15. November 2018

Prof. Brock lehrte an Bergischer Uni: ‚Bazon, geh Du voran!‘

Der Ethiker Prof. Bazon Brock lehrte 20 Jahre an der Bergischen Universität und hinterließ in Wuppertal eindrucksvoll Spuren. Eine imposante Persönlichkeit: "Bazon, geh du voran!".

Prof. Bazon Brock, Ex-Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität – © Detlef Hartlap

Ein Außenseiter war er immer. Dennoch hat es Professor Bazon Brock, Ästhet und Ethiker, 20 Jahre an der Wuppertaler Universität ausgehalten. Und sie hat ihn ausgehalten. Ein Rückblick.

Professor Bazon Brock kommt gerade vom Arzt. Schulter verrenkt, Schulter behandelt, die Arbeit geht weiter.

Heute Abend hat er wieder 120 Zuhörer in der vollbesetzten „Denkerei“ in Berlin-Kreuzberg. Der 82-Jährige ist von Kopf bis Fuß – Schal, Jacke, Hose – in italienisch-milde Pastellfarben gewandet, passend zum immer noch vollen Haar, das von Beige zu Grau changiert. Eine stattliche Erscheinung, die verrenkte Schulter kann dem nichts anhaben. „16 Veranstaltungen noch bis Weihnachten“, sagt Bazon Brock. Ein Anflug von Stolz ist nicht zu überhören. „Wer hat das denn noch!“

Der Denker und Vortragskünstler aus Cronenberg ist ein gefragter Mann. Einst hingen, ob an den Universitäten in Wuppertal, Wien oder Boston, Trauben junger Leute an seinen Lippen, oft stundenlang und buchstäblich bis zum Umfallen. Bazon Brock reden zu hören war geistiges Labsal und Leistungssport in einem. Es soll vorgekommen sein, dass er, der Ästhetik-Professor, mit seinen Studenten auf harten Museumsbänken nächtigte.

Heute strömen besorgte, ratlose Bürger jeder Altersstufe in die „Denkerei“. Ahnen sie, worauf sie sich einlassen? Man stelle Bazon Brock eine Frage von einem Satz, und er wird in vierzig Sätzen antworten, dabei Raum und Zeit von Homer bis heute in gedanklichen Siebenmeilenstiefeln durchmessend.

Aber das schreckt nicht, im Gegenteil. Das Vertrauen in Fakten und Experten schwindet überall auf der Welt, der politische Irrsinn streift sich das Gewand der Vernunft über und arbeitet mit enormem Aufwand daran, dem exakten Wissen jede Wertigkeit abzusprechen.

Da kann nur einer wie Bazon Brock helfen, der Turm in den Trübnissen des Zeitgeistes, ein Kämpfer für das Echte und Schöne, ein Alleswisser und oft auch ein Besserwisser, der sich das „Lösen unlösbarer Probleme“ zur Aufgabe gemacht hat und das nicht nur im Scherz. Bazon, geh du voran!

Seine Autorität beruht zu einem nicht geringem Teil darauf, dass er immer unabhängig geblieben und keinem Lager zuzuordnen ist. „Mit dem lässt sich nicht Schlitten fahren“, sagt Brock über sich, „weder nach rechts noch nach links.“ Eine Vereinnahmung kommt für ihn schon deshalb nicht in Frage, weil „weder Grüne oder Linke, auch nicht CDU, SPD und FDP“ seinem Anspruch genügen, sich mindestens mal mit den letzten „2800 Jahre Kulturgeschichte auszukennen“. Für Brock ein Manko, unter dem die überwältigende Mehrzahl politischer Einlassungen leidet. „Ahnungslosigkeit“ kennzeichne den politischen Alltag oder, um es mit einem Brockschen Kernsatz zu sagen: „In diesem Land herrscht ein demokratisches Recht auf Dummheit!“

Wie hat das überhaupt klappen können mit Bazon Brock und Wuppertal? Ein Blick zurück in die Siebzigerjahre: Auf den steilen Hängen des Grifflenbergs ragen die Baukräne vieldutzendfach und spitzfingrig in die Luft. Ein Hort des Geistes und der Erkenntnis, eine Universität, strebt gen Himmel …

Obwohl, erst war’s noch eine Uni zweiten Ranges, eine Gesamthochschule, eine von fünfen, die auf Betreiben von Kultusminister Johannes Rau in NRW entstanden. Zu jener Zeit wurde Bazon Brock, seit 1965 in Cronenberg ansässig, von Gründungsrektor Professor Gruenter und Professor Simson habilitiert. 1981 wurde er Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung.

