17. Mai 2026Peter Pionke
Der Abstieg des WSV: „Die Tabelle lügt nicht“
Mehr als respektlos verabschiedeten sich die WSV-Fans in der Nordkurve von der Mannschaft – © Jochen ClassenBis zuletzt bestand die Hoffnung, dass die schon seit Wochen in arger Bedrängnis geratenen Rotblauen den vielleicht rettenden 16. Tabellenplatz mit einem Sieg doch noch hätten erreichen können. Insofern kam auch der Begegnung des punktgleichen SC Wiedenbrück gegen Borussia Dortmund II enorme Bedeutung zu. Es galt, einen Punkt besser zu sein oder aber fünf Tore mehr zu erzielen. Während die Ostwestfalen am Ende einen 2:0-Erfolg einfuhren, blieb der WSV auch im elften Spiel in Folge ohne die erhofften Punkte. Mehr noch, in den letzten 16 Meisterschaftsspielen hatte es nur einen einzigen Sieg gegeben. Wie man später konstatieren musste, auch ein Sieg hätte an diesem Tag letztlich nichts mehr geändert. Der letzte Vorhang ist gefallen, der Absturz in die fünften Klasse, der Oberliga, amtlich besiegelt.
Auch in Überzahl ohne WSV-Treffer
Dabei hatte der WSV einen durchaus engagierten, aber auch meist zu harmlosen Auftritt mit unglaublich vielen Tormöglichkeiten. Erst recht, als er ab der 44. Minute in Überzahl noch beim Stande von 0:0 auftrumpfen konnte. BSC-Verteidiger, der Malinese Massaman Keita (26), sah nach Foul an Levin Müller die „Gelb-Rote“, für ihn die erste in seinen 33 Spielen beim Bonner SC. Auch hier hatte der umsichtig agierenden Freudenberger Schiedsrichter Jonas Fischbach (26) ein gutes Auge, einst war er als „Nachwuchs-Schiedsrichter des Jahres“ ausgezeichnet worden.
Wie in der „Augsburger Puppenkiste“
Jeremy Aydogan (l.) scheiterte am Gästetorwart Bördner und ging zu Boden – © Jochen ClassenKaum zu glauben welche Chancen die WSV-Spieler Bouzraa, Schaub, Aydogan, Hirschberger, Santo und auch Duncan mit Pech, aber auch Unvermögen ausliessen. Als Hirschberger in der 76. an dem guten Bonner Torwart Börner scheiterte und Duncan per Kopfball einen Gegenspieler auf der Torlinie traf, entlockt es dem League Football Reporter Sven Lesse den Kommentar „Das ist ja wie beim Marionettentheater der Augsburger Puppenkiste“. Da aber waren die Gäste bereits in der 63. Minute bei einem Konter durch Roman Doulashi, zu diesem Zeitpunkt überraschend, in Führung gegangen. Fotios Adamidis im WSV-Kasten blieb da ohne Chance.
Kommentare zum Spiel waren den Trainern kaum zu entlocken, dafür waren die Abläufe zu irreversible und eindeutig. Dafür aber reichlich Mitleidsbekundungen – oder sollte man besser sagen verbale „Schützenhilfe? – von Trainer-Kollegen Björn Mehnert. „Ich weiß wie es Dir geht, mir tut es auch ein Stück weh…“ sagte der erfahrene Coach, der lange selbst WSV-Trainer war und einst als aktiver Spieler bei Borussia Dortmund 1997 dem Champions-League-Kader gegen den französischen Klub AJ Auxere zum Einsatz kam.
Zukunftsfragen blieben unbeantwortet
Die Frage nach seiner Zukunft lies Mike Wunderlich, weil ungeklärt, unbeantwortet. Der Trainer: „Es ist ein bitterer Tag für alle, für den gesamten Verein“. Und auf gezielte Nachfrage: „Ich kann Ihnen nicht sagen was mit uns ist, mit dem Trainerteam oder der Sportlichen Leitung. Auch nicht ,welchen Spieler es hier hält oder nicht hier hält. Da gibt es nichts zu vermelden. Es ist nicht so, dass ich nichts sagen möchte, sondern es ist einfach so, dass wir alle aktuell extrem betroffen sind und die nächsten Tage werden zeigen, wie es weitergeht. Da kann ich Ihnen leider keine andere Antwort geben.“
Totale Enttäuschung und Resignation auf der Auswechselbank des WSV – © Jochen ClassenBöse Entgleisungen in der Nordkurve
Stimmung, wenn auch mit fadem Beigeschmack, hatte es dagegen zuvor aus der Nordkurve gegeben, wo „Fans“ aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten: „Verpisst euch, ihr Versager“, war da zu lesen, als sich die Spieler wie üblich hier zur Verabschiedung einfanden, aber arg beschimpft und mit Bechern beworfen wurden. Von der Tribüne gab es vereinzelt „Absteiger-Rufe“, zum Glück aber auch Respekt zollenden, aufbauenden Applaus für die so „Geschundenen“.
