26. Februar 2020

Werner Kreiskott: Box-Rentner im Unruhestand

Der Schlussgong! Aufbrausender Jubel. Werner Kreiskott, der alte und neue WBU-Schwergewichts-Weltmeister, riss die Arme hoch. Beide Boxer hatten sich in der mit rund 3.000 Zuschauern restlos ausverkauften Unihalle einen erbitterten Fight geliefert. Doch nach 12 Runden lag Lokalmatador Werner Kreiskott im Kampf gegen den Georgier Gogita Gorgiladze auf den Punktzetteln aller Punktrichter klar vorne.

Box-Weltmeister Werner Kreiskott in seinem Fight Club- © Dirk Sengotta

Der „Panzer“ aus Wuppertal, der auch auf eine erfolgreiche Karriere als Kickboxer zurückschauen kann, geht mit den Titeln Internationaler Meister (WBF) und Weltmeister (WBU) in den Box-Ruhestand und in die Wuppertaler Sport-Geschichte ein. Das war am 14. Oktober 2017. Seither ist viel Wasser die Wupper hinuntergeflossen. Grund genug, einmal nachzuhaken wie sich Lokal-Hero und Box-Rentner Werner Kreiskott (41) seither durchs Leben gekämpft hat.

DS: Vor knapp 2 1/2 Jahren sind Sie als amtierender Box-Weltmeister abgetreten. Wie oft hat es Sie seither in den Fingern gejuckt, wieder für einen Kampf in den Ring zurück zu kehren?

Werner Kreiskott: „Seit dem ich meine aktive Boxzeit beendet habe, bin ich noch mehr ausgelastet mit dem Fight Club und meinem anderem Arbeitsbereich. Zugleich laufen weiter zweimal im Jahr Großveranstaltungen, die ich organisiere. Darüber hinaus möchte mein kleiner Sohn mich ja auch mal sehen. Zeitlich wäre es eigentlich gar nicht mehr möglich, eine intensive und harte Trainingsphase über Wochen einzulegen. Ab und zu denkt man trotzdem kurz darüber nach, gerade wenn man immer mal wieder ein Angebot – vor allem aus dem Ausland – bekommt.“

DS: Was müsste passieren, dass Sie doch noch einmal für einen Fight die Boxhandschuhe schnüren?

Werner Kreiskott: „Oh. Da müsste ich, glaube ich, erstmal an meiner Frau vorbei. Nein, Spaß beiseite: Ich denke, es würde keinen Sinn machen. Ich habe an einer perfekten Stelle aufgehört. Wenn ich mir manch anderen Boxer anschaue, der eine große Karriere und Namen hatte und dann nochmal im Alter in den Ring steigt, das geht meistens nicht gut aus. Gesundheitlich, aber auch einfach wegen des guten Namens, den man sich aufgebaut hat und der dann oft einen riesen Knick bekommt.“

DS: Wie sehr hat sich Ihr Leben seither verändert?

Werner Kreiskott: „Ich konzentriere mich mehr auf das Training von Sportbegeisterten, von jungen Talenten und auch immer mal wieder – wie aber auch in den Jahren zuvor – auf Jugendliche, die vielleicht das Training nicht nur als Sport brauchen, sondern um wieder in die richtige Bahn zu kommen. Die Mitgliederzahlen in meinem Fight Club sind in den letzten Jahren weiter gestiegen. Jedes Training ist sehr intensiv, da es bei einer großen Gruppe viel Ausdauer erfordert, jedem Einzelnen gerecht zu werden.“

DS: Da kann doch Ihre Ehefrau Olga jetzt sicher ruhiger schlafen?

Werner Kreiskott: „Grundsätzlich schon. Früher habe ich ihr durch meine Kämpfe viele schlaflose Nächte bereitet, jetzt macht das unser Sohn.“

DS: Sie sind vermutlich der einzige Box-Weltmeister auf der Welt, der auf einen Trainer verzichtet hat. Was hat Sie so sicher gemacht, dass Sie selbst während eines Kampfes immer die richtigen Entscheidungen fällen würden?

