25. März 2024

Pfarrer Johannes Nattland: Auf vielen Wegen unterwegs

„Update“ heißt unsere Serie, in der Dr. Matthias Dohmen, Journalist, Dozent und Historiker, Persönlichkeiten aus dem Bergischen Land vorstellt. Mit alten und neuen Texten. Mit Fotos und Dokumenten. Menschen, die ihm etwas bedeuten. Diesmal steht Johannes Nattland im Fokus.

Der beliebte, rührige Wuppertaler Pfarrer und Seelsorger Johannes Nattland – © privat

Manche Protagonisten kennt man gut, andere weniger. Ob bekannt oder weniger bekannt: Wer ihre Portraits liest, möchte vermutlich die eine oder den anderen persönlich kennenlernen. Bisher hat Matthias Dohmen an gleicher Stelle Dorothea Brandt, Klaus Burandt, Christine Flunkert, Uwe Flunkert, Heidemarie Koch, Josa Oehme, Erika Schneider, Ingrid Schuh, Klaus Schumann und Michael Walter vorgestellt.

Johannes Nattland ist ein vielseitig interessierter Zeitgenosse, der auf vielen gesellschaftlichen Feldern unterwegs ist. Geboren wurde er in Essen-Kettwig am 07. 09.1961 als dritter Sohn des Pfarrers Hans Nattland und seiner Frau Brunhild, geb. Freiin von Hurter. Aufgewachsen ab 1965 in Altenkirchen/Westerwald, wo der Vater eine neue Pfarrer-Stelle angenommen hatte.

Dort hat er das Westerwaldymnasium besucht mit Abschluss Abitur. Schon früh interessiert er sich, angeregt durch Mutter und die Wuppertaler Großmutter von Hurter, für ökologischen Gartenbau und Umweltschutz und arbeitete als Schüler zur Aufbesserung des Taschengelds auf einem ökologisch-biologisch bewirtschafteten Hof.

Zivildienst in der Evangelischen Studentengemeinde Bonn

Nach dem Abitur leistet er Zivildienst in der Evangelischen Studentengemeinde Bonn – eine Arbeit, die ihn sehr geprägt hat. Er gehört zu den Gründern eines Arbeitskreises mit dem Namen „Gespräch mit Überlebenden“. Die Teilnehmer führten zahlreiche Interviews mit Überlebenden des Holocaust. Diese Gespräche wurden sogar später veröffentlicht.

Damit war es nur folgerichtig, auch die Orte des nationalsozialistischen Terrors zu besuchen, was die Gruppe Anfang der 1980er-Jahre mit Transportlieferungen nach Polen verband, wo aufgrund der sich entwickelnden Solidarnosc-Bewegung Kriegszustand herrschte. Auf den Transportreisen besuchten die ESG-Aktivisten viele Konzentrationslager – „diese Besuche haben auf uns alle einen bleibenden und prägenden Eindruck hinterlassen“, sagt Johannes Nattland heute.

Überall gern gesehen: Pfarrer Johannes Nattland – © privat

Der Zivildienst war so prägend, dass sich sein Berufsziel von „Gartenarchitektur“ oder „ökologischer Gartenbau“ hin zur evangelischen Theologie veränderte. Johannes Nattland begann sein Studium der Theologie im Wintersemester 1983 für vier Semester in Marburg. Es folgten zwei Semester in Basel und weitere Semester in Bochum. Im Juni 1986 zog er ins Haus seiner Großmutter von Hurter an den Westfalenweg am Rand des Dönbergs, da sie, Mitte 80, auf Hilfe und Unterstützung angewiesen war.

Durch die dann stärker auch pflegerische Inanspruchnahme zog sich das Studium bis 1993 hin, wo er dann sein erstes theologisches Examen ablegte. Ab Herbst 1993 dann Vikar in Neviges, dort „Pastor im Sonderdienst“. Dabei handelt es sich um ein Programm der Rheinischen Landeskirche: Weil es so viele Absolventinnen und Absolventen der Evangelischen Theologie gab, für die es gar keine regulären Pfarrstellen gab, wurden Sonderdienste eingerichtet, die spezielle Arbeitsgebiete abdeckten.

Sein Schwerpunkt damals war die Begleitung von Kriegsflüchtlingen aus Bosnien, die in Velbert-Neviges untergebracht war. Damit war verbunden der Aufbau eines Kreises von Ehrenamtlichen. Ein weiterer Schwerpunkt war ein Angebot in der Offenen Jugendarbeit, eine großangelegte Öffentlichkeitsaktion in einem großen Neubaugebiet und überhaupt Öffentlichkeitsarbeit durch Erstellen des Gemeindebriefes, aber auch klassischere Gemeindeaufgaben wie Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht.

