10. Mai 2026

Uni-Projekt: Zukunftsenergie im Quartier

Wie kann man die Energiewende den Bürgern verständlich machen? Im vergangenen Jahr förderte das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) das Projekt 'Zukunftsenergie im Quartier', das von der Neuen Effizienz gemeinnützigen GmbH und dem Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgungstechnik der Bergischen Universität Wuppertal durchgeführt wurde. Ziel des Projektes war es, wissenschaftliche Erkenntnisse näher an die Bevölkerung heranzuführen.

Dr.-Ing. Kevin Kotthaus vom Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgungstechnik der Bergischen Universität Wuppertal – © Mathias Kehren

Von Seiten des Lehrstuhls war der Oberingenieur Dr. Kevin Kotthaus maßgeblich daran beteiligt und sagt: „Wenn wir als ausgebildete Ingenieure über unsere Themen reden, dann hört uns schnell keiner mehr zu. Wir mussten also auf eine Ebene kommen, wo jedem Bürger und jeder Bürgerin das Thema Energiewende zugänglicher wurde, um Akzeptanz zu schaffen, mit medial wirksamen ‚Bild‘-meinungen aufzuräumen und rechtspopulistische Strömungen zu entwerten, die Falschinformationen streuen.“ Mit dem Wissenschaftler hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der lehrreichen Uni-Reihe „Transfergeschichten“ über das Thema „Zukunftsenergie im Quartier“ unterhalten.

Der Ölberg-Hub in Wuppertal und das Quartier Solingen Ohligs

Zunächst ging es erst einmal darum, adäquate Quartiere zu finden, in denen das Projekt stattfinden konnte. Die Macher entschieden sich schließlich für das Quartier am Ölberg in Wuppertal sowie das Quartier in der bergischen Nachbarstadt Solingen-Ohligs. „Der Ölberg-Hub (HUB ist eine Art Drehkreuz, bezeichnet einen Ort, an dem Dinge ankommen, gesammelt, sortiert und wieder verteilt werden, Anm. d. Red.) ist schon eine sehr gut organisierte Initiative in der gesamten Stadtentwicklung. Das Thema Energiewende hier umzusetzen, macht aufgrund seiner Struktur – wir haben hier viele alte Mehrfamilienhäuser – Sinn, es ist die herausforderndste Variante zum Thema Wärmewende“, erklärt Kotthaus.

© Bergische Universität

„Wenn man ein Einfamilienhaus am Stadtrand hat, ist es baulich unproblematisch, dort eine Wärmepumpe einzubauen. Aber ein Zehnparteienhaus in der Nordstadt ohne Platz drumherum, da ist das Thema deutlich schwieriger umzusetzen.“ Hilfreich waren außerdem die seit Jahren existierenden diversen Netzwerke auf dem Ölberg mit Menschen, die sich für das Thema Energiewende interessieren und bereit waren, sich zu engagieren. Ähnlich sah es in Solingen Ohligs aus. „Auch dort gab es Initiativen, die sich mit dem Themenkomplex beschäftigten. Da haben wir uns in dem Ideenwerk-Ohligs als Veranstaltungsort wiedergefunden.  Durch ähnliche Gebäudestrukturen und Randbedingungen hatten wir hier eine gleiche Ausgangssituation.“ 

Anwohner unterstützen Projekt

„Mitgearbeitet in den Quartieren haben natürlich unsere Kolleginnen und Kollegen der Neuen Effizienz, die das Projekt federführend in die Hand genommen haben“, erklärt der Fachmann. „Wir sind da immer in Kombination aufgetreten und haben mit den Menschen dort, die in den einzelnen Initiativen aktiv sind, gearbeitet. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Man merkt, es gibt Leute, die wollen die Themen voranbringen, die wollen mitziehen, und das sind oft wirklich Anwohner.“

Kevin Kotthaus beschreibt das Beispiel einer Aktion durchs Quartier, die nur mit Unterstützung der Anwohner möglich wurde. „Wir hatten ein Format einer Energiewendeschnitzeljagt am Ölberg. Da sind die Leute von Gebäude zu Gebäude gegangen. Wir haben im Vorfeld mit Anwohnern geredet, die dann ihre Wallbox (eine spezielle Wandladestation für Elektroautos und Plug-In-Hybride, die das private Laden in der Garage, im Carport oder am Stellplatz ermöglicht, Anm. d. Red.) zur Verfügung gestellt haben oder uns Zugang zu ihren Häusern gewährt haben, damit wir uns deren Wärmepumpen vor Ort anschauen konnten. Die Anwohner haben aktiv bei unseren Formaten mitgeholfen, die wir dann umsetzen konnten.“

