1. Februar 2026

WSV will die Eiszeit mit der Fan-Szene beenden

Der Wuppertaler SV geht mit einem „Fan-Abend“ in die Offensive. Am Dienstag Abend (03.02.) sucht der Verein den direkten Dialog mit seiner Fan-Szene. Angesprochen sind insbesondere ihre „kritischen Geister“, um die aktuelle Eiszeit nach den Vorfällen von Büderich und dem spektakulären Pokal-Aus zu beenden. Zuletzt hatten Teile des Anhangs den Machtkampf mit einer öffentlichen Skandierung, „der Fisch stinke vom Kopf“ sowie mit der Forderung nach dem Rausschmiss von Sportdirektor Gaetano Manno eskaliert und ihre Unterstützung (Support) erkennbar eingestellt.

Ein Foto aus besseren Tagen – ein Fahnenmeer im Stadion am Zoo und lautstarke Unterstützung für die eigene Mannschaft – © Siegfried Jähne

Die Fan-Szene des Wuppertaler SV ist eine der traditionsreichsten und zugleich spannungsgeladensten in der Regionalliga West. Sie ist geprägt von einer tiefen Verbundenheit mit dem Verein, aber auch von regelmäßigen Konflikten mit dem Vorstand und der Polizei. Die organisierte Fan-Szene ist stolz auf die Geschichte des WSV,  die glorreiche Vergangenheit der Rot-Blauen, als das Stadion am Zoo bei Spielen bis auf den letzten Platz gefüllt war und auch die Fan-Gemeinde und die aktive Fan-Szene um ein Vielfaches größer war. In Krisenzeiten (Insolvenzen in der Vergangenheit) haben die Fans oft durch Crowdfunding und „Rettungs-Aktionen“ maßgeblich zum Überleben des Vereins beigetragen. So mancher erinnert sich bestimmt an die große WSV-Kampagne “Jetzt erst Recht“ in früheren Jahren.

Nicht zuletzt die jüngsten Entwicklungen beim WSV läßt die Fan-Bewegung wieder in den Blickpunkt der Wahrnehmung rücken. Sie gilt als das Herz des Vereins, das für diesen auch eine existenzielle Bedeutung haben dürfte. Der geplante Fanabend im Stadion am Zoo könnte hier indes neue Erkenntnisse vermitteln, die auch in Wuppertal  bei näherer Betrachtung gar nicht oder nur selten öffentlich, schon gar nicht vorurteilsfrei, thematisiert wurden.

Fan-Szene versteht sich als „Wächter“ von Traditionen

Die organisierten Fußball-Fans, die sich selbst oft als Ultras (extrem) bezeichnen, kämpfen generell aktiv für den Erhalt des „Sports für alle“. Die Kernziele lassen sich unter dem Schlagwort „Nein zum modernen Fußball“ zusammenfassen. Konkret richten sie sich gegen Kommerzialisierung, gegen überhöhte Preise, sie protestierten gegen zerstückelte Spieltage und „Retortenclubs“ ohne Tradition. Ein Anliegen ist ihnen ganz grundsätzlich, nämlich Fan-Demokratie & Freiheit, Widerstand gegen Kollektivstrafen, übermäßige Polizeipräsenz und Überwachungsmaßnahmen im Stadion. Vieles von dem halten sicher die meisten Fußball-Fans, die heute in die Bundesliga-Stadien strömen, für nostalgische Träumereien. Immerhin führten sie – zumindest bislang – erfolgreich einen Kampf zum Erhalt der „50+1-Regel“ und damit zur Sicherstellung, dass die Stammvereine die Mehrheit der Stimmanteile behalten und nicht von Investoren übernommen werden können.

Man weiß: Die deutsche Fußball-Fan-Szene gilt weltweit als eine der lebendigsten, bestorganisierten und politisch einflussreichsten. In vielen anderen europäischen Top-Ligen (wie der Premier League) wurde dagegen infolge von Kommerzialisierung und hohen Ticketpreisen die traditionelle Fankultur inzwischen weitgehend verdrängt. Die Fan-Szene in Deutschland ist nicht einheitlich organisiert (das widerspräche ihren Prinzipien auf Eigenständigkeit der „Kurven“), aber durchaus gut vernetzt und weit mehr als nur Stimmungsmacher. Sie versteht sich als Wächter der Traditionen und als demokratisches Korrektiv zu den Verbänden (DFB/DFL) und Vereinsführungen.

