19. August 2026

WSV-Schulden: Hatte der ‚böse‘ Herr Müller doch Recht?

Die Frage, warum der Prophet im eigenen Lande nichts gilt, wurde schon oft gestellt. Eine von vielen möglichen Antworten liefert aktuell der erneut in die Krise geratene Wuppertaler SV. Der neue Vorstand hat nach eigenen Angaben „alte Verbindlichkeiten in erheblicher, sechsstelliger Höhe“ entdeckt, von denen man vorher keine Kenntnis gehabt habe. Ein vielschichtiges Thema, bei dem einiges im Dunkeln bleibt.

Das ehemalige WSV-Verwaltungsrats-Mitglied Norbert Müller mahnte schon frühzeitig, wurde aber nicht gehört – © Siegfried Jähne

Allerdings gab und gibt es mit Norbert Müller einen Mahner, der sein profundes Wissen aus der Vergangenheit sogar in einem Buch „Kein Rentner-Blues in Wuppertal“ 2024 veröffentlichte und darin einen Teil des WSV-Problems schilderte. Statt Anerkennung und Respekt habe er aber eher eine schmerzhafte Ausgrenzung erfahren.

Die STADTZEITUNG hatte in einem Artikel am 27. Februar 2025 unter der Überschrift „WSV droht Bedeutungslosigkeit – Relaunch unausweichlich?“ von einer siebenstelligen Summe berichtet, von der nicht klar wäre, ob es sich um eine Schenkung oder ein Darlehen handele. Und auch vor der Jahreshauptversammlung im April 2025 wurden die „ungelösten Finanzfragen (SZ vom 04.04.25“) thematisiert, ohne dass es hier ein nennenswerte Resonanz gegeben hätte.

In dem WSV-Forum „Rot-Blau. com“ war vom Autor „WSV74“ jetzt zu lesen: „Der „böse Herr Müller hatte ja darauf hinweisen wollen, aber die Stimmung bei den Mitgliedern war halt nicht für negative Zeilen gemacht.“ Und „Ollen Matt“ führte an gleicher Stelle aus: „Erinnere nur an Herrn Müller, den einzigen Mahner damals. Im Nachhinein hat er wohl Recht behalten.“

DS: Frage an Norbert Müller, haben Sie Recht behalten?

Norbert Müller: „Darum geht es mir nicht. Damals herrschte in den Gremien die Auffassung, den Mitgliedern besser nicht alles zu erklären. Hintergrund war, dass erhebliche Beträge in den Verein geflossen sind, ohne dass klar war, um was es sich handelte. Es ging um vier Millionen Euro, die mir damals bekannten Zahlen waren gar nicht umstritten. Im übrigen kenne ich natürlich die aktuellen Zahlen überhaupt nicht, so dass mir ein absolutes Urteil hierüber nicht zusteht und das wohl auch in Gänze kaum möglich sein dürfte.“

DS: Dennoch, wie bewerten Sie die heutigen Zahlen vor dem Hintergrund ihres Wissens?

Norbert Müller: „Ohne Offenlegung bleibt naturgemäß vieles offen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass etwa EMKA ein Interesse haben könnte, die alte Forderung noch geltend zu machen. Es wird vielmehr um die Kernfrage gehen, wer jetzt  für die nicht unerheblichen steuerlichen Folgekosten aufkommt, war es eine Schenkung oder ein Darlehen? Im übrigen liegt ja auf der Hand, dass der Verein in der abgelaufenen Saison enorme Kosten hatte, mangels ausreichender Einnahmen aber keine Überschüsse erzielen konnte.“

Norbert Müller Müller mit seinem vielbeachteten Buch „Kein Rentner-Blues in Wuppertal“, das im Jahr 2024 erschien – © Siegfried Jähne

DS: Wie haben Sie das damals erlebt?

Norbert Müller: „Friedhelm Runge hatte nach innen kommuniziert, es handele sich um ein Darlehen. Der Verwaltungsrat (VWR) hatte aber keinem Darlehen zugestimmt und deutlich gemacht, dass auch gar nicht die Absicht bestünde, ein solches aufzunehmen. Dann hieß es, die Beträge wären Vorauszahlungen auf den Erwerb der Kapitalanteile für die geplante Spielbetriebs GmbH. Zu der Zeit war ich der Sprecher des Finanzausschusses des WSV-Verwaltungsrates und wollte eine Regelung in der Form herbeiführen, was mit den Geldern geschieht, wenn es nicht zu einem Erwerb von Gesellschaftsanteilen kommt. In meiner formulierten Version stand drin, dass diese dann in eine Schenkung umgewandelt würden und Emka zahle die Schenkungssteuer.“

DS: Bis dahin einleuchtend, aber warum kam es nicht zum dieser Vereinbarung?

Norbert Müller: „Dann wurde der Finanzausschuss von einem VWR-Kollegen übergangen und eine Vereinbarung geschlossen, in welcher dieser Schlusssatz nun fehlte und durch eine Formulierung ersetzt wurde, die aus meiner Sicht nicht gangbar war. Das ist heute vermutlich Teil des Problems. Ich hatte im August 2023 noch als als Mitglied des Verwaltungsrates den Antrag zur rechtlichen Prüfung gestellt, das Zustandekommen der erheblichen Verbindlichkeiten rechtlich extern prüfen zu lassen. Dieser Antrag fand nur bei vier Mitgliedern des Gremiums Zustimmung, sieben waren dagegen. Darauf habe ich mein Amt im Verwaltungsrat aufgegeben. Mein Versuch, die Mitglieder bei der Hauptversammlung im November 2023 über die Hintergründe zu informieren, scheiterte.“

DS: Was hat der damalige Verwaltungsrat versucht, diese Verschuldung zur verhindern?

