8. Juli 2026Peter Pionke
Gertrude Bell: Sie war die Königin der Wüste
Ein Portrait der Gertrude Bell, Königin der Wüste. Wann und wo das Foto genau entstand, ist bis heute nicht bekannt – © gemeinfreiAm 12. Juli 1926 starb Gertrude Bell in Bagdad. Wer war diese außergewöhnliche Frau?
Georg Eckert: „Außergewöhnliche Menschen fügen sich selten in ein Raster. Für Gertrude Bell sind eine gewisse Rastlosigkeit sowie ein enormer Wagemut charakteristisch – und die vermeintlichen Gegensätze, die ihr Leben ausmachten: kühne Erstbesteigerin einer ganzen alpinen Gipfelgruppe, aber auch eine furchtlose Kamelreiterin, unterwegs durch die Wüste von Stammesführer zu Stammesführer, gelehrter Ehrgeiz als Archäologin im Orient und ebendort Mitorganisatorin des arabischen Aufstandes gegen das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg, eine offenkundig „moderne“ Frau mit selbstbewusster, weitgehend selbstbestimmter Lebensführung und eine scharfe Gegnerin der Einführung des Frauenwahlrechts. Doch bei näherer Betrachtung fügen sich diese Gegensätze eben gut zusammen. Gertrude Bell machte schlichtweg, was sie interessierte – und sie konnte es sich dank ihrer Herkunft leisten.“
Den Ersten Weltkrieg erlebte Gertrude Bell in Kairo und arbeitete da auch für den Geheimdienst. Wie kam es dazu, und welche Aufgabe hatte sie dort?
Georg Eckert: „Mehrere Umstände führten zu diesem Engagement. Dazu gehörte zunächst das, was man Bells „Netzwerk“ nennen könnte; sie stammte aus einer Stahlindustriellenfamilie, in deren Salon unter anderem der Naturforscher Charles Darwin, der Mitbegründer des „Arts and Crafts Movement“ William Morris und der Sozialreformer John Ruskin verkehrten. Bell hatte sogar in Oxford studieren dürfen und knüpfte bei ihren Reisen weitere Kontakte, übrigens beispielsweise auch zum deutschen Orientalisten und Generalkonsul Friedrich Rosen sowie zum aus Wuppertal stammenden Archäologen Wilhelm Dörpfeld. Ihre Meriten als Wissenschaftlerin und Landeskundige bildeten den zweiten wesentlichen Faktor; im Jahre 1914 hatte Bell für ihre kühne Reise von Damaskus nach Ha’il, dem Hauptquartier der Ibn Raschid, und zurück sogar die renommierte Auszeichnung der National Geographic Society erhalten.
© Bergische UniversitätDrittens erlangten ihre exotischen Interessen und Expertisen mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs plötzlich eine strategische Bedeutung, erst recht nach der desaströsen Niederlage von Gallipoli; der von Winston Churchill geplante britische Angriff auf die Dardanellen, also gegen das mit dem Deutschen Reich verbündete Osmanische Reich, war blutig gescheitert. Nun arbeitete Großbritannien darauf hin, das Osmanische Reich von innen zu zersetzen und auf diese Weise den Nahen Osten für die Entente und für sich selbst zu sichern. Dafür brauchte es intime Vertrautheit mit der arabischen (Stammes-)Welt, über die nur wenige verfügten, darunter eben Gertrude Bell und der Offizier Thomas Edward Lawrence, später verewigt durch den Film „Lawrence von Arabien“, der ebenso wie Bell über profunde Kenntnis aus archäologischen Aktivitäten verfügte sowie über geographische respektive landeskundliche Expertise, die im imperialen Rahmen immer zugleich militärischer Nutzanwendung verpflichtet war. Von den zahlreichen Reiseberichten, die sie verfasst hat, war es inhaltlich kein langer Weg hin zu politischen Memoranden.“
Sie war durch Winston Churchill an der kolonialen Aufteilung des osmanischen Reiches beteiligt. Wodurch hatte sie denn das enorme Wissen über den Orient?
