14. Mai 2026Peter Pionke
Wirtschaftsweise Prof. Truger: Sieht gar nicht so schlecht aus
Moderator Jürgen Zurheide (l.) und Impulsgast Prof. Dr. Achim Truger sorgten im Hintergrundgespräch beim Netzwerk-Event STADTGESPRÄCHE.ruhr gekonnt und professionell dafür, dass sich die Gäste ein genaueres Bild vom Zustand der deutschen Wirtschaft machen konnten. Im Hintergrund Claus-Werner Genge, Mitglied im Wahlausschuss der Fußball-Drittligisten Rot-Weiß Essen – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio EssenWenn jemand darauf eine Antwort hat, dann der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Achim Truger (56), seit März 2019 Mitglied des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ – oder kurz gesagt – einer der fünf „Wirtschaftsweisen“, die der Bundesregierung zweimal im Jahr eine Wirtschaftsprognose abliefern – wie das „Frühjahrsgutachten“, das Bundeskanzler Friedrich Merz am 27. Mai übergeben wird.
Der erfahrene Rundfunk- und TV-Moderator Jürgen Zurheide interviewte Prof. Dr. Achim Truger, der an der Universität Duisburg Essen Sozioökonomie mit Schwerpunkt Staatstätigkeit und Staatsfinanzen lehrt, rund um das Impuls-Thema „Warum funktioniert das Wohlstands- und Aufstiegsversprechen nicht mehr, das über die Jahrzehnte in der deutschen Gesellschaft so selbstverständlich schien?“.
Wer jetzt von dem Wirtschaftswissenschaftler ein sachbezogenes, trockenes Referat über Wirtschafts-Zahlen und -Fakten erwartet hätte, wurde angenehm enttäuscht. Der gebürtige Kölner kommentierte die „Wirtschafts-Lage der Nation“ mit leichtem Optimismus und rheinischem Humor. Er stellte auch gleich klar: „Wir als Sachverständigenrat stellen Konjunkturprognosen. Wir können keine genauen Berechnungen liefern, sondern nur Schätzungen. Das sind keine Vorhersagen, die eine Aussagekraft wie etwa die Naturwissenschaften haben.“
Volles Haus im Loft des Logistik & Service-Unternehmens PP Group GmbH in Essen beim Netzwerk-Treff STADTGESPRÄCHE.ruhr – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio EssenJeder wisse, dass Wirtschaftsprognosen auch nach Auswertung aller vorliegenden Zahlen am Ende nicht immer richtig liegen würden. Die Sachverständigenratsmitglieder seien sich der Verantwortung voll bewusst, weil die Prognosen letztendlich Auswirkungen auf das Handeln der Unternehmen habe. Deshalb gehe man mit Fehlern auch offen um.
Prof. Achim Truger legte vor den hochinteressiert zuhörenden Gäste im schmucken Loft des Logistik & Service-Unternehmens PP-Group in Essen sogar ein Geständnis ab: „Wir haben die letzte Corona-Welle verschlafenen und zu optimistisch prognostiziert. Anhand der Infektionszahlen hätten wir entsprechend reagieren und unsere Prognose nach unten korrigieren müssen. Das kreiden wir uns selbst an.“
Was das Frühjahrsgutachten 2026 angeht, wollte sich Prof. Truger aus nachvollziehbaren Gründen nicht in die Karten schauen lassen. Da konnte Moderator Jürgen Zurheide so geschickt und professionell nachbohren, wie er wollte. Der Wirtschaftswissenschaftler ließ aber zwischen den Zeilen durchblicken, dass er die Situation nicht so schwarz einschätzt, wie viele Unternehmer und die Politiker der Opposition – und das trotz eines unberechenbar regierenden US-Präsidenten Donald Trump, den er als Risikofaktor für jede Prognose einstuft.
