14. August 2026Peter Pionke
Siegfried Weischenberg – ein „Pionier der Journalistik“
Der renommierte, in Wuppertal aufgewachsene Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Prof. Dr. Siegfried Weischenberg – © privatIn Wikipedia wird Dr. Siegfried Weischenberg zusammen mit dem späteren Bundespräsidenten Johannes Rau aktuell zu den bekanntesten Absolventen seiner Schule aufgeführt. Er selbst sieht sich in der Nachschau eher als „mittelmässigen Schüler “ – wenn überhaupt. Das habe daran gelegen, weil ihn immer wieder etwas anderes mehr als die Schule interessiert habe.
„Fehlendes intellektuelles Niveau“
Nicht ganz zu Unrecht habe der Schuldirektor es sogar abgelehnt, dem Vorschlag der Abschlussklassen zuzustimmen, Siegfried Weischenberg die Abschlussrede halten zu lassen. Seine nicht gerade charmante Begründung, Schüler Siegfried Weischenberg würde nicht das intellektuelle Niveau seines Gymnasiums Schule repräsentieren. Da mag man schon an dem Urteilsvermögen damaligen Schulleiters zweifeln, wenn der Deutschlandfunk Siegfried Weischenberg heute als „Doyen der Journalistik“ (rangältestes Mitglied) adelt und er in der von Jakob Augstein herausgegebenen Journale „der Freitag“ als einer der renommiertesten Journalismus-Forscher in Deutschland bezeichnet wird.
Seine journalistische Arbeit hatte Weischenberg nach seiner Schulzeit als Redakteur in der Wuppertaler NRZ- Sportredaktion begonnen, sie fiel in die Zeit der Bundesliga-Jahre des Wuppertaler SV. Es folgten Studien der Soziologie- Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften, Promotion sowie Tätigkeiten als Professor an den Universitäten Dortmund, Münster und Hamburg, in Dortmund und Hamburg in der Funktion als Institutsdirektor.
Sportreporter: „Die Außenseiter der Redaktion“
Mit seiner Promotion „Die Außenseiter der Redaktion“ (1976) leistete er eine bahnbrechende Arbeit, indem er das bis dahin oft belächelte Sportressort erstmals empirisch und soziologisch analysierte. Bekannt ist Dr. Siegfried Weischenberg nicht nur durch seine Schriften zur Journalistik, sondern vor allem auch durch seine vielbeachteten Studien zum Journalismus in Deutschland. Diese führte er Mitte der 1990er-Jahre in Münster und ein Jahrzehnt später in seiner Wahlheimat Hamburg durch. Sie gehören bis heute zum Kernbestand des Fachs „Journalistik“ (vgl. exemplarisch Weischenberg et al. 2006).
Ein angesehener Medien-Wissenschaftler: Prof. Dr. Siegfried Weischenberg – © privatWeischenbergs Arbeit hat die wissenschaftliche Erforschung des Journalismus in Deutschland maßgeblich geprägt und akademisch institutionalisiert. International wie national bekannt ist sein analytisches „Zwiebelmodell des Journalismus“, das auf mehreren Ebenen basiert. Es dient als Standard-Referenzrahmen, um die Einflüsse auf journalistisches Handeln systematisch einzuordnen.
Fehlentwicklungen in der „Boulevardisierung“
Dabei war Siegfried Weischenberg stets einflussreicher und streitbarer Medienkritiker. In der Fachwelt gilt er bis heute als profilierter Debattant, der Fehlentwicklungen im Mediensektor (wie Boulevardisierung, ökonomischen Druck oder Qualitätsverlust) klar und unmissverständlich benannte. Von 1999 bis 2001 war er zudem Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV).
In den vergangenen Jahren hat sich der Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Weischenberg dem Übervater der Soziologie, Max Weber, gewidmet. In zwei monumentalen Schriften ging er mit die „Vermessung…“ (2014) und die „Entzauberung der Medienwelt“ (2012) auf den Bücher-Markt . Sein neuestes Werk trägt den Titel „Schuld und Geheimnis“ und beschreibt Bekenntnisse aus Autobiografien von ausgewählten „Medienlegenden“ in der deutsch-jüdischen Publizistik. Es geht hier um Dimensionen des Verschweigens und Verdrängens.
Dimensionen des Verschweigens und Verdrängens
Siegfried Weischenberg analysiert in seinem Buch etwa 100 Autobiographien und zeigt auf, wie ausgewählte deutsche Medienlegenden nach dem Zweiten Weltkrieg ihr NS-Mitläufertum munter umdeuteten und relativierten. Es sind großen Namen im Mediengewerbe vor und nach dem Krieg, die hier auftauchen, z.B. Georg Stefan Troller, Sebastian Haffner, Henri Nannen, Werner Höfer oder Elisabeth Noelle. Siegfried Weischenberg wird konkret: „Georg Stefan Troller war ein österreichischer Jude, der emigrieren musste und Haffner jemand, der vor den Nazis geflohen ist, die er nicht ertragen konnte. Auf die drei anderen aber trifft ‚Mitläufertum‘ – wenn nicht sogar mehr.“
Siegfried Weischenberg – Schuld und Geheimnis, Herbert von Halem-Verlag – Köln – 2026 – /11 Seiten – 76,00 € – ISBN 978-3-86962-747-2 (als Print / PDF / eBook erhältlich)Was er bei seiner Buch-Recherche findet, reicht bis in unsere Gegenwart. „Wer durch Weischenbergs Buch blättert, wird erst recht belohnt mit einer lebensprallen Innen-Sicht auf den Journalismus aus individuell sehr verschiedenen Perspektiven“, ist der Rezension der renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung F.A.Z. („ Die Antisemiten sterben nicht aus“) zu entnehmen. Und weiter: „Ein opulenter Band zeichnet in 36 Portraits Brüche und Kontinuitäten, Wahrheiten und Lebenslügen der deutschen Publizistik nach und kommt zu dem Ergebnis ‚Subkutan habe sich der Antisemitismus in den Medien auf diese Weise fortgeschleppt‘.“
Wie Legenden die Gegenwart beeinflussen
Die Entzauberung der besagten Medienlegenden kommt für „OPUS Kulturmagazin“ („Kulturmagazin mit Charakter“) zu einem willkommenen Zeitpunkt. Denn hier ist zu lesen: „Extremisten und Populisten aus dem rechten Spektrum der Gesellschaft attackieren mit zunehmender Intensität systematisch Dokumente, Gedenkstätten und Spuren, die Zeugnis von den Gräueln des NS-Regimes ablegen. So gesehen ist Schuld und Geheimnis auch ein verdienstvoller Beitrag zur Bewahrung der Erinnerungskultur.“
„Schuld und Geheimnis“ ist, da ein journalistisch wissenschaftliches Produkt, auch als zeitgeschichtlicher Lesestoff empfehlenswert, welches zeigt, wie Legenden die Gegenwart beeinflussen.
Text: Siegfried Jähne
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