26. April 2026Peter Pionke
Rittergut Varresbeck – wenn Häuser auswandern
Architekturprofessor Dr.-Ing. Christoph Grafe von der Bergischen Universität Wuppertal – © UniService Third MissionÜber diese außergewöhnlichen Umzüge hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe „Transfergeschichten“ mit Prof. Dr.-Ing. Christoph Grafe, Architekturprofessor an der Bergischen Universität, unterhalten.
Nachhaltiges Nutzen von Bausubstanz
„Der Begriff der Translozierung leitet sich vom lateinischen trans (hinüber) und locus (Ort) ab“, beginnt Christoph Grafe, „und es hat damit zu tun, dass ein Gebäude von einem Ort zu einem anderen gebracht wird. Das ist keine ganz neue Praxis. Gerade für Fachwerkbauten oder für auf Holzskeletten basierenden Bauten ist das etwas, was es seit vielen Jahrhunderten schon gibt.“
© Bergische UniversitätEin Grund dafür war die Wiederverwendung von Konstruktionselementen. „Die Ständehäuser und Bauernhäuser vor allem im Norden sind ja immer Skelettbauten gewesen, wo dann ein Dach draufgesetzt wurde. Wenn ein Haus an einer anderen Stelle wiedererrichtet werden musste, hat man einfach diese Konstruktion noch einmal benutzt.“ Dabei spielten nicht unbedingt kulturelle Argumente eine Rolle, sondern eher die nachhaltige Verwendung gängigen Baumaterials. „Früher war das sowieso alles nachhaltiger als das, was wir heute machen“, betont er.
Tempel Abu Simbel – Verlegung der Sitzbilder, gemeinfreiTranslozierung in der Moderne
Das Translozieren von Gebäuden in der Moderne, also seit der Zeit der industriellen Revolution, habe dann noch andere Motive, wie z. B. Straßenerweiterungen oder die Zusammenlegung mehrerer historischer Bauten. „Manchmal ist es auch so, dass das Einzelobjekt gar keinen hohen Denkmalwert hat, dass man aber dann Erinnerungsinseln herstellt. So ist z. B. die Altstadt in Hannover entstanden“, erzählt der Fachmann.
„Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurden im Zuge des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren verbliebene oder andernorts in Hannover (und der Region) gerettete Fachwerkhäuser abgetragen und im Bereich um die Kreuzkirche und den Ballhof neu aufgebaut.“
Erst im letzten Jahr ging die spektakuläre Versetzung einer 600 Tonnen schweren Holzkirche in Kiruna (Schweden) durch die Medien, die aufgrund von Bodensenkungen durch den Bergbau transloziert werden musste. Grafe kennt auch ein ganz transloziertes Dorf in Nordholland.
Haus Varresbeck – Rückansicht – © UniService Third Mission„Das ist Zaanse Schans, das bekannteste Freiluftmuseum der Niederlande. Dieses Dorf besteht aus solchen klassischen nordholländischen Holzhäusern, die da alle zusammengeführt worden sind, weil sie an anderer Stelle im Weg standen.“
Zwischen 1961 und 1974 wurden viele alte Gebäude und Windmühlen aus der Umgegend zur Zaanse Schans transportiert, wieder aufgebaut und in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. „Die klassischen Freiluftmuseen“, konstatiert Grafe, „auch hier in der Umgebung in Hagen, Lindlar oder Kommern, sind alle aus dieser Situation heraus entstanden, weil sonst die Gebäude abgerissen worden wären.“
Skelettkonstruktion wird durchnummeriert
Nun handelt es sich bei dem namentlich als Rittergut Varresbeck bekannten Gebäude aus Wuppertal um keine kleine Hütte, denn das imposante Bauwerk hatte ein aus schweren Eichenbalken bestehendes Fachwerk, das von einem Walmdach abgeschlossen wurde.
Haus Varresbeck – Seitenansicht – © UniService Third MissionIm Inneren des Hauses gab es die über zwei Geschosse reichende ‚Herrschaftsdiele‘ mit den zwei offenen Kaminen. Das Haus verfügte insgesamt über 25 Räume. Und doch konnten Gebäude dieser Größe ohne Probleme umgesetzt werden.
„Das hängt immer von der Konstruktion ab. Es war in dem Fall auch eine Skelettkonstruktion, d.h. wenn man die Ausfachungen rausgenommen hatte, blieb nur das Skelett übrig, und das war dann leicht zu translozieren, weil es im Grunde ein Baukasten ist.“ Im August 1972 wurde das alte Gebäude auseinandergenommen, durchnummeriert und verladen.
„Wenn ein Gebäude an irgendeiner Stelle 400 Jahre gestanden hat, haben sich die Balken natürlich im Laufe der Zeit verformt. Da kann man dann nicht die Balken an anderer Stelle wieder einbauen, denn jedes einzelne Teil hat natürlich die Spuren der Zeit in sich. Man muss also genau den Balken wieder dahin setzen, wo er vorher gewesen ist“, erklärt der Architekt. Und so verließ ein Stück Geschichte die Stadt und sollte erst nach rund 30 Jahren wieder aufgebaut werden.
