27. Juli 2026Peter Pionke
Rainer Gruenter: Der forschende Rektor
Uni-Rektor Rainer Gruenter und der damalige NRW-Wissenschaftsminister und späterer NRW-Ministerpräsident Johannes Rau bei einem Empfang (1977) – © Uniarchiv der BU / Wilfried BellWie sind Sie dazu gekommen, eine Biographie über Rainer Gruenter (*10.06.2018 – †05.02.1993) für eines der wichtigsten Nachschlagewerke Deutschlands, die Neue Deutsche Biographie, zu erstellen?
Georg Eckert: „Zunächst einmal ist wichtig, wie die Neue Deutsche Biographie darauf gekommen ist. Das Werk ist eine Nationalbiographie, die sich besonders wirkungsmächtigen „Persönlichkeiten des gesamten deutschen Sprach- und Kulturraums“ widmet und aus wissenschaftlichen Kurzbiographien besteht. Mittlerweile online weitergeführt, ist dieses große gelehrte Unterfangen getragen von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften – zuletzt sind beispielsweise Artikel erschienen über die Unternehmerin Melitta Bentz (die den gleichnamigen Kaffeefilter erfunden hat), über den bedeutenden Mathematiker Kurt Gödel, den DDR-Dissidenten Robert Havemann und den ehemaligen Bundesminister des Auswärtigen Klaus Kinkel.
Bei einem solchen gelehrten Werk bewirbt man sich nicht. Vielmehr entscheidet die Redaktion, welche Persönlichkeiten historisch so relevant sind, dass ihnen ein Artikel gewidmet werden sollte (und auch, wer als Autor geeignet ist). Dazu zählt sie mittlerweile eben Rainer Gruenter: übrigens eine wichtige Anerkennung für unsere Bergische Universität heute. Angesichts von Gruenters Bedeutung hat die Redaktion mich gebeten, einen Artikel über ihn zu erstellen. Gerne habe ich zugesagt, vor einigen Jahren hatte ich gemeinsam mit dem inzwischen emeritierten Historiker Prof. Dr. Gerrit Walther und dem ehemaligen Universitätsarchivar Dr. Joachim Studberg die Festschrift zum 50jährigen Jubiläum unserer Universität verfasst.“
© Bergische UniversitätRainer Gruenter war der Gründungsrektor der Gesamthochschule Wuppertal, heute Bergische Universität. Für ihn in diesem Amt hat sich der damalige Wissenschaftsminister und spätere Bundespräsident Johannes Rau stark eingesetzt. Warum?
Georg Eckert: „Genaue Gründe hat Rau nie benannt, vielleicht war das für ihn „Herrschaftswissen“. Vorzeigbar sollte der neue Rektor sein, das hat Rau explizit betont: aber inwiefern genau, hat er nie offengelegt. Manche Motive lassen sich gleichwohl nachvollziehen. Das wichtigste könnte sein, dass Gruenter auf Rau einen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht hat – in der direkten persönlichen Begegnung, die für Johannes Rau immer ein wichtiger Faktor war: Er hat Politik in Personen gedacht, nicht in abstrakten Programmen, und Gruenter, dem Rau etwa beim Wuppertaler Industriellenpaar Stella und Gustav Adolf Baum mehrfach begegnet war, konnte sehr gewinnend wirken. Johannes Rau hat sich auf den Rat eines weitgespannten Netzwerks verlassen, über das er rund um Wuppertal verfügte, auch und gerade in großbürgerlichen Kreisen, in denen Gruenter schon länger verkehrte. So ließ sich diese Ernennung außerhalb sozialdemokratischer Kreise gut „verkaufen“, nicht zuletzt in der Wissenschaft: Gruenter hatte ein gewisses Prestige, er war ein anerkannter Gelehrter in seinem Fach.
Der Historiker Dr. Georg Eckert von der Bergischen Universität – © Mathias KehrenDieser Ruf sollte auf die neue „Gesamthochschule“ ausstrahlen: damit sie in der Wissenschaftswelt ernstgenommen und nicht als Pädagogische Hochschule verspottet wurde, die nur ein neues Türschild bekommen habe. Doch auch für sozialdemokratische Bildungsreformer war Gruenter ein plausibler Kandidat, immerhin hatte er mehrere Jahre an der als besonders progressiv geltenden Freien Universität in Berlin gewirkt, kritisch die nationalistische Vergangenheit der Germanistik thematisiert und sich sogar aus germanistischer Sicht mit Max Horkheimer beschäftigt, also mit einem der Säulenheiligen der „68er“. Außerdem hatte Gruenter sich in diversen populären Publikationen als Hochschulreformer profiliert und war demonstrativ nach nur einem Jahr von seinem Amt als Rektor der Universität Mannheim zurückgetreten, in einem massiven Dissens über die Grundordnung der erst im Jahre 1965 zur Universität erhobenen Hochschule – Gruenter und die „linken“ Studenten standen hier auf derselben Seite gegen das baden-württembergische Kultusministerium. Er war also persönlich, gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich vorzeigbar.“
Was hat er denn im Laufe seiner Amtszeit (1972 – 1983) in Wuppertal so alles in die Wege geleitet?