Wissenschaftsbank auf Stadtfest oder das Quiz im Pub

Kotthaus stellt immer wieder klar, dass eine Energiewende nur mit Akzeptanz und Unterstützung der zukünftigen Nutzer umsetzbar ist. Daher wandten die Projektbeteiligten u.a. auch ein weiteres niederschwelliges Format an, um den Bürgerinnen und Bürgern Forschung nahe zu bringen: die sogenannte ‚Science Bench‘ (Eine „Science Bench“, also eine Wissenschaftsbank ist ein niedrigschwelliges Format der Wissenschaftskommunikation, bei dem Forschende auf einer Bank im öffentlichen Raum (z.B. Fußgängerzone) Platz nehmen. Anm. d. Red.) Dazu mischten sich zwei Wissenschaftlerinnen der Bergischen Universität auf einem Stadtfest unter die Besucher. „Wir hatten also einen Stand, eine Bank“, erklärt Kevin Kotthaus, „wo wirklich zwei Wissenschaftlerinnen von uns in guter, entspannter Atmosphäre während dieses Stadtfestes gesessen haben und darauf warteten, dass sich Passanten, die sich auf dem Stadtfest bewegten, zu ihnen setzten und mit den Forscherinnen über die Energiewende ins Gespräch kamen.“

Selbst in einer ganz normalen Kneipe versuchte ein Mitarbeiter das Thema Energiewirtschaft spielerisch an die Gäste zu bringen. „Ein Kollege hat wirklich ein Pub-Quiz beim Hutmacher in Utopiastadt durchgeführt. Da saßen ca. 40 Personen, um ihr Feierabendbierchen zu trinken und dann begann das Pub-Quiz. Alle durften mitmachen um energiewirtschaftliche und energiewendetechnische Fragen zu klären.“ Auch Exkursionen wurden durchgeführt. „Wir sind auch mit Leuten ins Heizkraftwerk am Küllenhahn hier bei der AWG gegangen“, berichtet Kotthaus weiter. „Die konnten sich von innen das gesamte Heizkraftwerk mal ansehen und auch lernen, was passiert, wenn es einen Black-out gibt. Dieses Müllheizkraftwerk ist nämlich schwarzstartfähig, d.h. wenn wir in einen Black-out liefen, kann unser Müllheizkraftwerk Teile von Wuppertal aus eigener Kraft versorgen.“

Eine handelsübliche Wärmepumpe (Beispielbild) – © gemeinfrei

Weitere Vortragsformate rundeten die Angebotspalette ab. Darunter auch ein Vortrag von Dr. Kevin Kotthaus selber zum Thema ‚Mythen der Energiewende‘ mit solchen Fragen wie: „Tötet das Windrad wirklich so viele Vögel in Deutschland? Lohnen sich Solaranlagen wirklich? Geht ohne Kohle bei uns das Licht aus? „Das sind wirklich Falschinformationen, die in Deutschland gestreut werden, und die wir entkräften.“ Alle Aktionen konnten als erfolgreich gewertet werden, das Feedback war durchgehend positiv. „Unserer Zuhörerschaft bestand sowohl aus Laien, als auch auch sachkundigen Bürgern aus der Stadt. Eine Anregung u.a. war, dass man diese Arbeit neben dem Projekt auch fortführen muss.“

Und dabei kann man schon bei den Kleinsten beginnen. Die erste Aktion führte Kotthaus auf dem Zoofest im Grünen Zoo in Wuppertal durch und sagt: „Wir hatten da eine Photovoltaikzelle, mit der man ein kleines Gerät betreiben konnte. Das hat auch schon Kinder fasziniert. Und das ist wichtig, denn wir reden bei der Energiewende von einer Generationenaufgabe und man muss das Verständnis über alle Altersklassen generieren, denn es geht um die Notwendigkeit eines Systemwandels.“

Die Welt der Energiewende verstehen lernen

Das Thema Energiewende ist sehr abstrakt. Die Menschen erleben zwar die Preissteigerungen im Gas- und Stromsektor nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, aber sie können nicht unbedingt erklären, warum der Strompreis ansteigt, während der Gaspreis hochgeht. „Das war ein Ansatzpunkt, den wir auch aufgenommen haben, weil auch da niemandem erst einmal klar ist, warum das so ist. Aber energiewirtschaftlich hat das ganz viel miteinander zu tun. Allein das Verständnis zu generieren, warum eine Gaspreiserhöhung aus Mangellage, aus geopolitischer Unsicherheit, dazu führt, dass der Versorger, die Stadtwerke, anfängt, nun den Strompreis zu erhöhen. Erst wenn man den ganzen Mechanismus versteht, kriegt man auch so ein gewisses Akzeptanzlevel. Diese Preise treffen jeden Bürger sofort und ein wichtiger Punkt ist, diese Dinge aufzuklären. Momentan ist es leider so, dass wir die schlechtesten Teile aus der alten Welt und noch die Kinderkrankheiten aus der neuen Welt vereinen.“ Dass die Energiepreise in den kommenden Jahren günstiger werden, wenn wir stringent die Energiewende verfolgen, steht für den Ingenieur außer Frage.