Für die Mehrzahl der “Anhänger“ war längst klar, dass die meisten Akteure in der neuen Saison aus den verschiedensten Gründen das rotblaue Trikot wohl nicht mehr tragen werden. Man will bzw. man kann sie nicht mehr halten. Längst sickerte in unterrichteten Kreisen der bevorstehende Abgang einiger Akteure durch. Nach ersten gesicherten Informationen endet für den Ex-Profi und Wunderlich Co-Trainer Rodrigues-Pires nach einer halben Saison das Kapitel WSV. Er wird Wuppertal verlassen.
Erste Informationen sickern langsam durch
Zur neuen Saison wechselt das WSV-Talent Romeo Kovarszki zum Mitabsteiger SSVg Velbert in die Oberliga. Damit verliert der WSV ein Talent, welches man zukünftig sicher hätte gut gebrauchen können. Auch der Abgang von Stumspitze Amin Bouzraa (fünf Treffer) steht fest. Auf Instagram hat er sich mit den Worten „Danke für alles, Wuppertal“ verabschiedet. Nicht umsonst gaben sich am Samstag zahlreiche Späher aus Oberliga-Kreisen im Stadion am Zoo die Klinke in die Hand. Dass da auch der erstmals eine Halbzeit lang eingesetzte 17jährige Nachwuchsmann Linus Lillemor Fröhlich in Augenschein genommen wurde, darf man mutmassen.
Die Enttäuschung steht beiden ins Gesicht geschrieben: Co-Trainer Ali Adli (l.) und Cheftrainer Mike Wunderlich – © Jochen ClassenOhne Plan „B“ in die WSV-Zukunft?
Was schlimmer wiegen dürfte, ist, dass der WSV trotz seit langen zu befürchtende Entwicklung immer noch keinen „Plan B“ präsentierte. Wie lange will (oder kann?) man da noch warten? Die Mitbewerber tüten bereits kräftig ein. Bislang sickerte nur durch, dass die Vereinsgremien den Wunsch hegen, dass Stephan Küsters (54), der in den vergangenen Wochen als Berater fungierte, die Sportliche Leitung übernimmt. Ohne einen mit Fachkenntnissen ausgestatteten kompetenten sportlichen Leiter sind zielführende Gespräche kaum vorstellbar. Auf eine entsprechende Nachfrage unserer Zeitung entgegnete Dirk Polick: „Wir werden die bevorstehende Phase in Ruhe bewerten und dann die notwendigen Schritte einleiten.“
Zuvor hatte Polick noch WSV-Arzt Dr. Tim Heinz für seinen 25jährigen Einsatz im Stadion geehrt. Heinz dazu vielsagend: „Ich habe in dieser Zeit 38 Trainer erlebt“. Viel Beachtung und Aufmunterung erfuhr auch das ehemalige Verwaltungsrat-Mitglied Dieter Schauf, das nach langer Krankheit erstmals wieder ein WSV-Spiel besuchen konnte, wenn auch nur im Rollstuhl.
Hoffnung und Zuversicht sehen anders aus: Berater Stephan Küsters (l.) und der der Verwaltungsratsvorsitzende Dirk Polick – © Jochen ClassenOberliga Realität startet am 16. August
Die WSV-Romantiker erinnert hier vieles an die Abstiegsphase der Wuppertaler, die in den Bundesliga-Jahren 1973 bis 1975 gegen den Abstieg kämpften, am Ende doch die Segel streichen mussten und die größten Jahre des Wuppertaler Fußball beendet wurden. Wie hieß es doch in zahlreichen Bekundungen an diesem für den Verein so schwarzen Tag auch vielfach trotzig: „Der WSV wird niemals untergehen“. Die Oberliga-Saison beginnt übrigens am Wochenende vom 14. bis 16. August 2026.
Text: Siegfried Jähne
Wuppertaler SV – Bonner SC 0:1 (0:0)
Aufstellung des WSV: Adamidis – Miyamoto – Müller – Stojanovic (71. Hartmann) – Aydogan (61 Arambasic) – Bourzraa – Duncan – Durgun (79. Kleiner) – Frühlich (46. Santo) – Hirschberger – Schaub
Tore: 0:1 Doulashi (63.)
Gelb-rote Karte: Keita (44.)
Schiedsrichter: Jonas Fischbach (26 – Freudenberg)
Zuschauer: 2.058
Stadion: Stadion am Zoo
WSV-Arzt Dr. Tim Heinz wurde für seinen 25jährigen Einsatz im Stadion geehrt- © Jochen ClassenWeiter mit:
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