1. Juni 2026Peter Pionke
Märchen: Zur Fee gibt es kein männliches Pendant
Die Romanistin Dr. Laura Wiemer von der Bergischen Universität organisiert eine spannende „Märchen“-Tagung – © Susanne KurzBei Märchen denken wir sofort an die Brüder Grimm, die ihre Kinder- und Hausmärchen ab 1812 herausgaben und international bekannt sind. Dass die Märchentradition in Frankreich bereits schon im 17. Jahrhundert, von Frauen initiiert, in den Pariser Salons populär war, geriet aber in Vergessenheit. Laura Wiemer, Romanistin in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universität organisiert nun eine internationale Tagung, auf der die geographischen, kulturellen und sprachlichen Grenzüberschreitungen von Märchenstoffen-, -motiven und –figuren, ausgehend von Frankreich, untersucht werden.
Die Märchenreise beginnt in Frankreich
Die internationale Tagung vom 10. – 12. Juni hat den Titel „Märchenreisen“, und auch wenn man dann unwillkürlich sofort an „Sindbad den Seefahrer aus 1001 Nacht“ denkt, liegt der Schwerpunkt der Tagung auf Europa. „Es gibt aber sogar Berührungspunkte zu 1001 Nacht“, erklärt die Romanistin, „denn es war der Pariser Orientalist Antoine Galland (1656 – 1715), der erstmals die Geschichten aus 1001 Nacht in eine europäische Sprache -und zwar die Französische- übersetzt und editiert hat.“ Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schauen sich von Frankreich ausgehend vor allem die Märchentraditionen in Spanien und Italien an. Aber auch Belgien und Deutschland bleiben im Fokus, und der Blick nach Übersee und in andere Kulturräume erweitert den Rahmen zusätzlich.
© Bergische Universität„Die Tagung ergab sich im Zusammenhang mit meiner Lehre“, sagt Wiemer, „denn ich versuche immer Forschung, Lehre und Wissenstransfer zu verknüpfen.“ Im Sommersemester bietet sie den Studierenden daher auch zwei Märchenseminare an. „Da würde ich dann gerne mit den Studierenden auch einen Blick in die Märchen ihrer Herkunftskulturen werfen. Es sind sicher Studierende z. B. aus Polen, Russland oder der Türkei dabei, so dass wir auch noch über die romanischsprachigen Länder und Europa hinausdenken können.“
Diese transnational und transkulturelle Herangehensweise soll dazu führen, wiederkehrende Erzählmuster zu identifizieren, die sich über die Jahrhunderte immer wiederholen und in allen Märchen ähnlich sind. „Bei der Tagung geht es mir um die Formen und Funktionen der Märchenreisen mit der Frage: Wie reisen denn Märchenstoffe und Motive in den verschiedenen Sprachen und Kulturen durch die Jahrhunderte?“
Grimms Märchen kommen meist aus Frankreich
Auf die Frage, welchen Einfluss denn die romanischen Geschichten auf die Märchenerzählungen haben, erklärt Wiemer, dass all diese Erzählungen, oft auch mündlich tradiert, lange Zeit durch Europa gereist seien, bevor sie bei den Brüdern Grimm landeten. „Die Grimm`schen Märchen, das wissen viele nicht, kommen zum Großteil aus Frankreich von Charles Perrault (1628 – 1703).“ Am Beispiel von Dornröschen könne man sehr schön erkennen, wie lange dieses Märchen schon erzählt werde. Die Brüder Grimm hatten die Geschichte von Perrault im 19. Jahrhundert übernommen, der sie wiederum schon von Giambattista Basile (1583 – 1632) aus Italien kannte, wo sie im16. Jahrhundert niedergeschrieben war. Basiles Märchen mache sogar Anspielungen auf die griechische Mythologie. „Frankreich hatte eine ganz eigene Märchentradition mit diesen Märchen von Perrault, die unter dem Titel ´Contes de fées` publiziert wurden“, sagt Wiemer.
