5. Oktober 2026Peter Pionke
Kann Einsamkeit die Demokratie gefährden?
Der Soziologe Dr. Joris Steg erforscht das Thema Einsamkeit – © Fakultät für Human- und SozialwissenschaftenEinsamkeit ist ein kollektives gesellschaftliches und politisches Phänomen, dass nicht mehr nur Ältere betrifft. Was ist Einsamkeit eigentlich?
Joris Steg: „Zunächst einmal ist Einsamkeit nicht das Gleiche wie Alleinsein oder wie soziale Isolation, auch wenn diese Begriffe oft synonym verwendet werden. Soziale Isolation bezeichnet den objektiven Mangel an sozialen Kontakten. Und Alleinsein ist grundsätzlich ein neutraler, manchmal sogar gewollter Zustand. Einsamkeit dagegen verweist stets auf etwas Negatives und Belastendes, auf Leidensdruck und ein Gefühl des Mangels. Einsamkeit kann definiert werden als subjektives Gefühl, das entsteht, wenn die sozialen Beziehungen als unzureichend wahrgenommen werden – wenn also eine Lücke und Diskrepanz besteht zwischen der Quantität und vor allem der Qualität der sozialen Beziehungen, die man sich wünscht oder die man braucht, und den sozialen Beziehungen, die man tatsächlich hat. Einsamkeit ist nicht einfach ein objektiver Mangel an Kontakten, sondern ein subjektiv gefühlter Mangel an sozialer Zugehörigkeit. Man kann allein sein, ohne sich einsam zu fühlen. Und man kann einsam sein, obwohl man nicht allein ist. Bei Einsamkeit geht es immer um ein belastendes Gefühl und ein schmerzhaftes Empfinden, weil die sozialen Beziehungen als unzureichend wahrgenommen werden.“
Wenn Einsamkeit auf ein subjektives Gefühl verweist, warum befasst sich dann nicht nur die Psychologie, sondern mittlerweile auch die Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft mit Einsamkeit?
Joris Steg: „Zunächst einmal beschäftigt sich auch die Soziologie mit Einsamkeit, weil dieses Phänomen mittlerweile gesellschaftlich so weit verbreitet ist. Es wird auch von der „Epidemie der Einsamkeit“ gesprochen oder Einsamkeit wird von Forschenden als „soziale Frage“ bezeichnet. Einsamkeit ist also nicht nur ein individuelles und psychologisches Problem, sondern auch ein kollektives Phänomen und damit ein gesellschaftliches und politisches Problem. Darüber hinaus hat Einsamkeit auch in Bezug auf die Ursachen und Folgen eine soziale Dimension: Einsamkeit entsteht nämlich nicht im luftleeren Raum, sondern ist gesellschaftlich wenigstens mitbedingt.
© Bergische UniversitätGesellschaftliche Krisen wie z.B. die Corona-Pandemie, soziale Strukturen und gesellschaftliche Entwicklungstrends wie die Individualisierung, die soziale Infrastruktur, die Digitalisierung und der mediale Strukturwandel oder Ungleichheitsmuster, haben Einfluss darauf, wie viele und welche Menschen sich einsam fühlen. Auch bei den Folgen zeigt sich, dass Einsamkeit neben den individuellen Folgen auch gesellschaftliche und politische Auswirkungen hat. Hohe Einsamkeitswerte zeigen also nicht nur individuelle Probleme an, sondern verweisen auch und gerade auf den Umstand, dass in der Gesellschaft etwas nicht stimmt und nicht richtig funktioniert.“
Bevor wir auf die Folgen zu sprechen kommen: Vor allem während und nach der Corona-Pandemie hat man Einsamkeit verstärkt bei jungen Menschen festgestellt. Bei den 16- bis 23-jährigen in Deutschland geben laut Studien über 50 Prozent an, dass ihnen manchmal oder immer Gesellschaft fehlt. Haben die das Kontaktknüpfen in der Krise verlernt oder warum sind gerade junge Menschen von Einsamkeit betroffen?
