18. Mai 2026Peter Pionke
Anne Franks Tagebuch – Weltliteratur im Engelsgarten
Die beiden Familien Frank (r.) und van Daan links. Anne Frank (Julia Meier) ganz vorne – © Dana Schmidt / Schauspiel WuppertalGrundlage des Stücks sind die Aufzeichnungen eines jüdischen Mädchens während des Zweiten Weltkriegs, die historische Dokumentation einer der größten Verbrechen der Menschheit. Das Ganze ist hier verknüpft mit der brillanten intimen „Coming-of-Age-Geschichte“ eines jungen Mädchens, die dabei die psychische und moralische Entwicklung einer jungen Protagonistin auf dem Weg von einer Jugendlichen zur Erwachsenen darstellt.
6 Millionen Ermordete bekommen ein Gesicht
Die Bürokratie des Holocausts beruhte auf Entmenschlichung und anonymen Statistiken (sechs Millionen ermordete Juden). Annes Tagebuch bricht diese Anonymität auf. Es gibt der unfassbaren Tragödie ein konkretes Gesicht, eine Stimme und eine Persönlichkeit. Durch ihre Augen wird die abstrakte Geschichte für nachfolgende Generationen greifbar, nahbar und schmerzhaft real. Julia Meier spielt diese Rolle von Anne Frank am Engelsgarten glänzend und nachvollziehbar, jugendlich aber auch nachdenklich.
Anne Frank, die Journalistin werden wollte, besaß eine für ihr Alter erstaunliche Beobachtungsgabe, psychologische Tiefe und stilistische Reife. Während des Zweiten Weltkriegs muss sich die deutsch-jüdische Familie Frank in Amsterdam gemeinsam mit anderen Juden vor den Nationalsozialisten verstecken. Ihrem Tagebuch vertraut die erst 13jährige Anne Frank während dieser Zeit ihre Gefühle und Gedanken an. Sie beschreibt ihren Alltag im Versteck und die erdrückende Angst vor der Entdeckung.
Bedrückende Geschichte einer gestohlenen Jugend
Trotz der täglichen Auseinandersetzungen mit den anderen und der ständigen Angst wird das Tagebuch zu Annes ganz persönlichem Freiraum. Sie beschreibt darin ihren Alltag und es gelingt ihr, beim Schreiben eine optimistische und humorvolle Seite auszuleben, dabei viel Hoffnung sowie Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Es ist vor dem Hintergrund der 1942 beginnenden Juden-Deportation nach Ausschwitz auch die bedrückende Geschichte einer gestohlenen Jugend.
Annes Situation als Verfolgte und Untergetauchte verunmöglicht keine Jugend mit Freiräumen und selbstgewählten Freundinnen und Freunden. Im Frühjahr 1944 verlieben sich aber Anne und der zwei Jahre ältere, eher schüchterne ebenfalls untergetauchten Peter ineinander, den Kevin Wilke authentisch darstellt. Durch ihre Tagebuch-Aufzeichnungen werden die aufkeimende Liebe und auch die grosse Sehnsucht nach Verliebtheit der Jugendlichen ganz besonders nachvollziehbar.
Das Foto zeigt Julia Meier als Anne Frank (l.) – rechts zu sehen: Julia Wolff, Kevin Wilke, Alexander Peiler, Lucas Brosch, Paula Püschel – © Schauspiel WuppertalSie schreibt: „Was gibt es Schöneres auf der Welt, als aus einem offenen Fenster hinaus in die Natur zu schauen, die Vögel pfeifen zu hören, die Sonne auf den Wangen zu fühlen und einen lieben Jungen in den Armen zu haben? Es ist so ruhig und sicher, seinen Arm um mich zu fühlen, ihn nahe zu wissen und doch zu schweigen. Es kann nicht schlecht sein, denn diese Ruhe ist gut“ (Tagebuch, 19. April 1944). Das Tagebuch ist dadurch nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein zeitloser Entwicklungsroman. Es beschreibt die Konflikte im Hinterhaus, die Macken der Mitbewohner und ihre eigene Pubertät mit einer Mischung aus messerscharfer Analyse, Selbstironie und Humor.
