9. März 2026

Sichere Rückzugsräume für Suchtkranke schaffen

Der Soziologe Tim Lukas kämpft ehrenamtlich für einen Perspektivwechsel im Umgang mit suchtkranken Menschen in unserer Gesellschaft. „Der Drogenkonsum im öffentlichen Raum und die Veränderungen, die mit Crack einhergehen, sind in allen Städten ein großes soziales Problem. Die ganze Stadtbilddebatte müsste richtigerweise eigentlich vor diesem Hintergrund verstanden werden“, sagt der Diplom-Soziologe Tim Lukas, der mit einer Fotoausstellung über die offene Drogenszene am Kölner Neumarkt, die auch bereits in Wuppertal zu sehen war, auf die Situation von Suchtkranken im öffentlichen Raum aufmerksam machen will.

Dr. Tim Lukas, Diplom-Soziologe an der Bergischen Universität – © Bo Tackenberg

Autor Uwe Blass hat sich im Rahmen der beliebten Uni-Reihe „Transfergeschichten“ mit dem Diplom-Soziologen Tim Lukas über das Problem und die  Hintergründe unterhalten.

Ausstellungskonzept in Zusammenarbeit mit TH Nürnberg

Projekte entstehen oft, weil sich Wissenschaftler kennen oder voneinander gehört haben und sich dann vernetzen. Der Suchtforscher Daniel Deimel, Professor für Gesundheitsförderung und Prävention an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Nürnberg, hatte von einem Autofotografie-Projekt (Das Verfahren der Autofotografie zielt darauf ab, dass Bewohner eines Stadtteils/ Sozialraums eigenständig bestimmte Orte auswählen und diese fotografieren, Anm. d. Red.) Lukas` über wohnungslose Menschen in Düsseldorf gehört und den Wuppertaler Wissenschaftler angesprochen, mit der Idee, dieses Projekt auch einmal am Kölner Neumarkt mit suchtkranken Menschen durchzuführen.

Prof. Deimel selber lebt in Köln und hatte dort bereits die veränderten Drogenkonsum-Muster in der Szene beforscht. „Ich fand die Idee gleich gut“, sagt Lukas, „denn auch in Düsseldorf gab es Überschneidungen mit der Drogenszene, und der Konsum von Crack wird vielerorts mehr und mehr zu einem Problem, nicht nur am Kölner Neumarkt. Daher wollten wir die Situation einmal mit dem Mittel der Autofotografie untersuchen und haben Einwegkameras an die Suchtkranken vor Ort verteilt.“

Einblicke in das Leben suchtkranker Menschen

Fotografie sei etwas, das sehr anschlussfähig sei, und es lasse sich gut über Fotos sprechen. „Wir hatten also die Fotos und haben mit den jeweiligen Fotografen, fünf Menschen aus der Drogenszene am Neumarkt, über ihre gewählten Fotomotive gesprochen.“ Die Ausstellung will sensibilisieren und vor allem einen Perspektivwechsel hervorrufen. „Mit diesen Fotos kann man nun einen Einblick in die Lebenswelt suchtkranker Menschen und von Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße gewinnen“, erklärt Lukas. Für suchtkranke Menschen sei die Drogenszene ein Risikoumfeld, in dem sie zahlreichen Gefahren ausgesetzt seien. „Sie müssen sich dort aufhalten, weil die Dealer dort sind, weil sie dort Drogen kaufen können, weil es vielleicht keine anderen Orte mehr gibt, an denen sie sich überhaupt im öffentlichen Raum aufhalten können. Sie erleben dort Gewalt, Ausgrenzung, Kontrollen durch die Polizei. Es ist ein höchst entsichertes Leben auf der Straße, dass Teile der Mehrheitsgesellschaft jedoch am liebsten ganz aus den Innenstädten verdrängen wollen.

© Bergische Universität

Dass die Akzeptanz von Drogenabhängigen im Zentrum der Stadt immer sehr fragil ist, zeigte sich vor kurzem in Köln, als Bürger in einer Veranstaltung gegen ein, von der Stadt geplantes, neues Suchthilfezentrum lautstark protestierten. Dazu Tim Lukas: „Niemand will das in seiner Nachbarschaft haben. Das ist Teil des Problems. Es ist aber wichtig, dass Hilfeinfrastrukturen, also Suchthilfezentren, Drogenkonsumräume, nicht irgendwo auf der grünen Wiese entstehen. Diese Räume müssen an Orten sein, die gut erreichbar sind, wo sich die Szene ohnehin aufhält und wo auch gesellschaftliche Teilhabe möglich ist.“