Buchstäblich ein gefragter Mann: Der Wissenschaftler und Wirtschaftsweise Prof. Dr. Achim Truger (l.) im Gespräch mit Moderator Jürgen Zurheide – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio EssenSeine Erklärung: „Es gab zu Jahresbeginn einige hoffnungsfroh stimmende Indikatoren, die darauf hinwiesen, dass ein Aufschwung unterwegs ist. Das prognostizieren auch alle Experten trotz Trump immer noch. Das liegt zum Teil an den großen Investitionen in die Rüstung. Das hat auch mit der Regierung zu tun, die zurecht viel Prügel abbekommt. Aber das, was sie als Finanzpaket auf den Weg gebracht hat, z.B. beschleunigte Abschreibungsmöglichkeiten etc., ist erst einmal ein Schub, der tatsächlich das Potential hätte, für einen kräftigen Aufschwung zu sorgen – wenn es nicht die Negativfaktoren gäbe.“
Und die nennt Dr. Achim Truger auch beim Namen: „Zuerst kam Trump mit seinen Zöllen, jetzt der Ölpreisschock aufgrund des Irankrieges, das hemmt uns natürlich. Das Statistische Bundesamt hatte für das 1. Quartal eine Wachstumsrate von 0,3 Prozent veranschlagt. Das muss man mal 4 rechnen, dann wären wir bei 1,2 Prozent im Jahr. Das wird jetzt wegen der äußeren Einflüsse vermutlich nach unten korrigiert. Aber ich würde trotzdem sagen: Da ist etwas unterwegs. Und wenn der Irankrieg schnell endet und sich die Energiemärkte wieder stabilisieren, dann sieht es gar nicht so schlecht aus.“
Zumindest ein Thema, das im Frühjahrsgutachten eine Rolle spielt, verriet der Wirtschaftswissenschaftler: „Beispiel Krankenversicherung: Es wird viel ausgegeben, gemessen an den Gesundheits-Indikatoren ist das Ergebnis aber schwach. Das spricht für Effizienz-Defizite und da gibt es Einspar-Potential. Das beschreiben wir auch in einem Kapitel unseres Frühjahrsgutachtens.“
Eva Kiessler, 2. Vorsitzende der STADTGESPRÄCHE.ruhr, studiert mit Prof. Dr. Achim Truger den Flyer eines Essener Studios für Gesundheitssport – links Rüdiger Konetschny (Mitglied im Vorstand der STADTGESPRÄCHE.ruhr) – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio EssenVon Moderator Jürgen Zurheide auf das Impuls-Thema des Netzwerk-Events „Warum gilt das Vermögens und Aufstiegs-Versprechen heute nicht mehr?“ angesprochen, erklärte Dr. Achim Truger: „Die Vermögensverhältnisse der Eltern sind heute mehr denn je für den gesellschaftlichen Aufstieg ihrer Kinder ausschlaggebend.“
Bei denjenigen, die in der Vermögens-Skala im untersten Fünftel der Bevölkerung angesiedelt sind, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich das in den nächsten zehn Jahren nicht ändere. Wer dagegen heute zum oberen Fünftel zähle, werde dort in der Regel auch nach zehn Jahren noch sein. Das liege natürlich an der unterschiedlichen Einkommens- und Vermögens-Verteilung.
Aber man dürfe nicht vergessen, dass die Möglichkeiten, sich schnell nach oben zu arbeiten, ein Phänomen der „Wirtschaftswunderjahre“ gewesen seien. Im Moment befände sich die Bundesrepublik aber in einer Wirtschaftskrise, die seit nunmehr sieben Jahre anhalte und zu einem gewissen Pessimismus in der Gesellschaft führe. Aber dennoch hätten – so der Wirtschaftsweise – junge Menschen aus unteren Schichten immer noch die Chance, sich durch Bildung und Fleiß Wohlstand zu erarbeiten.
Der renommierte Journalist Dr. Richard Kiessler (l.), u.a. Ex-Chefredakteur der NRZ und jetzt 1. Vorsitzender und Gastgeber der STADTGESPRÄCHE.ruhr, mit Impulsgast Prof. Dr. Achim Truger – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio EssenEr, der Hochschullehrer, malt auch kein schwarzes Bild von der Entwicklung der jungen Generationen: „Ich kann unterstreichen, dass die jungen Menschen heute viel selbstbewusster sind, viel gewandter auftreten. Sie können manchmal nicht so gut schreiben, aber dafür gut kommunizieren und rechnen. Und was KI und Computer-Kenntnisse angeht, stecken sie uns alle in die Tasche. Der Unterschied zu unserer Zeit ist: Wenn wir früher unseren Abschluss hatten, wussten wir, dass wir einen guten Job bekommen. Heute befinden sich dagegen viele Jahrgangsabgänger lange in der Warteschleife.“
Die ungleiche Vermögungsverteilung sei ein globales, soziales Problem, das seit den 80er Jahren dazu führe, dass sich Gesellschaften auseinander entwickeln und bestimmte Schichten über allem schweben würden und ganz anders Möglichkeiten hätten, als alle anderen Bürger.