Leben im Verließ wird psychischer Zerreißprobe
Peter ist der Sohn der Familie Van Daan, die sich mit der Familie Frank im Amsterdamer Hinterhof verstecken. Deutlich werden dabei die schwierigen Eltern-Beziehungen der Heranwachsenden zu Vater Otto Frank (Alexander Peiler) und Mutter Edith Frank (Julia Wolff) auf engsten Raum. Annes Schwester, Margot Frank, wird von Anne Blum charakterisiert. Die Eheleute van Daan (Paula Schäfer sind Lucas Brosch) stellen mit ihren Emotionen den Kontrast zu den eher intellektuellen Franks dar, was das Zusammenleben in dem kleinen Verließ zu einer psychischen Zerreißprobe werden läßt.
Die karge Bühne ist abgehängt. Weiße Laken kleben über der Treppe, den Absätzen, den wenigen Möbeln, an den Wänden. Eine schlichte Behausung als Versteck und einzigen Lebensraum, den Matthias Dielacher und Chani Lehmann auf die Drehbühne gebaut haben. Für die Dramaturgie sorgt Marie-Philine Rippert. Anne Mulleners verzichtet auf den Einsatz von Musik, setzt aber auf wohldosierten Sound und Stimmung, wobei wir das Glockenspiel hören, wie es einst Anne Frank in ihrem Verließ erlebte.
Mit 13 begonnen, mit 15 ermordet
Trotz der ständigen Todesangst und der Enge des Hinterhauses verlor Anne Frank nicht den Glauben an das Gute im Menschen. „Das geht vorüber, vielleicht erst in Hundertern von Jahren, aber eines Tages doch“, schreibt sie. Eines ihrer berühmtesten Zitate fasst diesen unerschütterlichen Humanismus zusammen: „Es ist mir absolut unmöglich, alles auf der Basis von Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich empfinde das Leid von Millionen Menschen mit, und dennoch, wenn ich zum Himmel blicke, glaube ich, dass sich dies alles wieder zum Guten wenden wird. Trotz allem glaube ich an das Gute im Menschen.“
Kurz vor dem Eintreffen der Alliierten 1944 in der Normandie wurde das Versteck von einer unbekannten Person verraten. Bis auf den Vater Otto Frank überlebt keiner der Untergetauchten. Sie wurden nach ihrer Deportation aus Amsterdam in Ausschwitz ermordet. Anne Frank begann ihr Tagebuch mit 13, sie war 15 Jahre, als sie im Lager ermordet wurde.
Text: Siegfried Jähne
Das Tagebuch der Anne Frank
von Frances Goodrich & Albert Hackett.
Dauer: ca. 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause.
Besetzung:
Anne Frank – Julia Meier
Otto Frank – Alexander Peiler
Edith Frank, seine Frau – Julia Wolff
Margot / Miep – Aline Blum
Herr van Daan – Lucas Brosch
Frau van Daan – Paula Püschel
Peter / Dussel – Kevin Wilke
Team:
Inszenierung: Anne Mulleners
Bühne & Kostüme: Matthias Dielacher, Chani Lehmann
Puppenbau, Coaching Puppenspiel: Sara Hasenbrink
Dramaturgie: Marie-Philine Pippert
Regieassistenz: Johanna Landsberg, Benedikt Stoltefuß
Inspizienz: Ilja Betser
Es macht sicher Sinn, wenn Schulen von dem Angebot für Schulveranstaltungen Gebrauch machen. Schulvorstellungen für die Spielzeit 2025/26 sind per Mail an kontakt@kulturkarte-wuppertal.de buchbar.
Zu dieser Produktion gibt es ein theaterpädagogisches Begleitangebot. Bei Interessenten melden sich bei: Charlotte Arndt (Theaterpädagogin Schauspiel) Tel. +49 202 563 7646
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Das Stück ist bis zum 3. Februar 2027 im Programm, bis dahin sind noch elf Vorstellungen geplant.
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