„Beauty and the Beast“, eine Illustration von Walter Crane (1874) – © gemeinfreiIn Spanien wiederum haben die Kinder- und Hausmärchen der Grimms in der landessprachlichen Übersetzung große Verbreitung gefunden. Dazu Wiemer: „Die eher kleine Märchentradition in Spanien wurde vor allem durch Fernán Caballero begründet. Man weiß heute, dass er eigentlich eine Frau war, nämlich Cecilia Böhl de Faber (1796 – 1878). Faber ist ein deutscher Name, sie hatte also deutsche Wurzeln und ist natürlich mit den Grimm`schen Märchen aufgewachsen, so dass sie dieses deutsche Kulturerbe in Spanien verbreitet hat.“
In Frankreich wird das Rotkäppchen nicht gerettet
Die Tagung „Märchenreisen“ beschäftigt sich mit den reisenden Bewegungen der Märchenfiguren. Am Beispiel der Geschichte um das Rotkäppchen wird noch einmal deutlich, welche Zielgruppe eigentlich angesprochen werden sollte. „Das Rotkäppchen kommt ursprünglich aus Frankreich, wieder von Charles Perrault“, sagt Laura Wiemer. „Man weiß auch, wie es nach Kassel zu den Brüdern Grimm kam, denn Kassel stand zu der damaligen Zeit unter französischer Besatzung. D.h., die französische Sprache und Kultur war natürlich im Lebensumfeld sehr präsent. Man weiß auch von welchen französischen Frauen die Grimms diese Geschichte bekommen haben. Das waren die Schwestern Hassenpflug und daran sieht man, dass der Text oder das Motiv gereist ist.“
Und auch innerhalb des Textes reise das Rotkäppchen, denn es breche auf zur Großmutter, gehe alleine durch den Wald und sei dann sozusagen auf einer kleinen Reise. Interessant ist vor allem der Schluss. Dazu Wiemer: „Der Wolf fordert das Rotkäppchen auf, sich zu ihm ins Bett zu legen, aber entkleidet. Da kommt eine deutlich erotisch sexuelle Komponente dazu, und am Ende dann auch eine Moral. Wenn man weiß, dass diese Geschichten auch für junge Frauen geschrieben wurden, ist die Moral in der französischen Version: Lass dich nicht auf fremde Männer ein, denn der Wolf ist in dem Falle der Mann, der die Frau vom rechten Weg abbringt und sie dann in der Version auch noch verführt, so dass sie ihre Jungfräulichkeit verliert.“
So sehe man dann im Motiv der Reise, sie gehe von ihrem beschützten Zuhause fort, gehe den Weg des Erwachsenwerdens und komme dann durch den Mann auf Abwege. Drastisch dann auch das Ende. „In der französischen Version gibt es keinen Jäger, der Wolf frisst Rotkäppchen und die Großmutter, und das Märchen ist zu Ende.“ Eine ähnliche Moral vermittele auch das Märchen „Die Schöne und das Biest“, denn die Quintessenz könne man ganz einfach formulieren: Sperr die Frau ein, du hast sie für dich und sie verliebt sich in dich. „Das ist ja das, was das Biest am Ende schafft“, sagt Laura Wiemer, „da kann man schon gesellschaftskritisch viel aus den Märchen herauslesen.“
Viele Stoffe, Figuren und Motive sind international zu finden
Nun könnte man glauben, jedes Land habe seine eigenen Märchen, doch es gibt Stoffe, Figuren und Motive, die sich überall finden lassen. „Es sind so viele Themen“, weiß die Fachfrau und zählt einige auf: „Der Kampf des Guten gegen das Böse, Armut gegen Reichtum, Fleiß und Faulheit, Prüfungen, Abenteuer und am Ende oft eine Heirat.“ Tiere kämen auch immer vor sowie eine deutliche Zeichensymbolik. Die tiefgründige Bildsprache verwandelt abstrakte Konzepte in greifbare Gegenstände. So steht der Spiegel für Selbsterkenntnis, Wahrheit oder Eitelkeit. Die Zahl drei spielt oft eine Rolle und als Orte werden oft der Wald als Ort der Prüfung und Gefahrenzone oder ein Schloss für Sicherheit oder Isolation genannt. Und es gibt auch Figuren, die in allen Märchen gleich sind.