Joris Steg: „In der Tat erleben wir derzeit einen strukturellen Wandel. Einsamkeit galt traditionell als Phänomen älterer Menschen, das vor allem über 80-Jährige getroffen hat. Seit einigen Jahren können wir aber beobachten, dass junge Menschen die Gruppe mit den höchsten Einsamkeitswerten sind. Vor allem seit der Corona-Pandemie ist die Anzahl einsamer junger Menschen rapide angestiegen. Ich würde aber nicht unbedingt sagen, dass junge Menschen das Kontaktknüpfen in der Krise verlernt haben. Selbstverständlich hat die Corona-Pandemie mit ihren Maßnahmen zur Eindämmung – Lockdowns, Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen etc. – großen Einfluss auf das Sozialverhalten und auf das Einsamkeitsempfinden der Menschen gehabt. Und gerade junge Menschen wurden von diesen Maßnahmen in einer besonders sensiblen Entwicklungs-, Sozialisations- und Lebensphase, in der die Ausbildung von sozialen Beziehungen, Zugehörigkeiten und der eigenen Identität eine große Rolle spielt, getroffen. Man kann aber nicht alles ausschließlich mit der Pandemie erklären.
Immer mehr Jugendliche fühlen sich einsam – © UniService Third MissionWir können gerade ein Paradox erleben: Junge Menschen sind, gerade durch die sozialen Medien, so stark vernetzt und verbunden wie noch nie. Und trotzdem – oder gerade deshalb – fühlen sich so viele junge Menschen so einsam wie noch nie. Wenn es um die hohen Einsamkeitswerte bei jungen Menschen geht, müssen neben den längerfristigen Folgen der Pandemie, die gewiss eine zentrale Rolle spielen, auch andere strukturelle gesellschaftliche Entwicklungen und insbesondere der Einfluss der sozialen Medien als Faktor berücksichtigt werden. Diese scheinen ambivalent zu wirken: Auf der einen Seite können soziale Medien Gefühlen der Einsamkeit entgegenwirken, weil man leicht Kontakte knüpfen kann, auf der anderen Seite scheinen sie Gefühle der Einsamkeit zu befördern, weil die Kontakte oftmals eher oberflächlich und fluide sind – und eben keine langfristige Nähe und enge Bindungen erzeugen.“
Jetzt ist es ja nicht so, dass einsame Menschen partout keinen Kontakt möchten, aber es funktioniert oft nicht. Warum ist das so?
Joris Steg: „Das ist ein entscheidender Punkt. Manche Menschen sind zwar gerne allein, aber niemand möchte einsam sein oder ist freiwillig über lange Zeit einsam. Einsamkeit bedeutet eben gerade nicht, dass jemand keinen Kontakt zu anderen Menschen haben möchte, sondern dass ein Defizit besteht, dass die sozialen Beziehungen als unzureichend empfunden werden. Häufig besteht ein starkes Bedürfnis nach Bindung, Nähe und Zugehörigkeit, aber gleichzeitig fehlen die Möglichkeiten, stabile soziale Beziehungen aufzubauen. Das kann individuelle Ursachen haben. Einsamkeit erzeugt nämlich leider oft Verhaltensweisen, die das Problem weiter verschärfen. Menschen, die sich einsam, isoliert, ausgeschlossen, nicht zugehörig fühlen, ziehen sich häufig noch weiter zurück, wodurch Kontakte und der Aufbau sozialer Beziehungen erschwert werden. Ein wahrer Teufelskreis kann entstehen. Aber auch strukturelle Bedingungen spielen eine Rolle.
Wie ist die soziale Infrastruktur? In welcher Region lebt man? Gibt es niedrigschwellige Möglichkeiten und soziale Orte, um andere Menschen kennenzulernen? Wie viel Geld und Freizeit hat man zur Verfügung? Hat man im Beruf viel Kontakt zu anderen Menschen? Hinzu kommt die Individualisierung von Einsamkeit und ein Gefühl der Scham und des Scheiterns: Einsamkeit wird oft als Makel, als persönliches Versagen und individuelle Schuld wahrgenommen – und deshalb oft verschwiegen, wodurch sich das Problem verschlimmern kann. Einsamkeit ist aber nicht nur ein individuelles, sondern ein kollektives Problem. Einsamkeit zu bekämpfen, ist daher nicht nur eine individuelle, sondern auch eine zivilgesellschaftliche und politische Aufgabe.“
Welche Folgen und Auswirkungen hat Einsamkeit denn?
