4. August 2026Peter Pionke
VBS auf spannender Stippvisite in Schwerin
Idylle pur! Wuppertaler VBS-Mitglieder bei Abendsonne mit dem Schweriner Schloss im Hintergrund: (hinten v.l.) Alexandra Szlagowski, Nils Kaben und Martin Schneider, (vorne v.l.) Dieter May, Erdinc Özcan-Schulz und Roderich Trapp – © Siegfried JähneAber nicht nur das, auch die seit knapp 40 Jahren bestehende Wuppertaler Städtepartnerschaft erfuhr jetzt, in einer Zeit besonders heftiger politischen Auseinandersetzungen, so etwas wie eine Neubelebung. Es ging in um Erfahrungsaustausch, Vergleiche und den Gewinn von Erkenntnissen aus der mecklenburgischen Landeshauptstadt mit ihren knapp 100.000 Einwohnern. Schwerin mit seinen rund 100 Vereinen wird mit Fug und Recht als „Sportstadt“ bezeichnet, hat sie doch eine lange Tradition als Talentschmiede im deutschen Sport.
Einst war sie das absolute Sport-Mekka in der DDR, die gleich mehrere berühmte Olympiasieger hervorgebracht. Besonders im Boxen, Volleyball und auf dem Wasser, Kanusport und Rudern, brachten Schweriner Athletinnen und Athleten lange stets „Gold“ nach Hause. Belastet waren viele Erfolge vor der Wende aber auch immer wieder durch den schwerwiegenden Verdacht, bei so mancher Spitzenleistung mit illegalem Doping nachgeholfen zu haben. Aber das ist Schnee von gestern.
Als Schweriner Athleten noch „Gold“ holten
Silvio Horn (UB Schwerin) Beigeordneter für Finanzen, Bürgerservice, Ordnung und Kultur hatte die Wuppertaler Delegation in Vertretung des verhinderten Oberbürgermeisters Sebastian Ehlers (CDU) empfangen und Einblicke vermittelt. Ähnlich wie Wuppertal habe auch Schwerin als Kommune ein „angespanntes Budget“ und beschränke sich in der Sportförderung auf eine subventionierte Infrastruktur, kann aber vielfach auch auf Landes-und Bundesmittel zählen. Der „Nordkurier“ berichtete zuletzt, dass Schwerin finanziell mit dem Rücken zur Wand stehe und sich das Minus in diesem Jahr bei laufenden Einnahmen und Ausgaben auf rund 20 Millionen Euro belaufen dürfte.
Das beeindruckende Schweriner Schloss – Baubeginn 1560 – ist Sitz des Landtags des Bundeslands Mecklenburg-Vorpommern und steht auf der UNESCO-Welterbe-Liste – © Siegfried JähneIm Spitzensport ist insbesondere der „SSC Palmberg Schwerin“ (frühere SC Traktor Schwerin) heutzutage das sportliche Aushängeschild der Stadt. Die „Palmberg Arena“ in Schwerin soll ausgebaut werden und 500 weitere Sitzplätze auf zwei hängenden Tribünen erhalten. Die Landesregierung unterstützt das Vorhaben mit bis zu 5 Millionen Euro. Das Geld soll aus dem Sondervermögen „Infrastruktur“ kommen. Die Erweiterung ist notwendig, um in der nächsten Saison Spiele in der Champions League der Frauen austragen zu können.
Damit nicht genug: Für 25 Millionen Euro entsteht gleich daneben ein neues Radsportzentrum auf Stelzen mit einer Länge von 118 Metern. Finanziert wird das Projekt aus Mitteln von Bund, Land und der Landeshauptstadt Schwerin. Matthias Tillmann, zuständig für den Sport in Schwerin, und Wieland Schaible konnte den staunenden Gästen aus dem Bergischen Land schon die Rohbauten am Olympiastützpunkt zeigen und gewährte nebenbei interessante Ein- und Ausblicke.
