24. Mai 2026Peter Pionke
Wissenschaftlerin erklärt: Wie kann ich Sprache fördern?
Dr. Valentina Reitenbach aus dem Institut für Bildungsforschung an der Bergischen Universität – © Lisa CasparSprachliche Bildung in der Migrationsgesellschaft ist ein Thema, dass alle Bürgerinnen und Bürger durch Kita, Schule, Job und Freundschaft vielerorts begleitet, denn durch die Globalisierung und Migration wird unsere Gesellschaft zunehmend vielfältiger. In den Schulen finden sich immer mehr Kinder, die Deutsch nicht als Erstsprache sprechen und neben dem normalen Spracherwerb auch Fachinhalte lernen müssen. Lehrkräfte übernehmen dort die Aufgabe, Sprachförderung gezielt zu integrieren.
Jedoch gibt es daneben auch außerschulische Nachmittagsangebote wie Hausaufgabenhilfe sowie andere Formen der Betreuung, die oft von semiprofessionellen Helferinnen und Helfer, die keine wissenschaftliche Ausbildung der Sprachförderung besitzen, übernommen werden. Für diese Zielgruppe haben Dr. Valentina Reitenbach und Dr. Anna Nishen im Rahmen des an der Uni München angesiedelten Projektes EQUAL-Net in Zusammenarbeit mit Dr. Margot Belet und Eva Somrei der Stiftung ‚Ein Quadratkilometer Bildung‘ für deren bundesweit bestehende Pädagogischen Werkstätten für Kinder und Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Stadtteilen, eine unterstützende Lernbegleitung entwickelt.
© Bergische UniversitätAlltagsintegrierte Sprachbildung mit wissenschaftlich fundierten Techniken
Um herauszufinden, was wissenschaftlich fundierte Sprachfördertechniken von anderen Sprachfördertechniken unterscheidet, recherchierten die Wissenschaftlerinnen zunächst und suchten bundesweit nach Studien sowie in Datenbanken für Psychologie und Erziehungswissenschaften, die sich mit der Zielgruppe mehrsprachiger Kinder auseinandersetzten. „Das ist schon sehr speziell“, sagt Reitenbach, „deswegen gibt es nicht die eine Studie, die das genau so in dieser Konstellation beweist. Aber wir haben für die Tipps, die wir dann auch gewählt haben, Studien gefunden, die ein Gesamtbild ergeben. Deshalb sprechen wir von wissenschaftlich plausiblen Tipps.“
Die alltagsintegrierte Sprachbildung basiert daher nicht auf komplexen Sprachförderprogrammen, sondern auf leicht anwendbaren Techniken, die sich in alltäglichen Lese-, Gesprächs- oder Spielsituationen integrieren lassen. Der Begriff komme eigentlich aus dem Kindergarten, denn da wurde diese alltagsintegrierte Sprachbildung deutschlandweit sehr gefördert. „Es ist ein pädagogischer Ansatz, bei dem es darum geht, dass Bildungsprozesse, eben auch sprachliche Bildungsprozesse direkt im Alltag mitlaufen und nicht, separat in Kleingruppen gefördert werden“, erläutert die Wissenschaftlerin.
Gute Sprachkenntnisse sind unverzichtbar für eine erfolgreiche Integration und Teilhabe – © Pixabay„Jede Alltagssituation kann Anlass für Sprachförderung sein. In der Kita sind es z. B. die Mahlzeiten oder die Körperpflege. Für unseren Kontext der Lernbegleitung sind es dann alle Lern- und Betreuungssituationen, auch wenn die Lernbegleitung mit den Kindern spielt. Man ist miteinander im Gespräch. Genau das ist das Charmante daran, dass es sehr niederschwellig ist. Jede Situation kann als Anlass genommen werden, um Sprache zu fördern.“
Ein Quadratkilometer Bildung – eine Stiftung
„Die Stiftung ‚Ein Quadratkilometer Bildung‘ selbst agiert deutschlandweit und bemüht sich um den Aufbau von sogenannten Bildungsnetzwerken in von Armut betroffenen Quartieren“ erklärt Valentina Reitenbach. Die Quartiere, die fokussiert werden, befinden sich tatsächlich ungefähr auf einem Quadratkilometer, daher der Name. „Die agieren dann und vernetzen z. B. Grundschulen und die Nachmittagsbetreuung. Hier in Wuppertal gibt es auch so einen Quadratkilometer, und das ist die Pädagogische Werkstatt an der Gathe, die an der alten Feuerwache angesiedelt ist. Netzwerkmitglieder sind dann auch die Grundschulen.“
Der Schwerpunkt für Wuppertal liege in der Förderung von Spracherwerb und Lesekompetenz. Die Kinder und Jugendlichen werden bei den Hausarbeiten begleitet, es gibt individuelle Lernförderung sowie Leseprogramme. Reitenbach und ihre Kollegin Anna Nishen wurden über das Münchner Projekt EQUAL-Net mit der Stiftung vernetzt.
