9. Februar 2026

„Auf dem Fahrrad ist man näher am Mitmenschen“

Uni-Professorin Heather Kaths sieht klare Vorteile für das Fahrrad im innerstädtischen Verkehr: „Wenn mehr Räder und weniger Autos unterwegs sind, bringt das eine Menge von Vorteilen, u.a. für die Gesundheit, die Lebensqualität sowie die Umweltbelastung“, sagt die Wissenschaftlerin, die seit 2021 den Lehrstuhl für Radverkehr an der Bergischen Universität leitet. „Man nimmt die Umwelt anders wahr und hat ein gutes Gefühl, wenn man zur Arbeit kommt.“ Darüber hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe "Transfergeschichten" mit Prof. Heather Kaths unterhalten. 

Die Professorin Dr. Heather Kaths vom Lehr- und Forschungsgebiet Radverkehr an der Bergischen Universität – © Andre Hutzenlaub

Der Weg zur Fahrradstadt ist noch längst nicht erreicht, immer wieder muss die Fachfrau in Interviews den Kampf ‚Autofahrer gegen Radfahrer‘ ausfechten. „Es nervt“, sagt sie bestimmt, „es ist irgendwie eine Geschichte, die sich festgesetzt hat, aber es ist Schwachsinn! Ich bin eine Person, ich bin sowohl Autofahrerin als auch Radfahrerin, ich mache beides. Viele Menschen sind auch zu Fuß unterwegs oder mit dem Bus, es ist gemischt. Und dann muss man als Gesellschaft Lösungen finden, wo die besseren Verkehrsmittel für bestimmte Wege, also kürzere oder längere Wege, gefördert werden. Das ist für mich keine politische Meinungsfrage, das ist logisch und effizient, für die Sicherheit sowie die Umwelt von Vorteil und gesellschaftsfördernd. Daran muss man arbeiten. Alle Player in die gleiche Richtung und nicht gegeneinander.“

Aufgaben des Lehrstuhls

„Bisher gibt es noch sehr wenige Erkenntnisse über die Möglichkeiten des Radverkehrs im Bergischen Land“, erklärt die Wissenschaftlerin. Mit einem einfachen Fahrrad sei das in der hügeligen Landschaft für viele Menschen oft nicht machbar gewesen. „Aber jetzt gibt es E-Bikes, und das ist auf einmal eine Möglichkeit, eine Chance für diese Region, Radverkehr zu fördern.“ Kaths‘ Aufgabe in der Lehre ist zunächst das Heranführen der Studierenden an die diversen Möglichkeiten des Verkehrsträgers Fahrrad. In Reallaboren werden Situationen simuliert, ausprobiert und bestehende Problemstellungen verändert oder auch verworfen

© Bergische Universität

„Die Erkenntnisse der Wissenschaft kommen fast ausschließlich aus Regionen, die flach sind, also Münster oder auch den Niederlanden“ erklärt die Forscherin, „da läuft der Radverkehr wie am Schnürchen. Aber man hat so wenige Erkenntnisse, wie die Schwierigkeiten mit einem Berg sind, oder mit einer Straße, die richtig steil oder auch eng und kurvig ist.“ Und dann arbeitet sie natürlich auch in der Grundlagenforschung und stellt Fragen zur Funktion des Radverkehrs, zum Verhalten der Radfahrenden und deren Entscheidungsprozessen. „Da kennen wir auch im Vergleich mit dem motorisierten Verkehr viel zu wenig. Wir wissen über den Autoverkehr alles, wie man einen Stau durch Geschwindigkeitsempfehlungen auf der Autobahn vermeiden kann, wir wissen, was gemütlich und komfortabel im Auto ist, wie man sitzen möchte, wie die Sicherheit im Auto ist usw. Über den Radverkehr wissen wir wenig, und das muss sich ändern. Das ist meine Aufgabe im Grundlagenforschungsbereich.“

Das Fahrrad ist kommunikationsfreundlicher

Verkehr beinhaltet auch Kommunikation, und die ist nach Heather Kaths‘ Meinung mit dem Fahrrad eindeutig besser zu bewerkstelligen. „Wenn ich mit meinem Auto unterwegs bin, dann sitze ich in einer Metallkiste. Und man kennt das, eine Person fährt hinter einem und man kann kaum erkennen, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Wenn man dagegen auf einem Fahrrad sitzt, dann kann man besser mit dem ganzen Körper agieren, den Arm ausstrecken oder auch sprechen, man ist näher am Mitmenschen.“

Für immer mehr Menschen eine attraktive Alternative: Mit dem Fahrrad zum Einkaufen oder zur Arbeit fahren – © Pixabay

Gefahrenquelle E-Roller?