Prof. Dr. Achim Truger: „Genau das ist das Hauptproblem. Und das wird gerade auch in der Wissenschaft intensiv diskutiert. Denn die Vermögensverteilung hat Effekte, die wirtschaftsschädlich und potentiell demokratiefeindlich sind. Wenn man sieht, was beispielsweise die ‚Tech-Bros‘ in den USA veranstalten. Nehmen wir Elon Musk, der als einzelner Mensch mit seinem Starlink-System darüber entscheidet, ob die Ukraine im Verteidigungskampf gegen Russland die nötigen Zielkoordinaten für ihre Raketen erhält oder sonst den Russen schutzlos ausgeliefert ist. Das können demokratische Gesellschaften so nicht laufen lassen.“
Sternekoch Jürgen Kettner (2.v.l.), Inhaber des Spitzen-Restaurants „Kettner’s Kamota“ in Essen, verwöhnte mit seinem Team die Gaumen der Gäste der STADTGESPRÄCHE.ruhr – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio EssenBei der Bildung sieht der Wirtschaftsweise nach wie vor großen Nachholbedarf: „Wir haben vor 18 Monaten drei Versäumnisse benannt, in die massiv investiert werden muss: Verteidigungsfähigkeit, Infrastruktur und Bildung. In Sachen Rüstung und Infrastruktur sind die nötigen Massnahmen unterwegs – für die Bildung blieben sie bisher noch auf der Strecke – und das in Zeiten leerer Kassen. Die Kommunen saufen komplett ab. Sie haben bundesweit ein Haushaltsdefizit von 32 Milliarden Euro. Aus dem 500-Milliarden-Sondervermögen sollen Länder und Kommunen insgesamt 100 Milliarden Euro erhalten – verteilt auf 12 Jahre. Das bedeutet: 6 – 8 Milliarden Euro im Jahr. Eine große, soziale Bildungsoffensive kann man damit nicht starten.“
Deshalb kommt der Wirtschaftswissenschaftler zu dem Schluss: „Es muss perspektivisch Steuererhöhungen geben. Wahrscheinlich wird es eine höhere Umsatz-Steuer sein. Und da wir immer das Wir-Gefühl so in den Vordergrund stellen, müssen dann – meiner Meinung nach – die starken Schultern in Teilbereichen auch mehr tragen. Ich habe beispielsweise einen Rüstungs-Soli gefordert.“ Klare Worte des Wirtschafts-Experten in einem spannenden Dialog mit Moderator Jürgen Zurheide.
Dr. Richard Kiessler, renommierter Journalist und Ex-Chefredakteur der Neuen Rhein- /Neuen Ruhr-Zeitung (NRZ), der sich als „Brückenbauer des Dialogs“ sieht und 1. Vorsitzender des Vereins „STADTGESPRÄCHE.ruhr e.V.“ ist, hatte die Gäste wie immer mit einer tiefgründigen Ansprache begrüsst und auf den Impulsgast des immerhin schon 37. hochkarätigen Netzwerk-Treffs eingestimmt. Er freute sich anschließend über die vielen positiven Kommentare aus dem Publikum.
Kam beim Publikum sehr gut an: Der Wuppertaler Sänger und Gitarrist Michael Kutscha, Teilnehmer der 7. Staffel der TV-Casting-Show „The Voice of Germany“ – © Dr. Claudia Posern / Fotostudio EssenÜber viel Applaus konnte sich auch Sänger Michael Kutscha freuen, der den Abend mit Songs wie „Stand by me“ erfolgreich eingeläutet hatte. Kulinarisch rundete Sternekoch Jürgen Kettner, Chef von Essens Spitzen-Restaurant „Kettner’s Kamota“, den Abend mit einem außergewöhnlichen, köstlichen Menu ab. Keine Frage: Diese Veranstaltung machte Appetit auf mehr!
Text: Peter Pionke
Link zur Webseite der STADTGESPRÄCHE.ruhr:
http://www.stadtgespräche.ruhr
Link zur Webseite des Sterne-Restaurants „Kettner’s Kamota“:
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