16. Februar 2026

Pädagogische und ökonomische Interessen treffen aufeinander

Je jünger, desto teurer. Für Eltern von Kindern unter drei Jahren ist die kommerzielle Kita-Betreuung teuer. Was in anderen Ländern schon lange Gang und gäbe ist, wächst auch in Deutschland langsam aber stetig, denn der Bedarf an Betreuungsplätzen ist nach wie vor hoch. Der Wuppertaler Kindheitsforscher und Sozialpädagoge Marius Mader hat sich mit diesem Phänomen, zu dem es wenig Forschung gibt, auseinandergesetzt. Grund genug für Autor Uwe Blass, das spannende Thema in der beliebten und lehrreichen Uni-Reihe "Transfergeschichten" aufzugreifen.

Gut gelaunt Kids einer Kindergartengruppe mit ihrer freundlichen Betreuerin – © CC BY 3.0

Der Wuppertaler Kindheitsforscher Marius Mader hat kommerzielle und gemeinnützige Kindertageseinrichtungen aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet. Er ging der Frage nach: „Was motiviert Leute dazu, teilweise so viel Geld für Kindertagesbetreuung auszugeben, wenn man es vielleicht auch anders haben könnte?“

Kommerzielle oder gemeinnützige Kindertageseinrichtung

Um die Unterschiede verstehen zu können, müsse man zunächst die strukturelle Ebene, also die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen betrachten, erklärt Mader. „Die sind zum einen unterschiedlich finanziert und haben eine andere Rechtsform. Kindertagesbetreuung als soziale Dienstleistung wird in der Regel als e.V. oder gGmbH gemeinnützig organisiert und arbeitet nicht gewinnerzielend.“ Demgegenüber habe die kommerzielle Kindertageseinrichtung häufig die Rechtsform der GmbH oder GBR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts, Anm. d. Red.), bei größeren Unternehmen kann es sogar auch schon mal eine Aktiengesellschaft sein. „Mit dieser Rechtsform sind auch unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten verknüpft. Kommerzielle Kindertageseinrichtungen können im Gegensatz zu gemeinnützigen mit den Gewinnen, die sie erwirtschaften, frei umgehen. Gemeinnützige müssen ihren Gewinn immer in den Betriebszweck zurück investieren.“ Kirchliche Einrichtungen seien meist freie bzw. private Einrichtungen, die aber üblicherweise frei-gemeinnützig oft als e.V. oder gGmbH organisiert würden, denn letzteres lasse sich leichter managen.

© Bergische Universität

Zahlende Eltern sind Kunden

„Bei dem hochpreisigen Segment, das mich interessiert hat, ist es so, dass sich mit dem Status als Kunde auch die Beziehung zwischen dem Wohlfahrtsstaat oder öffentlichen Instanzen wie dem Jugendamt und den Eltern verändert“, sagt Mader. „Zwischen Eltern als den Inanspruchnehmenden und den Einrichtungen als ausführende Instanzen, verschiebt sich das Verhältnis.“ Wenn der Wohlfahrtsstaat nicht mehr finanzierende und kaum regulierende Instanz ist, sei es so, dass die Eltern die eigentlichen Finanziers würden. Und das heiße auch, dass sich da ein selbstbestimmter Handlungsraum zwischen Eltern als Käufer/Inanspruchnehmenden und den Anbietenden entwickele. Da kann dann verhandelt werden, was in gemeinnützigen Einrichtungen nicht möglich ist. Zu pädagogischen Interessen treten dann auch potentiell ökonomische Interessen dazu.“

Die Wahl der richtigen Kindertageseinrichtung kann schwer fallen

„Die einschlägige Studienlandschaft zeigt, dass die Inanspruchnahme von Kindertagesbetreuung Sinn macht. Kinder können davon profitieren, das ist mittlerweile so gut wie unbestritten.“ Elterliche Entscheidungen für oder gegen Kindertagesbetreuung stellen sich in der Forschung divers dar. Die Gründe, die dafür oder dagegen sprächen reichen von Unkenntnis bis zum unterschiedlichen Zugang zu ökonomischen, soziokulturellen und sprachlichen Ressourcen. „Und im Hinblick auf das kommerzielle Segment hängt es natürlich sehr stark vom finanziellen Vermögen ab, ob man sich so eine Einrichtung leisten kann“, fährt Mader fort, „die Kosten für einen kommerziellen Platz sind bis zu viermal so hoch wie für einen Platz in einer vergleichbaren gemeinnützigen Eirichtung. Das kann bis zu 1600 Euro monatlich gehen.“

Der Wissenschaftler Dr. Marius Mader, Kindheitsforscher und Sozialpädagoge an der Bergischen Universität – © UniService Third Mission