Werner Kreiskott: „Ich habe an mich geglaubt. Aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Im Boxbereich, als auch im privaten Leben. Immer nach vorne schauen und das Beste geben. Man kann nur verlieren, wenn man es nicht probiert. Bei Kämpfen hatte ich ja ich immer noch meine Ecke dabei. Marcel Gottschalk und Youssef Ramadan. Das waren erfahrene Leute, die mir Ratschläge geben konnten.“

DS: Sie trainieren Jugendliche, um sie aufs Leben oder auf echte Fights vorzubereiten. Wie schwer ist es, im Smartphone-Zeitalter motivierte und talentierte Nachwuchs-Boxer zu finden?

Werner Kreiskott: „Einfach ist es wirklich nicht. Viele unterschätzen, was so ein Kampf bedeutet. Sie sehen sich oft als strahlenden Sieger vor großem Publikum. Aber das harte Training, die Ausdauer im Kampf und das Einlassen auf eine neue Situation, bringt viele auf den Boden der Tatsachen zurück. Und dann zeigt es sich, ob jemand wirklich ein Boxerherz hat, was bedeutet: Aufstehen, weitermachen und weiterkämpfen!“

DS: Wie vermitteln Sie den jungen Leuten Werte wie Fairness, Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen?

Werner Kreiskott: „Das passiert schon während des Trainings. Wenn ich merke, in einer Situation bauen sich Agressionen auf, hole ich alle zusammen und mache ihnen klar, dass wir, auch wenn wir uns in Sparringssituationen befinden zwischen den einzelnen Jungen oder Mädchen, immer noch ein Team sind. Es darf nicht das Ziel sein, einen Teamkollegen im Training K.o. zu schlagen, nur weil man zeigen will, wie gut und wie „hart“ man ist. Gerade wenn ein erfahrender Kämpfer mit einem Anfänger im Ring steht, hat er aufzupassen und nicht wild drauf loszuschlagen. Das würde absolut gegen unsere Regel verstoßen.“

DS: Wie groß ist die Rolle, die Mädchen oder Frauen in Ihrem Fight-Club spielen?

Werner Kreiskott: „Die ist gleich groß. Sowohl in der Kinder-, als auch in der Jugendlichengruppe wird noch gemeinsam trainiert. Die Frauen und Männerrunden findet in separaten Kursen statt. Das ist vor allem für die Frauen angenehmer, die meistens lediglich wegen des Fitnessaspekts bei uns trainieren und sich lieber unter sich richtig auspowern wollen. Wenn ich jedoch ein Mädchen im Training sehe, das Talent hat und motiviert ist, mehr als nur das reguläre Training zu absolvieren, wird sie genauso gefördert, wie die Jungen. Da gibt es keinen Unterschied.“

DS: Sie haben einen kleinen Sohn, werden Sie ihm später einmal empfehlen, Boxer zu werden oder würden Sie ihm eine andere Sportart ans Herz legen?

Werner Kreiskott: „Also mein Sohn ist ja noch sehr klein. Aktuell ist das Fußballspielen seine absolute Leidenschaft. Kaum hatte er seine ersten Schuhe, schon wollte er nur noch draußen Ball spielen. Ob das so bleibt, werden wir sehen. Aber mir ist wichtig, dass er seinen eigenen Bereich hat. Egal welche Sportart. Er kann machen, was er will. Ich möchte nicht, dass er einmal mit mir verglichen wird. Das fände ich schade. Deswegen hoffe ich, dass er seine Leidenschaft in eine andere Sportart investiert und vielleicht hobbymässig nebenbei boxt, wenn er mag. Oder das Boxtraining zusätzlich als Konditionstraining nutzt. Ich werde ihn jedenfalls in allem unterstützen. Egal, was er machen möchte.“

Feierte eine Traumhochzeit: Werner Kreiskott und seine Olga – © privat

DS: Wie wichtig ist Selbstverteidigung aus Ihrer Sicht in der heutigen Zeit?

