19. Oktober 2026

Eine Welt, die Sex, Macht und Gewalt verbindet

Vor 100 Jahren, am 22. Oktober 1926, wurde Frank Wedekinds Drama "Lulu" im Berliner Schauspielhaus uraufgeführt. Dieses Jubiläum des Skandalstücks hat Autor Uwe Blass in der beliebten und lehrreichen Uni-Reihe "Jahr100Wissen" im Gespräch mit PD Dr. Christoph Gardian, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere deutsche Literaturgeschichte, genau beleuchtet.

PD Dr. Christian Gardian, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere deutsche Literaturgeschichte – ©  UniService Third Mission

Genau genommen war dies aber Wedinds  Zusammenfassung zweier bereits gespielter Dramen, oder?

Christoph Gardian: „Genau: Frank Wedekinds „Lulu“ gilt als sein Hauptwerk. Aber es handelt sich nicht um ein ursprünglich einheitlich veröffentlichtes Stück, sondern um das Resultat einer langen Textentstehung. Aus frühen Entwürfen seit 1892 entstand zunächst eine „Monstretragödie“ mit dem Namen „Die Büchse der Pandora“. Weil Wedekind und sein Verleger (Albert Langen, Buch & Kunst-Verlag) wegen der freizügigen Szenen die Zensur fürchteten, gestaltet er die Tragödie um und nennt das Ergebnis „Erdgeist“. Dieses Stück wird erstmals 1895 veröffentlicht. Gleichzeitig arbeitet Wedekind weiter an „Die Büchse der Pandora“ und findet 1903 mit Bruno Cassirer einen Verleger. Es folgen dann aber drei Gerichtsverfahren wegen der ‚Verbreitung einer unzüchtigen Schrift‘. Wedekind und Cassirer werden am Ende freigesprochen, aber das Stück bleibt verboten. Also feilt Wedekind weiter an dem „Lulu“-Stoff, verbindet die beiden Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ zu einer Bühnenfassung mit dem Namen „Lulu“, die noch einmal überarbeitet 1913 im Druck erscheint. In der maßgeblichen Ausgabe letzter Hand, in den Gesammelten Werken, erscheint „Lulu“ wieder als ‚Doppeltragödie‘ aus „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“.“

Worum geht es in der Tragödie?

Christoph Gardian: „Lulu“ erzählt die Geschichte einer Frau, die durch ihre erotische Ausstrahlung die unterschiedlichsten Männer in ihren Bann zieht. Sie steigt aus einfachen Verhältnissen in die höchsten Kreise des Bürgertums auf, wird mehrfach verheiratet, begehrt – aber gleichzeitig kontrolliert, manipuliert und ausgenutzt. Ihre Beziehungen enden regelmäßig in Gewalt, mit Selbstmord oder Mord. Nach dem Tod ihres letzten Ehemanns beginnt ihr sozialer und wirtschaftlicher Absturz: Sie landet im Gefängnis, arbeitet als Prostituierte in London und wird dort von dem Lustmörder Jack (es handelt sich erkennbar um Jack the Ripper) getötet. Es geht vor allem um Macht und Manipulation und um eine Kritik an bürgerlichen Moralvorstellungen: um Besitzansprüche und Doppelmoral.“

© Bergische Universität

Warum hat Wedekind die beiden Stücke zu einem gemacht?

Christoph Gardian: „Dafür, die beiden Stücke zu einer geschlossenen Tragödie unter dem Titel „Lulu“ zusammenzuführen, sprechen dramaturgische Gründe. Wedekind strafft die Handlung, überarbeitet zahlreiche Szenen und schafft eine kompaktere Bühnenfassung. In der Zusammenfassung tritt die symmetrische Struktur der ‚Doppeltragödie‘ viel deutlicher hervor: Auf Lulus gesellschaftlichen Aufstieg folgt spiegelbildlich im zweiten Teil ihr Absturz. Dadurch wird das Drama zu einer geschlossenen Tragödie, in der Anfang und Ende einander entsprechen. Gleichzeitig rückt die Figur der Lulu noch stärker ins Zentrum, während die einzelnen Episoden weniger als Skandalgeschichten erscheinen, sondern als Stationen einer konsequenten Entwicklung. Die Fassung „Lulu“ verdichtet den Stoff und macht sichtbar, dass Aufstieg und Fall der Titelfigur zwei Hälften derselben Geschichte sind.“

Schon die Entstehungs- und Fassungsgeschichte wird zu einer langjährigen Skandalgeschichte zwischen Autor, Publikum, Zensur und Gericht. Wedekind fertigt infolgedessen immer neue Textfassungen. Was durfte denn die wilhelminische Gesellschaft nicht lesen?

