1309 beginnt das große avignonesische Exil, da gehen die Päpste mehr als ein halbes Jahrhundert nach Avignon, in Südfrankreich. Dann folgt das große abendländische Schisma (als das ‚große abendländische Schisma‘ bezeichnet man die Spaltung der Kirche von 1378 bis 1417, bei der zeitgleich zwei konkurrierende Päpste in Rom und Avignon existierten, Anm. d. Red.) und erst danach, also 1417, kehrt Papst Martin V. nach Rom dauerhaft zurück. Und dann beginnt die große Zeit des Vatikans als Hauptresidenz der Päpste.“

Buchbestand im Mittelalter war überschaubar

In Berichten kann man lesen, dass eine erste Sammlung von Büchern im 8. Jahrhundert aus bis heute ungeklärten Gründen verlorenging. Dazu müsse man aber auch wissen, erklärt der Historiker, dass die Sammlungen im Mittelalter eher bescheiden und dezentral waren. „Es gab ohnehin nur unglaublich wenige Bücher, das muss man sich heute erst einmal bewusstmachen. Das Buch ist heute ein Massengut, wir werden überschüttet mit Informationen.

© Bergische Universität

Demgegenüber ist die Vormoderne, insbesondere das Mittelalter, eine Zeit extremer Informationsknappheit, eine Zeit der quantitativ bescheidenen Buchkultur, denn es wird von Hand auf Pergament geschrieben, also auf gegerbter Tierhaut, und das war ein unglaublich wertvolles, haltbares, aber auch teures, rares Material. Eine Buchsammlung im Mittelalter mit einigen Dutzend Büchern ist groß, mit einigen hundert Büchern, höchst stattlich.  Von daher müssen wir unsere Vorstellung von Bibliothek redimensionieren.“ Heutzutage hätten viele Menschen eine Büchersammlung, wie sie kaum ein großes Kloster im Mittelalter sein Eigen nennen konnte.

Papst Nikolaus der V. legte den Grundstock

Den Grundstock der heutigen Bibliothek legte Papst Nikolaus V. (1447 – 1455) Am Ende seiner Herrschaft belief sich die Sammlung bereits auf ca. 1500 Werke. „Er gehörte zu den Humanisten auf dem Papstthron, war vor seiner Wahl ein berühmter Gelehrter und dementsprechend auch interessiert an der Kultivierung der Buchkultur und der Pflege des Buchbestandes. Diese 1500 Bücher, für uns heute ein Achselzucken, waren hochqualitative Bücher, und Nikolaus V. war ein Papst, der auch um den Wert des Wortes in der politischen Auseinandersetzung wusste“, sagt Karsten. Er habe sich darin im Einklang mit seinem Nachfolger Pius II. befunden, der als ebenso berühmter Humanist den Buchbestand bis 1464 kontinuierlich erweiterte. Unter Sixtus IV. wurde dann am 15. Juni 1475 die Vatikanische Apostolische Bibliothek schließlich mit der Bulle Ad decorem militantis Ecclesiae gegründet, „und er vertraute die Leitung einem weiteren Humanisten an, Bartolomeo Platina. Der Maler Melozzo da Forlì hat die Ernennung Platinas zum Bibliothekar in einem berühmten Fresco festgehalten. Hier wird also bewusst ein Bildungszentrum geschaffen, das das kulturelle Selbstverständnis der Päpste als Oberhaupt der katholischen Christenheit zum Ausdruck bringt.“

Der Historiker PD Dr. Arne Karsten – © Sebastian Jarych

1587 entsteht der berühmte Salone Sistino

1587 wird dann unter Sixtus V. der Hauptlesesaal der Bibliothek gebaut, in dem Wissenschaftler noch heute forschen können. Immer mehr und immer schneller wächst die Bibliothek. Dazu Karsten: „Die Bücher, die dann in rascher Folge eintrafen und zur Vergrößerung der Sammlung führten, waren zunächst darauf zurückzuführen, dass Mitte des 15. Jahrhunderts der Buchdruck erfunden wurde und mit Papier ein Stoff zur Verfügung stand, der gegenüber dem Pergament viel leichter, billiger und in größeren Mengen herzustellen war. Der Buchdruck sorgte also für ein Anwachsen der Buchproduktion. Dazu kam im 16. Jahrhundert die Reformation, die ein Kampf um den wahren Glauben war, und dieser Kampf wurde natürlich auch in Form von Gelehrtendiskursen, Diskussionen und Gelehrtenbüchern geführt“, erläutert der Historiker.

