23. Juni 2026Peter Pionke
„Drei Männer im Schnee“ – Sehnsucht nach Wärme
Glückspilz Dr. Fritz Hagedorn (Kevin Wilke) beim Einchecken an der Rezeption. Portier Polter (Stefan Walz – M.) nimmt ihn in Empfang – © Wuppertaler Bühnen / Anna SchwartzBei der Premiere im Theater am Engelsgarten erntete das Ensemble tosenden Applaus. Gleich die ersten fünf Wuppertaler Vorstellungen waren zudem sofort ausverkauft. „Drei Männer im Schnee“ gilt als eines der beliebtesten Werke Kästners, das bis heute durch seinen klugen Humor besticht.
Kästners Geschichte basiert auf der Erzählung „Inferno im Hotel“, die Erich Kästner im August 1927 im Berliner Tageblatt veröffentlicht hatte. In wenigen Jahren stieg er zu einer der wichtigsten intellektuellen Figuren Berlins auf und war 1932 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Obwohl er den scheinbaren Vorzug hatte, als „Arier“ zu gelten, wurden auch seine Bücher 1933 von den Nazis verbrannt.
In Berlin eine wichtige intellektuelle Figur
Erich Kästner schrieb seinen Roman inspiriert von einem persönlichen Urlaubserlebnis und seiner Arbeit in einer Zeitungsredaktion, in der er zeitweise für das Prüfen und Aussortieren von tausenden Einsendungen für Preisausschreiben zuständig war. In dem Stoff für das Theaterstück will der wohlhabende Unternehmer Geheimrat Tobler (Thomas Braus) jetzt die Menschen studieren: „Ich habe ja fast vergessen, wie die Menschen in Wirklichkeit sind. Ich will das Glashaus demolieren, in dem ich sitze.“
Hauptgewinner Dr. Fritz Hagedorn alias Kevin Wilke (l.) mit Geheimrat Tobler (Thomas Braus, M.) und Diener Johann (Hendrik Vogt), der widerwillig den Millionär spielt – © Wuppertaler Bühnen / Anna SchwartzIn seiner Geschichte beteiligt er sich an einem Preisausschreiben seiner eigenen Firma und gewinnt „prompt“ den zweiten Preis – einen zehntägigen Aufenthalt in einem Grandhotel in den Bergen. Dort checkt er unter falscher Identität ein und gibt sich als „einfacher“ Mann aus. Oberflächlich betrachtet ist es eine harmlose Verwechselungskomödie, in der ein Millionär inkognito als armer Mann reist, um die Reaktionen der Menschen zu testen. Mit sich nimmt er seinen Butler Johann (Hendrik Vogt), der jetzt widerwillig einen Millionär spielen muss.
Mit einem Anruf am Hotelempfang informiert Toblers Tochter Hilde aus lauter Sorge zwar den Portier über den Schwindel, dennoch gerät alles ins Wanken, als zeitgleich der Gewinner des ersten Preises im Grandhotel eintrifft: Dr. Fritz Hagedorn, ein arbeitsloser Akademiker, der kurzerhand für den betuchten Geheimrat Tobler gehalten wird.
So entspinnt sich ein großes, komisches Verwirrspiel, das durch das plötzliche Auftauchen von Toblers Tochter nur noch mehr ins Wanken gerät. Hoteldirektor Kühne (Alexander Peiler) reagiert nicht auf den Menschen, sondern auf das Label, das man ihm verpasst hat. Weil das Hotelpersonal glaubt, der arme Dr. Fritz Hagedorn sei der Millionär, verzeiht es ihm jeden Fauxpas und interpretiert seine einfache Kleidung als „exzentrisches Genie“.
Roland Riebeling alias Tatort-Star Jütte führt die Regie
„Drei Männer im Schnee“, eine amüsante und lehrreiche Geschichte über Identität, Freundschaft und die menschliche Natur. Die Wuppertaler Inszenierung stammt von Schauspieler und Regisseur Roland Riebeling, der seit 2018 als verschusselter und eigenwilliger „Assistent Norbert Jütte“ neben Klaus J. Behrendt (Max Ballauf) und Dietmar Bär (Freddy Schenk) in der Kölner Tatort-Serie einen Namen hat.
Roland Riebeling, bekannt als schrulliger Kriminal-Assistent Norbert Jütte im „Kölner Tatort“ (ARD), führt souverän und gekonnt Regie – © Martin Valentin MenkeIn seiner aktuellen Wuppertaler Rolle betont er, auf das Thema Vergänglichkeit und Zärtlichkeit hinweisen zu wollen und die Frage, wie man eigentliche Menschen noch begegnen könne. Ihm gelang eine temporeiche Gesellschaftssatire, die zu Träumen und Sehnsüchten einlädt und zugleich ein berührendes Plädoyer für echte Menschlichkeit abseits von Status und Geld ist.
