16. Juni 2026

Andreas Mucke: WSV braucht wieder Identifikationsfiguren

Andreas Mucke gilt als Hoffnungsträger des Wuppertaler SV, der spätestens nach dem Abstieg in die Fußball-Oberliga in einer tiefen Krise steckt. Der früherer Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal (2015 - 2020) verfolgt als Mitglied und stellvertretender Vorsitzender des neugewählten Verwaltungsrates gemeinsam mit dem Gremium das übergeordnete Ziel, den Verein organisatorisch, wirtschaftlich und sportlich neu aufzustellen und einen nachhaltigen Neuanfang einzuleiten. 

Andras Mucke noch als Oberbürgermeister im Rathaus. Inzwischen ist er Geschäftsführer der Circular Economy Accelerator GmbH und stellv. Vorsitzender der WSV-Verwaltungsrates – © Stadt Wuppertal

Wir haben uns mit Andreas Mucke über die aktuelle Situation und über die Pläne und Ziele des neuen Verwaltungsrats unterhalten. 

DS: Welche Motive treiben Sie an, gerade jetzt in dieser schwierigen Phase beim Wuppertaler SV Verantwortung zu übernehmen?

Andreas Mucke: „Der Wuppertaler SV ist der Verein, der mich seit Kindesbeinen begleitet. Seit meiner Kindheit bin ich quasi rotblau. Als kleiner Junge habe ich die großen WSV-Spiele zunächst nur auf dem Rücken meines Vaters oder Onkels verfolgt. Ich war neun, als der WSV aus der Bundesliga abstieg. Das alles hatte einen prägenden Einfluss. In den Jahren gab es neben viel Auf und Ab auch tolle Höhepunkte, die ich im Stadion am Zoo erleben durfte. Ich hatte zuletzt das Gefühl, auch einen eigenen positiven Beitrag leisten zu sollen und dem Verein etwas zurückgeben zu müssen.“

DS: Welche Fehler sehen Sie, die Sie künftig abstellen möchten? 

Andreas Mucke: „Das läßt sich gar nicht alles in einem Satz ausdrücken. Aber ich glaube, dass der Verein von seiner Basis in vielen Bereichen seit langem entrückt ist. Das muss sich grundlegend ändern.“

DS: Können Sie da einige Beispiele nennen?

Andreas Mucke: „Gerne. Wenn ich zuletzt bei den Spielen war, kannte ich viele Spieler gar nicht mehr mit Namen oder erkannte sie nicht wirklich. Der Verein hat zuletzt jedes Jahr um die 20 neuen Spieler neu verpflichtet, die den WSV dann aber auch schnell wieder verlassen haben, bevor man da einen emotionalen Kontakt aufbauen konnte. Von den vielen wechselnden Trainern will ich da gar nicht erst reden. Wer aber ins Stadion geht, möchte sich ja auch mit seinem Verein identifizieren, mit dem er sich innerlich verbunden fühlt. Und dazu gehören eben auch Spieler und Trainer, mit denen man als Fan etwas verbindet.“

Der neugewählte Verwaltungsrat des Wuppertaler SV: Vorne der Vorsitzende Dirk Polick (l.), daneben sein Stellvertreter Andreas Mucke – © Jochen Classen

DS: Sie meinen also, dass der Mannschaft heute Identifikationsfiguren wie einst Günter Pröpper fehlen?

Andreas Mucke: „Günter Pröpper war und ist immer mein Idol. Ein positives Beispiel der jüngeren Vergangenheit war für mich aber auch Kevin Hagemann, die viele Jahre wegen seiner oft frechen und direkten Spielweise immer torgefährlich und kreativ war und nicht umsonst zum Publikumsliebling wurde. Er war das Gesicht der Mannschaft. Ein ähnlicher Spieler war Daniel Grebe. Es macht mich traurig, wenn ich jetzt erleben muss, dass einer der wenigen ambitionierten Spieler der abgelaufenen Saison, der junge Nachwuchsmann Levin Müller, demnächst für den Südwest-Regionalligisten TSV Steinbach Haiger aufläuft. Wir brauche vor allem eine Konstanz über alle Bereiche, nur damit können wir verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Das geht über den Vorstand, den Verwaltungsrat, die Mitarbeitenden, die vielen Ehrenamtler und Aktiven in den Breitensportabteilungen (der WSV ist ja vielmehr als nur die 1. Herrenmannschaft) bis hin zur den Fußballern der 1. Mannschaft. Wir alle müssen langfristig und solide mit Wuppertal im Herzen diesen Verein wieder nachhaltig von unten nach oben aufbauen.“

DS: Wenn man so will, agieren Sie ja als SPD-Mann beim WSV jetzt politisch gesehen mit Ludger Kineke (CDU) und Marc Schulz (Grüne) neben anderen in einer grossen Koalition. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?