Georg Eckert: „Fragt man nach Bells Wissen, aufgrund dessen der damalige Kolonialminister Winston Churchill sie als Orientspezialistin zur wichtigen Cairo Conference des Jahres 1921 hinzuzog, muss man auf ihre Quellen schauen. Zunächst einmal war sie eine lernbegierige Leserin, die im Wunsch nach einem Studium die Gelegenheit gesehen hatte, Dilettantismus mit wissenschaftlichen Methoden zu überwinden – und eine geradezu manische Buch- und Briefschreiberin. Sodann machte sie auf zahlreichen Expeditionen eigene Erfahrungen, sie fertigte Karten bislang unbekannter Gebiete an und verzeichnete akribisch archäologische Ausgrabungen. Nicht minder wichtig dürften jene Informationen gewesen sein, die sie gesprächsweise im Austausch mit Stammesführern und anderen Mitgliedern der Eliten aufnahm, mit denen sie einen intensiven Umgang pflegte, und zwar in der Sprache, ja sogar in den Dialekten der diversen Scheichs, deren Nähe sie suchte.“
Sie war damals sehr beliebt bei den Arabern und engagierte sich für den Erhalt der Kulturschätze. Sie gründete sogar das Irakische Nationalmuseum. Wie war das als Frau damals möglich?
Georg Eckert: „Vielleicht war Gertrude Bell gerade als Frau etwas möglich, was einem Mann mit vergleichbaren Fähigkeiten und vergleichbarem Wissen nicht möglich gewesen wäre, weil sie kaum im Verdacht stand, in einem männlich-hierarchischen Umfeld die Autorität und das Prestige hochrangiger Akteure zu gefährden. Genau diese Unterschätzung eröffnete ihr unverdächtige Wirkungsmöglichkeiten. Es gibt nicht wenige Gruppenaufnahmen, auf denen Bell als einzige Frau unter vielen Männern in Anzug, Uniform und orientalischem Gewand zu sehen ist. Sie glaubten allesamt nicht, dass diese Frau ihnen etwas streitig zu machen vermochte, sondern eher, dass man ihre Fähigkeiten und Kenntnisse ohne wesentliche Gegenleistung ausnutzen könne; dass Gertrude Bell sich gegen die Suffragetten gewandt hatte, mag sie manchen sogar wie eine Bundesgenossin vorgekommen sein. So macht sie sich einen Freiraum zu eigen, den ihr selbst arabische Anführer ohne emanzipatorische Absichten gerne gewährten. Mit einer breiteren Bevölkerung geriet sie allerdings kaum in Kontakt, auch im arabischen Raum dürfte ihr Name eher der politischen und gelehrten Elite geläufig gewesen sein, die mit Großbritannien kooperierte, ob finun einflussreiche Stammesführer oder von den Briten selbst ausgebildete Beamte im Dienste des neugegründeten Irak.“
Der renommierte Historiker Georg Eckert, der an der Bergischen Universität lehrt – © Mathias KehrenSie gilt als Architektin des heutigen Irak und hat 1921 über die Grenzen des modernen Irak mitentschieden. Sie wollte, dass Christen, Sunniten, Schiiten, Juden und Kurden friedlich zusammenleben. Das blieb aber bis heute eine Utopie, oder?
Georg Eckert: „Die heutigen Erfahrungen machen manche einstige Zuversicht fragwürdig, sind aber ohne damals noch nicht absehbare Entwicklungen kaum zu denken: die Masseneinwanderung von Juden in das im Jahre 1948 gegründete Israel, die Verwerfungen des Kalten Krieges, die Iranische Revolution, die irakische Diktatur und manches andere. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Perspektiven andere, denn der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches ermöglichte neue Optionen, bei denen Gertrude Bell und andere Briten nicht an Nationalstaaten nach europäischem Vorbild dachten, sondern an eine Eingliederung in ein verändertes britisches Weltreich. Sie sahen im Nahen Osten eher konkurrierende Stämme, die sich bei kluger Politik gut in einen losen imperialen Verbund integrieren ließen, und sie hatten die Erfahrung gemacht, dass mit vielen Gruppen ein Interessenausgleich gut herstellbar war.
Aus Sicht Bells und anderer Orientkenner galt es, durch kluge Kooperation wichtige Stämme für sich zu gewinnen und die anderen nötigenfalls auch militärisch zu bekämpfen. So geschah es ja im irakischen Aufstand von 1920, der oft auch als Schiitische Revolution bezeichnet wird. Dieser Versuch, die britische Herrschaft und diejenige der mit dem Empire verbündeten Stämme abzuschütteln, scheiterte auch wegen des von Churchill angeordneten Einsatzes der Royal Air Force. Zumal die hohen Kosten solcher Interventionen bestärkten die britischen Absichten, die Herrschaft des Empire von einer direkten (also einer kolonieähnlichen) in eine indirekte umzuformen, in der die de iure souveränen Staaten de facto von Großbritannien abhängig würden. Entlang dieses Prinzips fanden die Beratungen der Cairo Conference des Jahres 1921 statt, deren Teilnehmer Winston Churchill in Anlehnung an ein arabisches Märchen etwas despektierlich als die „vierzig Räuber“ bezeichnete.“
Sie galt als mutig und unbeugsam. Woran erkannte man das?