Der Kontinent wird mit Kokain überschwemmt

Drogen wurden zwar schon immer in den Innenstädten konsumiert, jedoch kommt mit Crack eine neue Qualität ins Spiel. „Crack ist rauchbares Kokain, es wird mit Natron aufgekocht und dann entstehen die sogenannten Cracksteine“, erläutert der Soziologe. „Diese Steine werden dann in der Pfeife geraucht. Seit einigen Jahren haben wir eine regelrechte Kokainschwemme, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.“ Die Qualität sei gut, der Preis niedrig und die Märkte voll. „Gleichzeitig erleben wir, dass die Taliban den Anbau von Schlafmohn unterbunden haben, d.h. die Grundsubstanz für Heroin wird auf den Märkten immer knapper und man kann heute schon Beimischungen synthetischer Opioide wie Fentanyl feststellen, die fünfzig Mal stärker sind als reines Heroin. Zugleich gibt es eben diesen Schwenk hin zu Crack.“

Wie andere Betäubungsmittel auch, erzeuge es eine sofortige Wirkung. Der Unterschied sei aber, dass Heroin die Konsumenten dämpfe und Crack das genaue Gegenteil bewirke. „Es wird beschrieben wie ein ICE, der durchs Gehirn rauscht. Aber dieser Rausch lässt auch sehr schnell wieder nach. Der Konsumvorgang wird in kurzen Intervallen wiederholt, so lange bis die Konsumenten vollkommen erschöpft sind. Alle Grundbedürfnisse werden vernachlässigt. Es wird nicht mehr getrunken, gegessen, es wird nicht mehr auf Körperhygiene geachtet, es geht nur noch darum zu konsumieren und das über viele Stunden. Der Konsum von Crack hat für die Konsumenten schwere gesundheitliche Folgen, bleibt aber auch für Außenstehende nicht folgenlos. Der Stress nimmt für alle Menschen im Umfeld offener Drogenszenen zu. Das ist überall der Fall, auch hier in Wuppertal“, beschreibt Tim Lukas die aktuelle Situation.

Crack verändert Drogenkonsumräume

Crack gibt es schon seit dem Ende der 90er Jahre, war damals aber nur sehr lokal im Bahnhofsviertel von Frankfurt, in Hamburg und Hannover zu finden. „Alle anderen Städte hatten hierzulande kaum ein ernsthaftes Problem damit“, erklärt der Wissenschaftler. „Das hat sich mit der massiven Verfügbarkeit von Kokain seit einigen Jahren verändert. Zunächst wurde das Kokain in der Szene noch selbst aufgekocht, dann wurden irgendwann die Cracksteine in der Szene gehandelt.“ Der Vorgang selber dauere nun nicht einmal mehr eine Minute, man müsse lediglich die Pfeife füllen, anstecken und inhalieren. Für diesen Vorgang gehe man auch nicht unbedingt mehr in den Drogenkonsumraum, wo Drogen in hygienischer und kontrollierter Atmosphäre konsumiert werden können. Zwar würden die Drogenkonsumräume zunehmend mehr Plätze für den inhalativen Konsum anbieten, ein kurzer Zug aus der Crackpfeife könne aber ja überall genommen werden.

Ausstellungsposter in der Unibibliothek – © Bergische Universität

Rückzugsräume sind notwendig – Zürcher Modell als Vorbild

„Diese Problematik haben wir in vielen Großstädten“, erklärt Lukas, „und es braucht Rückzugsräume für die Szene. Geschützte Orte, an denen die Konsumenten auch Ruhe finden können. Vielerorts redet man derzeit über das sogenannte Zürcher Modell. Dort wurden Orte geschaffen, an denen sich die Szene aufhalten und konsumieren kann und an denen Suchtkranke sogar Drogen in einem gewissen Umfang handeln und erwerben können.“

Davon ist Deutschland noch weit entfernt, doch der Fachmann sagt: „Wenn wir nicht möchten, dass all diese Phänomene, also Drogenkonsum und Drogenhandel im öffentlichen Raum stattfinden, dann müssen wir Orte schaffen, an denen das toleriert wird. Das ist der Ansatz in Zürich. In der Innenstadt haben sie drei solche Orte geschaffen und das funktioniert. Zugleich sagen sie aber auch ‚Null Toleranz für Drogenkonsum und Drogenhandel im öffentlichen Raum‘. Alle Städte suchen nach Lösungen. Die Polizeipräsidentin von Düsseldorf und der Polizeipräsident von Köln waren gerade in Zürich und haben sich das angeschaut.“

Die Umsetzung ist in Deutschland jedoch nicht unproblematisch. „Die Polizei in der Schweiz, die genau wie hierzulande einen Strafverfolgungsauftrag hat, und eine Straftat verfolgen muss, tut dies in den sogenannten Kontakt- und Anlaufstellen eben nicht und drückt sozusagen beide Augen zu. Die Polizei weiß, dass dort Drogen gehandelt werden, toleriert es aber, soweit es in diesen Räumen bleibt“ erklärt Lukas. Für die Zürcher Gesetzeshüter sei es ein weiter Weg gewesen, dieses Modell auch öffentlich zu unterstützen. Entscheidend sei aber, dass es sich als wirkungsvoll erwiesen habe und man eben pragmatisch damit umgehe. Diesen Pragmatismus wünsche er sich auch hierzulande, so Lukas.