Georg Eckert: „Gruenter hat zunächst einmal eine kluge Arbeitsteilung betrieben – und sich um die „großen Linien“ zu kümmern versucht; den mühseligen administrativen Alltag überließ er eher anderen, insbesondere seinem Kanzler Dr. Klaus Peters, der die Wuppertaler Verhältnisse sehr gut kannte. Der Kanzler war so etwas wie der Innenminister der Gesamthochschule, der Rektor gab eher den Außenminister, der viel gesellschaftliche Unterstützung aktivierte, der mit eleganten Ansprachen beeindruckte und der mit der Kraft seiner gelehrten Persönlichkeit für das Konzept der Gesamthochschule einstand. Das heißt nicht, dass sich der Rektor nicht für schnöde Details der Hochschulpolitik interessiert hätte – zum Beispiel betrieb er energisch die Berufung von Bazon Brock und anderen, mit denen er eine Avantgarde nach Wuppertal zu locken vermochte. Aber wichtiger war für ihn, eine inspirierende Atmosphäre zu schaffen und selbst mit dem guten Beispiel eines Professors voranzugehen, der während seines für damalige Verhältnisse ungewöhnlich langen Rektorats pionierhaft die Kulturgeschichte der Aufklärung erforschte und dafür sogar eine eigene Arbeitsstelle in Wuppertal aufbaute: ein forschender Rektor, das war ein Signal nach innen und nach außen.“
Er war sehr eng mit dem Wuppertaler Industriellenpaar Gustav Adolf und Stella Baum verbunden, die zu Beginn seiner Amtszeit auch mithalfen, das gesellschaftliche Leben an die Universität zu binden. Da gab es interessante Treffen, oder?
Georg Eckert: „Manche Zeitzeugen, die Berichte über diese Treffen hinterlassen haben, erinnern sich fast schwärmerisch an ereignisreiche Begegnungen, die mitunter Happening-Charakter hatten; es müssen schwungvolle, inspirierende Veranstaltungen gewesen sein. Die engen persönlichen Beziehungen, die sich dabei entwickelten, passten zu Gruenters Selbstverständnis – er hat vergleichsweise wenige Bücher geschrieben, aber dafür viele geistreiche Essays. Er, der ja in einer alten Mühle an der Erft wohnte (und in zweiter Ehe mit einer Adeligen verheiratet war), gab sich ein wenig wie ein geselliger britischer Landadeliger aus dem 18. Jahrhundert. Auf eine solche Wahrnehmung konnten sich aus gegensätzlichen Gründen übrigens sowohl diejenigen verständigen, die Gruenter sehr schätzten, als auch diejenigen, die ihm einen eitlen Hang zur Selbstpräsentation nachsagten.“
Rainer Gruenter im Sessel (Herbst 1985/86) – © Uniarchiv der BU / Petra ZöllnerWo haben Sie sich überall zum Thema informiert?
Georg Eckert: „Gruenters Bedeutung als Germanist kann man daran ersehen, wo sein Nachlass zu finden ist. Die Korrespondenz des „Euphorion“, einer wichtigen literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift, als deren Herausgeber Gruenter über dreißig Jahre wirkte, befindet sich mittlerweile in Speyer, in der dortigen Landesbibliothek. Der größte Teil von Guenters Nachlass allerdings, von seinem Tagebuch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs über seine Vorlesungsmanuskripte bis hin zu vielen Briefen, kann man im Deutschen Literaturarchiv Marbach einsehen – das belegt seinen Rang eindrücklich. Sein Wirken als Rektor ist natürlich vor allem im Wuppertaler Universitätsarchiv einsehbar: ob nun in seinen Reden, in Protokollen unzähliger Gremiensitzungen, in zahlreichen Akten zu Themen, in die der Rektor irgendwie eingebunden war respektive sich selbst einschaltete, in den überaus spannenden Zeitzeugeninterviews, die im Vorfeld des Universitätsjubiläums entstanden sind, in seiner Personalakte oder in vielen anderen Quellen.“
Wie hilfreich war denn das Material aus dem Archiv der Bergischen Universität?
Georg Eckert: „Die gerade erwähnten Quellen geben nur einen ersten Eindruck von den umfangreichen Beständen im Universitätsarchiv, um dessen Aufbau sich Dr. Joachim Studberg so herausragende Verdienste erworben hat. Wenn man Gruenter vor allem in seinem Wirken als Rektor fassen möchte, ist es die zentrale Anlaufstelle – und eine, die Forscher ganz hervorragend unterstützt. Das sehr kundige und hilfreiche Team um unsere so engagierte Universitätsarchivarin Dr. Friederike Jesse bietet hervorragende Bedingungen für solche und viele andere Studien.“
Welchen Einfluss hatte Gruenter denn in Bezug auf die Hochschulentwicklung in NRW?
