19. Juli 2026Peter Pionke
WSV: Erinnerung an große Fußballzeiten wurden wach
Da gab es kein Durchkommen. Die WSV-Neuzugänge Fili (l.) und Goles wurden von drei Gladbachern in Schach gehalten – © Joche ClassenDie letzte Begegnung dieser beiden Traditionsvereine hatte vor 52 Jahren stattgefunden. Am 9. November 1974 gewann die Gladbacher Fohlen-Elf vor 35.000 Zuschauern im Stadion am Zoo mit 5:1 Toren – die Torschützen damals Jupp Heynkes (2), Christian Kulik (2) und Allan Simonson für die Fohlen-Elf und Jürgen Galbierz für den WSV. Der fünffache deutsche Meister Gladbach befand sich damals auf dem Höhepunkt seiner Vereinsgeschichte, für den WSV war die Spielzeit ein Tiefpunkt mit dem Bundesliga-Abstieg am Saisonende. Das jetzige Test-Spiel in Wuppertal war der Auftakt eines Vorbereitungsprogramms des Bundesligisten, in dem die Borussen noch gegen Rot-Weiß Essen, Hansa Rostock und zur offiziellen Saisoneröffnung am 15. August gegen Aston Villa, dem Europa-League Sieger 2026, antreten. Am 29.08. (15:30 Uhr) starten „Fohlen“ dann mit dem Spiel bei RB Leipzig in die Bundesligasaison 2026/27.
Gladbach brachte alte Stars und neue Sterne
Wichtiger als das Ergebnis war aus Wuppertaler Sicht diesmal, dass sich das völlig neu formierte Team gut präsentieren und einspielen konnte. Trainer Tim Schneider war dann auch hocherfreut, als er in einem ersten Fazit sagte:“ Wir haben es heute gut gemacht, waren gegen diese Profimannschaft sogar ab und zu gefährlich.“ Er hob dann noch besonders Torwart Fotios Adamidis hervor, der mit Glanzparaden eine höher Niederlage verhinderte. Wenn man sieht, dass wir hier in der zweiten Hälfte vier U-19 Spieler auf dem Platz hatten, geht so ein 0:6 komplett in Ordnung“, so Tim Schneider, der noch auf den Einsatz der beiden verletzten Akteure Herzenbruch und Biancardi (beide Außenbandriss am Fuß) verzichten mußte.
Auch er hatte ein Heimspiel: Der Wuppertaler Bundesliga-Schiedsrichter Dr. Robin Braun und seine Assistenten führten die Mannschaften aufs Spielfeld – © Jochen ClassenDie Borussia aus Mönchengladbach steht mit einem runderneuerte Kader vor einer richtungsweisenden Saison. Nach einigen durchwachsenen Jahren erhoffen sich die Gladbacher in der kommenden Saison endlich wieder einen richtigen Schritt nach oben. Zuletzt war man nur Zwölfter, weit entfernt von den ersehnten Champions-League- oder Europa-League-Plätzen eins bis sechs. Für Fohlen-Trainer Eugen Polanski war das Spiel ein Test für etablierte Profis, aber auch Gelegenheit, den Nachwuchs unter Wettkampfbedingungen an den Profikader heranzuführen.
Neben den fünf WM-Teilnehmern fehlten von der voraussichtlichen Gladbacher Start-Elf der verletzte Neuzugang Zento Uno sowie Gladbachs Kapitän Tim Kleindienst. An seiner Stelle besetzte Sommer-Zugang Icas Lidberg die Position des Stoßstürmers im 4-2-3-1-System. In der vergangenen Zweitliga-Saison erzielte der Angreifer 17 Tore für den Zweitligisten Darmstadt 98. In Wuppertal aber erwischte er in Sachen Torschüsse nicht gerade seinen besten Tag. Neben dem Schweden stand von den Neuen auch Mittelfeldspieler Enzo Leopold (25) von Hannover 96 in der Startaufstellung. In den Gladbacher Fan-Kreisen wird er als bester Neuzugang gewertet. Auf dem für eine Ablöse von 2,5 bis drei Millionen vom Erstligisten Legia Warschau gekommenen polnische U-19-Nationalspieler Jan Leszczynski wartete man indes vergeblich, er blieb auf der Auswechselbank.
