1. März 2026Peter Pionke
0:4-Klatsche: Ein WSV, wie vom Winde verweht
Müssen die Mannschaft nach der klaren Niederlage gegen den Tabellenletzten schnell wieder auf richten: WSV-Sportdirektor Gaetano Manno (2.v.r.) mit dem Trainerstab Co-Trainer Kevin Rodrigues Pires (l.), Cheftrainer Mike Wunderlich (2.v.l.) und Co-Trainer Adli Lachheb (r.) – © Archivfoto Sportfotodienst Jochen ClassenTatsächlich vermerkte man in Ostwestfalen ausweislich des amtlichen Wetterdienstes an diesem Samstag die Windstärke sechs, mit anderen Worten „starken Gegenwind“. Bei einem Eckball rollte das schon ruhende Leder einmal wie von Geisterhand ins Spielfeld. Der SC Wiedenbrück hatte seit Oktober nicht mehr gewonnen und feierten diesen Erfolg überschwänglich. Kein Wunder, darf man sich doch hier jetzt wieder Hoffnungen auf den Verbleib in der Regionalliga machen. Ein solcher Erfolg mitten im Abstiegskampf gegen einen „Mitbewerber“ zählt bekanntlich doppelt, in diesem Falle sozusagen sechs Punkte.
„Spieler hatten Schaum vor dem Mund“
Wiedenbrücks Trainer Sascha Mölders lieferte bei der abschießenden Pressekonferenz eine vielsagende Erklärung für den Verlauf, als er verriet: „Meine Spieler hatten heute Morgen schon Schaum vor dem Mund“. Mölders ist bekannt für seine Emotionalität und hatte gerade gegen den WSV noch eine alte Rechnung offen. Beim mit 1:3 verlorenem Hinspiel in Wuppertal gab es einen offenen Eklat, als er WSV-Sportdirektor Gaetano Manno unsportliches Verhalten vorwarf. Manno habe damals seine Spieler beleidigt, so wie er es noch nie erlebt hätte.
Diesmal erlebten Beobachter hier eher ein friedliches Szenario. Man habe sich sogar die Hand gegeben, wurde berichtet. Überhaupt erlebte man den WSV-Sportdirektor eher aufgeräumt, als er bei den etwa 200 mitgereisten Fans eine Entschuldigung für das schwache Spiel zum Ausdruck brachte.
WSV-Team ohne Körpersprache und Biß
Es war ein Spiel, in dem die Bergischen ziemlich alles vermissen ließen, was sie nach ihrer „Wiederauferstehung“ am letzten Spieltag noch auf den Platz brachten. SCW-Torwart und Kapitän Marcel Hölscher war kaum nennenswert geprüft worden, die Rotblauen hatten kaum zählbare Torchance. Erst als Trainer Wunderlich im zweiten Abschnitt fünf neue Akteure aufbot, kam der WSV teilweise etwas besser ins Spiel. Fritz Kleiner scheiterte an Keeper Hölscher und Celan Aydogan zwang Torhüter Marcel Hölscher mit einem Kopfball zu einer Glanz-Parade (53.). Celal Aydogan vergab dann auch noch eine weitere gute Möglichkeit (63.).
Der sonst so spielstarke Abwehrrecke Aldin Dervisevic (l.) erwischte in Wiedenbrück einen rabenschwarzen Tag – © Archivfoto Jochen ClassenDas WSV-Team zeigte eine schlechte Körpersprache, hatte keinen Biß, wirkte in allen Bereichen meist konzeptlos, verunsichert und überfordert. Klar, das WSV-Team hatte das Pech, bereits in der 3. Minute nach einem noch abgefälschten 25-Meter-Schuss des A-Jugendlichen Elia Schütte in Rückstand zu geraten. Aber dann fehlte die Trotzreaktion. Wie schon beim ersten Gegentreffer, so waren auch die Gegentore zwei (21.) und drei (37.) nur möglich, weil die WSV-Abwehr dem Gegner zuviel Raum gönnte. Erst als der diesmal besonders schwache Aldin Dervisevic einen Ball eklatant verfehlte, konnte nämlich Davud Tuma auf 3:0 erhöhen.
Auswechselungen, die alles sagen
Beinahe hätte der indisponierte Dervisevic dann auch noch ein kurioses Eigentor per Flugkopfball fabriziert, doch das Leder flog knapp am eigenen WSV-Tor vorbei (41.). Allein der vierte Gegentreffer, ein Elfmeter, war unvermeidbar, weil Toshiaki Miyamoto im Strafraum der Ball an den Arm flog, den fälligen Strafstoß verwandelte Friesen (81.) zum 4:0-Endstand.
