21. Mai 2026Peter Pionke
WSV-Absturz: Eine Chronologie des Scheiterns
Der erfolgreiche Unternehmer Friedhelm Runge war viele Jahre Präsident und großzügiger Mäzen des Wuppertaler SV – Kritiker machten im das Leben nicht leicht – © Dirk SengottaDer rasante Abstieg in die Fünftklassigkeit: Folge aus totalen Fehleinschätzungen, völliger Konzeptlosigkeit, unglaublicher Ignoranz und nicht zuletzt auch von gnadenlosen, internen Machtkämpfen, insbesondere in der Zeit der „Nach-Runge Ära“. Hier nun der Versuch einer Bilanz:
Wenn eine Führung den Verein bereits in den Abgrund geführt hat, hilft kein sanftes, behutsames Zureden mehr – dann braucht es eine messerscharfe, fundierte Analyse. Ohne eine ehrliche und saubere Aufarbeitung mit entsprechenden Konsequenzen wird es für den stolzen Verein Wuppertaler SV keinen Ausweg aus dem Dilemma geben. Beim WSV hieß noch eine Woche (!) vor dem letzten Saisonspiel gegen den Bonner SC, das mit einer erneuten Heimniederlage endete und letztlich der traurige Höhepunkt einer an Enttäuschungen reichen Saison war: „Wir sind bereits dabei, die Ursachen für diese Entwicklung sorgfältig aufzuarbeiten werden daraus zeitnah Konsequenzen ziehen“. Die große Frage aber ist: Wird das oder kann das überhaupt noch zielführend gelingen?
Es lebte sich gut, viele sonnten sich
Der WSV wurde seit seiner Gründung 1954 überwiegend von unternehmerischen Führungspersönlichkeiten finanziert, getragen und begleitet. Auf Dieter Buchmüller (RWFK) folgte 1991 Friedhelm Runge (EMKA). Erinnert sei auch an den Mäzen, WSV-Förderer und Ex-Verwaltungsrats-Vorsitzenden Bernd Bigge.
Besonders prägend war die Ära Runge. Der fußballbegeisterte Unternehmer stützte den Verein über 22 Jahre lang (bis zu seinem Rücktritt 2013) mit Millionenbeträgen, was ihm den Ruf des dauerhaften „Retters“ einbrachte. Er musste aber später aber auch die Kritik gewisser Kreise anhören, den Verein zu sehr von seiner Person und seinem Geldbeutel abhängig gemacht zu haben. Es lebte sich gut in Runges Windschatten, viele sonnten sich darin, zum Teil ohne selbst einen nennenswerten Beitrag zu leisten.
Ex-Sportdirektor Gaetano Manno (r.) mit Trainer Sebastian Tyrala, den er geholt und später entlassen hat – © Archivfoto Jochen ClassenUm so rasanter dann nahm der Absturz nach dem Ableben des 85jährigen Runge im November 2024 seinen Lauf. Der erfolgreiche Unternehmer hinterliess nicht nur ein Führungs-Vakuum, mehr noch, auch die bis dahin immer sprudelnde Geldquelle versickerte. Das geschah nicht abrupt, aber die Firma EMKA, deren Gründer und Erfolgsgarant Friedhelm Runge war, schraubte ihr finanzielles Engagement Schritt für Schritt zurück.
Insider sprachen indessen auch noch von (nicht ganz unumstrittenen) bilanzierten Verbindlichkeiten gegenüber EMKA in siebenstelliger Höhe. Dabei soll es um angebliche Vorauszahlungen der Firma EMKA für Anteile an einer GmbH gehen, in die die Fußball-Abteilung – wie es bei vielen Profi-Klubs der Fall ist – ausgegliedert werden sollte. Aber die geplante Gründung der Gesellschaft kam nie zustande. Wahrlich schon Sprengstoff für sich allein.
Der sportliche Weg des Traditions-Vereins ging nur noch in eine Richtung, nach unten nämlich. Der Wuppertaler SV geriet tief in den Abstiegssumpf, man blieb im Folgejahr 2025 gleich zehn Spiele hintereinander ohne Sieg, ehe ab 05. April 2025 drei Siege hintereinander sowie die Insolvenzen der Vereine 1.FC Düren und KFC Uerdingen den Sturz in die Fünftklassigkeit gerade noch verhinderten.
Eckhard Osberghaus – die Geschichte hinter der Geschichte
Es war der 17. März 2025, als Joep Munsters und Benedikt Wimmer die Rotblauen in der wichtigen Begegnung gegen den SV Rödinghausen (Endstand 2:2) vor 1.447 Zuschauern mit 2:0 in Führung geschossen hatte. Der greifbar nahe erste Sieg des Jahres vor Augen, löste bei dem schon damals wegen ausbleibender Erfolge kritisierten Sportdirektor Gaetano Manno nachvollziehbar Erleichterung und Jubel aus, den er in Richtung Tribüne zum Ausdruck brachte, wo reichlich Prominenz und Medienvertreter versammelt waren.