Norbert Müller: „Mein Antrag auf rechtliche Prüfung wurde vom damaligen Versammlungsleiter und unserem Vorstand, aus meiner Sicht rechtswidrig, nicht in die Tagesordnung der Mitgliederversammlung aufgenommen. Meine ‚Mitstreiter‘ mussten sich dann vom Versammlungsleiter noch als ‚Norbert hat seinen Fanclub mitgebracht‘ verhöhnen lassen, nur wenige Mitglieder haben unser Anliegen unterstützt. Die anwesenden etwa 100 Mitglieder interessierte das Thema nicht und ich, der ‚Feuermelder’, wurde zum Dank dann von der Versammlung nur noch mit dem schlechtesten Ergebnis aller Gremiumsmitglieder entlastet.“

Norbert Müller verwies schon frühzeitig darauf, dass in der Regen-Metropole Wuppertal nicht nur über der Laurentiuskirche dunkle Wolken aufziehen würden – © Siegfried Jähne

DS: Sie haben sich mit der Problematik intensiv auseinandergesetzt. Ist die Satzung des WSV geeignet, als Grundlage für sachgerechte Reaktionen zu dienen?

Norbert Müller: „Die Satzung ist eigentlich in diesen relevanten Punkten eindeutig, nutzt aber nichts, wenn sich keiner dran hält. Ich würde empfehlen, wie es im Parlamenten üblich ist, einer Minderheit  im Verwaltungsrat das Recht einzuräumen, einen Untersuchungsausschuss zu fordern bzw. eine Rechtsprüfung beauftragen zu können. Hätte es damals diese Möglichkeit gegeben, hätte es vor dem von mir geschildertem Hintergrund gar nicht zu einer Verschuldung kommen können.“

DS: Für den Fall, dass die Firma EMKA noch Ansprüche geltend machen sollte, gibt es aus ihrer Sicht ggf. noch Ansätze, der Firma EMKA klarzumachen, dass sie keinen Anspruch hat?

Norbert Müller: „Ja und zwar die, dass hier Geschäftsführung ohne Auftrag vorliegen könnte. Da sehe ich dann den Ansatz, da letztlich Friedhelm Runge im Verein alles entschieden hat, ohne vom Vorstand oder sonst wie legitimiert zu sein. Da müssten Juristen heute klären, ob eine Rückforderung nicht sittenwidrig wäre und/oder ein Verstoß gegen Treu und Glauben vorliegt. Ich würde sogar soweit gehen, eine damalige ‚Geschäftsführungs-Anmaßung‘ prüfen zu lassen.“

DS: Warum konnten Sie erkennen, was andere nicht erkennen konnten oder wollten?

Norbert Müller: „Von den zwölf VWR-Mitgliedern konnten bestenfalls drei eine Bilanz lesen. Jeder wusste von den Verbindlichkeiten, wollte sich aber nicht mit Friedhelm Runge anlegen oder auch Privilegien verlieren. Dennoch hat niemand behauptet, dass meine Analyse falsch sei. Ich war nicht nur 40 Jahre mit der Finanzierung von Investitionsgütern befasst und musste mir tausende von Bilanzen ansehen, sondern bin auch noch als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig und unterrichte u.a. Rechnungswesen.“

Nobert Müller biete seinem Wuppertaler SV seine Unterstützung und Erfahrung an, sollten diese gewünscht werden – © Siegfried Jähne

DS: Welche Qualifikation sollten nach ihrer Meinung Verwaltungsräte haben?

Norbert Müller: „Ich verstehe bis heute nicht, warum man sich in ein Aufsichtsorgan wählen lässt, wenn man nicht einmal weiß, wie eine Bilanz aufgebaut ist. Also eine kaufmännische Ausbildung sollte es schon sein.“

DS: Empfinden Sie heute so etwas wie eine gewisse Genugtuung?

Norbert Müller: „Mir geht’s in erster Linie darum, dem neuen Vorstand, wenn ich kann, in seiner schwierigen Aufgaben zu unterstützen und freue mich, wenn es ihm und der neuen Führung gelänge, das Vereinsschiff wieder flott zu machen. Ich ziehe vor Ralf Bartsch den Hut, dass er sich dieser Aufgabe als Finanzvorstand stellt und die Einleitung dieser Restrukturierung sehe ich als cleveren Schachzug. Gerne kann man bei mir nachfragen. Aber ansonsten gibt es umfangreiche VWR-Protokolle, aus der Zeit Mitte 2022 bis Ende 2023 die selbstredend sind. Was ich auch nicht verstehe, ist die immer noch fehlende Resonanz bei den Mitgliedern. Bei solchen, die Existenz bedrohenden Entwicklungen, stellen sich doch Fragen nach Inhalten, Ursachen und Verantwortlichkeiten. Aus meiner Sicht wäre es jetzt an der Zeit, eine außerordentliche Mitglieder-Versammlung zu fordern, schon um eine dritte Vereins-Insolvenz zu verhindern.“

DS: Vielen Dank für das aufschlußreiche Gespräch.

Das Interview führte Siegfried Jähne

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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