Der Jahresbericht der Polizei 2024 bestätigt für Wuppertal, Solingen und Remscheid einen Anstieg an Verkehrsunfällen, auch durch die E-Roller. „Da muss man den Menschen erst einmal die Regeln und Verhaltensweisen beibringen, und das dauert ein bisschen“, erklärt Kaths, denn die Verleihsysteme der E-Roller seien noch sehr neu in der Stadt und die Zweiräder hätten keinen richtigen Ort, wo sie ordnungsgemäß fahren könnten. „Die können auf einem Radweg fahren, wenn wir mehr hätten, die sollen nicht auf dem Gehweg fahren, wissen das aber vielleicht nicht oder tun es einfach, weil es sicherer erscheint, als auf der Straße zu fahren.“ Zudem seien diese Fahrzeuge auch in den Höhenlagen unterwegs und das ergebe wieder eine neue Forschungsfrage nach der Sicherheit dieser Roller. „Ich sehe oft Jugendliche auf der Straße, wo ich wohne, die rasen den Berg hinunter, und das ist gefährlich.“

Helsinki mit 0 Verkehrstoten 2025 – ein Vorbild

Nun gab es jüngst eine wunderbare Meldung aus Helsinki. Die Finnen verzeichnen in der Hauptstadt Null Verkehrstote im Jahr 2025. Das wurde durch konsequente Tempo-30-Zonen, weiter ausgebaute Radwege und vermehrte Kontrolle durch die Polizei erreicht. Dabei beherbergt die Stadt mit 665.000 Einwohnern mehr Menschen als Remscheid, Solingen und Wuppertal zusammen. Und doch sehen unsere Statistiken anders aus. „Theoretisch würde das auch bei uns gehen, man braucht nur den Willen dazu, denn man kennt die Maßnahmen, die Sicherheit verbessern können. Fakt ist, in Deutschland sterben pro Tag acht Menschen im Straßenverkehr.“

Das Problem dabei sei vor allem die unausgesprochene Akzeptanz in Deutschland, das Risiko schnellen Autofahrens in Kauf zu nehmen. An dieser Stelle sagt Heather Kaths als Fachfrau eindeutig: „Wir müssen die Regeln, das Verhalten oder die Optionen zumindest in Städten, aber eigentlich überall, ändern, so dass die Sicherheit wirklich im Fokus steht. Das ist gleichzeitig ein wirklich starkes Argument, weil Menschen Sicherheit wollen, sie wollen sehen, dass ihre Kinder sicher in die Schule gehen können und nicht das Gefühl haben, ständig aufpassen zu müssen. Das war übrigens auch der Hebel in den Niederlanden vor 50 Jahren.“

Amsterdam in den Niederlanden – eine echte Fahrradstadt – © Pixabay

Bereits damals hätten die Holländer die Gefahren durch das Auto im Stadtverkehr erkannt und Maßnahmen ergriffen. „Die haben dann Stück für Stück das Tempolimit für Autos in den Innenstädten gesenkt, weniger Parkflächen zur Verfügung gestellt und mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer geschaffen. Und heute haben sie Innenstädte, die einfach anders sind. Und wenn man nach Helsinki schaut, die sind da noch weiter.“

Tempo-30-Zonen werden nur zögerlich umgesetzt

Seit einem Beschluss der Ampelregierung im Spätsommer 2024 kann man leichter Tempo-30-Zonen auf vielen Straßen anwenden. „Ein flächendeckendes Tempo 30 wird es nicht geben“, betonte jedoch eine Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums damals. Viele Rathäuser setzen die neuen Möglichkeiten dennoch nur zögerlich um. „Das ist immer eine politische Frage“, sagt die Wissenschaftlerin: „Viele wollen das nicht angehen, weil dadurch die Menschen erst einmal sauer werden, denn sie dürfen dann ja nicht mehr schnell fahren. Außerdem müssen sie sich erst einmal an neue Auflagen gewöhnen. Diese Bereitschaft, Sachen zu ändern, ist hier nicht so groß.“