Jean Marais in der Verfilmung von „Beauty and the Beast“ aus dem Jahr 1946 – © gemeinfrei„Ein ganz konkretes Beispiel ist die Fee“, erklärt Laura Wiemer. „Sie kommt in vielen Märchen als Figur vor, egal ob es ein deutsches, französisches oder spanisches Märchen ist. Das Besondere dabei, was sich auch nie ändert, ist, die Fee ist immer weiblich. Es gibt zur Fee kein männliches Pendant. Es gibt eine Zauberin und einen Zauberer, es gibt auch eine Hexe und einen Hexer, aber die Fee ist einzigartig weiblich, meist positiv, eine Helferin mit magischen Zaubermitteln.“
Das literarische Leben von Frauen in der französischen Salonkultur
Märchen avancieren mit dem Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich zum Unterhaltungsmoment der gesellschaftlichen Elite und zum festen Bestandteil der Salonkultur. Da das Veröffentlichen als professionelle Tätigkeit für Frauen oft als unschicklich galt oder rechtliche Einschränkungen, wie die Zustimmung des Ehemanns bestanden, boten Veröffentlichungen unter ´als Ehefrau von (Name des Mannes) ` die Möglichkeit, am literarischen Leben teilzunehmen. „Es gibt eine sehr bekannte Märchenautorin, Marie Catherine d`Aulnoy (1652 – 1705), die aber unter dem Namen Madame d`Aulnoy veröffentlichte. Daran sieht man, sie war verheiratet, sonst hätte sie unter Mademoiselle veröffentlicht.“ Ein anderes Beispiel sei das Märchen ´Riquet mit dem Schopf`, welches nachweislich aus der Erzählsammlung von Catherine Bernard (1626 – 1712) stamme, die aber heute in Vergessenheit geraten sei. Daher werde die Geschichte dem Autor Charles Perrault zugeordnet, der sie jedoch übernommen habe. Die Wissenschaftlerin widmet sich in ihrer Habilitation diesen heute oft unbekannten weiblichen Autorinnen sowie den von ihnen entwickelten Märchenheldinnen und sagt: „Mich interessieren die Texte von Frauen, egal ob unter Pseudonym oder eigenem Namen. Und da gibt es in Frankreich viele Autorinnen, die eine große weibliche Märchentradition begründet haben.“
Der Aarne-Thompson-Uther-Index
Wiemer arbeitet wie viele ihrer Wissenschaftskolleg*innen mit dem sogenannten Aarne-Thompson-Uther-Index. „Das ist ein sehr ehrgeiziges Projekt, welches ich sehr bewundere“, erklärt sie. „Drei Forschende haben das Projekt nacheinander fortgesetzt. Der erste war ein finnischer Märchenforscher, Antti Aarne. Er hat Anfang des 20. Jahrhunderts angefangen, Märchen zu klassifizieren. Dann, Mitte des 20. Jahrhunderts hat Stith Thompson aus den USA dieses Modell fortgeführt und Ende des 20. Jahrhunderts wurde es schließlich von Hans-Jörg Uther aus Deutschland vervollständigt. Das Ziel war, eine Systematik in diese vielfältigen Märchenstoffe zu bringen.“ Daher wurden die Märchen in verschiedene Kategorien gegliedert wie z. B. Tiermärchen, Zaubermärchen, religiöse Märchen oder novellenartige Märchen. Obwohl der Index international verbindlich sei, gebe es einen wesentlichen Kritikpunkt daran, denn er beschäftige sich ausschließlich mit Märchen aus Europa.
Internationale Märchenforschende treffen sich in Wuppertal
Laura Wiemer organisiert die Veranstaltung mit ihrer Kollegin Dr. Selina Seibel, die an den Universitäten in Köln und Stuttgart arbeitet. Die beiden Frauen nutzten ihre jeweiligen Kontakte und veröffentlichten zudem ein ´Call for papers`, welches sie in all den Sprachen, die behandelt werden, auf eine internationale Plattform stellten. „Da haben sich sehr viele Kolleginnen und Kollegen von unterschiedlichen Universitäten gemeldet. Wir haben nun Marokko und Tunesien vertreten, aber auch Italien, Spanien, Frankreich und Belgien. Von überall kamen Beitragsvorschläge.“ Die Tagung finde auch deshalb in Wuppertal statt, weil es hier an der Bergischen Universität einen der größten Märchenforscher der deutschsprachigen Tradition gab: Prof. Dr. Heinz Rölleke.
