21. Mai 2016

WSV-Absturz: Eine Chronologie des Scheiterns

Mit dem Abstieg in die Oberliga ist der Traditionsverein Wuppertaler SV krachend gescheitert und ein absoluter Tiefpunkt in der Vereinsgeschichte erreicht! Trotz vieler Krisen - nie zuvor stand der Bergische Traditionsverein so nahe vor dem Absturz in die absolute Bedeutungslosigkeit. Lesen Sie hier Teil 1 der „Chronologie des Scheiterns“.

Der erfolgreiche Unternehmer Friedhelm Runge war viele Jahre Präsident und großzügiger Mäzen des Wuppertaler SV –  Kritiker machten im das Leben nicht leicht – © Dirk Sengotta

Der rasante Abstieg in die Fünftklassigkeit: Folge aus totalen Fehleinschätzungen, völliger Konzeptlosigkeit, unglaublicher Ignoranz und nicht zuletzt auch von gnadenlosen, internen Machtkämpfen, insbesondere in der Zeit der „Nach-Runge Ära“. Hier nun der Versuch einer Bilanz:  

Wenn eine Führung den Verein bereits in den Abgrund geführt hat, hilft kein sanftes, behutsames Zureden mehr – dann braucht es eine messerscharfe, fundierte Analyse. Ohne eine ehrliche und saubere Aufarbeitung mit entsprechenden Konsequenzen wird es für den stolzen Verein Wuppertaler SV keinen Ausweg aus dem Dilemma geben. Beim WSV hieß noch eine Woche (!) vor dem letzten Saisonspiel gegen den Bonner SC, das mit einer erneuten Heimniederlage endete und letztlich der traurige Höhepunkt einer an Enttäuschungen reichen Saison war: „Wir sind bereits dabei, die Ursachen für diese Entwicklung sorgfältig aufzuarbeiten werden daraus zeitnah Konsequenzen ziehen“. Die große Frage aber ist: Wird das oder kann das überhaupt noch zielführend gelingen?

Es lebte sich gut, viele sonnten sich

Der WSV wurde seit seiner Gründung 1954 überwiegend von unternehmerischen Führungspersönlichkeiten finanziert, getragen und begleitet. Auf Dieter Buchmüller (RWFK) folgte 1991 Friedhelm Runge (EMKA). Erinnert sei auch an den Mäzen, WSV-Förderer und Ex-Verwaltungsrats-Vorsitzenden Bernd Bigge. 

Besonders prägend war die Ära Runge. Der fußballbegeisterte Unternehmer stützte den Verein über 22 Jahre lang (bis zu seinem Rücktritt 2013) mit Millionenbeträgen, was ihm den Ruf des dauerhaften „Retters“ einbrachte. Er musste aber später aber auch die Kritik gewisser Kreise anhören, den Verein zu sehr von seiner Person und seinem Geldbeutel abhängig gemacht zu haben. Es lebte sich gut in Runges Windschatten, viele sonnten sich darin, zum Teil ohne selbst einen nennenswerten Beitrag zu leisten.

Ex-Sportdirektor Gaetano Manno (r.) mit Trainer Sebastian Tyrala, den er geholt und später entlassen hat – © Archivfoto Jochen Classen

Um so rasanter dann nahm der Absturz nach dem Ableben des 85jährigen Runge im November 2024 seinen Lauf. Der erfolgreiche Unternehmer hinterliess nicht nur ein Führungs-Vakuum, mehr noch, auch die bis dahin immer sprudelnde Geldquelle versickerte. Das geschah nicht abrupt, aber die Firma EMKA, deren Gründer und Erfolgsgarant Friedhelm Runge war, schraubte ihr finanzielles Engagement Schritt für Schritt zurück. 

Insider sprachen indessen auch noch von (nicht ganz unumstrittenen) bilanzierten Verbindlichkeiten gegenüber EMKA in siebenstelliger Höhe. Dabei soll es um angebliche Vorauszahlungen der Firma EMKA für Anteile an einer GmbH gehen, in die die Fußball-Abteilung – wie es bei vielen Profi-Klubs der Fall  ist – ausgegliedert werden sollte. Aber die geplante Gründung der Gesellschaft kam nie zustande. Wahrlich schon Sprengstoff für sich allein.

Der sportliche Weg des Traditions-Vereins ging nur noch in eine Richtung, nach unten nämlich. Der Wuppertaler SV geriet tief in den Abstiegssumpf, man blieb im Folgejahr 2025 gleich zehn Spiele hintereinander ohne Sieg, ehe ab 05. April 2025 drei Siege hintereinander sowie die Insolvenzen der Vereine 1.FC Düren und KFC Uerdingen den Sturz in die Fünftklassigkeit gerade noch verhinderten.

Eckhard Osberghaus – die Geschichte hinter der Geschichte

Es war der 17. März 2025, als Joep Munsters und Benedikt Wimmer die Rotblauen in der wichtigen Begegnung gegen den SV Rödinghausen (Endstand 2:2) vor 1.447 Zuschauern mit 2:0 in Führung geschossen hatte. Der greifbar nahe erste Sieg des Jahres vor Augen, löste bei dem schon damals wegen ausbleibender Erfolge kritisierten Sport-Direktor Gaetano Manno nachvollziehbar Erleichterung und Jubel aus, den er in Richtung Tribüne zum Ausdruck brachte, wo reichlich Prominenz und Medienvertreter versammelt waren.