Das leidige Thema des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz

Eltern haben einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, aber die Realität sieht anders aus. „Ja und nein“, antwortet der Wissenschaftler, „tatsächlich verschiebt sich da im Moment auch etwas. Der Rechtsanspruch, der gilt für Kindertagesbetreuung erst ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Der Platz gilt nicht ausschließlich für Kindertageseinrichtungen, sondern auch für einen Platz in der Tagespflege.“ Die Frage nach dem Platzmangel sei ambivalent und stelle sich in den verschiedenen Bundesländern auch unterschiedlich dar. Dazu Mader: „Im Westen ist es tatsächlich so, dass wir hier sehr lange in der Familienbildungspolitik eine Politik hatten, die sehr stark am bürgerlichen Familienmodell festgehalten hat. Daher haben wir hier an vielen Stellen einen Platzmangel, heißt, eine hohe Nachfrage bei zu geringem Angebot. Das gilt insbesondere für den Bereich der Versorgung von Plätzen für Kinder unter drei Jahren. Bei Kindern über drei Jahren sieht das dann besser aus. Dazu kommt, dass sich die elterliche Nachfrage nicht nur auf die reinen Plätze bezieht, sondern auch auf die Dauer des Betreuungsumfangs. Eltern bekommen nicht immer so viel Betreuungszeit vom Jugendamt zugesprochen wie sie gerne hätten oder bräuchten.“ Zwischen Osten und Westen hätten wir es zudem mit unterschiedlichen Traditionen zu tun. Heute zeige sich in verschiedenen Regionen im Osten, dass es dort ein zu hohes Platzangebot gebe und sogar Kita-Plätze zurückgebaut würden.

Angebote der Einrichtungen variieren

Kommerziell oder gemeinnützig: Die Angebote in den unterschiedlichen Einrichtungen variieren. Das hänge auch mit Marketingstrategien und Inszenierungen zusammen, erklärt Mader. „Da gibt es dann längere und flexiblere Öffnungszeiten, bilinguale Angebote sowie Dienstleistungen über das Pädagogische hinaus. Das geht bis hin zum Frisör, der in die Einrichtung kommt. Da wird den Eltern ein Teil der Alltagsarbeit abgenommen.“

Wo können Eltern denn mehr mitgestalten?

Nun könnte man meinen, dass Eltern dort auch mehr zu sagen haben, wo sie Zahlende sind und das Prinzip der Kunde ist König gilt. Doch das zeigte sich in Maders Studie nicht. „In der gemeinnützigen Einrichtung, die ich mir auch angesehen habe, waren die Eltern sehr nahe am Einrichtungsgeschehen dran. Außerdem haben beispielsweise alle gemeinnützigen Einrichtungen einen Elternbeirat, d.h., es gibt ein politisches Mitsprachegremium. Das ist als kollektives Sprachrohr schon etwas Bedeutsames. Das gab es in der kommerziellen Einrichtung nicht. Und diese Kollektivierungsprozesse innerhalb von Elternschaft, würde ich sagen, spielten auch für die Eltern eine Rolle. Die gemeinnützige Einrichtung lag in einem sozialen Brennpunkt. Es gab erwerbslose Eltern, die dann auch Zeit in der Einrichtung verbringen konnten. Sie begleiteten z. B. Gruppen und wurden Teil des Einrichtungsalltags, woraus sich auch zum Teil sehr enge persönliche Beziehungen gebildet haben.“ Das stelle sich in der kommerziellen Einrichtung anders dar, denn dort sei die Kunden- Anbieterbeziehung latent immer relevant und habe auch Auswirkungen auf das Miteinander. Der Kunde bezahle viel und erwarte auch viel. „Das führt zu ökonomisch oder betriebswirtschaftlich motivierten Kosten-Nutzenkalkulationen. Das hebt eine Beziehung auf eine andere Ebene und führt auch zu einer emotionalen Distanzierung.“

Kinder beim Spielen in einer Kindertagesstätte – © Pixabay

Die Kita ist ein sozialpädagogischer Raum

„Die Kita ist mehr als ein Ort frühpädagogischer Arbeit, es ist ein Ort, in dem es nicht nur um Bildung geht“, stellt Mader unmissverständlich fest. „Kindertageseinrichtungen sind auch soziale, personenbezogene Dienstleister, die offiziell nicht Teil des Bildungssystems sind. Neben Bildung sind dort auch Betreuung und Erziehung zentrale Aufgaben. Zunehmend geht es auch um Fragen des Kinderschutzes und sozialer Hilfen. Praktisch zeigt sich das dann in Form von Elternbildungsprogrammen, Kita-Sozialarbeit oder Familienzentren, vor allem auch mit Blick auf das Thema soziale Ungleichheiten.“

Erste Anlaufstelle: Jugendamt

Kindertageseinrichtungen im Bergischen Land sind in unterschiedlicher Trägerschaft. Das Jugendamt könne da als erste Informationsquelle dienen, da es den Auftrag habe, Eltern in Fragen der Kindertagesbetreuung zu beraten. Das passiere inzwischen auch online, sagt Mader. „Es gibt Kinderbetreuungsportale, wo Eltern sich über unterschiedliche Angebote und Einrichtungen informieren und auch die städtischen Einrichtungen direkt kontaktieren können, um einen Platzbedarf anzumelden. Die kommerziellen Einrichtungen sind dort ab und zu auch verzeichnet.“ Eine andere Möglichkeit, Informationen zu erhalten, seien auch Freunde und Bekannte, also Mundpropaganda, sowie der Besuch eines Spielplatzes, auf dem man andere Eltern ansprechen könne. „Unter anderem zeigt sich, dass Eltern viel im Netz recherchieren, zumal, wenn sie noch nicht an dem Ort wohnen, wo das Kind dann betreut werden soll. Und dann gibt es auch Leute, die fahren rum, fragen vor Ort oder nutzen Tage der offenen Tür oder Elternabende, um auch ein Bauchgefühl zu entwickeln.“

Uwe Blass

Dr. Marius Mader – © UniService Third Mission

Über Dr. Marius Mader

Dr. Marius Mader ist Mitarbeiter am Arbeitsbereich Sozialpädagogik/Sozialpolitische Grundlagen an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften an der Bergischen Universität.

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