24. Januar 2026

Tierheim: Frauen-Power für herrenlose Hunde und Katzen

Frauen-Power für herrenlose Tiere. Elke Esser-Weckmann und Natalie Christine Toussaint sind die „Leit-Wölfinnen“ des Tierschutz-Vereins „Groß Essen e.V“, der das Albert-Schweitzer-Tierheim in der Ruhrmetropole Essen betreibt. 

Elke Esser-Weckmann (r.), Vorsitzende des Tierschutzvereins Groß-Essen, und ihre Stellvertreterin Natalie Christine Toussaint präsentieren die neuesten Ausgaben des Tierheim-Magazins „Albertie“ – © Paul Moon

Der Verein kümmert sich pro Jahr um rund 2.500 herrenlose oder abgegebene Tiere: Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, sogar Schlangen finden hier eine sichere Bleibe – hoffentlich nur auf Zeit. Denn Ziel ist, möglichst alle Tiere in ein liebesvolles, artgerechtes Für-Immer-Zuhause zu vermitteln. 

2025 mussten Elke Esser-Weckmann und ihr engagiertes Team 300 Hunde betreuen. In den Jahren zuvor waren es oft mehr als 500. Große Sorgen bereiten ^^^die vielen Katzen. Wurden vor Jahren noch rund 500 Samtpfoten pro Jahr als Streuner aufgefunden oder von ihren Frauchen oder Herrchen abgegeben, sind es mittlerweile über 1.000. „So hart es auch klingt, Katzen sind leider zum Wegwerfartikel geworden. Da hat sich etwas an der Mentalität der Gesellschaft geändert“, beklagt Tierschützerin Elke Esser-Weckmann. 

Das große Leid der Samtpfoten

Das liege nicht zuletzt auch an der unterschiedlichen Wertschätzung! Wer sich einen Hund anschaffen wolle, sei sich zumeist vorher darüber im Klaren, dass er für einen Welpen in der Regel 2.000 €  ausgeben müsse. Außerdem wisse er, was auf ihn zukomme – z.B. Gassigehen bei Wind und Wetter. 

Katzen dagegen gelten als pflegeleicht und selbständig. Und wenn es sich nicht grade um ein Rassetier handele – würde man sie oft oft schon für 50 € oder sogar völlig umsonst bekommen – beispielsweise von einem Bauernhof oder aus einem Reitstall. Auch diese Zahlen zeigen mehr als deutlich, dass viele ihre Stubentiger eher als geduldete Mitläufern und nicht als vollwertiges Familienmitglied sehen: 80 Prozent der Hunde sind gechipt, aber nur knapp 20 Prozent der Katzen.

Natalie Christine Toussaint (l.) und Elke Esser-Weckmann vor dem „Struppi-Mobil“, dem die Tiere transportiert werden. © Paul Cook

„Es ist kaum zu glauben, aber es gibt Katzenhalter, die fragen noch nicht einmal beim Tierheim nach, wenn ihr Tier tagelang nicht nach Hause kommt oder gar nicht mehr auftaucht“, schüttelt Natalie Christine Toussaint verständnislos den Kopf. Das passt eigentlich nicht gar nicht zu der Tatsache, dass Samtpfoten eigentlich Deutschlands beliebteste Haustiere sind.

Zur traurigen Wahrheit gehört aber auch, dass sich viele Katzenbesitzer die Kosten für die Kastration sparen und ihre Tiere dennoch verantwortungslos als Freigänger herumstreunen lassen, was zu vielen ungewollten Jung-Tieren und noch mehr Katzen-Leid führt. 

Forderung nach bundesweiter Katzenschutzverordnung

Elke Esser-Weckmann und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter fordern eine bundeseinheitliche Katzenschutzverordnung mit entsprechenden Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten. In Essen gibt es bereits eine solche Regelung, allerdings nur auf dem Papier. Alle Freigänger müssen eigentlich kastriert und gechipt sein. „Aber das ist ein zahnloser Tiger: Die Leute behaupten einfach, ihr Tier wäre eine reine Wohnungskatze und lassen es dann doch frei laufen. Leider gibt es kaum Kontrollen und somit werden so gut wie nie Ordnungsgelder verhängt“, weiß Elke Esser-Weckmann aus Erfahrung. In ihrem Haushalt lebten über 20 Jahren lang Katzen.

Im Albert-Schweitzer-Tierheim sind Katzen jedenfalls herzlich willkommen. Ein neues, modernes Katzenhaus für die Samtpfoten ist gerade im Bau und wird voraussichtlich im März eingeweiht. 

