29. Mai 2026

Marilyn Monroe: Mix aus Glamour und Zerbrechlichkeit

Am 01. Juni 1926 würde Norma Jean Baker, berühmt geworden als Marilyn Monroe, ihren 100. Geburtstag feiern. Erica von Moeller, Regisseurin und Professorin für Design audiovisueller Medien und ihre Studentin Mona Keßler lassen gemeinsam mit Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Serie "Jahr100Wissen" das Leben der Hollywood-Ikone Revue passieren.

Die Schauspiel-Ikone Marily Monroe in „Manche mögen’s heiß“ („Some Like It Hot“) aus dem Jahr 1959. Die restaurierte Fassung des Klassikers wird zum Auftakt der Open-Air-Saison der Kino-Initiative „Talflimmern“ am 17. Juli im Innenhof der Kultur- & Begegnungszentrums „Alte Feuerwache“ (Gathe 6 – 42107 Wuppertal) gezeigt – www.talflimmern.de – © MGM Pictures

Marilyn Monroe, wurde vor 100 Jahren am 01. Juni 1926 geboren und ist bis heute eine ewige Ikone. Wie kommt das?

Erica von Moeller/Mona Keßler: „Marilyn Monroe verkörperte in den 1950er Jahren den amerikanischen Traum: Jugend, Glamour, Sinnlichkeit. Szenen wie ihr Auftritt in „Gentlemen Prefer Blondes“ oder das von ihr performte Lied „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“ – prägten ein Bild, das bis heute als Inbegriff der klassischen Hollywood-Ästhetik gilt. Dieses Bild war bewusst kuratiert: blondes Haar, roter Lippenstift und funkelnde Kostüme.  Ihr öffentliches Image stand im starken Kontrast zu ihrem realen Leben, das geprägt war von einer instabilen Kindheit und psychischen Belastungen. Sie wuchs in wechselnden Pflegefamilien und Heimen in einem Umfeld auf, das von psychischer Krankheit, Vernachlässigung, Missbrauch und ständigen Beziehungsabbrüchen bestimmt war. Diese frühen Traumata bildeten den Kern ihrer späteren emotionalen Verletzlichkeit und ihrer lebenslangen psychischen Probleme.

© Bergische Universität

Diese Mischung aus Glamour und Zerbrechlichkeit, Ruhm und Vergänglichkeit, etc. machte sie zu einer Figur, mit der sich Menschen identifizieren konnten und die gleichzeitig als Projektionsfläche funktionierte. Von Madonna bis Ikkimel beziehen sich auch heute noch viele Künstlerinnen auf Marilyn Monroe – als Ikone, als Mythos, als Symbol für Weiblichkeit, Ruhm, Verletzlichkeit und Medieninszenierung. In diesem Sinne ist sie ein kulturelles Symbol, das Glamour, Tragik und die Macht der Medien verkörpert. Ihre Geschichte, ihre Bilder und ihre künstlerische Verarbeitung (besonders durch die Andy Warhol Siebdrucke) haben sie in das kollektive Bewusstsein eingeschrieben. Ihr Bild funktioniert in Mode, Kunst, Werbung, Feminismus-Debatten und Popkultur gleichermaßen. Jede Generation entdeckt „ihre“ Marilyn neu – mal als Sexsymbol, mal als Opfer, mal als feministische Figur, mal als Pop-Ikone.“

Marilyn Monroe ist auch 64 Jahre nach ihrem Tod nach wie vor in der Medienlandschaft vertreten. Wo finden wir sie?

Erica von Moeller/Mona Keßler: „Richtig, regelmäßig taucht Marilyn Monroe in neuen Dokumentationen, Biografien oder Serien über die 1950er und 1960er Jahre auf – oft als Referenzfigur für Ruhm, Glamour und die Mechanik der Medien. Der NetflixFilm „Blonde“ (2022) zeigt, wie stark Monroe als Projektionsfläche funktioniert. Er ist weit mehr als ein klassisches Biopic und erzählt von Gewalt und Ausbeutung mit einer eindringlichen Bildgestaltung, die echte Fotos von Monroe mit Schauplätzen aus ihrem Leben neu belebt und dabei das Dunkle, Voyeuristische hervorhebt.

