17. April 2026

Die tragische Fußball-Geschichte des Wuppertaler SV

Erlebt Wuppertal gerade das endgültige Ende einer großen Fußball-Ära? Noch ist es nicht so weit, noch gibt es ein Fünkchen Hoffnung, obwohl die Perspektiven alles andere als rosig sind. Der WSV hat als Tabellensechzehnter fünf Spieltage vor Saisonende fünf Punkte Rückstand auf das rettende Ufer, das vom SV Rödinghausen besetzt ist. Das hier soll kein Abgesang sein, sondern eine Art Ursachenforschung. Denn auch wir drücken dem Wuppertaler Fußball-Aushängeschild bis zum Schluß die Daumen und hoffen wie die treuen Fans auf ein Wunder.

Der Unternehmer Friedhelm Runge war lange Zeit Präsident des Wuppertaler SV und stand dem Verein später auch noch als Mäzen zur Verfügung – © Foto: Dirk Sengotta

Aber sollte der Wuppertaler SV am Ende doch den bitteren Weg in die Fünftklassigkeit antreten müssen, ist das die lange Geschichte eines Scheiterns mit ganz vielen Faktoren. Auch wenn man jetzt geneigt ist, die Gründe für den drohenden Abstieg an einzelnen Personen festzumachen, was nicht von der Hand zu weisen ist, so liegen sie doch tiefer und können bei der Bewertung nicht ganz außer Betracht bleiben. Hier eine geschichtlicher Rückblick auf die „Speckjäger“, wie man die Gründerväter des Vereins einst gerne nannte.

Der Verein entstand 1954 durch die Fusion aus dem SSV 04 Wuppertal und der TSG Vohwinkel 80 und nahm 1955 mit ganz wichtigen Zugängen richtig Fahrt auf. Es kamen die  Nationalspieler Alfred „Coppi“ Beck, der von 1955 bis 1958 in der Oberliga West für den WSV spielte und in 66 Spielen 22 Tore erzielte, sowie kein Geringerer als Fußball-Star Horst Szymaniak, der von 1955 bis 1958 für den Wuppertaler Verein auflief. Er trug später u.a. die Trikots des Karlsruher SC, der italienische Profi-Klubs CC Catania, Inter Mailand und FC Varese, ehe er in die Bundesliga zum Aufsteiger Tasmania Berlin wechselte.

Die große Zeit des „Meister Pröpper“

Das Wuppertaler Idol Horst Szymaniak bestritt 43 Spiele für die Deutsche Nationalmannschaft und nahm an zwei Fußball-Weltmeisterschaften teil. Für Aufsehen sorgte auch die Verpflichtung des Wiener Mittelstürmers Erich Probst (1956 bis 1958). Die erfolgreichste Zeit erlebten die Rot-Blauen von 1972 – 1975. Da kickten sie drei Spielzeiten in der 1963 gegründeten Fußball-Bundesliga.

Die Erfolgsgeschichte des WSV ist eng verbunden mit dem Namen Horst Buhtz. Er wurde 1968 Trainer beim WSV und führte die Mannschaft 1972 aus der Zweitklassigkeit in die erste Bundesliga. Auch dank seines Torjägers Günter „Meister“ Pröpper (52 Tore allein im Aufstiegsjahr) sowie seines Kapitäns und Abwehr-Chefs Manfred Reichert gelang dies in geradezu einzigartiger Manier. Man gewann auch sämtliche acht Spiele der Aufstiegsrunde.

Zwei alte Mannschaftskameraden: WSV-Idol Günter „Meister“ Pröpper (l.) und der inzwischen verstorbene Star-Trainer Udo Lattek (M.) bei der Veranstaltung „WupperTALK“ in der Hako Event Arena. Rechts Unternehmer Bernd Bigge  – © Archiv-Foto Paul Coon

In der nachfolgenden Bundesligasaison wurde der WSV  Vierter und schaffte damit sogar die Qualifikation für den UEFA-Cup. In den beiden folgenden beiden Jahren kämpften die Rot-Blauen allerdings schon wieder gegen den Abstieg, der dann auch  1975 traurige Wahrheit wurde. Zuvor hatte man schon Erfolgstrainer Trainer Horst Buhtz gefeuert, den ehemaligen deutschen B-Nationalspieler, dem man zuvor nicht nur bei seinem Gastspiel in Turin, wo er als erst zweiter Italien-Legionär spielte, Weltklasse bescheinigte.

