31. Mai 2021

Hajo Jahn wird 80: Sein Einsatz für die Meinungsfreiheit

Der bekannte Fernseh- und Rundfunk-Moderator Hajo Jahn wir am heutigen Montag (31.05.) 80 Jahre alt! Der gebürtige Berliner ist Vorsitzender der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft. Als Rundfunk- sowie Fernseh-Moderator und -Reporter arbeitete Hajo Jahn von 1970 bis 2000 als WDR-Studioleiter in Wuppertal. Längst hat er sich auch als Buch-Autor einen Namen geschaffen. Wir gratulieren Hajo Jahn zum 80. Geburtstag.

Der bekannte Wuppertaler TV- und Rundfunk-Journalist Hajo Jahn – © privat

Der Wuppertaler Journalist Siegfried Jähne, langjähriger Autor der STADTZEITUNG, wirft einen Blick zurück auf die erfolgreiche Karriere und das Schaffen von Hajo Jahn – innerhalb und außerhalb des WDR.

Journalist Hajo Jahn hat viele „Kinder“, die richtig Karriere machten

Die in Wuppertal geborene Else Lasker-Schüler ist nach Expertenmeinungen die berühmteste und zugleich auch unbekannteste Dichterin Deutschlands. Letzteres zu ändern, hat sich der Wuppertaler Journalist Hajo Jahn zu einer seiner Aufgaben gemacht. Für ihn ist die freie Meinungsäußerung ein Wert, dem er sich sein ganzes Leben lang verpflichtet fühlt.

„Zu unserer Gegenwart gehören in vielen Ländern noch immer oder schon wieder Unterdrückung der Meinungsfreiheit und Verfolgung von Künstlern, Publizisten und anderen Intellektuellen“ schreibt Hajo Jahn in seinem neuen Buch „Der blaue Reiter ist gefallen“.

Hajo Jahn, geboren am 31.05.1941 in Berlin, ist heute Vorsitzender der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft.  Als Rundfunk- sowie Fernsehmoderator und -reporter arbeitete Jahn von 1970 bis 2000 als WDR-Studioleiter in Wuppertal. Jahn organisiert seit 1993 die Else-Lasker-Schüler-Foren mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, Zeitzeugen in Schulen, zu literarischem und politischem Austausch, so in Wuppertal/Solingen, Jerusalem, Breslau, Prag, Zürich, Catania oder Wien als Beispiele für die Arbeit eines aktiven Zentrums der verfolgten Künste.

Porträt von Else Lasker Schüler – gemalt von Lene Schneider-Kainer

„Dies tue ich, um eine zeitgemäße Erinnerungskultur und Erinnerungspädagogik jenseits eingefahrener Gedenkrituale zu schaffen“, sagte er uns.

Für Hajo Jahn hat die Katastrophe des 20. Jahrhunderts mit der Vertreibung der Künstler und Intellektuellen begonnen. Wie eine Metapher dafür sei das Schicksal der stadtbekannten Exzentrikerin Else Lasker-Schüler im Berlin der Jahrhundertwende, wo sie berühmt wurde. 

Sie war bedeutende deutsch-jüdische Dichterin und galt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur, trat aber auch als Zeichnerin hervor. 1909 erschien ihr erstes dramatische Werk  „Die Wupper“, mit dem sie ihrer Kindheit und Jugend in Elberfeld ein anrührendes und vielstimmiges Denkmal setzte.

Geboren 1869 in Elberfeld, von den Nazis gleich zweimal verjagt, starb sie 1945 in Jerusalem. Jahns eigene Geschichte hat viel zu tun mit Vertreibung. Seine Familie floh 1945 aus Frankfurt an der Oder nach Berlin, eine Flucht, die er als als Vierjähriger erlebte. 1953 dann nach dem DDR-Volksaufstand erneut eine Flucht seiner Eltern, diesmal aus Ost-Berlin nach Hamburg.

Von da kam es zu einer Übersiedlung ins Ruhrgebiet, wo er zunächst als „Kofferträger“, später dann als Chemielaborant im Bergbau seinen Lebensunterhalt verdiente. Als 18jähriger bekam er, der Volksschüler und ehemalige Bergmann, schließlich ein Volontariat bei der Westfälischen Rundschau, das in eine journalistische Festanstellung mündete. 