Die Daten sind pikant. Sie markieren eine Zeit, in der Johannes Rau mit einem gewissen Joseph Beuys über Kreuz lag und den eigentlich mildgeistigen Kunstprofessor aus Kleve in einem beispiellosen Akt der Bevormundung der Düsseldorfer Akademie verwies. Bazon Brock aber gehörte zum engsten Kreis um Beuys. Schon 1966 hatten die beiden eine „Deutsche Gesellschaft zur Erforschung der Zukunft“ gegründet. Am Beuysschen Bestreben um einen freien Fluss von Kunstinhalt und Kunstbegriff war Bazon Brock inspirierend beteiligt.

Wie also konnte Wuppertal diesen Brock 20 Jahre lang ertragen? Und was hielt den Professor, der am MIT in Boston gefeiert wurde, den man an der Wiener Hochschule der Künste verehrte (und mit dem Österreichischen Staatspreis auszeichnete), in Wuppertal?

Das hatte, erstens, sachliche Gründe. Mit Beendigung des 2. Vatikanischen Konzils waren ab 1964 viele klassische Kirchenrituale aufgegeben worden und in – zuweilen frevelnde – Künstlerhand gefallen. Dafür war Brock der richtige Moderator. „,Keine Ästhetik ohne Ethik‘“, lautet eine seiner maßgeblichen Maximen. Die meisten Professorenkollegen beäugten sein Wirken mit scheelem Blick.

Zweitens war Uni-Kanzler Dr. Klaus Peters dem aus Pommern stammenden Brock ungeachtet mancher Differenz mit Sympathie und Amüsement zugetan. Im Streit warf man sich gegenseitig heftige lateinische Sentenzen an den Kopf , aber man vertrug sich auch wieder. Brock revanchierte sich mit einer exklusiven Theorie der Bürokratie: „Ihre Bürokratie, Herr Dr. Peters, hindert uns Individuen daran, unsere haltlosen Einfälle täglich und unhinterfragt in die Tat umzusetzen. Dafür danken wir Ihnen.“ Der Neid im Lehrkörper mehrte sich.

Drittens leistete Bazon Brock exzellente Arbeit, habilitierte 59 seiner Studenten zu Professoren, was er selbst als „Weltrekord“ bezeichnet. Natürlich sorgte auch das für einen erhöhten Neidfaktor. Pünktlich mit 65 ging Brock 2001 in den Ruhestand, was er selbst als „Rausschmiss“ sieht.

Sein Domizil in Cronenberg hat er behalten, als „Basislager“. Doch seine Aktivitäten hat er an die Uni Saarbrücken verlagert, an die weltweit geachtete ETH Zürich und in seine „Denkerei“ in Berlin, wo die scheinbar unlösbaren Probleme verhandelt werden.

Um eine Ahnung davon zu vermitteln, um was es da unter anderem geht, sei auf ein Büchlein verwiesen, das Brock zusammen mit Peter Sloterdijk herausgab: „Der Profi-Bürger“, heißt es. Es geht um „Handreichungen für die Ausbildungen von Diplom-Bürgern, Diplom-Patienten, Diplom-Konsumenten und Diplom-Gläubigen“.

Die Mündigkeit des Bürgers lag, davon ist Bazon Brock überzeugt, in der alten Bundesrepublik auf höherem Niveau als heute, da „der gesellschaftliche Konsens aufgebrochen“ sei. Selbst die großen Auseinandersetzungen der Bundesrepublik – Wiederbewaffnung, Radikalenerlass, Atomkraftwerke – hätten stets in rechtstaatlichem Rahmen und im sicheren Gefühl staatlicher Autorität stattfefunden. Das sei jetzt, in einer Epoche „der Herrschaft der Minderheiten über die Mehrheiten“ nicht mehr gegeben.

Im Oktober 2015 erklärte Brock seiner Zuhörerschaft in der „Denkerei“: Mit den Flüchtlingen hole man sich Hunderttausende Anti-Semiten ins Land. Fünf Professoren der Humboldt-Universität verließen daraufhin in aufrechter Empörung über so viel politisch unkorrekter Menschenverachtung den Saal.

„Und heute?“, fragt Bazon Brock, „da an jeder zweiten Kreuzberger Hauswand der ,Tod Israels‘ propagiert wird, was sagen die Humboldt-Herren jetzt?“

Text: Detlef Hartlap

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