Haus Varresbeck – rechter Eingang – © UniService Third MissionTranslozierte Häuser verlieren ihre historische Identität
Eine Translozierung hat für den historischen Bau auch Nachteile, denn Fachleute sagen, er werde als historische Quelle entwertet. Dazu Prof. Christoph Grafe: „Es geht vor allem darum, dass Gebäude ihrer Umgebung beraubt werden, denn dann ist nicht mehr nachvollziehbar, wie das Gebäude irgendwann in seiner Umgebung gestanden hat oder warum es dort gebaut worden ist. Ein Teil der historisch wichtigen Information geht durch die Translozierung verloren. Auf der anderen Seite kann man aber auch sagen, dass über die Umsetzung neue Bezüge entstehen, die womöglich interessanter sind, als die, die es vorher gab.“
Haus Varresbeck wird in Gut Hungenbach wieder aufgebaut
Haus Varresbeck wurde 1972, also acht Jahre vor Eintreten des Denkmalschutzgesetzes bereits abgebaut und, da sich in Wuppertal kein adäquater Ort fand, nach Gut Hungenbach ins beschauliche Kürten, in den Rheinisch-Bergischen Kreis gebracht, wo es als Altenheim genutzt werden sollte. Doch baurechtliche, planungsrechtliche und auch finanzielle Probleme sowie später hinzukommende Fragen des Denkmalschutzes verzögerten den Wiederaufbau um 30 Jahre.
Haus Varresbeck – Frontansicht – © UniService Third MissionAls man dann endlich beginnen konnte, hatte mangelhafte Lagerung den Eichenbalken stark zugesetzt, so dass die Gebäudekonstruktion neu gefertigt werden musste. Heute wird das Haus als Tagungslocation oder für Feiern genutzt. Der einst unter der Erde befindliche Gewölbekeller, liegt nun oberirdisch mit hellen Panoramafenstern und eignet sich mit ca. 100 qm für Veranstaltungen von bis zu 50 Gästen.
Ebenso beeindruckend gestaltet ist der frühere Rittersaal, den man auch für Events buchen kann. Gut Hungenbach besteht aus einem Gebäudeensemble von mehreren Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert sowie Fachwerkhäusern, die alle transloziert wurden, um sie zu erhalten.
Erhaltung vor Ort statt Translozierung ins Freilichtmuseum
Ein weiteres Fachwerkhaus in der Emilstraße, welches heute neben dem Teschemacher Hof als das älteste Fachwerkhaus in Wuppertal gilt, sollte eigentlich ins Freilichtmuseum Kommern transloziert werden. Das sogenannte Hofeshaus Lütterkus-Heidt konnte jedoch ins 21. Jahrhundert gerettet werden.
Haus Varresbeck – linker Eingang – UniService Third MissionDas um das Jahr 1600 erbaute Fachwerkhaus überstand im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden den Barmer Angriff 1943 und beherbergte in den 1950er Jahren aufgrund der Wohnungsnot 20 Mietparteien. In den 1970er Jahren stand es sogar vor dem Abriss und war nicht mehr bewohnbar.
Ideen, das Haus ins Freilichtmuseum Kommern zu translozieren wurden nicht umgesetzt, denn die Erbengemeinschaft verkaufte das Gebäude 1978 und der darauffolgende Erwerber setzte schließlich eine neun Jahre andauernde, 1,2 Millionen DM teure, denkmalgerechte Restaurierung um. Es entstanden insgesamt fünf Wohneinheiten. Das Hofeshaus Lütterkus-Heidt gilt heute als das schönste Gebäude am Platz.
Das Hofeshaus Hofeshaus Lütterkus-Heidt – © CC BY – SA„Die Praxis des Translozierens ist sehr interessant und wurde über viele Jahre auch kritisch beäugt“, sagt Grafe abschließend. „Man muss sagen, es sind ganz häufig Modernisierungen, die dazu führen, dass Häuser versetzt werden, also z. B. die Vergrößerung einer Straße. Heute reden wir wieder darüber, weil wir darüber nachdenken, Gebäude nachhaltig wiederzuverwenden, und da verändert sich auch die Beurteilung der Translozierung. Es ist eben eine ganz alte Praxis, die mit der sinnvollen Wiedernutzung von Materialien einhergeht, und auch mit dem zirkulären Bauen zu tun hat.“
Uwe Blass
Prof. Dr. Christoph Grafe – © UniService Third MissionÜber Prof. Dr.-Ing. Christoph Grafe
Prof. Dr.-Ing. Christoph Grafe leitet seit 2013 den Lehrstuhl für Architekturgeschichte und -theorie an der Bergischen Universität.
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