Darüber hinaus ist Monroe regelmäßig Gegenstand großer Ausstellungen. Aktuell besonders sichtbar ist die Ausstellung „Marilyn Monroe: Hollywood Icon“ im Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles (31. Mai 2026 – 28. Februar 2027). Hier werden Originalkostüme, Fotografien, Briefe und persönliche Gegenstände gezeigt, die Monroe als strategische Gestalterin ihres eigenen Images beleuchten. Dabei wird deutlich, wie sehr sie ihre Öffentlichkeitsarbeit als Gesamtkunstwerk mit Mode und Performance in bemerkenswerter Raffinesse zu nutzen verstand. Weit davon entfernt, lediglich ein Produkt des Studiosystems zu sein, positioniert die Ausstellung Monroe als visionäre Mitgestalterin ihres eigenen Images.

Erica von Moeller, Regisseurin und Professorin für Design audiovisueller Medien – © Universität Wuppertal

Es gibt verschiedene Aspekte ihres Lebens, die immer wieder, zeitlich angepasst, in den Medien aufgegriffen werden. Der „Blonde“-Effekt oder ihre Mode und ihr Stil. Ist das sozusagen zeitlos?

Erica von Moeller/Mona Keßler: „Genau, Marilyn Monroe ist nicht nur eine historische Figur, sondern ein dauerhaft reproduziertes kulturelles Symbol, das sich unendlich reproduzieren lässt. Ihr Gesicht wurde grafisch vereinfacht, emotional aufgeladen und kulturell codiert, wodurch es sich als Marke einprägt. Das macht sie zu einem Motiv, das in Kunst, Werbung und Social Media immer wieder auftaucht – ähnlich wie Elvis, Che Guevara oder Audrey Hepburn. Darüber hinaus hat es Marilyn Monroe vermocht, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler auf sie beziehen. Ihr Stil inspiriert weiterhin die Modewelt. Monroe gilt als Vintage- und Mode-Ikone, deren Outfits und Silhouetten in zeitgenössischen Kollektionen immer wieder aufgegriffen werden. Damit ist sie kein statisches Denkmal, sondern ein kulturelles Chamäleon, das sich mit der Zeit verändert, ohne seine Wiedererkennbarkeit zu verlieren.

Außerdem sind viele der Filme, in denen sie spielte und das Bild, was von ihr rezipiert wurde oft Parade-Beispiele für den „Male Gaze“. Der Begriff beschreibt die vorherrschende heterosexuelle, männliche Erzählperspektive in Film, Fernsehen, Werbung und Kunst, die Frauen in die Rolle passiver Objekte rückt und den Fokus eher auf das Äußerliche und die Attraktivität der Frauen legt anstatt sie zu tiefergehenden, handlungsfähigen Subjekten zu machen. In diesem Sinne funktioniert Marilyn Monroe als ein Spiegel, in dem jede Epoche ihre eigenen Themen erkennt. Im Zuge der #MeToo-Bewegung kann man auch Monroes Geschichte als Beispiel für Machtmissbrauch und männliche Vorherrschaft in Hollywood sehen.

Damit einhergehend funktioniert sie als ein Beispiel für Medienkritik, gerade dadurch, dass sie einer massiven Paparazzi-Kultur ausgesetzt war. Sie wurde ständig von Fotografen verfolgt – am Filmset, in der Öffentlichkeit, vor ihrem Zuhause und sogar in verletzlichen Momenten wie nach Krankenhausaufenthalten. Diese frühe Form des modernen Celebrity-Stalkings prägte ihr öffentliches Leben stark. Eine Kultur, die sich in Zeiten von Social Media zwar verändert hat, da nun viele Prominente und Künstlerinnen und Künstler selbst Einblicke aus ihrem Leben teilen können und damit den Paparazzi teilweise den Wind aus den Segeln nehmen. Insgesamt bleibt jedoch die Problematik wie der Schutz der Persönlichkeitsrechte eingehalten werden kann, wenn weiterhin mit fragwürdigen Mitteln Bilder von Prominenten produziert und publiziert werden.“

Viele Marken nutzen den Monroe-Core oder ihren Beauty-Trend weiterhin. Allerdings sprechen wir dabei heute oft vom Rebranding, weil sich ihre Marke und ihr Erscheinungsbild geändert haben. Sie ist nicht mehr nur das blonde Dummchen und verletzliche Opfer, sie ist auch kluge Geschäftsfrau mit eigener Produktionsfirma. Dadurch wertet man eine Marke auch auf, oder?