„Zeit, dass die Vereinsführung Verantwortung übernimmt“

Kritik an Vereinsführungen, wie jetzt in Wuppertal, ist nicht neu und hat aktuelle Parallelen. In Bremen fordert man jetzt nach elf sieglosen Partien und akuter Abstiegsgefahr: „Es ist Zeit, dass die Vereinsführung mal wirklich Verantwortung übernimmt und nicht nur davon redet“, so die Fans gerichtet an Werder-Boss Clemens Fritz. Aber es geht bei den „Schlachtenbummlern“ auch manchmal um scheinbar Simpleres: Beim VfL Bochum stritt man jetzt vor dem Spiel gegen den FC Schalke 04 aktuell um die Trikotfarbe. Die Fans bestehen auf das traditionelle Blau, während die Vereinsführung ein neues, schwarzes Dress kreiert hat, das Bochum als „Stadt des Stahls“ symbolisieren soll.

Sie standen und stehen im Mittelpunkt der harten Ultra-Kritik: Ex-Sportstand Thomas Richter (l.), der sein Amt bereits zur Verfügung gestellt hat und Sportdirektor Gaetano Manno – © Archivfoto Jochen Classen

Erst kürzlich wurde bei fast alle Spielen in den Profiligen direkt nach Anpfiff für 12 Minuten der Fan-Support eingestellt, als bundesweiter Schweige-Protest gegen geplante Verschärfungen von Sicherheitsmassnahmen in den Fußballstadien, namentlich die Gesichtserkennung oder personalisierter Tickets, in die auch die die Fan-Szene in Wuppertal mit der Forderung zum Schutz von Bürgerrechten und der Freiheit der Fankultur durch Einstellung ihres Supports einstimmte. Fans nutzten die Stille im Stadion am Zoo als politisches Druckmittel, nicht zuletzt dann aber hier, um gegen die sportliche Stagnation zu protestieren.

Ein Machtkampf ohne Geburtsstunde

Der aktuelle Machtkampf beim Wuppertaler SV hat keine einzelne Geburtsstunde, sondern baute sich über Monate hinweg auf. Der Konflikt begann zu Beginn der Saison 2024/2025. Trotz eines großen Kaders blieb der sportliche Erfolg ebenso aus, wie in der jetzt laufenden Spielzeit. Die aktive Fanszene warf dem  Sportvorstand Thomas Richter eine schlechte Kader-Zusammenstellung und dem Trainerteam eine falsche Taktik vor.

Die Fan-Szene hatte das Gefühl, dass der Verein „über die Köpfe der Fans hinweg“ agiere und die Identität des Arbeitervereins verliere. Die Fans fühlen sich, nach Verlautbarungen, von der sportlichen Leitung nicht mehr ernst genommen und möchten, dass der WSV sich wieder als Mitgliederverein begreift, in dem die Basis Gehör findet. Sie habe das Gefühl, dass gravierende Fehler ohne Konsequenzen blieben und empfanden die Vereinspolitik zunehmend als Ergebnis einer kleinen Elite, die in Hinterzimmern agiere und wünscht sich für den Verein ganz grundsätzlich eine neue Vision. Wie diese nach Vorstellungen der „Ultras“ aussehen soll, bleibt unklar. Denn auch in der Regionalliga regiert das Geld. Dem WSV steht einer der kleinsten Saison-Etats zur Verfügung. Die Fan-Szene des WSV wird die Frage beantworten müssen, ob es ihr egal ist, in welcher Klasse ihr Herzens-Verein kickt. Hauptsache Tradition?

Ein Auslöser ist die „Schmach von Büderich“

Der Konflikt eskalierte im Spätherbst 2025 mit der Pokal-Schmach von Büderich (15.11.2025). Dies war der entscheidende Funke, der den Machtkampf in eine neue Dimension hob. Das auslösende Ereignis: Das Ausscheiden gegen den Klasse tieferen Oberligisten FC Büderich und der anschließende Platzsturm. Der Hergang: In einer sportlich ohnehin angespannten Phase traf der WSV auf den Oberligisten FC Büderich. In der 94. Minute fiel das entscheidende 1:0 für den Außenseiter. Unmittelbar nach dem Abpfiff überwanden etwa 40 bis 50 Personen aus dem Wuppertaler Block die Zäune des Stadions Am Eisenbrand.

Schaut ganz schön bedröppelt drein: Maskottchen „Pröppi“ hat in dieser Saison nicht viel zu lachen – © Archivfoto Jochen Classen

Es kam es zu Gewalt, Sachbeschädigungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei, die die Situation nur mit Schlagstöcken und Pfefferspray unter Kontrolle bringen konnte. Die Polizei hatte die gewaltbereiten Fans zur Identitätsfeststellung vorläufig festgenommen und Strafverfahren wegen Landfriedensbruchs eingeleitet. Vorgänge, die große überregionale Beachtung fanden.