Eine der ehrenamtlichen Katzenstreichlerinnen kümmert sich liebevoll um einen roten Kater – © Paul Cook

Die stark gestiegenen Tierarztkosten erschweren die Situation für Katzen und andere Tiere.  Das Albert-Schweitzer-Tierheim mußte im Jahr 2024 allein rund 480.000 € für die medizinischen Behandlungen ihrer Schützlinge ausgeben. Das hat dazu geführt, das Elke Esser-Weckmann unfreiwillig die Kosten-Bremse getreten hat und wieder einen Tierarzt fürs Tierheim fest anstellte. Bestens ausgestattete Behandlungsräume und ein moderner Operationssaal standen ohnehin im Gebäudekomplex an der Grillostraße  zur Verfügung.

Hohe Vermittlungs-Quote

Um nicht nur Krokodilstränen zu vergiessen, gibt es in dem Zusammenhang mit den Katzen eine Zahl, die zuversichtlich macht: 82 Prozent der Heimkatzen sind nach 180 Tagen in ein neues, sicheres und liebevolles Zuhause vermittelt. Die Regeln sind eindeutig: Katzen werden nach einem „Durchleuchten“ der Situation des Interessenten immer zu zweit vermittelt, es sei denn, im Haushalt ist bereits eine Samtpfote vorhanden. Die meisten der Heimtiere sind Freigänger. Wer allerdings an einer viel befahrenen Straße wohnt, bekommt auf keinen Fall eine Freigänger-Katzen.

Elke Esser-Weckmann: „Wir machen bei Tieren, die wir vermitteln, Nachkontrollen, schauen, wie es unseren ehemaligen Schützlingen in ihrem neuen Zuhause geht. Und wir habe so gut wie keine Rückläufer, das macht uns glücklich und ein wenig stolz.“

Ganz schön neugierig, dieser Tierheim-Bewohner, der im Außengehege schaut, was so draußen los ist – © Paul Moon

Die Schutzgebühr für eine Einzelkatze liegt bei 150 €, bei einem Pärchen bei 200 €. Dafür sind die Tiere aber kastriert, gechipt und auskuriert. Bei Hunden beträgt die Schutzgebühr 300 €, weil bei einigen neben der Kastration, dem Chip setzen, dem Auskurieren von Krankheiten oft auch noch ein Resozialisierungstraining notwendig ist. Der Grund dafür: Sie stammen mitunter aus total verwahrlosten Haushalten, wurden nicht artgerecht gehalten und neigen zur Aggressivität.  

Elke Esser-Weckmann und Natalie Christine Toussaint führen mit Eve Neumann (Schatzmeisterin) und Ellen Rohrberg (Sanierung & Bauprojekte) quasi ein mittelständisches Unternehmen, das mittlerweile professionelle Strukturen hat – und das alles ehrenamtlich. Inklusive Teilzeitkräften und Minijobbern hat das Albert-Schweitzer-Tierheim derzeit 52 festangestellte Mitarbeiter, darunter acht Auszubildende. Sie alle sind hochmotiviert und mit viel Herzblut bei der Sache, um das Leid der herrenlosen Tiere zu lindern. 

Viele Ehrenamtler packen mit an

Die Liste der Ehrenamtler umfasst rund 350 Namen. Wobei einige der Freiwilligen nur ein- oder zweimal im Jahr bei Tierheimfesten oder als Personal an Infoständen helfen. 80 Gassi-Geherinnen und Gassi-Geher sowie rund 65 Katzen-Streichlerinnen und Katzen-Streichler sind fast täglich liebevoll  und emphatisch im Einsatz. Zur Wahrheit gehört dazu, dass es sich dabei zu 85 Prozent um Mädchen oder Frauen handelt. Männer haben es offensichtlich nicht so mit den Streicheleinheiten. 

Natalie Christine Toussaint (l.) und Elke Esser Weckmann im bestens ausgestatteten Operationssaal des Albert-Schweitzer-Tierheims – © Paul Cook

Ohne Kohle ging früher im Ruhrpott nichts und heute im übertragenen Sinne auch nicht. Tiere in Deutschland haben zumindest in der Politik keine Lobby. Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Koalition war eigentlich ein Millionenbetrag für die Unterstützung von Tierheimen verankert.  Doch dieser wurde inzwischen klammheimlich und mucksmäuschenstill gestrichen. In vielen Städten gibt es gar kein Tierheim mehr – wie beispielsweise in der bergischen Metropole Wuppertal – wo der Tierschutzverein Pechpfoten e.V. beim Bau eines Tierschutzzentrums ausgerechnet von einer christlichen Institution, der Diakonie Aprath, kurz vor Fertigstellung des Tierheimes mit fadenscheinigen Begründungen ausgebremst wurde. Jetzt hat das Oberlandesgericht das Wort – und das kann dauern.