In München habe sie andere Erfahrungen gemacht, die Stadtverwaltung sei aufgeschlossener gewesen, es gab aber auch andere Rahmenbedingungen. Daher sei es schwierig, Städte zu vergleichen. „Die Menschen sind anders, die finanzielle Lage ist unterschiedlich, die Möglichkeiten, die Anzahl der Menschen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind ist auch anders. In den Stadtverwaltungen gibt es viele Menschen, die ihrerseits wieder Rahmenbedingungen haben, die auch sehr schwierig sind oder nicht unterstützend sind, um Dinge zu ändern. Ich glaube, die Menschen sind etwas konservativer, wenn es um Verkehr geht. Sie mögen es, mit dem Auto zu fahren, und wenn Verkehrsverbindungen nicht gut sind und man keine Alternative hat, bleibt man beim Auto.“

Das System an sich müsse neu gedacht werden, schlägt Kaths vor, der öffentliche Nahverkehr sei das A&O, und der müsse ausgebaut werden. Wenn die Nutzer Optionen hätten, könnten sie bei kurzen Strecken auf den ÖPNV ausweichen oder das Fahrrad als einen weiteren alternativen Baustein nutzen.

Viele sehen das Radfahren noch als reine Freizeitbeschäftigung – © Pixabay

Positive Beispiele können Radfahren attraktiv machen

Helsinki fördert mehr Fahrradfahren durch den Ausbau der Radinfrastruktur, die Eröffnung eines Fahrradtunnels und das Ziel, den Fahrradanteil bis 2030 auf 20 Prozent zu steigern. Es gibt ein öffentliches Stadtradsystem namens Helsinki City Bikes und weitere Initiativen, die das Radfahren attraktiv machen sollen. Ursprünglich gab es auch in Wuppertal das Angebot der E-Bike-Nutzung, aber die Fahrräder wurden kaum gebucht und so nach kurzer Zeit wieder abgeschafft. In Finnland habe man sicher mehr finanzielle Möglichkeiten und daher auch mehr ausprobieren können, in Deutschland dauerten die Überlegungen schon viel zu lang, obwohl man genau wisse, wie ein Radweg anzulegen sei.

„Es geht auch darum, Erfahrungen zu zeigen und den Menschen deutlich zu machen, wie schön das sein kann. Bevor es die Nordbahntrasse gab, hatte der Radverkehr auch eine andere Bedeutung. Wir brauchen positive Beispiele, damit ich als Bürger sehe, wo ich Rad fahren oder spazieren gehen kann. Das ist einfach ein Gewinn für meine Stadt und für mein Leben.“ Bei allen Verbesserungsideen sagt die Wissenschaftlerin über Wuppertal: „Wir haben ein öffentliches Verkehrssystem, das gut funktioniert, wir haben einige Straßen, wo man auch als Radfahrer mit weniger Autoverkehr unterwegs ist, aber das ist alles nicht so schlimm wie in anderen Städten. Am Beispiel der Finnen sehen wir, es ist noch viel Luft nach oben.“

Ein sicherer Stellplatz und finanzielle Förderung

Etwa 70 Prozent der Bevölkerung Helsinkis besitzt funktionstüchtige Fahrräder. Damit auch den Wuppertalern das Umsteigen vom Auto aufs Rad schmackhaft gemacht werden kann, bedarf es noch einiger Verbesserungen. „Viele Menschen in Wuppertal haben ein Problem mit dem Stellplatz, also der Frage, wo ich mein Fahrrad abstellen kann. Es gibt viele alte Häuser oder Wohnungen, wo man nicht unbedingt eine Fahrradgarage hat und auf der Straße würde ein Rad auch gestohlen“, erklärt Heather Kaths die Situation.

Man brauche also als Voraussetzung sichere, attraktive und zugängliche Unterstände, deutlich mehr ausgewiesene Fahrradwege sowie Lademöglichkeiten für E-Bikes. „Und ich finde es auch wichtig“, gibt sie abschließend zu bedenken, „finanzielle Unterstützung zu erhalten, um ein Fahrrad zu kaufen. Ein E-Bike oder Lastenrad zu kaufen, ist nicht billig.“

Uwe Blass

Professorin Dr. Heather Kaths – © Andre Hutzenlaub

Über Professorin Dr.-Ing. Heather Kaths

Prof´in Dr.-Ing. Heather Kaths leitet das Lehr- und Forschungsgebiet Radverkehr in der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen an der Bergischen Universität.