Erica von Moeller/Mona Keßler: „Genau, das alte Hollywood-Narrativ – naiv, sexy, verletzlich – ist heute nicht mehr anschlussfähig. Marken, die Monroe weiterhin nutzen wollen, müssen sie neu erzählen: als Frau, die ihre Karriere bewusst steuerte. Als eine der ersten Schauspielerinnen, die gegen Studioverträge rebellierte und sogar ihre Rollen und ihre Gagen aktiv verhandelte. Diese Perspektive passt dann wieder perfekt zu modernen Markenwerten wie Empowerment, Selbstbestimmung und Professionalität

Das Schicksal der weltberühmten Schauspielerin Marilyn Monroe (hier 1953), die am 04.08.1962 im Alter von nur 36 Jahren vermutlich Suizid beging, bewegt auch heute noch viele Menschen – © CC BY 4.0

1954 gründete sie ihre eigene Filmproduktionsfirma „Marilyn Monroe Productions“ mit dem Ziel, sich aus Knebelverträgen der großen Studios zu befreien und mehr Einfluss auf ihr künstlerisches Schaffen und ihre Rollen zu haben. Einen Schritt, den auch heutzutage immer mehr weibliche Filmschaffende gehen, um die männlich dominierten Strukturen des Filmgeschäfts zu verändern und eigene Perspektiven erzählen zu können. Parallelen dieser Entwicklungen lassen sich auch in der Musikwelt erkennen, wenn Pop-Ikonen wie Taylor Swift sich die Rechte an ihrem Werk zurückholen.

Teile davon sind allerdings auch kritisch zu betrachten. So findet Monroe und ihr Stil auch viel Anklang im Internet bei sogenannten „Tradwives“, die sich stilistisch oft stark an den 50er-Jahren orientieren und die häufig in Verbindung mit konservativen bis rechten Bewegungen stehen. In ihrem Weltbild und den Botschaften, die sie ihrem Publikum vermitteln, haben feministische Positionen durch klare, „traditionelle“ Rollenverteilungen und ein binäres Geschlechtersystem meist keinen Platz. Sie sind ein zu beobachtendes Symptom einer Zeit, in der erkämpfte feministische Perspektiven und Lebensweisen keine Selbstverständlichkeit sind, sondern Werte, die jeden Tag neu gegen rechte und misogyne Kräfte aufrechterhalten und gestärkt werden müssen.“

In den Sozialen Medien wird sie von der Authentic Brands Group (ABG) als offizieller Nachlassverwaltung aktiv vermarktet. Sie ist mit Millionen Followern auf Instagram und TikTok vertreten. Ihre Zielgruppe besteht zu 60 Prozent aus der Altersgruppe 18 bis 35.  Man kann also auch viel Geld mit Toten verdienen, oder?

Erica von Moeller/Mona Keßler: „Eine lebende Berühmtheit kann Skandale haben, unpopuläre Entscheidungen treffen oder aus der Mode geraten. Eine tote Ikone dagegen ist stabil, kontrollierbar und perfekt kuratierbar. Nach dem Tod von Lee Strasberg, dem Haupterben von Marilyn Monroe, gingen die Rechte an seine Frau Anna Strasberg über und wurden später an die Authentic Brands Group verkauft. Damit liegt Monroes „Vermögen“ heute in den Händen einer Unternehmensorganisation ohne persönliche Verbindung zu ihr. ABG betreibt offizielle Social-Media-Konten, die Monroes Bild, Stimme und Persönlichkeit nutzen, um Produkte, Marken und Kampagnen zu bewerben. Damit hat ABG aus ihrem Nachlass eine zeitgemäße Lifestyle-Marke gemacht, die für junge Zielgruppen genauso funktioniert wie für nostalgische Fans. Sie ist ein kulturelles Symbol, eine ästhetische Marke, eine digitale Influencerin und damit eine wirtschaftliche Maschine, die keine Risiken birgt. Das macht sie für Marken extrem attraktiv.“

Mona Keßler, Studentin Design audiovisueller Medien an der Bergischen Universität – © Universität Wuppertal

Im Jahr 2024 wurde eine KI-generierte, „hyper-reale“ Version von Marilyn Monroe vorgestellt, die in der Lage ist, in Echtzeit mit Fans zu chatten, zu lächeln und in Monroes Stimme zu antworten. Personalisierte KI-Filme werden kommen, sind aber der Albtraum eines jeden Kino-Fans, oder?