In Essen ist die Situation ganz anders – dank „Füchsin“ Elke Esser-Weckmann, die seit 12 Jahren die Zügel im Alber-Schweitzer-Tierheim in der Hand hält. Die taffe Sozialwissenschaftlerin betrieb vorher als Unternehmerin eine Firma für statistischen Analysen und Datenerhebungen und sass 14 Jahre für die SPD im Essener Stadtrat. Ihre Drähte zur Stadtspitze glühen auch heute noch nach ihrem Ausstieg aus der Kommunal-Politik. Und das kommt jetzt herrenlosen Tieren in der Ruhrmetropole zugute. 

Entgelt für wichtige Dienstleistung

2015 zahlte die Stadt Essen dem Tierschutzverein „Groß-Essen“, der 2024 sein 150. Jubiläum feierte, einen sogenannten Zuschuss in Höhe von 200.000 € . Und das bei einem Gesamtetat von damals gut 1.300.000 €, wobei davon allein 840.000 € auf die Versorgung von Fundtieren und sicher gestellten Tieren entfiel. 

Elke Esser-Weckmann erinnerte die Stadtspitze mit Nachdruck daran, dass die Versorgung von Fundtieren und sichergestellten Tieren laut Gesetz Aufgabe der Kommunen ist und drohte damit, dass der Tierschutzverein den Betreuungs-Vertrag nicht verlängert, sollte der Zuschuss, der eher ein Almosen war, nicht erheblich erhöht und als Entgelt für einen übernommene, wichtige Dienstleistung verstanden werden.

Noch befindet sich das neue, schmucke Kartenhaus im Rohbau. Vermutlich im April sollen dort die Katzen einziehen – © Paul Cook

Ein Volltreffer wie ein Prankenhieb. Und Elke Esser-Weckmann hatte noch einen Trumpf in der Hand: „Ich argumentierte, dass Tiere nach dem Gesetz nur als Sache gelten. Es ist aber vorgeschrieben, dass Fundsachen 180 Tage in einem Zustand aufbewahrt werden müssen, dass der Verlierer sie nach der Zeit wieder im gleichen Zustand übernehmen kann, wie vor dem Verlust. Mein Argument: Das müsse dann ja auch für die ‚Sache’ Fundtiere gelten.“

Die Essener Stadtspitze folgte zähneknirschend dieser Argumentation. Seither lässt sich die Ruhrmetropole die Versorgung der Fund- und sichergestellten Tiere seither Vielfaches der 200.000 € im Jahr 2015 kosten. „Ich bin unserem Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) sehr dankbar, dass er ein Herz für Tiere hat und uns bei der Versorgung der herrenlosen Schützlinge unterstützt“, ein überparteiliches Lob der engagierten Tierschützerin.

Über 2.000 Mitglieder

Inzwischen konnten auch Tierheime anderer Städte die städtischen Zuschüsse mit dem gleichen ‚Sach-Argument‘ erheblich steigern. Aber auch wenn die Ruhrmetropole jetzt für Fund- und sicher gestellte Tiere erheblich tiefer ins Stadtsäckel greift, bleibt bei einem Gesamt-Etat, der sich 2024 immerhin auf 2,7 Millionen Euro belief, immer noch ein großes Loch. Und das muss durch die Jahresbeiträge von gut 2.000 Mitgliedern, durch Sponsorengelder und Erbschaften gestopft werden. Aber solange sich herrenlose Hunde, Katzen & Co. auf die Frauenpower im Tierschutzverein Groß-Essen verlassen können, werden sie immer ein warmes Plätzchen und genügend Futter im Napf haben. 

Text: PETER PIONKE

Wenn Sie den Tierschutzverein „Groß-Essen e.V.“ und somit das Albert-Schweitzer-Tierheim unterstützen wollen, hier das Spendenkonto:

Tierschutzverein Groß-Essen e.V.:

Sparkasse Essen

IBAN: DE11 3605 0105 0004 9131 33

Weitere Infos unter: www.tierheim-essen.de

Übrigens: Freiwillige Helfer, die bei der Betreuung der Tierheim-Tiere mit anpacken wollen, sind herzlich willkommen. Sie können sich gerne unter info@tierheim-essen.de

Link zur Webseite des Albert-Schweitzer-Tierheims:

http://www.tierheim-essen.de

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