„Es geht ja nicht darum, dass wir uns als Mehrheitsgesellschaft nicht mehr mit der Drogenproblematik konfrontieren, es geht nicht allein darum, den öffentlichen Raum zu entlasten, sondern es geht ja auch darum, zentrale Orte zu schaffen, an denen suchtkranke Menschen unter hygienischen Bedingungen und ohne Verfolgungsdruck, menschenwürdig leben und auch konsumieren können. Es ist eine Krankheit. Da wollen wir mit der Ausstellung hin. Wir zeigen den Besuchern Bilder und Interviewpassagen aus der Lebenswelt suchtkranker Menschen und vielleicht führt das dazu, dass man ein Stück weit sensibler für deren Lebenssituation wird“, hofft der Wissenschaftler, denn für ihn ist es ein gesellschaftlich relevantes Thema, das einen Perspektivwechsel zwingend braucht.

Ein Platz für alle ist kein Platz für die Szene

Als der Umbau des Döppersbergs stattfand, schaffte man für die Drogenszene den Wupperpark Ost, um den Menschen einen eigenen Ort zu geben. Man eröffnete dazu das Café Cosa abseits der Passantenströme. „Das war eine sinnvolle Idee“, sagt Tim Lukas und fährt fort, „nur wenn es in der aktuellen Debatte um den Wupperpark heißt, da soll ein Platz für alle entstehen, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass es bedeutet, ich nehme der Drogenszene den Platz wieder weg.“

Suchtkranke benötigen Hilfe, Verständnis und einen sicheren Rückzugsort – © Pixabay

Schon beim Umbau des Döppersbergs, als das Café Cosa an den Kirchplatz ging, habe man die Erfahrung gemacht, dass die Szene in die Innenstadt, an den Karlsplatz und den Kirchplatz weiterzog und zahlreiche Beschwerden von Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie die Folge waren, weil es keine alternativen Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum gab. „Das war eine schwierige Situation. Aber wenn der Szene nun dieser Ort wieder genommen werden soll, dann muss ich einen Plan davon haben, wo sich die Menschen der Szene zukünftig alternativ aufhalten können“, fordert er.

„Kaum jemand will die offene Drogenszene vor der eigenen Haustüre haben. Das sind typische NIMBY-Konflikte (NIMBY steht für „Not in my backyard“, Anm. d. Red.), das ist ein großes gesellschaftliches Problem in den Städten. Tatsache ist, wir haben Probleme mit wachsender Obdachlosigkeit und mit offenen Drogenszenen.“ Für diese sozialen Problemlagen und all die anderen Veränderungen, die uns in den Städten zukünftig noch bevorstehen, brauchen wir eigentlich mehr Toleranz. In der Forschung sei seit langem bekannt, dass Toleranz aus Kontakt und Begegnungen entstehe und sich daher auch die Mehrheitsgesellschaft mit der Perspektive anderer Menschen konfrontieren müsse.

Wanderausstellung demnächst im Landeskriminalamt Düsseldorf

„Was wir mit der Ausstellung auch im Blick haben sind Sicherheits- und Ordnungskräfte. Wir waren mit der Ausstellung schon an unterschiedlichen Orten, so beispielsweise an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Köln und Duisburg. Das ist für uns eine Zielgruppe, die in ihrer täglichen Arbeit mit der Szene konfrontiert ist. Da wollen wir sensibilisieren für einen menschenwürdigen Umgang mit Suchtkranken. Wo die Ausstellung steht, bekommen wir Reaktionen direkt mit“, sagt Lukas abschließend, „so etwa in Köln. Als wir die Ausstellung aufgebaut haben, kam eine Dozentin mit ihrem Kurs und es war schön zu sehen, wie sich angehende Polizistinnen und Polizisten mit der Ausstellung auseinandersetzen.“

Auch über ein ausgelegtes Gästebuch erfuhren die Macher positive Reaktionen der Besucher. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Aidshilfe konnte darüber hinaus auch eine Posterausstellung organisiert werden, die in 60 Städten präsentiert wurde. Ein Projekt mit Vorbildcharakter. Im März wird die Ausstellung bei einer Tagung im Landeskriminalamt Düsseldorf zu sehen sein. Thema der Veranstaltung: „Weitblick“. Den wünscht sich Tim Lukas auch für die Gesellschaft.

Uwe Blass

Dr. Tim Lukas – © Bo Tackenberg

Über Dr. Tim Lukas

Dr. Tim Lukas ist Leiter der Forschungsgruppe Räumliche Kontexte von Risiko und Sicherheit im Fachgebiet Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit in der Fakultät Maschinenbau und Sicherheitstechnik der Bergischen Universität.

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