Dort saß auch das Verwaltungsratsmitglied Eckhard Osberghaus, an den die Jubelgeste vermutlich adressiert war. Spätestens hier beginnt die „Geschichte hinter der Geschichte“, die für den WSV damals noch ungeahnte Entwicklungen nehmen sollte.
Ex-WSV-Verwaltungsratsmitglied Eckhard Osberghaus auf der Trainer- und Ersatzspielerbank im Stadion am Zoo – © Siegfried JähneManno-Kritiker Osberghaus reagierte von seinem Tribünenplatz aus unmissverständlich und für viele gut sichtbar: Er zeigte Sportdirektor Manno den berühmten „Stinkefinger“. Heute wissen wir, dass das offenbar keine reflexartige Geste war, sondern der Höhepunkt eines internen Macht- und Richtungskampfes, der wohl überwiegend hinter den Kulissen ausgetragen wurde. Der „Stinkefinger“ bzw. dessen vereinsinterne Aufarbeitung (Der damals amtierende Verwaltungsrat-Chef Dr. Jürgen Hoss formulierte es so: „Es ist zum Fremdschämen“) führte schließlich zum Rücktritt von Eckhard Osberghaus aus dem Verwaltungsrat.
Eckhard Osberghaus, der eine echte Führungsrolle im Verein augenscheinlich immer scheute, spielte seit vielen Jahren im WSV eine nicht unmaßgebliche Rolle, war er doch immer kreativ und rührig, aus diversen Gründen allerdings nie gänzlich unumstritten. Im Vorfeld der „Stinkefinger-Affäre“ soll es nach Insider-Informationen im Hause des Immobilienmaklers Osberghaus zu einem konspirativem Treffen gekommen sein, an dem neben anderen angeblich auch der damalige WSV-Trainer Sebastian Tyrala sowie ein heute noch maßgeblicher Funktionsträger des WSV beteiligt waren, ohne dass die anderen Vereinsgremien eingeweiht gewesen sein sollen. Man kann wohl davon ausgehen, dass Gaetano Manno im Nachhinein von den vermeintlichen Vorgängen hinter seinem Rücken Wind bekam.
„Manno-Raus“- Rufe wurden zum Begleiter
Bei dem angeblichen Geheimtreffen sollen Überlegungen im Raum gestanden haben, die den drohendem Abstieg und das Überleben des Vereins zum Inhalt hatten. Finanzen sollten konsolidiert, Personen ausgetauscht und Allianzen geschmiedet werden. Ein Plan soll gewesen sein, die sportliche Doppelspitze Manno/Tyrala schon aus Kostengründen zu sprengen, mit dem Ziel, Manno von der Gehaltsliste zu streichen. Dabei sollen Eckhard Osberghaus und Gaetano Manno lange eine enge Männer-Freundschaft gepflegt haben. Doch die war spätestens jetzt endgültig Geschichte.
Wie zu vermuten ist, wurde das vermeintliche Vorhaben, Gaetano Manno loswerden zu wollen, zumindest in Teilen des WSV-Umfeldes nie mehr aufgegeben. Die Realisierung scheiterte indessen am Verwaltungsrat unter Führung von Dr. Jürgen Hoss, der Geatano Manno weiterhin den Rücken stärkte.
Dr. Jürgen Hoss, Ex-Verwaltungsratsvorsitzender, stand für für Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein, auch wenn seine Vereinspolitik nicht immer von allen verstanden wurde – © Siegfried JähneDer Druck von außen wurde indes immer größer: “Der Fisch stinkt vom Kopf her“, hieß es auf Fan-Transparenten im Stadion, als der Erfolg einmal mehr ausblieb. Der Konflikt eskalierte immer mehr und konnte so nicht ohne Einfluss auf die Leistungen der Mannschaft bleiben.
Zusammenhänge zu den folgenden laufenden Aktionen aus Fan-Kreisen von der Nordtribüne (Fan ist abgeleitet von eifern, englisch „fanatic“) müssen mangels Beweisen rein spekulativ bleiben. Aber ein Vorgang wie dieser ist schon bezeichnend: Als Sportdirektor Gaetano Manno Anfang 2026 im Stadion am Zoo Mike Wunderlich als Nachfolger des entlassenen Cheftrainers Sebastian Tyrala vorstellte, zogen WSV-Fans vor der Stadion-Tribüne auf und protestierten lauthals. Die Schmährufe galten wieder einmal Sportdirektor Gaetano Mann. Aber ein Willkommensgruss für einen neuen Trainer und untadeligen Sportsmann sieht sicherlich anders aus.
Gaetano Manno erklärte damals unserer Zeitung – ohne bewusst Namen zu nennen: „Das ist alles gesteuert!“ Das Ende vom Lied: Am 12. März 2026, kurz vor der Jahreshauptversammlung des WSV, wurde Gaetano Manno dann aufgrund anhaltender Fan-Kritik und großem Drucks der WSV-„Ultras“ von seinem Amt als Sportdirektor freigestellt.
Was danach kam und wo man aus hiesiger Sicht den Hebel ansetzen müsste, lesen Sie in der nächsten Folge unserer „Chronologie des Scheiterns“.
Text: Siegfried Jähne
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