16. September 2026

Christen & Juden: Gemeinsam gegen den Antisemitismus

Die Zahlen sind alarmierend! Im Jahr 2025 registrierten die Ermittlungsbehörden 6.548 antisemitische Straftaten in Deutschland - allein 786 davon in NRW. Das entspricht einem Plus von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein unheilvoller Trend, der vor allem an den rechten und linken Rändern sichtbar wird. Die renommierte Netzwerk-Veranstaltung STADTGESPRÄCHE.ruhr griff den grassierenden Antisemitismus jetzt als brisantes Impuls-Thema auf. Und das an einen geschichtsträchtigen Ort - der großen Synagoge in Essen.

Dr. Richard Kiessler (2.v.l.), Journalist und 1. Vorsitzender des STADTGESPRAECHE.ruhr e.V., im Vorgespräch mit Kirchenrat Wolfgang Hüllstrung (2.v.r.), Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland (r.) und Moderator Pfarrer Steffen Hunder (l.) – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio Essen

Das beeindruckende Bauwerk, eines der Wahrzeichen der Ruhr-Metropole, wurde in der Reichspogromnacht (09./10.11.1938) von Nationalsozialisten angezündet und brannte innen völlig aus. Dass Neonazis und Islamisten auch in diesen Zeiten in Deutschland den Judenhass schüren, steht außer Frage. Doch inwieweit haben die christlichen Kirchen sogar den Weg dafür geebnet und wie können Juden und Christen jetzt gemeinsam den erschreckend aufkeimenden Antisemitismus bekämpfen?

Um sich dem spannenden Thema von dieser Seite zu nähern, hatte Dr. Richard Kiessler, bekannter Journalist und 1. Vorsitzender der Vereins STADTGESPRÄCHE.ruhr Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Kirchenrat Wolfgang Hüllstrung, Beauftragter für den christlich-jüdischen Dialog in der Rheinischen Landeskirche, als kompetente Impulsgäste eingeladen. 

Ehe Steffen Hunder, 36 Jahre Pfarrer der evangelischen Kreuzeskirche in Essen, als eloquenter, bestens vorbereiteter Moderator seine hochinteressanten Gesprächspartner ans Mikrofon bat, bedankte sich Dr. Richard Kiessler bei Prof. Dr. Diana Matut, Leiterin der Synagoge, für die Einladung in das imposante ehemalige jüdische Gotteshaus und legte den rund 200 Gästen noch eine ganz besondere Ausstellung ans Herz, die vielen Menschen emotional an die Nieren geht: „Zweitzeugen“, zu sehen im Kulturzentrum „Zeche Zollverein“. 

Konzentrierte Zuhörerinnen und Zuhörer: (v.l.) Ruth-Anne Damm, Prof. Dr. Diana Matut, Eva-Maria Kiessler, Dr. Richard Kiessler, Steffen Hunder und Abraham Lehrer – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio Essen

Ruth-Anne Damm, Co-Gründerin und Vorsitzendes des Projekts, erklärte in einem denkwürdigen Gespräch, wie die interaktive, museumspädagogisch aufbereitete Wanderausstellung für jungen Menschen ab 12 Jahren dazu beitragen kann, dass die Erinnerungen an den Holocaust, dem tiefschwarzen Punkt in der deutschen Geschichte, bewahrt werden können. Vier Konzentrationslager-Überlebende haben jeweils 900 Fragen beantwortet und so einen authentischen Einblick in ihre tragische Lebensgeschichte gewährt und diese somit als Weckruf für die Nachwelt festgehalten.

Danach stand das eigentliche Impulsthema im Fokus. Christentum und Judentum, die beiden Religionen haben über mehr als 1.500 Jahre konkurriert. So wurde Juden u.a. seit Jahrhunderten von Christen vorgeworfen, für die Kreuzigung von Jesus verantwortlich gewesen zu sein. 

Kirchenrat Wolfgang Hüllstrung erinnerte an das Judensau-Relief, das seit dem Jahr 1290 an der Stadtkirche in Wittenberg prangt. In der Stadt, in der Martin Luther einen Großteil seines Lebens verbrachte. Der Reformator selbst machte das Schandmal 1543 in seiner Schmähschrift „Vom Schem Hamphoras“ hämisch in breiten Kreisen publik. Abraham Lehrer, der rund um die Uhr von Bodyguards beschützt werden muss, rückte das „Judensau-Schnitzwerk“, das berühmte antijüdische Artefakt im Chorgestühl des Kölner Doms ins Blickfeld.

Beim Impuls-Gespräch über die Bekämpfung von Antisemitismus: (v.l.) Kirchenrat Wolfgang Hüllstrung, Moderator Pfarrer Steffen Hunder und  Abraham Lehrer – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio Essen

Insgesamt gibt an deutschen Kirchen und anderen Gebäuden heute noch 47 erhaltene Skulpturen, die Juden und ihren Glauben verächtlich machen. All das hat sicher über all die Jahre für Vorurteile, Mißtrauen und sogar Hass gesorgt. Doch längst haben die  Repräsentanten beider Religionen erkannt, dass sie den Antisemitismus nur gemeinsam bekämpfen können, über Religionsgrenzen hinweg. 