Erica von Moeller/Mona Keßler: „Ja, die Vorstellung einer KIgenerierten, hyper-realen Marilyn Monroe, die lächelt, spricht, chattet ist für viele Menschen tatsächlich ein kultureller Schockmoment und ein ethischer Albtraum. Wir stehen an einem Punkt, an dem wir entscheiden müssen, was Film-Kunst ist und wem ein Gesicht gehört, wenn die Person dahinter längst tot ist. Denn wenn tote Schauspielerinnen und Schauspieler wiederbelebt werden, entsteht ein gefährlicher Präzedenzfall: Wer entscheidet, welche Rollen sie „spielen“? Wer entscheidet, was sie sagen? Wer entscheidet, wie sie dargestellt werden? Und wer kann diese Person für ihre eigenen Zwecke und Botschaften instrumentalisieren? Der verstorbenen Person dahinter können Rollen gegeben und Positionen in den Mund gelegt werden, die sie selbst eventuell nie vertreten hätte. Es wirft die Frage auf, welche ethischen Grenzen damit überschritten werden und inwiefern eine Person posthum ihrer eigenen Positionen und ihres Werks für ökonomischen Zwecke beraubt werden kann. Es ist nicht mehr die Künstlerin – es ist ein Unternehmen.

Film ist eine Kunstform, die schon immer eng verwoben war mit Handwerk und den technischen Fortschritten ihrer jeweiligen Zeit. Dies zeigt sich in der Montage, im Szenenbild und natürlich in der Kameraarbeit, als es beispielsweise möglich wurde, nicht mehr auf Filmmaterial sondern digital zu drehen und als praktische Effekte vermehrt durch CGI (Computer Generated Imagery – also computergenerierte Bilder) abgelöst wurden. Jede dieser Entwicklungen brachte natürlich auch ihre Debatten und Kritik mit sich, gleichzeitig hatte und hat man als gestaltende, filmschaffende Person bestenfalls die Wahl, sich bewusst für oder gegen gewisse Gestaltungsmöglichkeiten zu entscheiden.

Dadurch, dass KI im Film so viele verschiedene kreative Bereiche und Berufe stark verändern und beeinflussen wird, haben wir es hier vielleicht doch mit einer Art Novum zu tun, deren Folgen sich noch nicht in Gänze überblicken lassen und wodurch man den Begriff von kreativem Arbeiten neu überdenken muss. Auch hier gilt, es darf kein Zugzwang entstehen und das bewusste Entscheiden gegen den Einsatz dieser Techniken muss möglich bleiben. So kündigte beispielsweise das Filmfestival von Cannes dieses Jahr ein KI-Verbot für Filme im offiziellen Wettbewerb an. Und natürlich sind auch Fälle von Regisseurinnen, Regisseuren und Schauspielenden besorgniserregend, deren urheberrechtlich geschützte Werke ohne deren Zustimmung von Unternehmen zum Trainieren ihrer KI-Modelle verwendet werden.“

Marilyn Monroe ist auch heute ein lukrativer Name für Lizensierungen und taucht regelmäßig in Dokumentationen, Filmen, Biographien und Kunstausstellungen auf. Welche Bedeutung hat sie in der Welt der Filmschaffenden heute?

Erica von Moeller/Mona Keßler: „Marilyn Monroe ist kein aktiver Star mehr, sie ist ein Referenzpunkt und ein Prüfstein dafür, wie wir über Ruhm, Weiblichkeit, Inszenierung und Hollywood selbst sprechen. Ihre Bedeutung ist nicht nostalgisch, sondern strukturell. Damit ist Monroe ein Modellfall, an dem sich bis heute zentrale Mechanismen des Filmgeschäfts ablesen lassen: Wie Studios Stars erschaffen, wie Images konstruiert und kontrolliert werden, wie Sexualisierung und Vermarktung funktionieren und wie Ruhm und psychischer Druck zusammenhängen.“

Uwe Blass

 

Über Erica von Moeller & Mona Keßler

Die Regisseurin und Autorin Erica von Moeller studierte sowohl Freie Bildende Kunst in Mainz als auch Kommunikationswissenschaften in Frankfurt bevor sie an der Kunsthochschule für Medien in Köln im Bereich Film diplomierte. Sie realisiert seit 2001 Filme in unterschiedlichen Genres und Formaten. Als Medienkünstlerin entwickelt sie Ausstellungsprojekte an der Schnittstelle zwischen Bewegtbild, Raum und Klang. Nach vielfältigen Lehraufträgen in Köln, Berlin und Trier lehrt sie seit 2011 an der Bergischen Universität Wuppertal als Professorin für Design audiovisueller Medien.

Mona Keßler ist wissenschaftliche Hilfskraft im Studiengang Design Audivisueller Medien.

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