Georg Eckert: „Gertrude Bells Leben war auch dadurch charakterisiert, dass sie dank vermögender Herkunft ihre wesentlichen Lebensentscheidungen nicht nach monetären Bedenken ausrichten musste; sie konnte sich ein unabhängiges Leben leisten. Momente des Mutes zeigen sich in vielen Situationen: Sie widersprach Lehrern und später Professoren, sie setzte ihren Studienwunsch durch, sie pflegte unpopuläre Ansichten (über das Frauenwahlrecht beispielsweise und über den christlichen Glauben, den sie in ihrem wissenschaftlichen Rationalismus für einen Aberglauben hielt), sie kletterte auf viele Berggipfel in den Alpen (die Getrudspitze im Berner Oberland ist nach ihr als Erstbesteigerin benannt), im Jahre 1913 machte sie sich auf eine mehrmonatige Reise über mehr als 1800 Meilen, bei der sie sogar in Gefangenschaft geriet, sie bewegte sich oft als einzige Frau im arabischen Umfeld und in jenem des britischen Militärs sowie der britischen Kolonialverwaltung, die sich als Elite des Empire verstand, und sie setzte in eigener Initiative die Gründung des irakischen Nationalmuseums durch, zu dessen erster Direktorin sie ernannt wurde: Damals hieß es noch das Bagdader Archäologische Museum, zur Direktorin eines dezidiert nationalen Hauses hätte man kaum eine Britin machen können.“
Während der Arabischen Revolte: Gertrude Bell bei einem Treffen mit dem späteren König Ibn Saud und dem Oberbefehlshaber der Briten in Basra, Sir Percy Cox (1916) – © gemeinfreiSie war mit den einflussreichsten Männern im Orient vertraut. Auch Lawrence von Arabien gehörte dazu. Für den ersten König des Irak, Faisal I., war sie eine enge politische Vertraute. Bei der offiziellen Autonomie des Landes hatte Gertrude Bell aber auch immer die britischen Interessen im Blick, oder?
Georg Eckert: „Dass Gertrude Bell im Jahre 1917 als Commander of the British Empire ausgezeichnet wurde, also eine hohe imperiale Ehrung erhielt, kam nicht von ungefähr. Die meisten Briten aus ihrer Generation – nur wenige Jahre jünger war beispielsweise Winston Churchill, der sie um fast vierzig Jahre überleben sollte – waren es gewohnt, in der Logik des Empire zu denken. Das bedeutete, Geopolitik zur Mehrung des britischen Einflusses auf der gesamten Welt zu betreiben und dabei nicht nur politische, sondern immer mehr auch ökonomische Interessen zu bedenken: aus ihrer Sicht keineswegs nur diejenigen des Mutterlandes, denn die imperialen Akteure waren es gewohnt, ihre Aufgabe als „white man’s burden“ zu tragen.
Sie sahen sich in einer uneigennützigen Tätigkeit, die gerade der Entwicklung derjenigen zugutekomme, die wir aus heutiger Sicht meist vor allem als Opfer von Ausbeutung wahrnehmen. Das muss man freilich differenzieren, denn im Einklang mit der britischen Politik standen eben auch mächtige lokale Interessen, im Irak beispielsweise diejenigen der Dynastie der Haschimiten. Ihr entstammte König Faisal I., den die Briten mit der irakischen Königskrone auch für sein Wirken als Anführer in der arabischen Revolte gegen das Osmanische Reich während des Ersten Weltkriegs entlohnten (während sein Bruder Abdallah I. zum Emir von Transjordanien gemacht wurde). Darin wird sichtbar, wie sich Großbritannien und Frankreich nach dem Krieg als Mandatsmächte des Völkerbundes den Nahen Osten aufteilten und dabei das postulierte Selbstbestimmungsrecht der Völker so umsetzten, wie es ihren strategischen Anliegen entsprach.“
Strategisches und wirtschaftliches Kalkül stand damals wie heute im Vordergrund. So sehr sich Bell auch für die Erhaltung der Kunstschätze einsetzte, befürwortete sie auch die Ausbeutung der Ölreserven durch die Briten. War sie letztendlich von der Richtigkeit der Kolonialmacht Großbritannien doch überzeugt?