Mysteriöse Geheimarchive neben der Vatikanischen Bibliothek

Um das Geheimarchiv des Vatikans ranken sich unzählige Geschichten, eine spannender als die andere. Aber ´secretum` bedeutet im Lateinischen nicht nur ´geheim`, sondern vor allem ´abgetrennt, privat` – nicht mysteriös. Das ´Archivium Secretum` war einfach das Privatarchiv des Papstes. Weil aber das Wort ´geheim` so viel Phantasie angeregt hat, hat Papst Franziskus die Dokumentensammlung 2019 umbenannt in Apostolisches Archiv. „Aber auch das hat nichts gebracht“, lacht Karsten und kann sich darüber durchaus amüsieren. „Ich habe sowohl in der Bibliotheca Vaticana als auch im Geheimarchiv, die zwar getrennt sind, aber aneinandergrenzen, geforscht.“ Es geht da vollkommen anders zu als etwa in Romanen wie Dan Browns ´Illuminati`. Da ist dann die Rede von Panzertüren und Gasschleusen und allem, was zur Geheimhaltung von Dokumenten gebraucht werde.

„Alles totaler Quatsch. Wenn man ins päpstliche Geheimarchiv will, geht man hin, erklärt, warum man rein will, denn es gibt begrenzte Arbeitsplätze, und sagt dann, worüber man forscht oder mit was man sich beschäftigt. Dann überlegen die dortigen Kustoden, wie sie einem, in den riesigen Beständen, helfen können das zu finden, was bei der Arbeit, die man gerade macht, helfen könnte.“ Hinein komme jeder, der ein fachwissenschaftliches Interesse mitbringt, aber dann fange die harte Arbeit an, denn man müsse intensiv suchen. An dieser Stelle erweisen sich die großen Bestände als Fluch und Segen zugleich. „Es schult die Frustrationstoleranz“, sagt Karsten. „Man muss Geduld haben und sich darauf einstellen, dass man lange Zeit liest, liest und liest auf der Suche nach irgendetwas, ohne fündig zu werden.“

Sixtus IV. ernennt Platina zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek Fresco von Melozzo da Forlì – entstanden zwischen 1471 und 1481 – © gemeinfrei

85 Regalkilometer Archivmaterial

Das Archiv umfasst insgesamt 85 Regalkilometer an Material. Dabei sei vieles von dem, was das Papsttum in seiner langen Geschichte als weltliche Macht gesammelt habe, sagt Karsten, denn die Päpste seien ja bis 1870 Oberhäupter des Kirchenstaates und als solche Fürsten unter anderen Fürsten Europas gewesen. „Sie regierten den Kirchenstaat, sie unterhielten Nuntiaturen, Gesandtschaften, an den großen europäischen katholischen Höfen, und die Berichte von dort gingen ins Geheimarchiv. Darüber hinaus gab es die Tätigkeit der Päpste als Oberhaupte der katholischen Christenheit mit einer tatsächlich dann weltweiten Korrespondenz. Das waren dann z. B. Berichte der Missionare aus China und Südamerika, die an die Zentrale nach Rom gingen. Das ist eine ungeheure Fundgrube mit unerschöpflichem Reichtum für die Geschichte nicht nur für Rom und Europa, sondern auch tatsächlich für die gesamte Weltgeschichte.“