Mit Horst Buhtz kam ein „Fußball-Professor“

Der Magdeburger Horst Buhtz hatte als Spieler einst in der A-Nationalmannschaft keine Berücksichtigung gefunden, wohl auch deshalb, weil der damalige Bundestrainer Sepp Herberger in der Position des Spielgestalters dem legendären Fritz Walter den Vorzug gab. Buhtz wurde dann beim WSV im Herbst des dritten Bundesligajahr gegen den Ungarn Janos Bedl ausgetauscht, welcher aber hier zum Scheitern verurteilt war. Als Horst Buhtz seinen Abschied nehmen musste, sagte er dem Chronisten sehr weitsichtig: „Es wird sehr lange dauern, bis man in Wuppertal wieder an solche Erfolge anknüpfen können wird.“

Unvergessen bleiben z.B. die Spiele gegen Bayern München im Stadion am Zoo vor über 40.000 Zuschauern, später nur noch einmal getoppt am 29.01.2008. Da verloren die Rot-Blauen mit 2:5 (2:2) das DFB-Pokal-Achtelfinalspiel gegen eben diese Bayern vor sage und schreibe 61.000 Zuschauern in der Schalker Veltins-Arena. Dorthin verlegt worden war das Spiel wegen des großen Zuschauer-Interesses und aus Sicherheitsgründen.

Peter Neururer mit WSV-Jacket im Stadion am Zoo  – doch er blieb nicht lange Funktionär des Traditionsvereins – © – Wuppertaler SV

Die zu starke Fokussierung auf einen Mäzen

Der Niedergang des Wuppertaler SV ist eine klassische, fast schon tragische Geschichte des deutschen Fußballs. Es ist eine Mischung aus wirtschaftlichem Strukturwandel, sportlichen Fehlentscheidungen und einer gefährlichen Abhängigkeit von Einzelpersonen. War es erst der charismatische, aber auch autoritäre und visionäre Unternehmer Rolf Kugel (Großhandel für Fleisch und Wurstwaren), der den „Mythos WSV“ in der Zeit von 1969 bis 1977  begründete, dann ab 1977 RWFK-Chef Dieter Buchmüller und danach ab 1991 der Unternehmer Friedhelm Runge (EMKA), die dem Verein über lange Zeit das finanzielle Überleben sicherten.

Der Fluch der großzügigen Hilfen: Einerseits retteten Kugel, Buchmüller und Runge den WSV oft vor dem finanziellen Aus, andererseits verhinderte die starke Fokussierung immer wieder auf einen einzigen Mäzen die Entwicklung professioneller, breiter aufgestellter Sponsoring-Strukturen. Das führte zu einem Führungsvakuum: Wenn es zwischen Fans und den „Bossen“ einmal krachte, wackelte das ganze Konstrukt. Nach Friedhelm Runges Rückzug 2013 folgte prompt die Insolvenz. Einmal mehr trat Friedhelm Runge später wieder als Retter auf, der er bis zu seinem Tod 2024 auch blieb. Die Verbundenheit zum „Verein seines Herzens“ wirkt über seinen Tod hinaus, wenn auch in stark abgeschwächter Form. EMKA ist bis heute ein nicht unwichtiger Sponsor des Vereins.

Die „Wicküler Brauerei“, einst Leuchtturm der Stadt

Sehen muß man indessen auch den wirtschaftliche Wandel der Stadt Wuppertal, die einst eine reiche Industriestadt (Textil, Chemie, Automobil-Zubehör) war. Mit dem Niedergang der lokalen Industrie schrumpfte auch der Pool an potenziellen Großsponsoren. Exemplarisch hierfür war die „Wicküler Küpper Brauerei“, die mit ihrem Boss Franz Kirschbaum ein großzügiger Gönner des Bundesligisten war (Werbe-Slogan der „Drei Musketiere: „Männer wie wir, Wicküler Bier“). Seit 2004 gehört diese Biermarke mit internationalem Ruf endgültig der Vergangenheit an. Es ist eine Tatsache: Während Fußball-Vereine in anderen Regionen von florierenden Konzernen getragen wurden, kämpfte der WSV in einer Stadt mit schwieriger Haushaltslage und hoher Verschuldung ums Überleben.