Plädoyer für echte Menschlichkeit abseits von Status und Geld
Obwohl die Roman-Vorlage fast 100 Jahre alt ist, dockt sie doch erstaunlich präzise an unseren heutigen oft zynischen und stark polarisierenden Zeitgeist an. „Drei Männer im Schnee“ bedient eine Sehnsucht, die heute unter Begriffen wie „Wholesomeness“ (Herzenswärme) boomt. Im Prolog befindet sich die gewagte philosophische These „Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch“.
Es schließt sich die Frage an: “Wie lange kann ich mir eigentlich meine Kindheitsträume bewahren?“ Gleich zum Auftakt wird deutlich, worauf die Inszenierung abzielt, wenn sie Menschen der heutigen Zeit beschreibt, welche die oberen Etage eines Hauses bewohnen, aber scheinbar ohne die Basis eines Kellers und ohne verbindende Treppe sind, Menschen die ihre Telefonnummern oft so schnell vergessen, wie die Blutwurst, die sie gerade verzehrt haben.
Bestens gelaunt: (v.l.) Herr Schulze als verkleideter Geheimrat (Thomas Braus), Portier (Stefan Walz), Dr. Hagedorn (Kevin Wilke), Frau Casparius (Silvia Munzon Lopez) und ein weiterer Hotelmitarbeiter – © Wuppertaler Bühnen / Anna SchwartzRoland Riebelings Einfluß auf das Schauspiel-Ensemble drückt sich in einer großartigen Teamleistung aus, welcher erkennbar Raum für kreative Leistung gelassen wurde. Die ausgeprägte Vorliebe für ein rasantes Schauspiel mit viel Slapstick-Elementen, prägte eine harmonische, spielfreudige Einheit, in der natürlich die Hauptdarsteller mit Thomas Braus (Geheimrat Tobler), Kevin Wilke (Dr. Hagedorn ) und Hendrik Vogt (Butler Johann) ob ihrer großartigen Leitungen einmal mehr besondere Erwähnung verdienen.
Für Thomas Braus scheint die Rolle geradezu wie maßgeschneidert. Aber auch Alexander Peiler (Hoteldirektor) und Stefan Walz (Polter, Portier) spielen ihre schauspielerischen Stärken voll aus. Julia Meier (Frau Mallebre) und Silvia Munzon Lopez (Frau Casparius) lassen ihren ganzen Charme spielen, wenn es darum geht, sich den vermeintlichen Millionär zu angeln. Julia Meier sieht man im Rollenwechsel auch als Frau Funkel, die Hausdame bei Tobler. Paula Püschel ist es, die als Hilde, Tochter des Geheimrates, versucht, zu retten, was nicht mehr zu retten ist.
Der Stoff im Geist der 30ger Jahre
Der Stoff atmet den Geist der 1930er- Jahre. Die Musik aus dieser Zeit untermalt die Szenenwechsel oder betont komische Pointen: Gassenhauer wie „Steig in das Traumboot der Liebe oder – das hab ich in Paris gelernt“ bestimmen das Timing der Komödie und setzen musikalische Akzente.
Dr. Hagedorn (Kevin Wilke) lässt sich liebend gern von Frau Caspari (Silvia Munzon Lopez) umgarnen – © Wuppertaler Bühnen / Anna SchwartzFür das Grandhotel-Szenario setzt das Team Lydia Merkel (Bühnenbild) und Silke Rekort (Kostüme) auf eine Ästhetik, die den Spagat zwischen dem historischen Charme der 1930er-Jahr und einer klugen modernen Raumnutzung des intimeren Theaters am Engelsgarten schafft. Die Textbearbeitung stammt von keinem Geringeren als dem Schweizer Erfolgsautor Charles Lewinsky.
Die Komödie ist kurzweilig und trotz ihrer Tiefsinnigkeit immer humorvoll witzig und sehr unterhaltsam. Wegen des großen Erfolges hat das Schauspiel Wuppertal für Donnerstag (16.07.) um 19:30 Uhr eine Zusatzveranstaltung eingeschoben.
Freie Plätze können erst wieder für für den 21. und 29. November sowie zum Jahreswechsel am 31. Dezember sowie im Februar und März 2027 angeboten werden.
Text Siegfried Jähne
Besetzung:
Inszenierung: Roland Riebeling
Bühne: Lydia Merkel
Kostüme: Silke Rekort
Dramaturgie: Elisabeth Hummerich
Co-Regie / Regieassistenz: Johanna Landsberg
Regieassistenz: Tom Dockal
Regie-Hospitanz: Thomas Bühler
Inspizienz: OIja Betzer
Auf der Bühne standen:
Geheimrat Eduard Tobler: Thomas Braus
Tochter Hilde: Paula Püschel
Butler Johann: Hendrik Vogt
Hausdame Kunkel: Julia Meier
Dr. Fritz Hagedorn: Kevin Wilke
Hoteldirektor Kühne: Alexander Peiler
Portier Polter: Stefan Walz
Frau Casparius: Silvia Munzon-Lopez
Frau von Mallebré: Julia Meier
Link zur Webseite der Wuppertaler Bühnen:
Weiter mit:
Kommentare
Neuen Kommentar verfassen