Seine Erfahrungen aus dem Bergbau kamen ihm bei seiner ersten Reportage für den WDR in der Region Hagen/Witten zugute, an der er Untertage anlässlich eines Besuchs des in Barmen gebürtigen damaligen NRW-Wirtschaftsministers Gerhard Kienbaum beteiligt war. Hier entstanden erste Kontakte nach Wuppertal. Jahn wurde WDR-Studio-Leiter in der Elberfelder Morianstraße, einem Zwei-Mann-Betrieb. 

Politisch gewollt war die Dezentralisierung und damit die Lokalisierung beim Westdeutschen Rundfunk, was beim WDR zum Aufbau von lokalen WDR-Studios in NRW führte.  Am Elberfelder Dr. Tigges-Weg entstand „Radio Bergisch Land“, der Vorläufer der heutigen Lokalzeit (die jetzt von der Friedrich-Ebert-Straße aus sendet). Dass der auf dem Nachbargrundstück wohnende, damalige NRW- Ministerpräsident und spätere Bundespräsident Johannes Rau quasi im Morgenmantel in das neue Studio kommen konnte, sollte kein Nachteil sein.

Hajo Jahn’s Kinder…

Radio Bergsch Land wurde in der damaligen Zeit der erfolgreichste Regional-Sender seiner Art. Das von Jahn entwickelte Konzept verband wie kein anderes regionale, Identität stiftende  Elemente. Das bergische Heimatlied als „Jingle“, also kurze einprägsame Erkennungsmelodie, die „Wupperwelle“ als Nachrichtenblock oder die Dröppelmina als Symbolfigur gehörten dazu.

Gastmoderatoren wie Intendant Fritz Pleitgen selbst, Max Schautzer, der neben vielen ARD Sendungen, wie ARD-Wunschkonzert, Fernsehlotterie, Pleiten, Pech und Pannen sowie

für die ARD den Eurovision Song Contest 1991 in Rom konzipierte und moderierte oder Manfred Erdenberger, eine der prominentesten Stimmen des Senders, kamen gerne und häufig als Gastmoderatoren in das kleine Studio am Dr.-Tigges-Weg. Auch ein Grund dafür, dass das Wuppertaler Modell den jungen und talentierten Journalisten-Nachwuchs anzog, der unter Hajo Jahns Leitung journalistische Erfahrungen sammelte und heranreifte.

Durch „seine Schule“ gegangen sind unter anderen Horst Kläuser (u.a. USA-Korrespondent), Matthias Wegner (Kinderfunk, LILIPUZ  und BÄRENBUDE)  Ulrike Römer (WDR 5 Morgenecho) Edda Dammüller (Nachrichten-Redakteurin WDR 2), Peter Kunz ( vormals Leiter des ZDF-Studios Singapur) und Jochen Rausch, der heutige Programmchef der Breitenprogramme 1 Live, WDR 2 und WDR 4

zudem stellvertretender Hörfunkdirektor des WDR ist. Das wohl prominenteste „Jahn-Kind“ aber dürfte der Solinger Jörg Schönenborn sein, der von der Uni zunächst als Freier Mitarbeiter ans Mikrofon am Katernberg kam. Heute ist er „WDR -Fernsehdirektor“, besonders bekannt durch seine Auftritte in den ARD-Wahlstudios als „Wahlmoderator“ und im „ARD-Presseclub“.

Schönenborn hatte seinen medialen Durchbruch in seiner Zeit als Hörfunkredakteur im WDR-Studio Wuppertal. Für seine Berichterstattung vom Brandanschlag in Solingen wurde er 1993/94 mit dem Telestar-Förderpreis und dem Axel-Springer-Preis für Fernsehjournalismus ausgezeichnet. Aktuell berichtet Schönenborn für die ARD aus Washington von den US-Wahlen

Müssen „Kino im Kopf“ machen

An Auszeichnungen fehlt es auch Hajo Jahn nicht: Für seine Verdienste wurden ihm 2003 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2006 der Rheinlandtaler und 2010 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Als die von ihm geführte  Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland 1994 in Düsseldorf die Stiftung „Verbrannte und verbannte Dichter/Künstler – für ein Zentrum der verfolgten Künste“ ins Leben riefen, fand Jahn schnell Mitstreiter.

Namhafte Autoren wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Johannes Mario Simmel oder Wolf Biermann und viele andere unterzeichneten den Gründungsaufruf. Mit Salman Rushdie unterschrieb auch der damals wohl bekannteste verfolgte Dichter. „Das hat gezeigt“, glaubt Jahn, „wie aktuell das Thema Verfolgung immer noch ist.“

Der lang gehegte Traum des Hajo Jahn von einem „Zentrum für verfolgte Künste“ wurde 2015 indes nicht in Wuppertal, sondern in Solingen realisiert, geht aber auf seine Initiative zurück. 

„Das Zentrum besteht offiziell, aber es lebt noch nicht“ , äußerte er sich zuletzt gewohnt kritisch. Jahns Zentrums-Idee ist ambitioniert und politisch. Er wünscht sich ein lebendiges, international vernetztes Haus. Wenn es tatsächlich nach außen Wirkung entfalten soll, braucht das Zentrum mehr Mitarbeiter“, so Jahn. Wünschen würde er sich ad-hoc-Veranstaltungen, etwa

eine kurzfristig machbare Veranstaltung nach den brutalen Mord am Pariser Geschichtslehrer Samuel Paty  mit Diskussionen und Workshops für Jugendliche über Meinungsfreiheit.  „Um Jugendliche in Internet-Zeiten für die Freiheit und Kunst zu begeistern“, sagt Jahn, „muss man schon mehr machen, als nur Museum.“ An Bildern könne man sich sattsehen. Bücher setzten mit der Zeit Staub an. „Deshalb müssen wir hier ‚Kino im Kopf‘ machen“.

Hajo Jahn wird sich weiter für seine Ziele einsetzen. Zum Beispiel als Herausgeber der Else-Lasker-Schüler-Almanach-Ausgaben mit Sarah Kirsch und Jürgen Serke. Die Gesellschaft müsse wachsam sein, davon ist Jahn heute mehr denn je überzeugt und sieht besonders bei den öffentlich-rechtlichen Medien noch einen guten Handlungsbedarf. 

„Da gibt es ungenutzte journalistische Freiräume. Hier ist für ein gebührenfinanziertes und damit unabhängiges Medium deutlich mehr drin, meint er. „Else Lasker-Schüler hat gelebt wie niemand vor und niemand nach ihr. Sie hat sich nicht angepasst, hat keinen der Kompromisse geschlossen, aus denen unser Leben besteht, hat nie und nirgends auf ihr ‚Ich‘ verzichtet, auf ihre ganz eigene Sicht der Welt.“

So Jakob Hessing 2009 in einer Biografie über die Dichterin, die 2009 in der Literarischen Welt veröffentlicht wurde und auch heute noch wie eine Aufforderung erscheint.

Text: Siegfried Jähne 

Das Von der Heydt-Museum – © Paul Coon

Rezension: Das Buch „Das Lied der Emigranten“ von Hajo Jahn

Der Berg der Wahrheit, Zufluchtsort nicht nur für den Sinn suchenden Eduard von der Heydt.

Wuppertal und  das schweizerische Ancona verbindet etwas, was hierzulande in Vergessenheit geraten ist. Ascona, im Schweizer Kanton Tessin gelegen, ist nicht zuletzt bekannt durch seinen „Wahrheitsberg“, den „Monte Verità“. Der  321 m hoch gelegene Hügel  ist -besser war- ein magischer Ort, ein bekannter Treffpunkt von Lebensreformern, Pazifisten, Künstlern, Schriftstellern sowie Anhängern unterschiedlicher alternativer Bewegungen, so auch Revolutionären.

Zu diesen „Sinnsuchern“ des frühen 20. Jahrhunderts gehörte auch der gebürtige  Elberfelder Eduard von der Heydt. Mehr noch, ihm gehörte sogar zeitweise der „Berg der Wahrheit“. Die Wuppertaler Bankier- und Kaufmannsfamilie von der Heydt hat bekanntlich zahlreiche Spuren in unserer Stadt hinterlassen.

Der Name des „Von der Heydt-Museums“ geht zurück auf seinen wichtigsten Stifter, den Bankier August von der Heydt (1851-1929) und seinen Sohn Eduard (1882-1964). Sie überließen dem Museum im Laufe von mehreren Jahrzehnten rund 300 Gemälde und Skulpturen deutscher und französischer Künstler des 19. Jahrhunderts. 

Ein bisher weithin unbekanntes Gesicht des Kunstliebhabers Eduard von der Heydt zeigt der Wuppertaler Journalist und Vorsitzende der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft Hajo Jahn in seinem jetzt auf der Leipziger Buchmesse vorgestelltem Buch „Das Lied der Emigranten“ auf, das im Peter Hammer Verlag erschienen ist und für 20 € erworben werden kann. Jahn und seine Gesellschaft bemühen sich um eine zeitgemäße Erinnerungskultur.

Zwischen Kunst und Kommerz war das Spektrum jener Zuzügler angesiedelt, dass sich in Ancona niederliess. Eine für den damaligen gesellschaftlichen Zwiespalt typische Aussage: „ Das heutige Leben basiert auf Egoismus, Luxus, Lüge und Heuchelei“, so schrieb ein damals erst 24jähriger Zivilisationsmüder.

Eine besondere „Abrechnung“ mit dem damaligen Zeitgeist, wie sie auch von Hermann Hesse in „Der Weltverbesserer“ formulierte wurde. Der Schriftsteller Hesse hatte in Ancona versucht, vom Alkohol loszukommen. Dichter, Maler, Philosophen und Revoluzzer wie Ernst Bloch, aber auch Gerhard Hauptmann, Else Lasker Schüler und Paul Klee logierten in so genannten „Licht-Luft-Hütten“ aus Holz, die mitten in die Wildnis des früheren Weinbergs gebaut wurden, sie wollten in der Natur „entgiften“.

Am stärksten geprägt hat Ascona wohl aber der Bankier Eduard von der Heydt. Er erwarb das vom Bankrott bedrohte „Monte Verità“ und ließ hier 1929 ein Hotel bauen. Hajo Jahns Einlassungen zu Eduard von der Heydt sind in dem Buch eher zurückhaltend. An anderer Stelle erfährt man über die Bewunderung, die von der Heydt mit seiner weltumspannenden Kunstkollektion und seiner Idee, die Schönheit zu pflegen, erfuhr.

Anderseits wurde das Wirken des Bankiers auch stark kritisiert, mit ihm habe das Geld auf dem Berg der Wahrheit Einzug gehalten. Der Kunstsammler Eduard von der Heydt habe gar einen faustdicken Pakt mit den Nazis gehabt, schrieb Hajo Jahn anläßlich des 22. Lasker-Schüler-Forums, das im letzten Oktober in Ancona stattfand und zur Grundlagen seines hier rezitierten Werkes wurde.

Das Buch widmet sich dem magischen Ort Ancona, der als Rückzugsort verstanden wurde,  um die Idee vom Neuen Menschen abseits vom Kapitalismus und Kommunismus neu zu erfinden. Beschrieben werden die Rebellen, und Revolutionäre, aber auch die zahlreichen Künstler und ihre Werke. Natürlich steht  bei Jahn hier einmal mehr die  in  Elberfeld geborene Jüdin Else Lasker Schüler (1869-1945) im Mittelpunkt der Betrachtung, die im ersten Drittel des letzten Jahrhundert Weltgeltung erlangte und mit Franz Kafka in einem Atemzug gennant wurde. In ihrem Schweizer Exil schrieb die das Gedicht „Das Lied der Emigranten“, das dem Buch den Titel gab.

Erstmals wird auch das Leben ihres Sohnes Paul beschrieben, der Schüler an der berühmt berüchtigten Odenwaldschule war.  Galt Else Lasker Schüler bisher eher als „Helikoptermutter“, erfährt der Leser jetzt auch einiges über die Mutterliebe, die der uneheliche Sohn von ihr erfahren habe  sowie über dessen vergeblichen Kampf gegen die Tuberkulose, dem selbst das milde Klima im Tessin keine Heilung bringen konnte.

Dass Buch schreibt aber auch über eine gefährliche Alterslüge der Dichterin, die dabei aufgefallen war, als sich um 22 Jahre jünger zu machen versuchte. Tatsächlich habe sie immer jünger ausgesehen und litt unter dem Älterwerden.  Ihr erster Mann Berthold war in Berlin angehalten worden, weil sie aussah wie eine 12jährige und er in den Verdacht geraten war, ein Verhältnis mit einer Unmündigen zu haben.

Die Rede aber ist in dem Buch auch von der Wuppertaler Ausdrucktänzerin Charlotte Bara und der Elberfelder Frauenrechtlerin Helene Stöcker. Und man erfährt, dass der berühmte Satz aus der Hymde der Proletarier„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, von Georg Herwegh stammt, angeregt durch den Wortführer der früheren Arbeiterbewegung Ferdinand Lassale, der in Ronsdorf  wirkte und nach dem hier inzwischen eine Strasse sowie trotz heftiger Proteste eine Grundschule benannt wurde.

Alle gemeinsam verbindet eine  Vergangenheit in Ascona und Wuppertal, die hier aufgezeigt wird. Insgesamt eine lesenswerte Lektüre für alle Geschichtsinteressierten, die für 20 Euro zu erwerben ist.  

Text: Siegfried Jähne

 

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