Rechtspopulistische Falschmeldungen und ihre Auswirkungen

Dr. Kevin Kotthaus hatte in diesem Projekt auch mit rechtspopulistischen Strömungen zu tun, gegen die er arbeiten musste. „Wenn eine Frau Weidel im Bundestag auftritt und sagt: ‚Unsere Windräder machen krank‘, oder ‚Unsere Windräder sind ineffizient‘, dann ist das faktisch einfach falsch und gelogen.“ Das Problem dabei sei die Tatsache, dass sie diese Falschinformation auf so einer prominenten Bühne äußere. Viele Gemeinden in Ostdeutschland mit einem hohen AfD-Zuspruch kommen in Fragen einer zukunftsfähigen Energiewende durch Falschmeldungen nicht vom Fleck.

Dr. Kevin Kotthaus nennt ein aktuelles Beispiel: „Ich hatte aus dem Kontext dieses Zukunftsenergie- und Quartierprojektes kürzlich erst eine Zuschalte zu einer Vereinigung von 15 sächsischen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. Da wurde ich aufgrund dieses ‚Mythos der Energiewende‘-Vortrags zugeschaltet, weil die sagen, sie kämpfen in ihrem Alltag bei 40 – 50 Prozent AfD-Wahlergebnissen mit extremen Hürden. Eine dieser rechtsextremen Meinungen teilte mir eine Bürgermeisterin mit. Sie habe bei sich einen Landwirt, der behauptet wirklich, eine Windenergieanlage würde das Wasser seines Feldes verdunsten und dadurch würde der Boden austrocknen.“ Dr. Kevin Kotthaus Expertise kann dann in der Argumentation vor Ort wieder helfen. 

Energie- und Wärmewendeplanungen in den Quartieren sind langwierig

Die konkreten Maßnahmen der Wärmeversorgung am Ölberg in der Zukunft, werden, parallel über diese kommunale Wärmeplanung, die durchgeführt wird, gerade eruiert“, sagt Dr. Kevin Kotthaus. Das seien Entwicklungen. Man müsse herausfinden, wo sich welcher Energieträger am ehesten lohne und welche Infrastruktur man vor Ort habe. „Das ist eine gesamtheitliche Aufgabe, die gerade auch die Stadtwerke, die Stadt und andere Parteien versuchen zu beantworten. Man muss sich eines klarmachen. Wir haben gerade bei dem Thema Energiesystem, oft nicht die Möglichkeit, innerhalb von ganz kurzer Zeit maßnahmetechnisch wirksam zu sein, weil, wenn wir von Baumaßnahmen reden, dann sind das Infrastrukturmaßnahmen, die können teilweise bis zu zehn Jahre dauern und haben dann eine Lebensdauer von wiederum bis zu 70 Jahren.“ Daher sei Aufklärung so wichtig, um bei den Bürgerinnen und Bürgern eine Sensibilität hervorzurufen, die besage, kostenintensive sowie ressourcenintensive Maßnahmen bringen jahrzehntelangen Substanzschutz.

Projektergebnisse sind für die Kommunen nutzbar

Das Projekt sei zwar abgeschlossen, erklärt Dr. Kevin Kotthaus, die Ergebnisse aber für alle Interessierten nach wie vor nutzbar. „Die Vorträge sind alle online, es ist öffentlich verfügbar. Man sieht es allein schon, wenn man den Begriff Zukunftsenergie in eine Suchmaschine gibt, dann kommt man auf unsere Seiten und die entsprechenden Ansprechpartner. Kommunen können also alle an diesem Thema partizipieren, wir sind höchst flexibel in der Unterstützung und stehen bei Fragen gerne zur Verfügung.“

Wer sich seine Meinung bilden will – hier die Informationsseiten im Internet:

https://evt.uni-wuppertal.de/de/personen/detail/kotthaus/

https://zukunftsenergie.nrw/

https://neue-effizienz.de/ziq/

https://www.wissenschaftsjahr.de/2025/foerderprojekte/zukunftsenergie-im-quartier 

Uwe Blass

Der.-Ing. Kevin Kotthaus – © Mathias Kehren

Über Dr.-Ing.Kevin Kotthaus

Dr.-Ing. Kevin Kotthaus ist Oberingenieur am Lehrstuhl für elektrische Energieversorgungstechnik in der Fakultät für Elektrotechnik, Informationstechnik und Medientechnik der Bergischen Universität.

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