Die „Bremer Stadtmusikanten“, eine Illustration von Oskar Herrfurth um 1920/30 – © gemeinfreiMärchen auch in Sozialen Netzwerken vertreten
Märchen, ursprünglich für Erwachsen gedacht, wurden bei uns erst durch die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm bewusst für Kinder adaptiert und haben sich im Laufe der Geschichte durch Anpassungen für Theater oder Film verändert, denkt man allein an Walt Disney-Verfilmungen. „Mein persönlicher Eindruck ist immer noch, dass Märchen weiterhin die Texte sind, mit denen Kinder ihre ersten literarischen Leseerfahrungen machen“ erklärt Laura Wiemer dazu. „Sie bekommen die Geschichten vorgelesen, oder lesen sie sogar selber. Später kommen sie ja auch in der Schule noch vor und sind Unterrichtsgegenstand im Deutschunterricht.“
Zwar zeigten Studien, dass das Leseinteresse bei vielen Jugendlichen abnehme und die Leselust wegen Social Media nicht mehr da sei, aber auch in anderen Medien seien Märchen präsent, wenn man nur einmal an Walt Disney-Filme denke. „Die haben sich sogar von ursprünglichen Zeichentrickfilmen noch einmal über Realverfilmungen weiterentwickelt. Denkt man da an „Die Schöne und das Biest“ von 2017 in der Realverfilmung mit Emma Watson als Belle, war das natürlich auch für die Jugend eine Referenz an Harry Potter (Emma Watson spielte in den Harry-Potter-Verfilmungen die Rolle der Hermine Granger, Anm. d. Red.).“
In Frankreich habe die Rap-Kultur sogar Märchen aufgegriffen. „Es gibt einen sehr bekannten und erfolgreichen Rapper, der heißt MC Solaar, der hat einen Rap „La belle et le bad boy“, da geht es darum, dass eine junge Frau auf die schiefe Bahn gerät und sich dann dem Mann hingibt.“ Ein Blick in die Sozialen Medien zeige zudem viele Memes, also Bilder, die dann Märchenfiguren aufgreifen, also dort, wo viele Jugendliche aktiv unterwegs seien.
Die lange Märchenreise des Löweneckerchen
Auf die Frage, welches Märchen denn die beeindruckendste Reise gemacht habe, antwortet die Romanistin prompt mit „Die Schöne und das Biest“. „Es beginnt bereits in der römischen Mythologie bei Apuleius, er hat den Mythos von Amor und Psyche aufgeschrieben. Dann ist die römische Mythologie über die italienische Renaissance wieder aufgegriffen worden. Und da finden wir diese Erzählstruktur in „Il re porco“ (Der Schweinekönig) von Giovanni Francesco Straparola (1480 – 1558) im 16. Jahrhundert wieder.“
Dann sei der typische Weg von Italien nach Frankreich nachzuvollziehen und da gebe es sogar zwei Versionen. Die erste Version stamme von Mme Gabrielle-Suzanne de Villeneuve (1695 – 1755), und sei fast schon ein kleiner Roman. „Dann wurde die Geschichte noch einmal richtig gekürzt und zu einer Haupthandlung zusammengeschnitten von Mme Jeanne-Marie Leprince de Beaumont (1711 – 1780). Und das ist die Version, die wir heute kennen und die auch verfilmt wurde.“ Von Frankreich aus kam die Geschichte dann zu den Brüdern Grimm und ist dort in den Kinder- und Hausmärchen zu finden in „Das singende, springende Löweneckerchen“.
„Wir haben also ein Grimm`sches Märchen, was die Geschichte von der Schönen und das Biest auf deutsche Art und Weise erzählt, sie haben es also angepasst. Das Biest ist bei den Grimms ein Löwe und das Löweneckerchen ist ein Vogel (eine Lerche, Anm. d. Red.). Es gibt die Tochter des Kaufmanns, die sich keine Rose wünscht, sondern ein Löweneckerchen. Der ganze Plot ist gleich.“ Und auch das Kino habe dieses Märchen schon früh erkannt. Jean Cocteau, der große französischer Autor und Filmemacher, hat schon 1946 den Stoff bereits als erster in schwarz/weiß verfilmt. Danach gab es bis 2017 noch insgesamt acht weitere Verfilmungen.
Drei Tage lang widmen sich Forschende aus acht Nationen den Geschichten mit der berühmten Anfangsformel: Es war einmal…
Uwe Blass
Dr. Laura Wiemer – © Susanne KurzÜber Dr. Laura Wiemer
Dr. Laura Wiemer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) im Fach Romanistik in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universität.
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