Das Kartensystem
Um die Methoden der Lernförderung praxisnah zu vermitteln, entwickelte das Team didaktische Karten, die wissenschaftlich fundierte Sprachfördertechniken in klarer, visueller und ansprechender Form präsentieren. Sie sind so konzipiert, dass sie ohne fachdidaktisches Vorwissen unmittelbar im Alltag eingesetzt werden können. Das sei ein niedrigschwelliger Zugang, der Theorie und Praxis verbinde. Der Prototyp der Karten wurde bereits in der Pädagogischen Werkstatt an der Gathe von den Lernbegleitungen erprobt.
Sprache ist weit mehr als Kommunikation – © Pixabay„Wir haben den Prototyp an sechs Mitarbeitende der pädagogischen Lernwerkstatt gegeben und haben dann von Ihnen ein Feedback eingeholt. Unsere Fragen waren dann, ob die Karten verständlich sind, ob sie für den Einsatz sinnvoll sind, ob sie vielleicht schon etwas davon umsetzen, wie hilfreich sie sind, oder ob etwas fehlt?“ Die sehr positiven und wertschätzenden Rückmeldungen beflügelten die Projektmitarbeitenden zur weiteren Verbesserung des Kartensystems. Eine Rückmeldung bzgl. des Liedersingens mit den Kindern und Jugendlichen wurde mit Nachrecherche prompt als weiterer Tipp in den Kartenkatalog integriert. Derzeit wird die finale Version fertiggestellt und zwar sowohl als digital frei verfügbares Format als auch als nachhaltig gedrucktes A5-Kartenset mit fünf Techniken und einführenden Hinweisen zum Einstieg. „Es wird eine Webseite geben, die Karten sind zwar noch nicht gedruckt, aber man kann sie jetzt schon online runterladen“, sagt Reitenbach.
Uniexpertise gestaltet Transformationsprozesse mit
Die Anwendung der Karten kann Alltagslernen unauffällig stärken. Dazu Dr. Valentina Reitenbach: „Bei unseren Karten, wenn ich jetzt das Liedersingen aufgreife, geht es darum, in verschiedenen Situationen, wenn es sich anbietet, mit den Kindern Lieder zu singen. Und über dieses Liedersingen können Vokabeln und Satzstrukturen erlernt werden, wobei es nicht darum geht, eine Satzstruktur genau zu definieren, sondern durch Sprachpraxis den Sprachoutput zu erhöhen.“ Auch das Verbalisieren von Vorgängen kann Sprache fördern. „Dadurch vergrößert man den Sprachinput bei den Kindern. Ich erzähle einfach, was ich tue, während ich das Lernmaterial vorbereite.“
Das Projekt zu ‚Wissenschaftlich plausiblen Sprachfördertechniken‘ kann ein Modell mit Signalwirkung über die Region hinaus werden. Eine wissenschaftlich fundierte, praxisnahe und sozial wirksame Third-Mission-Initiative zeigt damit, wie universitäre Expertise gesellschaftliche Transformationsprozesse aktiv mitgestalten kann.
Infos unter: https://sif.uni-wuppertal.de/de/sprachfoerdertipps
Uwe Blass
Dr. Valentina Reitenbach © Lisa CasparÜber Dr. Valentina Reitenbach
Dr. Valentina Reitenbach ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der schulischen Interventionsforschung am Institut für Bildungsforschung (IfB) der Bergischen Universität.
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