Über elf Jahre lang pflegte er seine Großmutter

Die Wohngemeinschaft mit der Großmutter, in der Johannes Nattland zunehmend in die Rolle des pflegenden Angehörigen eines sich dementiell verändernden Menschen hineinwuchs, dauerte elfeinhalb Jahre. Die Oma starb im März 1997. Das war eine für ihn sehr prägende Zeit, die viel abverlangte in der Kombination Haushalt sowie Betreuung und Pflege eines Menschen und parallel anfänglich das Studium und dann der Berufstätigkeit.

Aber es war auch eine Zeit, in der er viel von ihr über die Familie und in einem gewissen Sinn damit auch von der Stadtgeschichte erfuhr. Erzählungen, die sein Interesse an lokaler Geschichte förderte. Im Dezember 2002 wurde er in die ausgeschriebene 75prozentigen Pfarrstelle der Evangelischen Kirchengemeinde Elberfeld West gewählt – hier für den Bereich Nützenberg und Eskesberg – mit dem kleinen Gemeindezentrum Stephanuskirche als Gemeinderäume und Gottesdienststätte.

Das Gemeindezentrum Stephanuskirche wurde Ende April 2007 als gemeindlich genutztes Gebäude aufgegeben und die Gemeindearbeit an der neuen, reformierten Kirche konzentriert. Die Pfarrstellen wurden in dem Zuge reduziert und die Gemeindebereiche neu aufgeteilt, so dass zu Nützenberg und Eskesberg zusätzlich der Arrenberg zu dem von ihm seelsorglich zu betreuenden Gebiet hinzukam.

Pfarrer Johannes Nattland – © privat

Weitere gemeindliche Schwerpunkte: die seelsorgliche und gottesdienstliche Betreuung des Städtischen Altenpflegeheims Neviandtstraße und der beiden Grundschulen Königshöher Weg und Sophienschule/Nützenberger Straße.

Von 2007 bis 2011 war er neben dem Gemeindepfarramt Seelsorger am Stationären Hospiz Wuppertal-Niederberg, dem Dr.-Werner-Jackstädt-Haus. Seit 2011 ist er in einem Stellenumfang von 25 Prozent neben dem Gemeindepfarramt Pfarrer an der Citykirche Elberfeld/Alte reformierte Kirche und insofern auch Nachfolger des legendären Risto Marttunen.

Übergemeindliche Tätigkeiten übt er seit vielen Jahren in Vorständen oder Kuratorien – meist im Auftrag des Kirchenkreises Wuppertal – in der Begegnungsstätte Alte Synagoge, bei der Stiftung Evangelisches Vereinshaus, im Förderverein des Hospizdienstes „Die Pusteblume“, der Bürgerstiftung für Kinder, der Stiftung „Bewahrung des reformierten und lutherischen Erbes“ (Historische Bibliothek) und der Projektgruppe Kemna aus.

Großes Interesse an Stadt- und Kirchengeschichte

Besondere Interessensgebiete sind die Stadtgeschichte Wuppertals (Architektur und gesellschaftliche Entwicklung) und ihre Kirchengeschichte in Verbindung mit der Erforschung der Familiengeschichte, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die damit verbundene Erinnerungskultur, der Denkmalschutz, Gartenbau und Gartengestaltung.

Johannes Nattland ist in seinen vielfältigen historischen, ökologischen und theologischen Interessengebieten auch publizistisch unterwegs. So hat er in dem 2017 erschienen Buch „Einsichten – Zur Szenografie des reformierten Protestantismus“ über die 1858 in Dienst genommene Neue Kirche gearbeitet. Quintessenz: „Die versammelte Gemeinde ist zueinander auf die Mitte des Kirchenraumes, den Abendmahlstisch mit dem Wort Gottes, konzentriert.

Die Predigerin beziehungsweise der Prediger ist Teil der Gottesdienstbesucher und in gleicher Nähe beziehungsweise gleichem Abstand zum Abendmahlstisch. Der so gestaltete Gottesdienstraum unterstützt das Konzept des Gottesdienstes als gemeinschaftliches Erlebnis.“

„Grüne“ Themen begleiten ihn auch heute: „Die Neue Kirche und der de Weerthsche Garten – Abbild des Paradieses“ lautet die Überschrift in seinem Beitrag für das Büchlein über den De-Weerthschen Garten in der Reihe „Wuppertals grüne Anlagen“. Bis heute hält die Kirche“, lautet Johannes Nattlands Resümee, je nach ihrer Zeit „die Erinnerung an das Paradies wach“.

Dr. Matthias Dohmen

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