Joris Steg: „Auch hier gilt, dass Einsamkeit zwar zuallererst ein individuelles Phänomen ist, aber in Bezug auf die Folgen eine auch soziale und politische Dimension hat. Einsamkeit an sich bedeutet zunächst einmal persönliches Leid. Aber Einsamkeit und soziale Isolation befördern auch noch andere körperliche und psychische Belastungen. Einsamkeit macht krank, darauf weist auch die WHO hin. Einsamkeit, vor allem chronische Einsamkeit, erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für ein schwächeres Immunsystem, für Diabetes und für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und auch für Suizidalität. Die Folgen und Auswirkungen von Einsamkeit reichen aber über einzelne Personen und individuelle Problemlagen hinaus, sie sind auch gesellschaftlicher und politischer Natur. So sind einsame Menschen weniger zufrieden mit der Demokratie, sie haben auch weniger Vertrauen in Institutionen und Mitmenschen. Einsamkeit kann zudem Ressentiments und antidemokratische Einstellungen befördern.“
Der Mönch am Meer (1808 – 1810) von Caspar David Friedrich. Grundsätzlich wird das Bild als Zwiesprache eines einsamen Menschen mit der Natur in einem religiösen oder politischen Kontext gelesen – © gemeinfreiMit ebendiesen gesellschaftlichen und politischen Folgen befassen sich sozialwissenschaftliche Analysen zunehmend. So wird Einsamkeit unter Rückgriff auf eine Formulierung der Soziologin Eva Illouz auch als „undemokratische Emotion“ bezeichnet. Ein Autorenteam um die Soziologin Claudia Neu schreibt in dem Buch „Einsamkeit und Ressentiment“, Einsamkeit sei „das Gefühl eines Mangels an sozialen Beziehungen, das nicht nur persönliches Leid, sondern auch demokratiegefährdende Potenziale entfalten kann“. Wissenschaftliche Studien bestätigen nachweislich, dass chronische Einsamkeit und das Gefühl gesellschaftlicher Isolation die Anfälligkeit für rechtspopulistische und autoritäre Positionen erhöhen. Kann Einsamkeit die Demokratie gefährden?
Joris Steg: „Natürlich ist nicht jeder einsame Mensch automatisch demokratiefeindlich eingestellt und Demokratien gehen auch nicht zwangsläufig zugrunde, wenn es viele einsame Menschen gibt. Aber Einsamkeit ist definitiv ein demokratietheoretisch und praktisch-politisch relevantes Problem. Einsame Menschen haben im Durchschnitt weniger Vertrauen in Demokratie, Institutionen und Mitmenschen. Wenn Einsamkeit chronisch wird, verändern sich die Wahrnehmung von der Welt und der Blick auf die Gesellschaft. Und es gibt, wie schon angedeutet, sehr robuste empirische Hinweise darauf, dass Einsamkeit mit der Anfälligkeit für Ressentiments, Vorurteile, verschwörungsideologisches Denken sowie für extrem rechte, autoritäre und antidemokratische Einstellungen zusammenhängt. Einsamkeit kann also auch zu Radikalisierung führen, was gesellschaftlich und politisch gefährlich ist. Wichtig ist an dieser Stelle auch, dass Demokratie mehr ist als nur eine Staats-, Regierungs- und Verfassungsform. Demokratie ist immer auch eine Lebensweise. Demokratie lebt von der Partizipation und Teilhabe der Menschen, Demokratie lebt auch und gerade davon, dass Menschen sich als Teil einer Gemeinschaft begreifen. Wenn Menschen einsam sind und sich ausgeschlossen fühlen, geht das Gefühl der Zugehörigkeit verloren und der soziale Zusammenhalt kann erodieren. Einsamkeit kann also die soziale Basis, das gesellschaftliche Fundament von Demokratien untergraben. Einsamkeit ist daher eine gravierende Herausforderung für demokratische Gesellschaften.“
Einsame Jugendliche glauben etwa nicht, dass es sich lohnt, sich für die Gesellschaft zu engagieren, das Vertrauen in demokratische Strukturen ist bei den stark Einsamen deutlich geschwächt: 63 Prozent zeigen sich unzufrieden mit der Demokratie in Deutschland, bei den nicht Einsamen sind es 41 Prozent, sagt eine Schell-Jugendstudie. Es gibt mittlerweile sogar eine Einsamkeitsstrategie der Bundesregierung von Dezember 2023. Hat der Staat das Problem also erkannt oder wird das Phänomen der Einsamkeit gesellschaftlich und politisch immer noch unterschätzt?
