12. Oktober 2026

Welterfolg „Kunst“ sorgt für „Streit“ auf der Bühne

Das 1994 in Paris uraufgeführte Schauspiel „Kunst“ wurde, in 40 Sprachen übersetzt, zu einem Welterfolg. Es geht vordergründig um ein Gemälde, mehr noch aber um Ansichten und darum, wie (und warum) Meinungen im Beziehungs-Dialog oft brutal kommuniziert werden. Verletzte Gefühle, Machtspiele und alte Konflikte werden sichtbar. Die Komödie „Kunst“ feierte jetzt im Theater am Engelsgarten eine erfolgreiche Premiere. Und das mit einem alten Bekannten in einer der Hauptrollen, der sogar schon einmal als Oberbürgermeister im Wuppertaler Rathaus saß.

Thomas Braus, Alexander Peiler und Andreas Mucke in dem Erfolgsstück „Kunst“ auf der Bühne des Theaters am Engelsgarten – © Björn Hickmann

Es ist die erste gemeinsame Produktion von „Schauspiel Wuppertal“ und dem Cronenberger Theater (TiC). Eine durchaus bemerkenswerte kulturelle Kooperation, ist sie doch ein Geburtstagsgeschenk des „Schauspiel Wuppertal“ zum 40jährigem Jubiläum an das TiC, zu dem schon länger vielfältige Verbindungen gepflegt werden.

Mit Julia Meier zählt eine frühere TiC-Schauspielerin zum festen Ensemble am Engelsgarten, Stefanie Smailes steht dort regelmäßig zu „Nightradio“ auf der Bühne, nicht zuletzt wirkt TiC-Ensemblemitglied Elisabeth Hummerich als persönliche Referentin von Intendant Braus und in der Dramaturgie am Schauspiel. Thomas Braus selbst stand in dem Stück „Der Kontrabass“ auch schon auf der Cronenberger Bühne. Der Preis der Hartmut-und-Lore-Schuler-Stiftung im Jahr 2019, gemeinsam an TiC und Schauspiel, galt der herausragenden Arbeit beider Bühnen.

Großartiges Schauspiel von Mucke, Braus und Peiler

Eine ganz besondere Aufmerksamkeit genießt in dieser aktuellen Aufführung Andreas Mucke als „Serge“ in einer der drei Hauptrollen, die er mit Thomas Braus und Alexander Peiler spielt. Der frühere Wuppertaler Oberbürgermeister (2015-2020) und aktuelle Mitglied des neuen Verwaltungsrat beim Wuppertaler SV, gilt als Urgestein des TiC, gehört er doch seit 1987 mit Unterbrechungen dem Cronenberger Ensemble an. In seiner Amtszeit als Stadtoberhaupt wurde Thomas Braus zum Intendanten berufen, jetzt stehen sie erstmals gemeinsam auf der Bühne. Alle drei Akteure lieferten in der Premiere großartiges Schauspiel ab!

Zum Inhalt: Dieser Serge hat sich ein Bild gekauft, 1,60 m x 1,20 m. Ein Ölgemälde, ein weißes Bild, mit weißen Streifen. Die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? Ein weißes Gemälde, erstanden zu einem horrenden Preis! Es sollte eine langjährige Männerfreundschaft ins Wanken bringen. Serge schwärmt von seiner Errungenschaft, sein Freund Marc (Thomas Braus) hält ihn dagegen für übergeschnappt. Yvan (Alexander Peiler), der dritte im Bunde, ist auf Harmonie bedacht, meidet die eigene Meinungsbildung. Das Gespräch über Kunst eskaliert. Das Gemälde wird zur Projektionsfläche für  Kränkungen, Hierarchien, Abhängigkeiten und dem Wunsch, vom anderen in der eigenen Sicht bestätigt zu werden.

