16. April 2026

Elizabeth II. – umsichtige Politikerin des 20. Jahrhunderts

Sie war die am längsten amtierende Königin in der Geschichte Großbritanniens und starb hochbetagt am 8. September 2022 im Alter von 96 Jahren: Queen Elizabeth II. Dabei wäre ihr Leben eigentlich ganz anders verlaufen. Aus Anlass des 100. Geburtstags der britischen Königin hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der lehrreichen Uni-Reihe "Jahr100Wissen" mit dem Historiker Dr. Georg Eckert über das Leben und Wirken der berühmten Monarchin unterhalten.

Der Historiker Dr. Georg Eckert, Privatdozent in der Neueren Geschichte an der Bergischen Universität – © Mathias Kehren

Warum wurde Elizabeth II. überhaupt Thronfolgerin?

Georg Eckert: „Mit ihrer Geburt am 21. April 1926 stand Elizabeth bereits an dritter Stelle der britischen Thronfolge, als damals erste Angehörige einer neuen Generation. Die kleine Prinzessin zog rasch die Sympathien der britischen Öffentlichkeit auf sich, doch als angehende Königin wurde sie zunächst wohl nur von den Windsors selbst wahrgenommen. Solche Dynastien sind es gewohnt, Thronfähigkeit auch bei unwahrscheinlichen Erbfällen zu gewährleisten: wie eben bei Elizabeth. Es brauchte nämlich viele Zufälle, dass die Erbfolge am Ende wirklich auf sie kam. Einerseits wäre das Anrecht auf die Krone gemäß der bis in die 2010er Jahre gültigen männlichen Primogenitur (Erstgeborenen-Nachfolgeordnung: Erbfolge zugunsten des ältesten Sohnes, Anm. d. Red.) sofort einem jüngeren Bruder zugefallen, aber ihre Eltern bekamen „nur“ eine weitere Tochter, Elizabeth‘ jüngere Schwester Margaret.

Andererseits ging die Krone von ihrem Großvater George V. im Jahre 1936 zunächst auf dessen erstgeborenen Sohn über: den nachmaligen Edward VIII., bei der Geburt seiner Nichte Elizabeth noch ein eingefleischter Junggeselle, von dem man zu gegebener Zeit eigene Kinder erwartete, die dann Staatsoberhaupt geworden wären. Niemand konnte ahnen, dass Edward VIII. nach diversen Romanzen eine geschiedene Amerikanerin heiraten wollte, Wallis Simpson. Er heiratete sie schließlich auch, hatte dafür freilich noch im selben Jahr, in dem er den Thron bestiegen hatte, bereits wieder abdanken müssen: angesichts jener Bestimmungen der Anglikanischen Kirche, die einer Hochzeit entgegenstanden, und einer Öffentlichen Meinung, die sich vehement gegen die Beziehung gewandt hatte, auch aus politischen Gründen. Diese konstitutionelle Krise endete damit, dass nunmehr Elizabeth‘ Vater als George VI. die Herrschaft übernahm – unerwartet und eher widerwillig. Spätestens jetzt war mit Elizabeth‘ Thronfolge unbedingt zu rechnen.“

© Bergische Universität

Die ersten Jahre als Oberhaupt der Briten waren für die junge Königin alles andere als leicht. Auf einmal war sie das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche sowie des Commonwealth. Wie hat sie diese Aufgabe nach Einschätzung der Historiker gemeistert?

Georg Eckert: „Bei allen Herausforderungen war Elizabeth unterdessen bestmöglich auf die Thronfolge vorbereitet worden. Als Herrscherin wählte sie einen ambitionierten Namen, der Hoffnungen auf ein neuerlich ruhmreiches elisabethanisches Zeitalter nährte. Zudem hatte die britische Königsfamilie im Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung für sich einnehmen können. Ihr Vater, George VI., kämpfte seit dem Jahr 1949 mit gravierenden gesundheitlichen Problemen, so dass Elizabeth ihn immer öfter vertrat. Sie übte gleichsam und befand sich auf einer ausgedehnten Reise durch die Kronländer, als sie in Kenia die Todesnachricht erhielt. Ihre Krönung am 02. Juni 1953 wurde zu einem großen internationalen Medienereignis, live im Fernsehen übertragen und in einem opulenten Dokumentarfilm verarbeitet. Gleich anschließend begab sich Elizabeth II. auf eine Goodwill-Reise quer durch die Welt. Ihre persönliche Präsenz, strategisch geplant, half den Übergang vom britischen Empire hin zum Commonwealth of Nations moderieren. Systematisch verbreitete Bilder ihrer wachsenden Familie unterstützten diesen Wandel, die weitere Erbfolge war schon gesichert: Der spätere Charles III. und seine jüngere Schwester Anne waren bereits 1948 und 1950 geboren, in der durchaus kontrovers diskutierten Ehe mit dem deutschstämmigen Prinz Philipp, der dafür zum Anglikanismus konvertiert war.“

Elizabeth II. hat 15 Premierminister ernannt. Mit Churchill verband sie aber eine ganz besondere Beziehung. Können Sie das erklären?