Napoleon greift zu

Der Bestand der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek wuchs unaufhaltsam, Teile davon wurden aber auch geraubt. „Der wichtigste Raub an Büchern aus der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek fand im Zuge der französischen Revolution statt“, weiß Karsten und erzählt: „Da wurden massenweise Bücher, auch riesige Archivbestände, nach Paris verschleppt. Napoleon wollte in Paris im Zuge seiner Planung, Europa von Paris aus zu regieren, auch einen europäischen Gedächtnisort dort gestalten. Er raubte aus allen möglichen Archiven in ganz Europa, aber besonders in den sehr reichen Beständen der Vaticana und des päpstlichen Geheimarchivs. Ein Großteil, aber nicht alles, kehrte nach dem Ende der Napoleonzeit 1815 zurück nach Rom.“

Verhaltensregeln und Sperrfristen

Handyverbot und angemessene Kleidung seien Verhaltensregeln in der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek, wie sie auch in anderen Bibliotheken gelten. „Die Sperrfristen sind die gleichen Sperrfristen, die jedes Staatsarchiv der Welt hat“, sagt Karsten, „das sind ca. 70 Jahre, also so lange, wie noch lebende Personen von den Recherchen betroffen sein könnten. Allerdings besteht auch immer die Möglichkeit, sich Ausnahmegenehmigungen zu besorgen.“ So waren Wissenschaftler der ganzen Welt gespannt auf neue Informationen bezüglich der Rolle von Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges, die man in etlichen in letzter Zeit freigegebenen Dokumenten einsehen kann. „Soweit ich sehe, gibt es da heute gar keine Diskussionen mehr“ betont Karsten. „Ich war im vergangenen Herbst auf einer Tagung in Rom. Da gab es ein Referat über die Rolle Pius XII., in dem klar wurde, dass er immer wieder Aktionen zur Rettung verfolgter Juden unterstützt hat. Der Vatikan hat unter der Hand seine Netzwerke angespannt, um Leuten in höchster Not zu helfen. Im Jahr 2000 ist das Inquisitionsarchiv öffentlich zugänglich gemacht worden und auch da gab es große Erwartungen. Ich erinnere mich an einen Spielgelartikel in dem über die vielen möglichen finsteren Geheimnisse spekuliert wurde. Aber die Sensationen blieben aus.“

Die Vatikanische Apostolische Bibliothek verfügt über einen Buchbestand von rund 85 Regalkilometern – © Beispielbild Colourbox

Digitalisierung schreitet voran

Die Digitalisierung der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek umfasst rund 82.000 historische Handschriften und Inkunabeln mit insgesamt etwa 41 Millionen Seiten. Ziel ist es, diesen wertvollen Bestand für die weltweite Öffentlichkeit und Forschung frei zugänglich zu machen. „Da wird einiges gemacht. Viele Archivinventare sind schon digitalisiert und online zugänglich,“ sagt Karsten abschließend. „Alle bedeutenden Originale, die ich anschauen wollte, habe ich tatsächlich eingesehen. Man darf pro Tag allerdings nur drei Bände bestellen. Das hat praktische Gründe, denn man ist ja nicht allein, und die Kustoden müssen noch viele andere Forscher bedienen. Wenn man einmal drin ist, kommt man an alles ran.“

Ganz aktuell: Durch den stetigen Zuwachs an Büchern, Dokumenten und historischen Unterlagen hat Papst Leo XIV. gerade die bauliche Erweiterung des Vatikanischen Apostolischen Archivs sowie der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek angeordnet.

Uwe Blass

PD Dr. Arne Karsten – © Sebastian Jarych

Über PD Dr. Arne Karsten

PD Dr. Arne Karsten (*1969) studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in Göttingen, Rom und Berlin. Von 2001 bis 2009 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität Berlin. Seit dem Wintersemester 2009 lehrt er als Junior-Professor, seit der Habilitation 2016 als Privatdozent für Geschichte der Neuzeit an der Bergischen Universität.

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