Georg Eckert: „Zur imperialen Mentalität gehörte es, derlei keineswegs als unversöhnliche Gegensätze zu begreifen. „Erhaltung der Kunstschätze“ konnte auch meinen, eben diese in europäische Museen zu verbringen – Bell sorgte für die Entstehung eines irakischen Gesetzes, auf dessen Grundlage sie selbst entschied, welche Funde im Irak verblieben und welche außer Landes gebracht werden durften: einerseits eine damals weitreichende Regelung, die überhaupt die Bedeutung des Fundes für den Fundort würdigte und damit die Souveränität des Landes auch über seine Geschichte festschrieb, andererseits eben doch die Fortschreibung einer kolonialen Praxis. Die kulturelle Dimension solcher Unterfangen sollte man nicht unterschätzen, wie die diversen Restitutionsdebatten der letzten Jahre zeigen: etwa um die Benin-Bronzen, die nach Deutschland verschifft wurden und in den letzten Jahren zurückgegeben wurden. Derlei bedeutete aus der Warte des Empire eher, in Win-Win-Situationen zu denken: so wie beim Öl, dessen Profite alsbald britischen Unternehmen zugutekamen, aber auch die Taschen mancher Stämme füllten.“
Ihr Tod 1926 kam dann aber auch überraschend. Wie starb sie?
Georg Eckert: „Gertrude Bell starb an einer Überdosis Schlaftabletten. Ob das ein Versehen war oder Absicht, lassen die Quellen nicht erkennen; die im besten Sinne des Wortes schreibwütige Frau hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, aber manche Indizien sprechen für die Vermutung eines Suizids. In ihren letzten Monaten war ihr Lebensmut jedenfalls gesunken. Die einst so sportliche Frau, allerdings eben auch jahrelange Kettenraucherin, litt unter anderem an Atembeschwerden; psychische Beschwerden, die man jedenfalls im landläufigen Sinne als Symptome einer Depression bezeichnen könnte, kamen hinzu – und enttäuschte Hoffnungen, denn König Faisal entpuppte sich nicht als der ideale Herrscher, den sie in ihn projiziert hatte, und obendrein zog er sie kaum mehr zu Rate. Ihr geliebter Hund starb außerdem. Kurzum: Gertrude Bell hatte keinen guten Lauf.“
Wie erinnern wir uns an die zu Lebzeiten als Königin der Wüste benannte Frau heute?
Georg Eckert: „Es hängt davon ab, wen das „Wir“ meint. In Deutschland ist Gertrude Bell nicht sonderlich bekannt; hier über sie zu sprechen, ist deshalb eine schöne Seltenheit. Bekannt ist ihr Name hierzulande vor allem unter Experten für die Geschichte des Nahen Ostens und der Archäologie. In Großbritannien gibt es eine wesentliche lebhaftere Erinnerung, weil Gertrude Bell tief in die Versuche involviert war, das Empire in eine neue Zeit zu führen: indem man neue Abhängigkeiten schuf, die etwa den Irak und andere nunmehr souveräne Gemeinwesen eng an ein transformiertes Weltreich binden sollten. Ein Glasfenster des berühmten Künstlers Douglas Strachan erinnert in St. Lawrence’s Church in East Rounton an sie, ihr umfangreiches Archiv an der Newcastle University gehört mittlerweile zum International Memory of the World Register der UNESCO, bis heute existiert innerhalb der British Academy British das Institute for the Study of Iraq, gegründet im Jahre 1932 in Erinnerung an Gertrude Bell, die für solche Zwecke großzügig gespendet hatte – und das irakische Nationalmuseum würdigt heute (wieder) die Verdienste Gertrude Bells um seine Begründung. Ihr Grab in Bagdad ist übrigens gut gepflegt, ein weiteres Indiz für ihre Bedeutung: ein schlichtes, dass sie bescheiden als „Oriental Secretary“ ausweist. Sie interessierte sich weitaus mehr für die Wüste als fürs Königinnendasein.“
Uwe Blass
Der Historiker Georg Ecker – © Mathias KehrenÜber Dr. Georg Eckert
Dr. Georg Eckert studierte Geschichte und Philosophie in Tübingen, wo er mit einer Studie über die Frühaufklärung um 1700 mit britischem Schwerpunkt promoviert wurde, und habilitierte sich in Wuppertal. 2009 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Geschichte und lehrt heute als Privatdozent in der Neueren Geschichte.
Weiter mit:
Kommentare
Neuen Kommentar verfassen