Bei diesen Themen hörte nicht nur die rührige VBS-Geschäftsführerin Alexandra Szlagowski, zugleich im Hauptberuf Leiterin des Wuppertaler Stadtbetriebes Sport und Bäder, hochinteressiert zu, gilt es doch auch in Wuppertal noch einige Bauvorhaben zu realisieren.
Schlicht und dennoch beeindruckend: Der Sitzungssaal des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern im Schweriner Schloss – © Siegfried JähneAber auch in Sachen Bundesgartenschau hatte man in Schwerin noch einige Empfehlungen für die Wuppertaler BUGA 2031 auf Lager. Die BUGA 2009 in Schwerin war dort mit erheblichen Zweifeln und viel Skepsis gestartet, am Ende aber mit Blick auf die Stadtentwicklung und einem Überschuss von etwa 3,5 Millionen Euro ein voller Erfolg. Noch vor Ort wurde mit Dezernent Silvio Horn die Vertiefung des Gedankenaustausches vereinbart. Gute Gelegenheiten eröffnen sich spätestens im kommenden Jahr, wenn es gilt, „40 Jahre Städtepartnerschaft Schwerin-Wuppertal“ zu feiern.
Mit „Jamel“ gegen Rechts-Extremismus
Ein Kontrastprogramm erlebte der bergische Journalisten Verein (VBS) bei einem Abstecher nach Wismar. Dort wurde nach einer Stadtbesichtigung auch das Ehepaar Horst und Birgit Lohmeyer in dem nahe gelegenem kleinen Dorf Jasmel besucht. Er Musiker, sie Schriftstellerin, beide aus Hamburg, hatten 2004 einen im Dorf Jasmel einen Forsthof am Waldrand erworben. Zeitgleich zogen wohl auch mehrere Familien aus der rechten Szenen nach Jamel und begannen, das Dorf nach ihrem völkischen Ideal zum prägen und Andersdenkende auszugrenzen.
Martin Schneider (2.v.r.), Vorsitzender des VBS, mit Vereinsmitgliedern zu Besuch bei Musiker Horst Lohmeyer (r.) und seiner Frau Birgit – © Siegfried JähneDie Lohmeyers beschlossen 2007, mit öffentlichen Veranstaltungen gegen die Abschottung ihres Dorfes vorzugehen und eröffnen seither die Pforten ihres Hofes für die Öffentlichkeit. Als Zeichen „gegen Rechtsextremismus und für Toleranz“ veranstalten sie seither jährlich ein Open-Air-Festival, das „Forstrock-Festival“ (Jamel rockt den Förster), für das u.a. die amtierende Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Schirmherrschaft übernommen hat. Zahlreiche bekannte Musikgruppen, wie etwa „Die Toten Hosen“ sind hier bereits ohne Honorar aufgetreten, um das jährliche antifaschistische Festival zu unterstützen.
Die Lohmeyers berichteten ihren Besuchern aus dem Bergischen von inzwischen von den Behörden zahlreich errichteten politischen Hürden, die sie als reine Schikane empfinden. So seien inzwischen enorme Pachtgebühren erhoben worden, die man freilich inzwischen teilweise gerichtlich erfolgreich anfechten konnte. Plötzlich sei zudem ein Frosch entdeckt worden, der unter Naturschutz stehe und bei einer solche Großveranstaltung wie dem „Forstrock-Festival“ nicht überleben könne. Schließlich erwartete man wieder rund 2.500 Festival-Besucher. Tickets werden bei dieser bewußt kleinen und nicht-kommerziellen Veranstaltung (Unkostenbeitrag 70 Euro) wegen der großen Nachfrage im Los- und Bewerbungsverfahren vergeben. Ungeachtet aller dieser Widerstände findet das Festival auch in diesem Jahr statt, und zwar, nicht wie sonst im August, sondern am 04. und 05. September, also zwei Wochen vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Herz und eine Seele: Das Künstler-Ehepaar Horst und Birgit Lohmeyer lebt im Dorf Jasmel auf einem Forsthof am Waldrand – © Siegfried JähneDazu passte thematisch, dass auf den Strassen der mecklenburgischen Landeshauptstadt zeitgleich mit dem Besuch der Bergischen Journalisten die Polizei mit einem Großaufgebot von 450 Einsatzkräften – darunter auch aus NRW und Sachsen – eine Demonstration der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ und auch die Gegendemonstration „Generation Antifa“ begleiten mußte, bei denen sich auf beiden Seiten jeweils rund 400 Teilnehmer in der Innenstadt gegenüberstanden und versuchten, im Vorwahlkampf ihre Positionen zu verdeutlichen.