„Ihr seid es nicht wert, dieses Trikot zu tragen“

Nach Darstellungen aus der Fan-Bewegung sei das Ziel nicht primär die körperliche Gewalt oder Sachbeschädigung gewesen, sondern – man höre und staune – in erster Linie die lautstarke und aggressive Konfrontation mit den Spielern. Trikots wurden gefordert („Ihr seid es nicht wert, dieses Trikot zu tragen“) und es kam zu verbalen Entgleisungen. Die Polizei musste einschreiten, um die Kabinengänge zu sichern. Die Folgen: Der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) wird eine empfindliche Geldstrafe gegen den WSV verhängen, welcher sich nunmehr mit Konsequenzen auf mehreren Ebenen konfrontiert sieht. Zu dem materiellen Schaden kommt damit  für den ohnehin um Sponsoren und Vertrauen in der Stadt kämpfenden WSV noch ein enormer immaterieller Schaden hinzu.

Der WSV reagierte unter Sport-Vorstand Thomas Richter mit maximaler Distanzierung und der Ankündigung harter Sanktionen (Stadionverbote). „Wir waren und sind schockiert über diese Form der Aggressivität von Teilen unserer Fans, wir entschuldigen uns bei allen Betroffenen…,“ so das offizielle Statement des Vereins. Die Fan-Szene empfand dies dem Vernehmen nach als „Verrat“, da der Vorstand aus ihrer Sicht die Schuld allein bei den Fans suchte, statt auch eigene sportliche Verantwortung für das sportliche Desaster zu übernehmen. Aber rechtfertigt das den Gewalt-Exzess?

Der Vorfall im Viertelfinale des Niederrheinpokals markierte jedenfalls in der laufenden Saison einen absoluten Tiefpunkt in der Beziehung zwischen Verein, Mannschaft und Fans.

Motto: „Ohne uns seid ihr nichts.“

Im Dezember verhärteten sich dann die Fronten völlig. Der Verein begann, angekündigte Stadionverbote umzusetzen. Die „Ultras Wuppertal“, die als organisierte und wichtigste WSV- Fan-Gruppierung im November 2025 ihr 24jähriges Bestehen feierten und ihren Stammplatz auf der Horst-Szymaniak-Tribüne im Stadion am Zoo haben, antworteten mit der völligen Einstellung des Supports. Das bedeutete, keine Fahnen, keine Trommeln, keine Gesänge. Die Ultras sind zwar teilweise bei den Spielen im Stadion präsent, verhalten sich aber passiv, um so zu demonstrieren, wie „tot“ und „leer“ das Stadion am Zoo ohne die Ultras ist – getreu dem Motto: „Ohne uns seid ihr nichts.“ Mangelndes Selbstbewusstsein kann man der Fan-Szene auf jeden Fall nicht unterstellen.

Massive Fan-Proteste im Stadion, wo es eigentlich um Unterstützung, Tore, Punkte und Siege gehen sollte – © Archivfoto Jochen Classen

Machtkampf in einer Art „Lauerstellung“

Der Auslöser war aus Sicht der WSV-Fan-Szene die Kombination aus sportlichem Versagen und der ihrer Meinung nach vorherrschenden Arroganz des Vorstands, die zu einer Entfremdung führte. Der Machtkampf dreht sich im Kern auch um die Frage: Wem gehört der Verein, dem Vorstand, der für Ordnung, Finanzen und Erfolg zuständig ist oder den Fans, die sich als Seele und Bewahrer der Tradition sehen?

Sie äußerten zudem Unzufriedenheit mit der Kommunikation des Vorstands, warfen ihm Intransparenz vor, den Dialog mit ihnen verweigert zu haben und Repression als einziges Mittel zu nutzen. Dass Thomas Richter zum 31. Dezember 2025 als Sportvorstand zurücktrat, dürfte auch eine direkte Folge dieses Machtkampfs gewesen sein, wird in den Augen der Ultras aber nur als Teilerfolg gewertet.

Thomas Richter stand im Zentrum der Kritik und sah wohl keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit mit der aktiven Fan-Szene. Nach Richters Rücktritt und der Verpflichtung von Mike Wunderlich als Trainer befindet sich der Machtkampf jetzt in einer Art „Lauerstellung“. Wie zu hören war, wollen die Fans jetzt sehen, ob der verbliebene Vorstand (Dr. Leonhardt/Kineke) bereit ist, die „Ära Richter“ hinter sich zu lassen und bei den Stadionverboten Kompromisse einzugehen.