RWFK-Chef Dieter Buchmüller führte mehrere Jahre als Präsident den WSV – © privat

Auswirkungen auf die Abwärts-Entwicklung hatte aber nicht zuletzt auch die regionale Konkurrenz im „Fußball-Speckgürtel“. Wuppertal liegt geografisch in einer extrem schwierigen Zone. In unmittelbarer Nähe buhlen Dortmund, Schalke, Leverkusen, Mönchengladbach, Düsseldorf, Köln, Duisburg und Bochum um Fans, Talente und Sponsoren. Für einen Fußballfan in Wuppertal ist es oft attraktiver, 30 Minuten mit Bahn oder Auto nach Leverkusen, dem Deutschen Meister 2023/24 und Champions-League-Teilnehmer, zu fahren, als beim „Regionalligisten“ im spärlich besetzten Stadion am Zoo  Fußball zu schauen, freilich in einem der schönsten und traditionsreichsten, zudem denkmalgeschützten Stadion Deutschlands.

Der WSV ein schlafender Riese

Eine Frage bleibt schlußendlich trotzdem nicht vollständig beantwortet: Was hat man im „WSV-Management“ in den wirtschaftlich besseren Zeiten alles versäumt, dass ein solcher Niedergang die traurige Folge sein konnte? Der WSV ist heute ein schlafender Riese, der in einer der unteren Ligen feststeckt, die für die Strahlkraft des Namens eigentlich zu klein ist. Es fehlt an einem modernen, breiten Fundament, das den Verein unabhängig von „Gönnern“ macht.

Vom Überlebenskampf zum Markenzeichen

Zurück zu den WSV-Gründungsvätern: Die Fusion des Elberfelder SSV 04, die man „Speckjäger“ nannte, mit der TSG Vohwinkel 80 zum großen Stadtverein war damals, 1954, durchaus umstritten. Der SSV 04 hatte seine Heimat seinerzeit rund um die Hofaue, wo der Handel blühte. Während die Elberfelder SSVer das Stadion am Zoo sowie die „Speckjäger-Mentalität“ in die Ehe einbrachten, steuerten die Vohwinkeler eher die sportliche Qualität ein. Beide Vereine spielten damals in der zweithöchsten Klasse, der 2. Liga West. Der SSV war allerdings vom Abstieg bedroht. Ohne die „Speckjäger“ aber hätte der WSV seinen rasanten Aufstieg in den 50er Jahren wohl kaum so beginnen können.

Siegfried Jähne (l.), heute Sport- & Kulturberichterstatter der STADTZEITUNG, im Interview mit „Kaiser“ Franz Beckenbauer  – © privat

Die „Speckjäger Mentalität“ ist wieder gefragt

Noch heute ist der Begriff „Speckjäger“ bei älteren WSV-Anhängern Kult. Der Name hat einen sehr pragmatischen, nachkriegszeitlichen Hintergrund: In der harten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Menschen aus dem zerbombten Wuppertal  sogenannte „Hamsterfahrten“ zum Überleben. Die Jagd nach Lebensmitteln: Man fuhr ins ländliche Umland (Richtung Westfalen oder ins Rheinland), um bei den Bauern Habseligkeiten gegen Lebensmittel einzutauschen – vor allem gegen Speck. Vom Überlebenskampf zum Markenzeichen: Was ursprünglich eine Notwendigkeit war, wurde anfangs spöttisch belächelt, später dann zum stolzen Markennamen für die Elberfelder Fußballer.

Vielleicht kann die Erinnerung an den Überlebenskampf der „Speckjäger“ auch heute noch Symbol, Motivation und Antrieb für ein einen Neu-Anfang in einer Stadt sein, die sich auf ihre Wurzeln besinnt und die Kraft findet, die ihrer eigentlichen Bedeutung gerecht wird. Denn Wuppertal ist nach wie vor eine tolle, liebenswerte Stadt. Hier gibt es die Schwebebahn, den Grünen Zoo, die Historischen Stadthalle, das Opernhaus, die Schwimmoper und nicht zuletzt das Visiodrom.

Aber auch die weit über Wuppertal hinaus strahlenden Projekte wie die Nordbahntrasse und die Initiative „Circular Valley“, beides in die Tat umgesetzte Ideen von Dr. Carsten Gerhardt. Vielleicht ist dieser Visionär genau der richtige Mann, um mitzuhelfen, aus dem strauchelnden Traditionsverein, der im weitesten Sinne ein Stück weit Wuppertaler Kulturgut darstellt, wieder eine erfolgreiche, nachhaltige Marke zu kreieren!

Nicht selten wiederholt sich Geschichte – wie auch immer…

Text: Siegfried Jähne

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