Christoph Gardian: „Die Anklage im Jahr 1904 lautete, wie gesagt, auf ‚Verbreitung einer unzüchtigen Schrift‘. Das Stück behandelt gleich mehrere Tabuthemen und macht sie öffentlich: weibliche Erotik und Promiskuität, Prostitution, Homosexualität und einen Sexualmord. Insgesamt geht es aber wohl nicht um die Verletzung einzelner Tabus, sondern das gesamte bürgerliche Moral- und Geschlechterverständnis der Zeit wird infrage gestellt. Die wilhelminische Gesellschaft sollte wohl nicht lesen, dass hier Sexualität als eine eigenständige, elementare Kraft dargestellt wird – unabhängig von Ehe, Moral oder Religion. Wedekind zeigt eine Frau, die ihre Sexualität weder bereut noch der bürgerlichen Ordnung unterwirft. Das war um 1900 eine starke Provokation. Die eigentliche Provokation besteht in der Perspektive des Stücks, die die bürgerliche Moral als Heuchelei entlarvt. Dieselben Männer, die Lulu begehren, verurteilen sie moralisch, sie wollen sie zugleich besitzen und kontrollieren. Die gesellschaftliche Ordnung wird von denselben Trieben bestimmt, die sie offiziell verleugnet.“

Der Autor Frank Wedekind – © gemeinfrei

Frank Wedekind ignorierte die Regeln des zu seiner Zeit vorherrschenden naturalistischen Dramas und setzte bewusst auf grelle Panoptikum-Effekte, groteske Szenen und kolportageartige Elemente, ohne sich über Stilbrüche zu kümmern. Welche Tabus brach denn sein Skandalstück?

Christoph Gardian: „Die Verletzung von moralischen und gesellschaftlichen Tabus ist das eine. Dazu kommt ein Bruch mit den Theaterkonventionen der Zeit. Während der Naturalismus auf psychologische Glaubwürdigkeit und eine möglichst realistische Darstellung setzte, arbeitet Wedekind mit Überzeichnung, Groteske, Zirkus- und Varietéelementen, abrupten Szenenwechseln und einer bewusst künstlichen Figurenzeichnung. Er wollte nicht die Wirklichkeit möglichst naturgetreu abbilden, sondern ihre Widersprüche sichtbar machen. Wedekind zeigt eine Welt, in der Sexualität, Macht und Gewalt untrennbar miteinander verbunden sind. Er erzählt keine moralische Lehrgeschichte, sondern führt vor, wie gesellschaftliche Rollen entstehen und scheitern.“

Gibt es zu der Figur der Lulu eigentlich Vorbilder in Wedekinds Biographie?

Christoph Gardian: „Ein einzelnes Vorbild für Lulu gibt es nicht. Wedekind hat zwar immer wieder Anregungen aus seinem eigenen Leben verarbeitet, aber Lulu ist keine porträtgetreue Darstellung einer realen Frau. Sie bündelt Erfahrungen, Beobachtungen und literarische Traditionen zu einer symbolischen Figur. Wedekind bewegte sich in den 1890er Jahren in Bohème-Kreisen, kannte Varietés und das Rotlichtmilieu aus eigener Anschauung. Diese Erfahrungen fließen in die Gestaltung der Lulu-Figur ein. Häufig wird außerdem auf die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé verwiesen, die Wedekind persönlich kannte. Sie galt vielen als ungewöhnlich selbstbestimmte Frau und inspirierte zahlreiche Künstler. Aber Lulu ist mehr als eine biografische Figur. Sie vereint Züge der biblischen Eva, der Pandora aus der griechischen Mythologie, der femme fatale des Fin de Siècle und des unschuldigen Naturwesens. Jeder im Stück sieht etwas anderes in Lulu. Sie besitzt keine festgelegte Identität – sie wird zur Projektionsfläche für die Wünsche, Ängste und Obsessionen der anderen Figuren. Darin liegt ihre eigentliche Modernität.“

Lulu – Erdgeist – Die Büchse der Pandora – Frank Wedekind – Philipp Reclam jun. Verlag GmbH – 248 Seiten – ISBN.10: 3150144515 – ISBN-13: 978-3150144510

Es gibt viele Umsetzungen der Vorlage sowohl im Theater, als auch im Film. Was macht den Stoff bis heute so spannend?