Als Toni Kross das Interview bei der „Scheißfrage“ abbrach
Nicht weniger zeitgeschichtlich interessant ist auch der inzwischen abgesagte, geplante Teil-Verkauf der Fußball-Weltmeisterschaften durch FIFA-Präsident Gianni Infantino. Das ZDF hatte hierzu aus Schwerin einen Beitrag geliefert, der von Martin Schneiders bekannten Kollegen Nils Kaben direkt vom Schweriner See moderiert wurde, wo sich auch die bergischen Medien-Vertreter versammelt hatten.
Klar, das sich die Journalisten aus Wuppertal bei dieser Gelegenheit noch einmal das spektakuläre „Kaben-Interview“in Erinnerung riefen, das dieser im Mai 2022 nach dem fünften Champions-League-Sieg von Real Madrid im Spiel gegen den FC Liverpool mit Toni Kross geführt hatte. Auf Nils Kabens Frage, ob der Sieg wegen des Spielverlaufs gar nicht so selbstverständlich war, entgegnete der deutsche Fußball-Nationalspieler ungewohnt schnippisch: „Was ist schon selbstverständlich? Die Champions League zu gewinnen, ist auch nicht selbstverständlich. Sie hatten jetzt 90 Minuten Zeit, sich eine vernünftige Frage zu überlegen. Und jetzt diese Scheißfrage!“. Danach brach Toni Kroos das Interview ab. Dieses Interview gilt inzwischen als faszinierendes, krasses Lehrstück für Interviews in den emotionalsten Momenten des Fußballes. Nils Kaben gibt heute zu, dass es ein Fehler war, so eine Frage zu stellen. Es habe aber auch einige Missverständnisse gegeben.
Das Schweriner Rathaus im Tudorstil wurde im Jahr 1351 erstmals erwähnt – es beherbergt heute den Stadtrat und die Tourist-Information – © Siegfried JähneEin Ritt durch die Schweriner Geschichte
Die Bergische Sportpresse (VBS) nahm natürlich auch die Gelegenheit war, sich über die lange Geschichte der Mecklenburger umfassend zu informieren Und das im Schloss-Museum mit einem von Gästeführer Jürgen Hingst geführten Kneipenbummel. Hingst war selbst Journalist der ersten Stunde im neuen Schwerin und konnte authentisch über die verschiedene Epochen seiner Stadt spannend und exzellent berichten. Dazu gehörte auch eine Begegnung in der Nach-Wendezeit mit VBS-Mitglied Professor Siegfried Weischenberg, zu der Zeit designierter Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). Klar, dass beide jetzt in Erinnerungen schwelgen konnten.
„Wir können mehr als nur Sport“, hatte VBS-Chef und ZDF-Sport-Frontmann Martin Schneider resümiert und damit Rolle und Aufgabe des bergischen Journalistenvereins mit einem neuem Selbstverständnis am Puls der Zeit definiert.
Ein Reisebericht von Siegfried Jähne
Mit bester Laune in Schwerin unterwegs: Martin Schneider (hinten links), Vorsitzender des Vereins Bergischer Sportpresse (VBS), mit Vereinsmitgliedern bei der jährlichen Fünf-Tages-Tour – © Siegfried Jähne
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