Denn seit Jahrzehnten waren die politischen Zeiten nicht mehr so unruhig und so unsicher. Das liegt nicht nur an einer Koalition, die mehr streitet, als regiert. Das hängt auch damit zusammen, dass neben friedliebenden Menschen, die vor blutigen Kriegen flüchteten, auch fanatische Islamisten, die Juden auf den Tod hassen, in Deutschland landeten und an den Rändern unserer Gesellschaft viele Sympathisanten fanden. 

Ein Meilenstein auf dem gemeinsamen Weg, den Christen und Juden einschlagen, wird das Kunstwerk „Ohne Titel“ der Berliner Künstlerin Andrea Büttner sein, eine fotorealistische Wandmalerei, die demnächst im Kölner Dom die Stirnwand der Marienkapelle hinter dem berühmten „Stefan-Lochner-Altar“ (geschaffen 1442) schmückt. Das Gemälde stellt das Steinfundament eines historischen Thoraschreins dar und symbolisiert damit die immer intensiver werdende christlich-jüdische Solidarität. 

Gruppenfoto beim renommierten Netzwerk-Event STADTGESPRÄCHE.ruhr in der alten Synagoge Essen: (v.l.) Bernd Jung, Vorstand der Sparkasse Essen, Thomas Kufen, Oberbürgermeister der Ruhr-Metropole, Peter Renzel, Sozialdezernent der Stadt Essen, Rüdiger Konetschny, Vorstandsmitglied des STADTGESPRÄCHE.ruhr e.V. – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio Essen

Haargenau dazu passt auch das „Jahres-Motto der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2026“: „Schulter an Schulter miteinander“. Kirchenrat Wolfgang Hüllstrung hielt schließlich auch noch die Broschüre „und jetzt?“ ins Scheinwerferlicht, die festgeschriebenen „Leitlinien zum Umgang mit antijüdischen Bildwerken in und an Kirchenräumen. Herausgegeben von den katholischen (Erz-)Bistümern und evangelischen Landeskirchen“. Alles gute Ansätze und ehrenwerte Vorsätze. 

Doch Abraham Lehrer schaut nicht allzu optimistisch in die Zukunft: „Christen und wir Juden wissen, dass wir zusammen stehen müssen. Es gibt viele sehr gute gemeinsame Initiativen. Aber die Erfolgsquote der Aktionen liegt höchstens bei 50 Prozent und oftmals sogar darunter.“ Eine realistische Einschätzung vor dem Hintergrund steigender Zahlen bei antisemitischen Straftaten und dem subjektiven Gefühl vieler jüdischer Mitbürger, in Deutschland, ihrer Heimat, nicht mehr sicher zu sein. 

Viele nachdenkliche Gesichter in der großen alten Synagoge, die viele Essenerinnen und Essener an diesem Abend zum ersten Mal von innen sahen. Ein denkwürdiges, tiefgründiges Gespräch wie in Stein gemeisselt, souverän geleitet von Pfarrer Steffen Hunder. 

Die begnadete Sängerin Asisa Nasir begeisterte die Gäste mit melancholischen Liedern der Komponisten Pergament und Felix Mendelsohn Bartholdy – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio Essen

Bei den STADTGESPRÄCHEN.ruhr herrschte diesmal zeitweise eine melancholische Stimmung, analog zu den von der begnadeten Sängerin Asisa Nasir (begleitet vom musikalischen Leiter und Pianisten Christian Komorowski) vorgetragenen Lieder des jüdischen Komponisten Pergament und des aus einer jüdischen Familie stammenden Felix Mendelssohn Bartholdy. 

Die Atmosphäre wurde erst nach dem offiziellen Teil wieder etwas lockerer, bei angeregten Netzwerk-Talks, kühlem Bier und köstlichem Wein der Sponsoren Stauder-Brauerei und der Winzergenossenschaft Mayschoss Altenahr und nicht zuletzt auch wegen der leckeren Currywurst von Azadeh und Sharyar Azhdari. 

Text: Peter Pionke

Treue Gäste der STADTGESPRÄCHE.ruhr: Natalie-Christine Toussaint, stellv. Vorsitzende des Tierschutzvereins Essen und ihr Partner, der Unternehmensberater Arnulf Schüffler – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio Essen

Link zur Webseite der STADTGESPRÄCHE.ruhr 

www.stadtgespraeche.ruhr

Link zur Webseite der Alten Synagoge: 

www.essen.de 

Link zur Ausstellung „ZWEITZEUGEN“:

www.zweitzeugen.de

Sorgten diesmal fürs leibliche Wohl: Der Essener Pop-Art-Künstler Sharyar Azhdari (M.), Ehefrau und Architektin Azadeh Azhdari und ihr fleißiges, motiviertes Team – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio Essen

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