Georg Eckert: „Vielleicht ist diese Beziehung etwas zu sehr vom Klischee her gedacht, der erfahrene Politiker habe die unerfahrene Königin angeleitet. Schon in jungen Jahren zeigte sich Elizabeth II. vielmehr als äußerst kundige Herrscherin. Sie kalkulierte sehr genau, inwiefern sie sich politisch exponierte. Dazu gehörte, Churchill einen würdigen Abschied aus seiner weniger erfolgreichen zweiten Amtszeit als Premierminister zu ermöglichen. Eigentlich passten sie kaum zusammen, Alter und Lebensführung trennten sie: hier die zurückhaltende junge Königin, dort der greise Exzentriker Winston Churchill. Eines verband sie allerdings, nämlich ihr Prestige aus Kriegszeiten. War der Kriegspremier auch im Jahre 1945 abgewählt worden, seine anhaltende Popularität verdankte er der Abwehr Nazi-Deutschlands – desgleichen die Monarchie.

Königin Elizabeth II., modisch elegant gekleidet mit Hut im Jahr 2019 – © gemeinfrei

Die Königsfamilie hatte sich der Bevölkerung seinerzeit zugewandt, Elizabeth hatte sogar im Auxiliary Territorial Service gedient und dabei Lastwagenfahren gelernt, noch in hohem Alter fuhr sie mit Vergnügen selbst ihre Geländewagen. Auch Furchtlosigkeit und Standhaftigkeit zeichneten beide aus: Elizabeth unternahm Reisen, von denen man ihr aus Sicherheitsgründen abgeraten hatten. Persönliche Wertschätzung und politisches Kalkül ließen die Königin schon nach Churchills verheimlichtem Schlaganfall im Jahre 1953 die sorgfältige Vorbereitung eines Staatsbegräbnisses anordnen: „Operation Hope Not“, durchgeführt schließlich im Jahre 1965, nach Churchills spätem Tod. Das nächste britische Staatsbegräbnis sollte bezeichnenderweise erst wieder dasjenige von Elizabeth II. selbst werden.“

Eine ihrer Devisen lautete: „Never complain, never explain.“ (Niemals beschweren, niemals erklären) Was bedeutete das für ihr Amt?

Georg Eckert: „Vom Elizabeth II. stammt dieses Zitat nicht, sondern aus dem 19. Jahrhundert. Aber es beschreibt treffend eine der vielen erfolgreichen Strategien, mit denen sich das britische Königshaus über lange Zeit eine große Popularität zu sichern vermochte. Derlei verkörperte einerseits die sprichwörtliche britische „stiff upper lip“ (Redewendung für durchhalten, nicht nachgeben, Anm. d. Red.), zumal mit der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Andererseits half eine gewisse Schweigsamkeit, rund um die königliche Familie ein gewisses Mysterium zu pflegen – dasjenige einer Dynastie, die das Gute und Richtige tut, ohne darüber zu reden, geschweige denn, sich für ihr Handeln irgendwie rechtfertigen zu müssen. Wie flexibel diese Maxime gehandhabt wurde, zeigte sich allerdings schon früh in einer intensivierten, systematisch betriebenen PR-Arbeit. So drehte die BBC schon im Jahre 1969 einen Dokumentarfilm, der die „Royal Family“ im Alltag und bei harter Arbeit für das Gemeinwohl zeigte: vor einem Publikum von 30 Millionen Briten. Die wirkliche Devise einer Dynastie, die sich immer wieder neu auf den Medienwandel einzustellen vermochte, lautete also eher: „never complain, often explain“.“

Als Monarchin hatte sie einige Krisen zu meistern, die den Fortbestand der Monarchie bedrohten. Welche waren das u.a.?

Georg Eckert: „Großbritannien stand in der Amtszeit Elizabeth‘ II. vor vielen großen, vielfach miteinander verschränkten Herausforderungen: Dekolonialisierung, Kriege, Wirtschaftskrisen und manches mehr. Doch die bedrohlichste Krise der Monarchie selbst entstand wohl nach dem an sich vergleichsweise unbedeutenden Unfalltod Lady Dianas im Jahre 1997. Sie zeigte zugleich auf, inwiefern die obengenannte Devise längst nicht mehr in die Zeit und vor allem keineswegs mehr in die veränderte Medienlandschaft passte. Die geschiedene Schwiegertochter hatte schon vor ihrem plötzlichen Unfalltod eine wirksamere PR-Strategie genutzt und dem Königshaus die Meinungshoheit über ihre Scheidung von Prince Charles entrissen, gerade indem sie sich in einem skandalträchtigen Interview in der BBC erklärte.