Georg Eckert: „Die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen insgesamt war für Gruenter wenig relevant – in Düsseldorf machte er sich eher in Angelegenheiten bemerkbar, die Wuppertal unmittelbar betrafen. Zu grundsätzlichen Fragen der Hochschulentwicklung nahm er zwar weiterhin Stellung, aber betrieb keine Politik im Landesrahmen; das Verhältnis der etablierten Universitäten zu den neugegründeten „Gesamthochschulen“ war nicht ganz unproblematisch, hier konkurrierten die Interessen durchaus. Vielmehr verfolgte Gruenter in Wuppertal seine eigene Agenda, wie sie auch von bürgerlichen Kreisen betrieben worden war, die am Ende der 1960er Jahre gezielt auf die Gründung einer Universität hingearbeitet hatten.
Sozialdemokratische Aufstiegsversprechungen, die hingegen von der dann gegründeten „Gesamthochschule“ ausgingen, waren für ihn eher nebensächlich – ihm kam es darauf an, aus „seiner“ Gesamthochschule eine besonders feine Universität zu machen. Das ist ihm auch gelungen, ab dem Jahre 1983 hieß sie offiziell „Bergische Universität – Gesamthochschule Wuppertal“. Sie geriet freilich wesentlich größer, als Gruenter es gewünscht hatte: Seine Idee war gewesen, der „Massenuniversität“ etwas entgegenzusetzen. Gruenter huldigte aus Überzeugung einem „Gesetz der kleinen Zahl“, mehr als 8.500 Studenten sollte es seiner Ansicht nach nicht geben. Als er im Jahre 1983 aus dem Amt schied, war diese Zahl längst überschritten.“
Rainer Gruenter an seinem Schreibtisch im Rektorenbüro (1977) -© Uniarchiv der BU / Rainer HaldenwangWelche Bedeutung hat er für das Bergische Land?
Georg Eckert: „Blickt man aus heutiger Sicht und mit heutigen Begriffen auf Gruenters Wirken zurück, wäre einerseits die Vernetzungsleistung zu nennen, an der er führend beteiligt war; Gruenter hat Verbindungen knüpfen und festigen können, und er vermochte einflussreiche Leute dafür zu gewinnen, ihre Möglichkeiten und Kontakte in den Dienst der Gesamthochschule respektive Universität zu stellen. Vor allem gab er der sehr wolkigen und für manche eher bedrohlich klingenden Idee der „Gesamthochschule“, die gerade im Bürgertum eher nach der ungeliebten „Gesamtschule“ klang, ein überaus freundliches Gesicht und machte den eigenartigen Namen vergessen. Gruenter sah eben rundum nach Universität aus. Wie er es einmal selbst in Anlehnung an Max Weber formulierte: Eine Universität sollte geleitet werden durch eine „Persönlichkeit, die wirklich Wissenschaft als Beruf verkörpert“. Das tat Gruenter, und das war für das Bergische Land wichtig: ganz konkret, weil qualifizierte künftige Arbeitskräfte in der Region gehalten oder sogar gewonnen werden konnten, und etwas abstrakter, weil die Bergische Universität längst zur Identität einer Gegend gehört, die sich als innovativ versteht.“
Was war denn für Sie der interessanteste Aspekt bei der Recherche zu seinem Leben?
Georg Eckert: „Der vielleicht spannendste Befund ist ein ganz paradoxer: nämlich derjenige, dass Gruenter eigentlich überhaupt nicht zur Idee der Gesamthochschule passte – und ausgerechnet deshalb war er die passendste, die beste Besetzung für das Amt des Gründungsrektors. Gerade seine Weltläufigkeit überstrahlte die biedere Anmutung einer Hochschule, die zunächst gerade keine Universität sein sollte. Aber Gruenter sorgte dafür, dass sie eben doch eine solche wurde. Er verwirklichte die Gesamthochschule also kurzerhand, indem er sie aufhob.“
Nachdem Sie nun seine Biographie für die neue deutsche Bibliothek geschrieben haben, die seit dem 1. April online ist, wie würden Sie ihn als Menschen beschreiben?
Georg Eckert: „Historiker sind keine Charakterkundler: Was in den Quellen zu lesen ist, sind oft Projektionen und Konstruktionen, die wiederum mit bestimmten Perspektiven und Interessen einhergehen. Aber für einen Rektor der 1970er Jahre war Gruenter bei allem Elitären, das für ihn übrigens zur Universität dazugehörte und dazugehören musste, überaus liberal und nahbar. Souveränität im Auftritt stritten ihm nicht einmal seine Kritiker ab, die es auch gab. Gruenter war eine elegante Gestalt, aber schon auch eine kantige: eine Karriere, wie er sie gerade deshalb erlebt hat, wäre heute kaum mehr möglich.“
Der Link zum Artikel in der Deutschen Biographie: https://www.deutsche-biographie.de/dbo058501-5.html#dbocontent
Uwe Blass
Dr. Georg Eckert – © Mathias KehrenÜber Dr. Georg Eckert
Dr. Georg Eckert studierte Geschichte und Philosophie in Tübingen, wo er mit einer Studie über die Frühaufklärung um 1700 mit britischem Schwerpunkt promoviert wurde, und habilitierte sich in Wuppertal. 2009 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Geschichte und lehrt heute als Privatdozent in der Neueren Geschichte.
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