Kommentare

  1. Susanne Zweig sagt:

    Der alte Kampf „Radfahrer gegen Autofahrer“ nervt mich auch, wird aber in Wuppertal durch gut gemeinte Maßnahmen, die ohne Vorteil für den Radverkehr den Autoverkehr benachteiligen, leider noch unnötig befeuert. Manche Autofahrer nehmen dann unbewusst „die“ Radfahrer anstelle der verantwortlichen Verkehrsplaner als Verursacher der Maßnahmen wahr.
    Beispiel: Fahrradbügel auf Stellplätzen
    Fahrradbügel machen Sinn an Hotspots wie Bahnhöfen, Super-, Bau-, Elektronikmärkten, Schulen, Unis und öffentlichen Einrichtungen wie Ämtern, Bibliotheken, Schwimmbädern, etc. Wo in letzter Zeit am Straßenrand flächig Radbügel auf ehemaligen Stellplätzen aufgeschraubt wurden, werden sie dagegen nicht gebraucht. Sie belasten das Verhältnis zwischen Rad- und Autofahrern und bereichern allein die Trophäensammlung von Entscheidungsträgern, die fahrradfreundlich erscheinen wollen.
    Beispiel: Fahrradstraßen statt Tempo-30-Zonen
    Fahrradstraßen sind Radfahrer-Luxus und kommen in reiner Form so gut wie nicht vor. Die Zeitschrift chip gibt den Anteil der Fahrradstraßen mit Kfz-Freigabe in Deutschland mit 96 % an. In Wuppertal werden gerne Tempo-30-Straßen durch solche Fahrradstraßen ersetzt, obwohl der Sicherheitsgewinn für den Radverkehr marginal ist und in der Praxis keine Rolle spielt. Sobald für die Aktion Stellplätze wegfallen, überwiegt schnell der Nachteil für den Autoverkehr. Die Fahrradstraße kommt in die Trophäensammlung.
    Beispiel: Schutzstreifen
    Schutzstreifen machen punktuell an unübersichtlichen Stellen Sinn, an denen Radfahrer im Gegenverkehr (von Einbahnstraßen) auftauchen können. Als Dauerwarnung über weite Strecken erfordern sie unnötig hohe Konzentration beim Autofahren, auch wenn kein Radfahrer in der Nähe ist. Beim Überholen haben sie keine Auswirkung auf den Seitenabstand. Eine unzulässiges Überfahren der Begrenzungslinie taucht im Bußgeldkatalog nicht auf. Wieder nur Trophäensammlung.
    Außer bei den Radbügeln (Radfahrer finden keinen Parkplatz?) ist die Radverkehrsplanung auch bei der Ladeinfrastruktur (E-Bikes finden keine Ladesäule?) nicht selten von Autofahrerlogik geprägt. Einen 3-kg-Fahrradakku kann ich zu Hause an der Steckdose laden, muss ihn aber unterwegs gegen Diebstahl sichern. Das ist bei einem fest verbauten 400-kg-Antriebsakku genau andersherum.
    Unter dem Strich hilft es nicht, auf Kosten des Autoverkehrs Probleme zu lösen, die der Radverkehr gar nicht hat.
    Eine Separation von Rad- und Autoverkehr durch mehr ausgewiesene Radwege wird immer gerne gefordert. Der Straßenquerschnitt gibt sie oft nicht her, und die Zahl der Konflikte an den Knotenpunkten wird dadurch nur vergrößert.
    Sinnvoll finde ich innerstädtische Kreisverkehre, bei denen der Radverkehr auf der Kreisfahrbahn geführt wird. Tempo 30 im Mischverkehr. Und auf allen Hauptverkehrsstraßen wünsche ich mir eine dünne grüne Linie 1,50 m neben dem Fahrbahnrand. Wer Radfahrer überholt und nicht vollständig links von der Linie bleibt, punktet in Flensburg. Dafür kann man viele der gut gemeinten Maßnahmen gerne wieder abschaffen.

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