Krönungsporträt von Königin Elisabeth II. und Prinz Philip (*10.06.1921 – †09.04.2021), Duke of Edinburgh (1953) – © gemeinfrei

Als, protokollarisch übrigens vollkommen korrekt, nach Dianas Tod der Union Jack am Buckingham Palace nicht auf Halbmast gesetzt wurde, wandte sich vor allem die Boulevardpresse gegen eine vermeintlich herzlose ehemalige Schwiegermutter. Lady Di wurde zur „Königin der Herzen“ ausgerufen, und indem der britische Premierminister Tony Blair sie zur „People’s Princess“ proklamierte, versuchte er aus der Not der Dynastie politisches Kapital zu schlagen. Elizabeth korrigierte ihren Kurs gerade noch rechtzeitig mit einer empathischen Fernsehansprache als einfühlsame Großmutter. Ansonsten wären jene Stimmen, die auch in der Amtszeit Elizabeth‘ II. immer wieder zur Abschaffung der Monarchie aufriefen, rasch noch vernehmlicher geworden.“

Andere Herrscherhäuser setzen ihre Nachfolger schon zu Lebzeiten ein, wie die Beispiele etwa in den Niederlanden, Spanien oder Dänemark zeigen. Das kam für die Queen nie in Frage, obwohl sie am Ende doch sehr gebrechlich war. Warum nicht?

Georg Eckert: „Solange dafür keine Quellen auswertbar sind, keine einschlägigen Dokumente der Königin nachzulesen, können Historiker nur Vermutungen anstellen. Zeitlebens präsentierte sich Elizabeth II. als bescheidene, uneigennützige Hüterin des Gemeinwohls. Das hat sie sicherlich als wichtige Ressource der Monarchie erkannt: Mit Gottesgnadentum ist in der Moderne kein Königtum mehr zu legitimieren. Die Königin und ihr Mann pflegten außerdem sympathische Schrullen, auch so hob sich Elizabeth II. immer vorteilhafter von den denkbar unsympathischen Skandalen um zwei ihrer Söhne ab; noch kurz vor ihrem Tod schloss sie ihren Sohn Andrew von der Wahrnehmung königlicher Pflichten aus, das Image ihres ältesten Sohnes hatte unter dessen medial ausgetragener Scheidung von Prinzessin Diana schwer gelitten.

Dass Charles III. einmal zu einer von vielen unerwarteten Popularität gelangen sollte, hätte die Königin nicht unbedingt angenommen. Vielmehr deuteten viele Beobachter ihr Durchhalten als politische Strategie, um die Krone nach möglichst kurzer Amtszeit des Thronfolgers oder gar unter dessen Verzicht umgehend an ihren ältesten Enkel William übergehen zu sehen: mit ähnlich makelloser Lebensführung und einer ähnlich volksnahen Familie wie seine Großmutter, die noch wenige Tage vor ihrem Tod eine neue Premierministerin ernannt hatte – gebrechlich, aber eben bis zuletzt pflicht- und durchaus auch machtbewußt. Ihr stoisches Durchhalten bestärkte zugleich den alten Mythos, eine Königin sei eben doch ein außergewöhnlicher Mensch, dem außergewöhnliche Rechte zustünden: zum Nutzen von Staat und Gesellschaft.“

Am 21. April würde die Queen ihren 100. Geburtstag feiern. Hat sie die Monarchie für die Zukunft gesichert?

Georg Eckert: „Die Zukunft hat leider für den Historiker den Nachteil, dass sie notorisch ungewiss ist – und davon abhängt, was Elizabeth‘ II. Nachfolger schließlich tun oder eben unterlassen. In der Rückschau erweist sich die Königin als umsichtige Politikerin, die viele Transformationen klug zu moderieren wusste. Dazu gehören beispielsweise die Auflösung des britischen Weltreichs, ohne dass sich sein Kern zersetzt hätte, die Föderalisierung Großbritanniens und insbesondere, die Monarchie den Erfordernissen des Medienzeitalters anzupassen. Wie das gelingen oder misslingen kann, hat der aktuelle König Charles III. in unterschiedlichen Phasen seines Lebens gleichermaßen erfahren.

Welchen Balanceakt das bedeutet, illustrieren die ungleichen Viten seiner beiden Söhne. Bewähren müssen sich weitere britische Monarchen schon selbst, aber in ihrer enorm langen Amtszeit hat Elizabeth II. tragfähige Voraussetzungen für den Fortbestand einer Institution geschaffen, die auf diese Weise doch wieder in die Zeit passt: mit wohltätigen „Working Royals“, mit einer Volksnähe, die zum Beispiel die von Elizabeth II. eingeführten „Royal Walkabouts“ mit Händeschütteln und informellen Gesprächen bis heute erfahrbar machen und mit ein bisschen Skurrilität. Unförmigkeit schafft Sympathie, ob nun kleine Hunde oder große bunte Hüte.

Uwe Blass

Dr. Georg Eckert – © Mathias Kehren

Über Dr. Georg Eckert

Dr. Georg Eckert studierte Geschichte und Philosophie in Tübingen, wo er mit einer Studie über die Frühaufklärung um 1700 mit britischem Schwerpunkt promoviert wurde, und habilitierte sich in Wuppertal. 2009 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Geschichte und lehrt heute als Privatdozent in der Neueren Geschichte.

 

Kommentare

Neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert