19. März 2020

Prof. Koch: Virus hat meine Befürchtungen bestätigt

Noch herrschen Semesterferien an der Bergischen Universität! Doch schon jetzt ist klar: Wegen der Coronaviruskrise wird das Sommersemester nicht pünktlich am 01. April beginnen. Landesweit ist der Start jetzt für 20. April vorgesehen. Es steht allerdings in den Sternen, ob dieser Termin eingehalten werden kann. Wie schätzt Uni-Rektor Prof. Dr. Lambert T. Koch die momentane Situation ein?

Uni-Rektor Prof. Dr. Lambert T. Koch – © Dirk Sengotta

 

Das Wort des weit über Europa hinaus anerkannten und geschätzten Ökonoms hat Gewicht. Welche Schlüsse müssen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus dieser weltweiten Virus-Krise ziehen? Welche Konsequenzen fasst Prof. Dr. Lambert T. Koch für die Bergischen Universität in Auge? Die STADTZEITUNG hat beim Uni-Rektor nachgefragt.

DS: Inwieweit hat der Coronavirus aus Ihrer Sicht die Welt verändert?

Prof. Lambert T. Koch: „Das Virus hat meine Weltsicht zwar nicht verändert. Es hat aber Vermutungen und Befürchtungen bestätigt, die in meinem Hinterkopf durchaus vorhanden waren. Dass Seuchen auch in der Neuzeit eine Bedrohung für die Menschheit sein können, war bekannt. Doch wie die ökonomische Globalisierung ein solches Geschehen verstärkt, war nur zu vermuten. Viele Entwicklungen des Turbokapitalismus bringen eben nicht nur Wohlstand, sondern auch Gefahren und Risiken mit sich. Zugleich lassen sie Gesellschaften und ihre Verantwortlichen leichtgläubig und leichtsinnig werden. Segnungen werden über- und die Gefahren unterbewertet.“

DS: Haben Sie überhaupt damit gerechnet, dass in der heutigen Zeit ein Virus die ganze Welt ein Stück weit lahmlegen könnte?

Prof. Dr. Lambert T. Koch: „Ohne, dass dies besserwisserisch klingen soll: ja. Aber natürlich schiebt man solche Gedanken im Alltag beiseite, sodass man – wenn es dann soweit ist – doch überrascht wird.“

DS: Wie sehen Sie den Umgang der Behörden mit dem Virus und dessen Folgen?

Prof. Lambert T. Koch: „Wahrscheinlich sind viele von uns geneigt, jetzt in eine pauschale Behördenkritik einzustimmen: zu zögerliche Reaktionen, unklare Anweisungen, unabgestimmte Maßnahmen zwischen den Ebenen. Doch das ist zu einfach, man muss auch Verständnis für die Handelnden haben: Für sie alle ist es das erste Mal, eine so einschneidende Krise managen zu müssen. Sie alle müssen täglich die richtige Balance zwischen angemessenen Einschnitten und der Vermeidung von Panik finden. Außerdem fällt uns hier, um es salopp zu sagen, unser föderalistisches System auf die Füße. Denn manchmal wartet hier jede Ebene auf die andere, sodass verspätete und zögerliche Reaktionen vorprogrammiert sind. Das hat ein wenig etwas von einem großen Schwarze-Peter-Spiel.“

DS: Stellt es aus Ihrer Sicht ein Art Schadensbegrenzung dar, dass die (hoffentlich) größte „Corona-Welle“ in die Semesterferien fällt?

Prof. Lambert T. Koch: „Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Wir wissen ja nicht, wie lange unser soziales Zusammenleben noch still zu stehen hat, um die Epidemie einzudämmen. Gegenüber anderen Einrichtungen kommt es uns aber sicher zugute, dass wir das Herunterfahren bzw. Umstellen unserer Angebote und Leistungen nicht mitten im vollen Semesterbetrieb bewältigen müssen.“

DS: Welche Konsequenzen werden Sie für Ihre Universität aus dieser Krise ziehen?

Prof. Lambert T. Koch: „Auch hier ist es noch zu früh, schon mit einem fertigen Fazit aufzuwarten. Doch eines lässt sich bereits jetzt sagen. Für Situationen wie die derzeitige ist es auch für Präsenzuniversitäten lohnend, sich intensiver mit dem Thema „Distance Learning“ und den dafür bereitstehenden digitalen Optionen zu befassen. Nicht weniges können wir hier schon leisten, aber einiges ist auch durchaus ausbaufähig.“

DS: Haben Sie überhaupt noch die Hoffnung, dass das Sommersemester einigermassen pünktlich beginnen kann?

Prof. Lambert T. Koch: „Der Semesterstart wurde ja, einheitlich für Nordrhein-Westfalen, bereits auf den 20.04. verschoben. Anfang April bewerten wir dann zusammen mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft die Lage, um zu entscheiden, ob dieser Termin zu halten ist.“

DS: Wie groß sehen Sie die Gefahr, dass sich junge Menschen, die ohnehin schon viel Zeit mit „Social Media“ verbringen, sich jetzt noch mehr sozial isolieren, weil viele kommunikative Veranstaltungen auf unbestimmte Zeit abgesagt wurden?

Prof. Dr. Lambert T. Koch: „Für diese Frage bin ich kein Fachmann. Einerseits kann ich als Vater nur bestätigen, dass der Stellenwert von Social Media im Leben der jungen Menschen schon jetzt grenzwertig hoch ist. Andererseits sind wir als Universität gerade sehr froh, dass wir unsere Studierenden über diese Kanäle schnell und zuverlässig erreichen.“

DS: Kann oder wird die Welt überhaupt noch einmal so sein wie sie vorher war?

Prof. Dr. Lambert T. Koch: „In einem wohl irrtümlicherweise Mark Twain zugeschriebenen Ausspruch heißt es: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ Gemäß dieser Logik wird sich auch nach der aktuellen Krise manches ändern. Man wird hitzig darüber debattieren, ob unser Gesundheitssystem zu kommerzialisiert und unsere Wirtschaft zu abhängig vom Ausland ist, ob unsere Kapitalmärkte mehr reguliert werden müssen und das föderalistische System nachjustiert werden muss. Manches wird man halbherzig ändern, andere Vorhaben werden, wenn die Zeiten wieder besser sind, schnell vergessen sein. Bis zur nächsten Krise. Und da sind wir an dem Punkt, wo sich Geschichte reimt.“

DS: Sie als Ökonom gefragt: Wie kann sich die Weltwirtschaft überhaupt vor dieser Art von „Höherer Gewalt“ schützen?

Prof. Dr. Lambert T. Koch: „Es muss immer wieder neu um die richtige Balance zwischen Koppelung und Entkoppelung gerungen werden. Das bedeutet, freier Handel ja, aber vor allem in den lebenswichtigen Bereichen keine alleinige Abhängigkeit von anderen Systemen und dem reinen Markt. Wir werden sonst erpressbar und Störungen an einem Ende der Welt übertragen sich zu schnell. Auch die außer Rand und Band geratenen Mechanismen der elektronisch gesteuerten Finanzmärkte müssen besser kontrollierbar sein. Lösungsansätze gäbe es genügend. Einen vollständigen Schutz vor solchen Krisen kann es aber nicht geben.“

DS: Besten Dank für das sehr informative, interessante Gespräch

Das Interview führte Peter Pionke

 

 

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