Zu den im zweiten Spielabschnitt ausgewechselten fünf Spieler gehörten auch Torjäger Amin Bouzraa (ab 46. Müller), der in der letzten Begegnung gegen Köln noch wie ein Held gefeiert wurde, sowie Jeremy Celal Aydogan. Aydogan war zuletzt von Trainer Wunderlich noch über alle Maßen öffentlich gelobt worden. Dem Sport-Magazin „RevierSport“ war zu entnehmen, dass Scouts (Späher) inzwischen nicht nur bei ihm „Schlange stehen“ würden, sondern auch bei allen anderen WSV-Spielern, deren Arbeitsverträge in Wuppertal zum 30. Juni 2026 auslaufen. Sicher auch ein geeigneter Hinweis, der die Verunsicherung der Mannschaft erklären könnte.
Viel erinnert beim WSV an die 5:1 „Klatsche“, die man sich zuletzt in Schalke einfing. WSV-Trainer Wunderlich hatte danach sinngemäß gesagt, dass so etwas nicht mehr passieren würde. Diesmal ersparte er sich nach dem Spiel eine tiefere Analyse: “Man kann Spiele verlieren, aber auf diese Art und Weise nicht. Ich will mich aber auch nicht jede Woche wiederholen. So wird es ganz, ganz schwer bis zum Ende.“ Seine Bilanz nach fünf Spielen ist ernüchternd: Nur vier von 15 möglichen Punkten bei lediglich vier eigenen, aber 12 Gegentoren.
WSV-Vorstandsmitglied Ludger Kineke will den Verein wieder nach vorne bringen – auf ihn wartet eine Herkules-Aufgabe – © Siegfried JähneErwartungen für Jahres-Hauptversammlung
Was die Sache im Abstiegskampf sicher nicht leichter macht: Die Konkurrenz auf den letzten Tabellenplätzen ist aufgewacht. Am Freitagabend fuhr die U23 des VfL Bochum beim letzten WSV-Gegner 1. FC Köln II einen wichtigen 3:1-Erfolg ein und überholte damit die SSVg Velbert, die 1:2 gegen Fortuna Düsseldorf II unterlag. Der WSV belegt aktuell nach 23 von 34 Begegnungen weiter den 14. Tabellenplatz, einen Nicht-Abstiegsplatz, dicht verfolgt von Bochum und Rödinghausen (zwei Punkte Abstand) sowie Wiedenbrück und Velbert mit vier Zählern dahinter.
Nicht ohne Spannung blickt man derweil inzwischen auf die Jahreshauptversammlung des WSV, die am 26. März (19:00 Uhr) im Barmer Bahnhof stattfinden soll. Im Vorfeld gab es jetzt hierzu eine Ausschreibung für Bewerbungen zum Verwaltungsrat, in der Erwartungshaltungen wie „Verschwiegenheit und Identifikation mit dem Verein“ zum Ausdruck kamen. Aus den vereinseigenem Forum „Rotblau“ läßt sich bereits eine Stimmungslage ablesen. Hier postete ein Fan: „Meine Erwartungen steigen erst, wenn die alten Protagonisten in den Führungspositionen Sport und Verwaltung wechseln“.
Text: Siegfried Jähne
SV Wiedenbrück – Wuppertaler SV 4:0 (3:0)
SC Wiedenbrück: Hölscher – Udelhoven, Amedick, Kondziella, Gerhardt (74. Wernet), Friesen (84. Lakämper), Schütte (84. Stabenau), Chantzopoulos, Tuma (74. Mai), Doumbouya (66. Kaptan), Riedl
Wuppertaler SV: Luyambula – Nishimura (46. Müller), Dervisevic (46. Heim), Duncan, Stojanovic, Miyamoto – Schaub, Rebronja (64. Durgun) – Aydogan (74. Atmaca ), Hirschberger, Bouzraa (46. Kleiner)
Schiedsrichter: Jörn Schäfer
Tore: 1:0 Schütte (3.), 2:0 Gerhardt (21.), 3:0 Tuma (37.), 4:0 Friesen (81., Handelfmeter)
Gelbe Karten: Schaub (26.), Kleiner (49.), Heim (70.), Müller (76.), Miyamoto (90.+1)
Zuschauer: 653
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