Christoph Gardian: „Der Stoff ist bis heute interessant, weil er keine einfachen Antworten gibt. Lulu ist weder eindeutig Täterin noch Opfer, weder Heilige noch Dämonin. Sie entzieht sich jeder eindeutigen Zuschreibung. Deshalb ist man immer wieder gezwungen, die Figur neu zu interpretieren – als femme fatale, als Opfer patriarchaler Machtverhältnisse oder als Symbol weiblicher Selbstbestimmung. Dazu kommt, dass Wedekind Fragen verhandelt, die bis heute aktuell sind: Wie entstehen Geschlechterrollen? Wer verfügt über den Körper eines Menschen? Wie hängen Sexualität und Macht zusammen? Auch formal ist „Lulu“ spannend, das Stück verbindet Tragödie mit Satire, Varieté, Groteske und Kriminalgeschichte. Es ist sehr bildkräftig und ermöglicht Regisseurinnen und Regisseuren immer wieder neue Lesarten.“

Die Uraufführung der Gesamtfassung mit dem Titel „Lulu“ fand erst 1988 in Hamburg unter der Regie von Peter Zadek statt. Im Programmheft schrieb Zadek damals über die Urfassung von Wedekinds „Die Büchse der Pandora“ (1892 – 94): „Eckig, unperfekt, obszön, pubertär … unschick“. Was meinte er damit?

Christoph Gardian: „Damit meint Zadek keineswegs, dass Wedekinds Stück schlecht geschrieben ist. Im Gegenteil: Er hat dieses ‚Eckige‘ bewundert. Die Urfassung wirkt roh, sprunghaft und voller Brüche. Sie hält sich nicht an die Regeln des klassischen Dramas und nicht an die psychologische Geschlossenheit des Naturalismus. Stattdessen werden grell überzeichnete Szenen und abrupte Tonwechsel aneinandergereiht. Genau diese sperrige Form empfand Zadek als überraschend modern. ‚Eckig‘ und ‚unperfekt‘ bedeutet also, dass es hier keine glatte, harmonische Dramaturgie gibt. ‚Obszön‘ meint die Lust, gesellschaftliche Konventionen zu verletzen. Und ‚pubertär‘ heißt: Das Stück besitzt eine jugendliche Radikalität, einen Trotz gegen jede Form von Anpassung. Das macht es ‚unschick‘, eben nicht geglättet oder moralisch entschärft. Die Brüche, die Übertreibungen und die Provokationen sind es, die das Stück formal so interessant machen.“

„Lulu“ – ein Film von Regisseur Peter Zadek nach dem Drama von Frank Wedekind – Studio: More Entertainment Rights – Cast: Susanne Lothar – Matthias Fuchs . Heinz Schubert – Ulrich Tukur – Ulrich Wildgruber – DVD – Laufzeit: 3:45 Std.

Lulu gilt als weltberühmte Erotiktragödie auf der einen, als Mörderballade auf der anderen Seite und transportiert die Metapher: Die Welt ist ein Schlachthaus, letztlich regieren Sexualität und Gewalt. Ist sie deshalb auch noch heute hochaktuell?

Christoph Gardian: „!Sex and Crime verkaufen sich natürlich immer. Aktuell ist „Lulu“ aber nicht einfach deshalb, weil von Sexualität und Gewalt erzählt wird – sondern weil Wedekind zeigt, wie eng Begehren, Macht und gesellschaftliche Rollen miteinander verknüpft sind. Lulu wird von den Männern begehrt, idealisiert, moralisch verurteilt und schließlich vernichtet. Das ist keine private Tragödie, sondern ein gesellschaftlicher Mechanismus. Die brutale Übergriffigkeit von Männern gegen Frauen – das ist ja etwas, das wir jeden Tag in den Nachrichten sehen. Die Welt ist ein Schlachthaus, weil Menschen einander besitzen, benutzen und objektivieren wollen. Das hat sich in den letzten 100 Jahren nicht geändert.“

Uwe Blass

PD Dr. Christian Gardian – ©  UniService Third Mission

Über PD Dr. Christoph Gardian

PD Dr. Christoph Gardian ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere deutsche Literaturgeschichte in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universität.

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