Dort saß auch das Verwaltungsratsmitglied Eckhard Osberghaus, an den die Jubelgeste vermutlich adressiert war. Spätestens hier beginnt die „Geschichte hinter der Geschichte“, die für den WSV damals noch ungeahnte Entwicklungen nehmen sollte.

Ex-WSV-Verwaltungsratsmitglied Eckhard Osberghaus auf der Trainer- und Ersatzspielerbank im Stadion am Zoo – © Siegfried Jähne

Manno-Kritiker Osberghaus reagierte von seinem Tribünenplatz aus unmissverständlich und für viele sichtbar: Er zeigte dem Sportdirektor den berühmten „Stinkefinger“. Heute wissen wir, dass das keine reflexartige Geste war, sondern der Höhepunkt eines internen Macht- und Richtungskampfes, der überwiegend hinter den Kulissen ausgetragen wurde. Der „Stinkefinger“ bzw. dessen vereinsinterne Aufarbeitung (Der amtierende Verwaltungsrat-Chef Dr. Jürgen Hoss formulierte es so: „Es ist zum Fremdschämen“) führte schließlich zu Eckhard Osberghaus Rücktritt aus dem Verwaltungsrat.

Osberghaus, der eine echte Führungsrolle im Verein augenscheinlich immer scheute, spielte seit vielen Jahren im WSV eine nicht unmaßgebliche Rolle, war er doch immer kreativ und rührig, aus diversen Gründen allerdings nie gänzlich unumstritten. Im Vorfeld des „Stinkefingers“ soll es nach Insider-Informationen im Hause des Immobilienmaklers Osberghaus zu einem konspirativem Treffen gekommen sein, an dem neben anderen  angeblich auch der damalige WSV-Trainer Sebastian Tyrala sowie ein heute noch maßgeblicher Funktionsträger des WSV beteiligt waren, ohne dass die anderen Vereinsgremien eingeweiht gewesen sein sollen. Man kann wohl davon ausgehen, dass Gaetano Manno von den vermeintlichen Vorgängen hinter seinem Rücken Wind bekam. 

„Manno-Raus“- Rufe wurden zum Begleiter

Bei dem Geheimtreffen sollen Überlegungen im Raum gestanden haben, die den drohendem Abstieg und das Überleben des Vereins zum Inhalt hatten. Finanzen sollten konsolidiert, Personen ausgetauscht und Allianzen geschmiedet werden. Ein Plan soll gewesen sein, die sportliche Doppelspitze Manno/Tyrala schon aus Kostengründen zu sprengen, mit dem Ziel, den ungeliebten Manno von der Gehaltsliste zu streichen.

Dabei sollen Eckhard Osberghaus und Gaetano Manno lange eine enge Männer-Freundschaft gepflegt haben. Doch die war spätestens jetzt endgültig Geschichte.

Wie zu vermuten ist, wurde der Plan, Gaetano Manno los zu werden, zumindest in Teilen des WSV-Umfeldes nie mehr aufgegeben. Die Realisierung scheiterte indessen am Verwaltungsrat unter Führung von Dr. Jürgen Hoss, der Geatano Manno weiterhin den Rücken stärkte.

Dr. Jürgen Hoss, Ex-Verwaltungsratsvorsitzender, stand für für Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein – © Siegfried Jähne

Der Druck von außen wurde indes immer größer: “Der Fisch stinkt vom Kopf her“, hieß es auf Fan-Transparenten im Stadion, als der Erfolg einmal mehr ausblieb. Der Konflikt eskalierte immer mehr und konnte so nicht ohne Einfluss auf die Leistungen der Mannschaft bleiben.

Zusammenhänge zu den folgenden laufenden Aktionen aus Fan-Kreisen von der Nordtribüne (Fan ist abgeleitet von eifern, englisch „fanatic“) müssen mangels Beweisen rein spekulativ bleiben. Aber ein Vorgang wie dieser ist schon bezeichnend: Als Sportdirektor Gaetano Manno Anfang 2026 im Stadion am Zoo Mike Wunderlich als Nachfolger des entlassenen Cheftrainers Sebastian Tyrala vorstellte, zogen WSV-Fans vor der Stadion-Tribüne auf und protestierten lauthals. 

Dabei hatte der untadelige Sportsmann Mike Wunderlich als neuer Trainer noch kein Wort gesagt, geschweige den Trainingseinheiten des WSV geleitet. Er sollte und wollte nur den drohenden Abstieg des Traditionsvereins verhindern. Aber er, Mike Wunderlich, war ja von Gaetano Manno eingestellt worden und hatte allein deswegen bei den Fans schon verloren. Gaetano Manno erklärte damals unserer Zeitung – ohne bewusst Namen zu nennen: „Das ist alles gesteuert!“ Das Ende vom Lied: Am 12. März 2026, kurz vor der Jahreshauptversammlung des WSV, wurde Gaetano Manno dann aufgrund anhaltender Fan-Kritik und großem Drucks der WSV-„Ultras“ von seinem Amt als Sportdirektor freigestellt.

Was danach kam und wo man aus hiesiger Sicht den Hebel ansetzen müsste, lesen Sie in der nächsten Folge unserer „Chronologie des Scheiterns“.

Text: Siegfried Jähne

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