Joris Steg: „Ich glaube, dass sich gesellschaftlich und politisch gerade etwas verändert. Einsamkeit wurde lange Zeit eher individualisiert und damit als privates Problem betrachtet. Damit lag dann auch die Verantwortung zur Lösung des Problems beim Individuum. Mittlerweile hat sich die Wahrnehmung verändert. Zum einen wird Einsamkeit, weil inzwischen so viele Menschen darunter leiden, sehr viel stärker beachtet, in Deutschland wie auch international. Das zeigen Analysen und Zahlen der WHO, die Vielzahl an wissenschaftlichen Studien zum Thema Einsamkeit oder die Einsamkeitsstrategie der Bundesregierung, zu der auch das Einsamkeitsbarometer gehört, das 2026 zum dritten Mal erschienen ist. Zum anderen wird die soziale Dimension von Einsamkeit, also die Tatsache, dass Einsamkeit auch gesellschaftliche und politische Ursachen sowie Folgen hat, mittlerweile sehr viel stärker berücksichtigt. Beides ist ein großer Fortschritt, denn Einsamkeit wurde lange vernachlässigt und nicht als gesellschaftliches Problem anerkannt. Nur weil das Problem mittlerweile erkannt wurde, heißt das aber nicht, dass es auch gelöst wurde.“
Einsamkeit ist keine Frage des Alters, es kann jede und jeden treffen – © PixabayWelche konkreten Maßnahmen gibt es denn schon gegen Einsamkeit? Und was kann man Ihrer Meinung nach kurz- und mittelfristig gegen Einsamkeit machen?
Joris Steg: „Gegen Einsamkeit gibt es bereits eine Vielzahl an Strategien und Maßnahmen. Alleine die Strategie gegen Einsamkeit der Bundesregierung umfasst deutlich mehr als 100 Maßnahmen – diese reichen von Forschung und Monitoring über Hilfs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote, den Ausbau niedrigschwelliger Begegnungsmöglichkeiten, die Sensibilisierung und Enttabuisierung bis hin zur seit 2023 jährlich stattfindenden Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“. Grundsätzlich glaube ich, dass sich Einsamkeit nicht mit einer einzelnen Maßnahme oder einer einzigen Strategie beseitigen lässt. Es ist gut und notwendig, dass der Staat das Problem erkannt hat und etwas gegen Einsamkeit tut, aber diese lässt sich nicht per Dekret aus der Welt schaffen. Einsame Menschen dürfen nicht alleine gelassen werden, ihnen muss geholfen werden. Ganz konkret mit psychischen Unterstützungsleistungen, aber auch in der Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten.
Da Einsamkeit auch mit strukturellen Faktoren wie der Wohnregion und der Wohnsituation, dem Alter, Armut, fehlender Mobilität und der Nutzung sozialer Medien zusammenhängt, braucht es auch strukturelle Antworten der Politik. Von entscheidender Bedeutung ist meiner Meinung nach, dass eine funktionierende soziale Infrastruktur besteht, die Teilhabe, Zugehörigkeit und soziale Kontakte ermöglicht. Es braucht Institutionen, Gelegenheiten und soziale Orte, die Begegnungen auf niedrigschwelliger Ebene möglich machen, wie Vereine, Bibliotheken, Hofläden, Nachbarschaftshilfen, Jugendtreffs oder Kulturzentren. Einsamkeit und Einsamkeitsbekämpfung sind nicht nur eine individuelle Frage, sondern ein gesellschaftliches und politisches Problem und damit auch eine gesellschaftliche und politische Aufgabe.“
Uwe Blass
Dr. Joris Steg – © Fakultät für Human- und SozialwissenschaftenÜber Dr. Joris Steg
Dr. Joris Steg ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität.
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