Werner Kreiskott: „Ich denke, dass es nicht auf die „richtigen Boxtechnik“ in einer brenzlichen Situation ankommt, sondern, auf das Auftreten allgemein. Sehe ich selbstbewusst aus und gehe mit erhobenen Kopf durch die Welt, werde ich nicht so schnell zum „Opfer“. Und genau das kann man bei uns auch erlernen. Nach dem Motto: Arbeite an dir und glaube an Dich!“

DS: Wie genau verfolgen Sie die Box-Szene in Deutschland und weltweit?

Werner Kreiskott: „Ich liebe weiterhin das Boxen. Ich gucke, soweit ich es zeitlich schaffe, die großen Kämpfe und sehe zugleich auch junge Talente, wenn wir mit unseren Jungs auf Auswärtsveranstaltungen sind. Wie z.B. vorletztes Wochenende in Hamburg.“

DS: Wann gibt es die nächste Fight-Night, die von Ihnen veranstaltet wird?

Werner Kreiskott: „Am 28.03.2020 in Velbert in der EMKA Halle. Da wird es wieder starke Fights geben, das verspreche ich.“

DS: Am 21. März findet in der Bayer-Halle eine Box-Gala des Agon-Boxstalles statt, werden Sie als Zuschauer dabei sein?

Werner Kreiskott: „Ich denke eher nicht. Ich bin aufgrund meiner eigenen bevorstehenden Veranstaltung zeitlich sehr eingebunden. Und der Kampf von Tyron Zeuge, der mich an dem Abend interessiert hätte, fällt ja leider aus.“

DS: Mit Vincenzo Gualtieri steht ein Wuppertaler im Ring, er kämpft um die Deutsche Meisterschaft. Wie gut kennen Sie ihn und wie stark schätzen Sie ihn ein?

Werner Kreiskott: „Ich kenne ihn von früher. Er hat bei uns ab und zu trainiert. Sportlich und auch menschlich hat es einfach nicht gepasst, so dass mich sein Werdegang nicht weiter interessiert.“

DS: Sie sind der einzige Wuppertaler Boxer, der sich jemals einen Weltmeistergürtel umgeschnallt hat, wie stolz macht Sie das und wie lange werden Sie der einzige bergische Weltmeister Ihrer Meinung nach bleiben?

Werner Kreiskott: „Ein Reporter einer Wuppertaler Zeitung sagte noch vor kurzem zu mir, dass es einen solchen Lokalmatador so schnell nicht wieder geben würde, der 2.500 Leute zu seinen Kämpfen in eine Halle lockt und zu allen ehrlich, offen und nicht überheblich ist. Diese Eigenschafften hätten mich ausgemacht. Solch eine Aussage ehrt mich total.“ 

In seinem Fight Club trainiert Werner Kreiskott Kids, Jugendliche, Frauen und Männer – © Foto: Dirk Sengotta

DS: Welche Erinnerungen werden Sie an Ihre erfolgreiche Karriere für immer behalten?

Werner Kreiskott: „Stolz bin ich aber vor allem auch darauf, dass ich bei meinen Gegnern auf große Namen zurückblicken kann: Jerome le Banner, Danny Wiliams, Ruslan Chagaev oder die Gegner vom Glory Team, um nur einige zu nennen. Auch wenn ich den Ring nicht immer als Sieger verlassen habe, aber ich habe mich vor keinen Namen und keinen Fight gedrückt. Egal wie kurzfristig das Angebot auch kam (teilweise einen Tag zuvor). Darüber hinaus bin ich vor allem auch auf den IBF-Gürtel sehr stolz.“

DS: Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus?

Werner Kreiskott: „Ich werde weiter die „Die Nacht der Löwen“ veranstalten. Der Zuspruch der Zuschauer und Kämpfer ist nach einem solchen Abend immer sehr groß und gibt mir die Kraft, nach so einer stressigen Zeit wieder die nächste Gala zu organisieren. Darüber hinaus habe ich aktuell ein paar talentierte Jungs, bei denen ich sehr gespannt bin, wie sie sich entwickeln. Also: Im Fight Club Wuppertal kehrt niemals Ruhe ein, sondern es gibt immer wieder etwas spannendes Neues.“

www.fightclub-wuppertal.de

Das Interview führte Peter Pionke

 

 

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