Gaetano Manno: Vom Liebling zum Sündenbock

Stellt sich die Frage, warum sich die Wut dieser Fan-Szene sich letztlich am stärksten gegen den sportlichen Leiter Gaetano Manno richtet, hat der doch nach öffentlicher Wahrnehmung seine Aufgabe mit Leidenschaft und im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten immer äußert engagiert ausgeübt. Während Thomas Richter als Vorstand die formale Verantwortung trug, ist Gaetano Manno aber tatsächlich die Figur, an der sich die Wut der aktiven Fanszene seit Monaten am stärksten entzündet. Dies läßt sich nach Insider-Informationen nur mit der internen Dynamik beim WSV und drei Hauptgründen erklären:

1.) Gaetano Manno ist als Sportdirektor direkt für die Zusammenstellung der Mannschaft verantwortlich. Die aktive Fanszene wirft ihm vor, einen Kader zusammengestellt zu haben, der es an „Mentalität“ fehle. Dass die Mannschaft in dieser Saison oft blutleer wirkte und im Pokal gegen einen Oberligisten ausschied, wird Manno als fachliches Versagen bei der Spielerauswahl angelastet. Die emotionale Fallhöhe: Vom Liebling zum Sündenbock.

WSV-Vorstand Ludger Kineke hat es zur Chefsache gemacht, die verschiedenen Lager im Traditionsverein für den gemeinsamen Erfolg wieder zu vereinen – © Siegfried Jähne

Das „Gesicht“ des sportlichen Misserfolgs?

2.) Gaetano Manno hat eine lange Geschichte beim WSV, war früher selbst Kapitän und Identifikationsfigur der Mannschaft. Das Problem: Genau diese Nähe wird ihm jetzt zum Verhängnis. Die Fans werfen ihm vor, die Seite gewechselt zu haben und nun Teil eines „Klüngels“ im Vorstand zu sein, statt die Interessen des Sports und der Fans zu vertreten. Der Vorwurf der „Entfremdung“ wiegt bei einem ehemaligen Insider wie Manno für die Ultras schwerer als bei einem reinen Funktionär.

3.) Gaetano Manno gilt in der Fanszene als jemand, der Kritik oft sehr dünnhäutig aufnimmt. In Fan-Foren und auf der Tribüne wird ihm vorgeworfen, Ausreden für die sportliche Misere zu suchen, anstatt Fehler in der eigenen Planung einzugestehen. Während Richter eher im Hintergrund die administrativen Fäden zog, sei Manno das Gesicht des sportlichen Misserfolgs. Die Ultras fordern seit langem einen echten sportlichen Neuanfang, den sie mit Manno an der Spitze für unmöglich halten. Letztendlich gilt auch hier die alte Weisheit, die auf den römischen Historiker Tacitus zurückgeht: „Der Erfolg hat viele Väter – der Misserfolg ist ein Waisenkind.“ Trotz der Spannungen bleibt die Szene im Austausch mit dem Verein.

Ist der Vorstand bereit, die „Ära Richter“ hinter sich zu lassen?

Beim Fan-Abend am 3. Februar kann direkt mit dem Vorstand Ludger Kineke, dem Verwaltungsrat Dr. Hoss und Trainer Mike Wunderlich über die sportliche Krise und die Zukunft des Vereins diskutiert werden. Nach unseren Informationen wird der sportliche Leiter an der Veranstaltung nicht teilnehmen. Es soll der Versuch unternommen werden, diesen Machtkampf friedlich beizulegen, um die Rückrunde am Ende doch noch in Gemeinsamkeit erfolgreich gestalten zum können. Die Fans wollen insbesondere sehen, ob der verbliebene Vorstand (Dr. Leonhardt/Kineke) bereit ist, die „Ära Richter“ hinter sich zu lassen.“

Ludger Kineke: „Uns ist im Vorstand ein guter Kontakt zur Fanszene wichtig, da ein gegenseitiges Verständnis das Miteinander fördert und gut für den Verein ist. Zu diesem Zweck führen wir unterschiedliche Gespräche bzw. tauschen uns in Gesprächsrunden aus. Sicher werden in solchen Treffen auch kritische Fragestellungen erörtert, was aber zu einer offenen und transparenten Kommunikation dazu gehört“.

Text: Siegfried Jähne

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