Es begann mit einem bösen „Kopfball-Duell“
Die Begegnung begann mit einer bösen Verletzung für den 22jährigen Linksverteidiger Lukas Ullrich, der schon nach sechs Minuten nach einem Kopfball-Duell mit Jaden Korzynietz benommen vom Platz ging. Es bestand der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Für ihn kam der erst 17jährige Edin Biber. Die Gäste gefielen gleich zu Beginn mit sehenswerten Kombinationen, die durch den schwedische Neuzugang Axel Hugo Bolin in der 8. zum 1:0 und in der 14. Minute zur schnellen 2:0-Führung kamen.
War bei den Toren machtlos und konnte dennoch mit tolle Paraden voll überzeugen: Der junge WSV-Torhüter Fotios Adamidis (l.) – © Jochen ClassenBeinahe hätte er kurz vor dem Halbzeitpfiff seinen Hattrick komplettiert, doch sein Schuss landete nur am Aluminium (40.) Der 22jährige Linksaußen (Marktwert 6 Mio. €) konnte von der WSV-Abwehr nur selten kontrolliert werden. Gladbach zeigte aber insgesamt noch eine gewisse Abschlussschwäche, welche später auch von Trainer Polanski moniert wurde.
Auf der anderen Seite kam der WSV nach einer knappen halben Stunde besser ins Spiel und hatte mit einen Kopfball von Mittelstürmer Eren Albayrak (22.), der vom westfälischen Oberligisten Frintop/Bamenohl gekommen war, eine erste dicke Torchance. Der Ball verfehlte nur knapp das Tor. Für den verletzten Subaru Nishimura kam in der 29. Minute Sam Sausmikat aus der U19, der eine überragende Partie liefern sollte.
Schiedsrichter Dr. Robin Braun gewohnt souverän
Zur Halbzeit wurde auf beiden Seiten kräftig durchgewechselt, Gladbach brachte gleich zehn neue, der WSV derer vier. Aus der U19 standen jetzt im WSV-Aufgebot auch Genc Lajqi, Linus Fröhlich und Giulio Federico, die alle eine ordentliche Leistung brachten. Punkten konnte auch der von Wattenscheid gekommene 25jährige Serhat Kacmaz, der für Bielitza eingewechselt wurde. Aber auch der gebürtige Wuppertaler Arian Ayinla (zuletzt VfB Homberg), der einst beim Cronenberger SC agierte, ragte heraus. Besonders aber Sam Sausmikat wußte immer wieder zu gefallen, so als er er Borussen Keeper Moritz Nicolas zu einer Parade zwang, ehe der Franzose Frank Honorat für Gladbach das 3:0 (61.) erzielen konnte.
War nur zur moralischen Unterstützung seiner Mannschaft mit in Wuppertal: Tim Kleindienst, Nationalspieler und Kapitän von Borussia Mönchengladbach, der nach langer Verletzungspause immer noch nicht wieder ganz fit ist – © Jochen ClassenWenige Minuten später (65.) zeigte der international eingesetzte umsichtige Wuppertaler Schiedsrichter Dr. Robin Braun (30) auf den Elfmeterpunkt. Er gab Strafstoß für die Fohlen, nachdem Iaia Danfa im Sechzehner gefoult worden war. Den Elfer verwandelte Robin Hack sicher. Das 0:5 besorgte Honorat in der 75. Minute mit einem Schuss ins lange Eck. Als beim WSV in der Schlußphase offenkundig die Kräfte schwanden, nutzte Danfa dies zum 0:6-Endstand (83.)
Zu diesem Vorbereitungsspiel kehrte das gedruckte Stadionmagazin „neunzehn54“ mit guten Informationswert zurück ins Stadion am Zoo. Zu Spielbeginn hatten die beiden neuen Leader, Sport-Vorstand Lennart Strufe und Trainer Tim Schneider den Fans Statements abgegeben.