Drei langjährige Freunde in einer angeregten Diskussion – übersteht die Männerfreundschaft diesen Kunst-Streit unbeschadet? © Björn Hickmann

Perfides Lachen über „weiße Scheiße“

Der Protagonist Serge empfindet das Lachen von Marc über seinen teuren Einkauf perfide und selbstgefällig, zudem nannte er das Werk auch noch despektierlich „weiße Scheiße“. Die Rolle von Yvan ist ambivalent, er gilt als tolerant, ihm ist alles Wurst, er will lieber keine Stellung beziehen. Die Meinungen gehen weit auseinander, schließlich kommt sogar noch das Urteil eines Nervenarztes ins Spiel, was zu weiteren Verwerfungen führt. Schlußendlich gerät auch noch Marcs Ehefrau ins Visier der Betrachtung:  „..wie die schon die Zigarette hält und den Rauch verscheucht…“, wird plötzlich thematisiert. Am Ende steht sogar die unmittelbar bevorstehende Vermählung von Yvan auf dem Spiel, zu der Marc und Serge die Rolle der Trauzeugen haben sollen.

Kunst: Ausdruck von Wahrheit oder Spiegel von Eitelkeit?

Mit messerscharfen Dialogen und feinem Humor entlarvt die französische Schriftstellerin Yasmina Reza in ihrem Erfolgsstück die Unsicherheiten hinter vermeintlich festen Standpunkten. Der „Kunstbegriff“ wird zum Zündstoff für eine ebenso komische wie schmerzhafte Auseinandersetzung über ästhetischen Wert, Geschmack und Bedeutung. Ist Kunst objektiv bewertbar oder nur reine Behauptung, Ausdruck von Wahrheit oder Spiegel persönlicher Eitelkeit?

Die Debatte wird zur Zerreißprobe: Wie viel Widerspruch erträgt eine Freundschaft? Welche Meinungen sind wir gewillt, auszuhalten? Was ist Kunst? Ein Schauspiel, bitterböse und komisch zugleich. Autorin Yasmina Reza wurde 1959 in Paris geboren, ging in Paris zur Schule und hat auch in der französischen Metropole studiert. Sie stammt aus einer weit verzweigten jüdischen Familie. Ihr Vater war Iraner, dir Mutter Ungarin, die Großeltern lebten in Amerika. Heute gilt sie als meistgespielte zeitgenössische Dramatikerin. Ihre Auszeichnungen sprechen für sich, darunter der Tony Award und der Laurence Olivier Award.

Andreas Mucke präsentiert als Serge seinem Freund Yvan (Alexander Peiler) das umstrittene, weiße Kunstwerk – © Björn Hickmann

Das sehr unterhaltsame Schauspiel fand auf der Bühne des Theaters am Engelsgarten gleich zum Start enorme Zustimmung. Der Welterfolg von Yasmina Reza kommt ganz partnerschaftlich auf die Bühne. TiC-Co-Chef Ralf Budde führt Regie. Auch wenn das Stück über 30 Jahre auf dem Buckel hat, findet es Budde angesichts der verbittert-verbissenen Debattenkultur aktueller denn je. „Die Kritik ist in dem Stück in kluger und scharfer Weise angelegt“, erläutert Budde: „Das hat uns fasziniert.“

Geistreiche und tiefsinnige Unterhaltung

Dramaturgin Elisabeth Hummerich erläuterte, man habe nach einem Stoff gesucht, der für beide Häuser passt, der das Publikum von Schauspiel und zugleich TiC anspricht. „Wir haben uns nie als Konkurrenz verstanden“, unterstrich Intendant Braus: „Wir sind zwei etablierte, sich ergänzende Theater.“ Und das zeigt sich auch in der Jubiläumsproduktion „Kunst“.

Wer neben guter Unterhaltung auch geistreiche und tiefsinnige Betrachtung liebt, sollte sich diese Aufführung nicht entgegen lassen!“

Text: Siegfried Jähne

Am 15. und  31. Oktkober finden jeweils um, 19:30 Uhr, im Theater am Engelsgarten sowie ab 21. Januar bis 10. Juli 2027 in dreizehn weiteren Aufführungen im TIC Theater in Cronenberg statt.

BESETZUNG

Inszenierung: Ralf Budde

Bühne: Manfred Marczewski-Achilles

Kostüme: Noelle Magali-Wörheide

Dramaturgie: Elisabeth Hummerich

Inspizienz: Ilja Betser

Regieassistenz: Nelly Haller

Marc: Thomas Braus

Serge: Andreas Mucke

Yvan: Alexander Peiler

 

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