Andreas Mucke: „Das sehe ich überhaupt nicht politisch. Wir haben ein gemeinsames Ziel, da sind politische Ansichten eher nachrangig. Wir verstehen uns als Team! Ja, es ist für uns sogar wichtig, dass wir alle demokratischen Strömungen einfangen, die es in der Stadtgesellschaft gibt. Wir sind als immer noch ein bekannter, traditionsreicher Verein Teil dieser Stadt, der wir immer auch Impulse gegeben haben. Und genau da wollen wir wieder hin. Und gerade jetzt in einer Notlage brauchen wir Unterstützung und viele helfende Hände, keine Kontroversen“.

Günter Pröpper, Idol und Edel-Fan in Personalunion, bei einem Spiel seines WSV im Stadion am Zoo – © Siegfried Jähne

SZ: Bei ihrem  Amtsantritt 2020 als Geschäftsführer der Circular Economy Accelerator GmbH haben Sie gesagt: „Ich wollte unbedingt etwas machen, das Freude, Herz und Verstand miteinander verbindet“. Ein Accelerator ist ja übersetzt ein Beschleuniger. Was können Sie aus dieser Rolle heraus für den WSV beitragen?

Andreas Mucke lachend:“ Sicherlich die Freude, das Herz und den Verstand. Aber ich trenne berufliche und private Aufgaben säuberlich. Wir stehen ja beim WSV vor einem schwierigen Neuanfang und da kann ich mit meiner Verwurzelung in unserer Stadt sicherlich das eine oder andere auf den Weg bringen.“ 

DS: Und welche Rolle spielen die WSV-Mitglieder beim Neubeginn?

Andreas Mucke: „Die Mitglieder sind für mich das tragende Element. Wir sind ein Mitgliederverein und haben die verdammte Pflicht, sie auch in unsere Arbeit und in unsere Überlegungen einzubeziehen. Das werden wir auch mit dem Ziel umsetzen, die Mitgliederzahl von derzeit nur noch rund 1.300 wieder auf eine Größe zu bringen, die der Bedeutung und der Tradition des Vereins gerecht wird.“

DS: Und was macht Andreas Mucke, wenn er seinen beruflichen Verpflichtungen nicht nachkommen muß und sich auch einmal nicht um den WSV kümmert?

Andreas Mucke: Ich habe einige Hobbies, Laufen zum Beispiel. Aber ich habe auch eine jetzt schon 39jährige Bühnenkarriere und bin einer der dienstältesten Schauspieler des TiC-Theaters in Cronenberg. Das Theater feiert jetzt sein vierzigjähriges Bestehen. Zum ersten Mal tut sich das beliebte Amateurtheater auf den Südhöhen mit den Wuppertaler Bühnen mit dem Stück „Kunst“ von der französischen Schriftstellerin Yasmina Reza zusammen. Bei den tiefgründigen, humorvollen Streitgesprächen bin ich da einer von drei Freunden und stehe u.a. mit  Intendant Thomas Braus auf der Bühne. Im Oktober ist im Theater am Engelsgarten Premiere“.

Andreas Mucke (l.) als Schauspieler des TiC-Theaters in dem Klassiker „Ziemlich beste Freunde“ – © TiC-Theater / Martin Mazur

DS: Um es mit Václav Havel, dem tschechischer Dramatiker, Politiker und Menschenrechtler zu sagen, Hoffnung ist nicht die Überzeugung, das etwas gut geht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Wir wünschen Ihnen, dem aktuellen WSV-Hoffnungsträger, in diesem Sinne bei Ihren Vorhaben alles Gute und danken für das lebendige Gespräch.

Das Interview führte Siegfried Jähne

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