Erfolge kommen nicht über Nacht
Lennart Strufe erklärte, sportliche Erfolge entstehen nicht über Nacht und bat um Verständnis und Unterstützung. Trainer Schneider verglich dabei die Situation seines Teams mit einer Rudermannschaft, die sich erst finden müsse, um am Ziel ankommen zu können. Im Stadion selbst kam erst in den Schlussminuten Stimmung auf, als Stadionsprecher Jonas Jütz die Fans im Finale zur Unterstützung aufgefordert hatte. Auffällig beim WSV der fehlende Support von der Nordtribüne, wo diesmal keine „Ultras“ ausgemacht werden konnten. Zu lesen dort auf einem Banner lediglich: „Der WSV wird niemals untergehen“.
Nachwuchsspieler Sam Sausmikat (vorne) aus der U19 des WSV konnte gegen die Profis aus Mönchengladbach einige Akzente setzen. Im Hintergrund WSV-Neuzugang Eren Albayrak – © Jochen ClassenDirk Polick sprach von enormen Altschulden
Inzwischen steht fest, dass der WSV sein Erstrunden-Match im Niederrheinpokal gegen die SpVg Schonnebeck am 9. August unter Aussschluß der Öffentlichkeit, also als sogenanntes „Geisterspiel“, austragen muß. Die Strafe ist die Konsequenz aus den massiven Fan-Ausschreitungen beim Viertelfinalspiel der vergangenen Pokalsaison, als es im WSV-Fanblock zu Krawallen mit erheblichen Schäden gekommen war. Der in der gesamten Spielzeit von dieser Seite verursachte Sachschaden für den WSV wird mit 80.000 Euro angegeben. Beim WSV gibt es eine Initiative, die sich dafür engagiert, dass die Einnahmeausfälle des Pokalspieles mit dem Verkauf von „Spender-Karten“ einigermassen kompensiert werden können.
Zuvor hatte Verwaltungsrat-Chef Dirk Polick bei der Vorstellung des neuen Heimtrikots im Mitgliederkreis auf die schwierige Situation hingewiesen, die dringend auf Unterstützung angewiesen sei. Polick: “ Finanziell sieht es nicht rosig aus. Unter dem Deckel war bei unserem Neustart fast nichts. Konkret heißt das, es sind noch enorme Altschulden da“. Schulden, die zuletzt beim WSV keine Erwähnung mehr gefunden hatten.
Sportlich geht es für den Wuppertaler SV am kommenden Sonntag gegen Mittelrheinligist SSV Merten weiter, danach ist noch ein Trainingslager in Wuppertaler Raum vorgesehen.
Text: Siegfried Jähne
WSV-Chefrainer Tim Schneider (r.) und Marc Bach, Leiter der WSV-Nachwuchsabteilung, waren mit der Leistung der Mannschaft, in der auch zahlreiche U19-Spieler zum Zuge kamen, sichtlich zufrieden – © Jochen ClassenWuppertaler SV – Borussia Mönchengladbach 0:6 (0:2)
Aufstellung Wuppertaler SV: Adamidis – Nishimura (29. Sausmikat), Westenberger, Bielitza (46. Kacmaz), Korzynietz – Ayinla, Fili (46. Fröhlich), Saric (46. Lajqi), Amyn (46. Igbinadolor) – Goles (60. Federico), Albayrak. Trainer: Tim Schneider
Aufstellung Borussia Mönchengladbach: Nicolas (46. Batz) – Ngoumou (46. Konoplia), Diks (46. Schweers), Chiarodia (46. Leszczynski), Ullrich (5. Biber, 46. Herold) – Leopold (46. Nguefack), Stöger (46. Sander) – Fleck (46. Honorat), Bolin (46. Neuhaus), Mohya (46. Hack) – Lidberg (46. Danfa). Trainer: Eugen Polanski
Tore: 0:1 Bolin (8.), 0:2 Bolin (15.), 0:3 Honorat (61.), 0:4 Hack (65./FE), 0:5 Honorat (76.), 0:6 Danfa (83.)
Schiedsrichter: Dr. Robin Braun
Zuschauer: 4.600
Stadion: Stadion am Zoo
Das Medieninteresse beim Testspiel zwischen den beiden Traditionsvereinen von Rhein und Wupper war riesengroß – © Siegfried JähneWeiter mit:
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