3. Januar 2026

Mike Wunderlich: Ist der Fußballer auch Krisenmanager?

Der Wuppertaler SV steht vermutlich vor den schwierigsten Monaten seiner Vereinsgeschichte. Um den drohenden Abstieg in die fünfte Klasse zu verhindern, wechselte man vor Beginn der Restrückrunde den Cheftrainer aus. Statt Sebastian Tyrala steht seit dem Jahresbeginn der Kölner Mike Wunderlich (39) am Schaltpult der bergischen Fußball-Profis.

Das neue Trainergespann des WSV: (v.l.) Co-Trainer Kevin Rodrigues Pires, Cheftrainer Mike Wunderlich und Co-Trainer Adli Lachheb – © Jochen Classen

Der neue Hoffnungsträger wurde jetzt im VIP-Raum des Stadions am Zoo von Vorstandsmitglied Ludger Kineke vorgestellt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Wunderlich nicht nur ein großer Fußballer war, sondern auch ein guter Krisenmanager ist. Wenn der Start glückt, kann die Euphorie die Unruhe wegspülen. Aber, es ist auch ein Ritt auf der Rasierklinge. Einen Plan „B“ gibt es nicht. „Damit beschäftigt ich mich nicht“, verriet uns Sportdirektor Gaetano Manno, weil er sicher davon ausgehe, dass das Team starke genug sei und sich jetzt mit dem neuen Cheftrainer an der Seitenlinie wieder stabilisieren werde.

Wunderlichs große Chance ist seine Authentizität

„Ich freue mich extrem auf die Aufgabe in diesem Traditionsverein. Ab dem ersten Tag gilt: Vollgas geben! Wir haben eine große Aufgabe vor uns und ich werde alles dafür tun, um den Verein in der Liga zu halten“, gab Mike Wunderlich gleich die Richtung vor.  Er war bis vor kurzem selbst noch ein erfolgreicher Fußballprofi und weiß, wie eine Kabine in der Krise tickt. Wenn es ihm gelingt, diese „Jetzt-erst-recht“-Mentalität zu wecken und die Spieler dazu bringt, die Unruhe im Verein auszublenden, könnte das eine enorme Energie freisetzen.

Tatsächlich liest sich Wunderlichs Vita geradezu märchenhaft: Mit Viktoria Köln war er zweimal Meister der Regionalliga West (2017, 2019) und einmal sogar Torschützenkönig  (2017). Das gleiche Kunststück schaffte er in der  und NRW-Liga (2012). Wunderlich erzielte über 200 Tore in der Regionalliga und gewann zudem sechsmal den Mittelrhein-Pokal, spielte  außerdem sehr erfolgreich bei Rot-Weiß Essen und dem 1.FC Kaiserslautern.

Wunderlich: „Ich habe 1.000 Ideen im Kopf!“

Seine Trainer-Karriere ist indessen noch jung und fand bisher nur in der sechsten Liga statt, ab 2023 an seinem Wohnort Bergisch Gladbach und ab August 2025  beim AC Ahrweiler in der Rheinlandliga. Mike Wunderlich, der (noch) nicht im Besitz der für die viertklassige Regionalliga notwendigen A-Lizenz ist, bringt deshalb seinen Co-Trainer Kevin Rodrigues Pires mit, der über die nötige A-Lizenz verfügt. Er ist ein alter Bekannter an der Wupper und trug selbst das rot-blaue Trikot.

WSV-Vorstandsmitglied Ludger Kineke (l.) bei der Vorstellung des neuen Cheftrainers Mike Wunderlich (M.). Rechts Sportdirektor Gaetano Manno – © Jochen Classen

Auf unsere Frage, was er aus der sechstklassigen Rheinlandliga für die Regionlliga mitbringe, entgegnete der neue WSV-Coach: “Überall wird der gleiche Fußball gespielt!“  Die Frage nach einem Trainer-Vorbild beantwortete Mike Wunderlich so: „Ich hatte schon viele Trainer und habe meinen ganz eigenen Stil entwickelt, ich habe 1.000 Ideen im Kopf!“

WSV- Sportdirektor Gaetano Manno ist angesichts des schlechten Saisonverlaufs überzeugt, seinem Vorstand, die richtige Empfehlung gegeben zu haben. „Mike ist eine starke Persönlichkeit, der bereits in jungen Jahren bewiesen hat, dass er einen klaren Plan und eine klare Struktur in seinem Spiel verfolgt. Er geht voran, ist ein echter Gewinnertyp und genau der Trainer, den wir für die Rückrunde brauchen. Gemeinsam wollen wir einen starken Zusammenhalt entwickeln, um am 14. Mai 2026 den Klassenerhalt geschafft zu haben“.

Allerdings teilen im Verein nicht alle diese positive Einschätzung. Noch während der Veranstaltung zogen „WSV-Ultras“ mit einem Transparent mit der Forderung „Gaetano Manno raus“ vor dem Tribünenzugang auf. Bekanntlich waren sie es auch, die schon zuletzt nach dem Spiel bei Fortuna Köln mit dem Transparent „Der Fisch stinkt vom Kopf an“ Konsequenzen eingefordert hatten. Und Teile von ihnen waren es aber auch, die nach der überraschenden Pokal-Pleite in Büderich für einen handfesten Skandal gesorgt hatten, der den WSV teuer zu stehen kommt.

Gaetano Manno kommentierte die persönlichen Anfeindungen so: “Das sind gesteuerte Aktionen aus einer bestimmten Ecke“, auf die er nicht näher eingehen wolle. Er selbst arbeite hart und mache sich keine Vorwürfe. Man solle vielmehr die geringen finanziellen Rahmenbedingungen in Rechnung stellen, mit denen man beim WSV zurechtkommen müsse.

Kritik an WSV-Führung hält weiter an

Tatsächlich hatten sich ja schon vor Monaten Richtungs- und Machtkämpfe im Verein offenbart. Und auch der überraschende, zeitgleiche Rücktritt des langjährigen Vorstandsmitgliedes Thomas Richter mit der Freistellung von Trainer Tyrala, befeuerte Spekulationen in mehrere Richtungen. Man kann davon ausgehen, dass es hinter den Kulissen des Vereins heftige Machtkämpfe gibt. Insider beklagen gar, dass Vereinsgremien in die laufenden Prozesse gar nicht eingebunden worden seien.

Der neue WSV-Cheftrainer Mike Wunderlich (l.) im Gespräch mit STADTZEITUNGS-Sportreporter Siegfried Jähne – © Jochen Classen

Ex-Trainer Sebastian Tyrala erfuhr von seiner Freistellung aus der Presse  und  sagte: „Ich weiß von nichts. Mich überrascht da nichts mehr. Mir tut nur der Verein leid“. Weitere Stellungnahmen wollte Tyrala nicht mehr geben:  „Ich möchte keine dreckige Wäsche waschen!“ Tatsächlich hatte nicht der WSV die Öffentlichkeit über den bevorstehenden Trainerwechsel  informiert, sondern der wurde von der Ahrweiler Presse kommuniziert, wo Mike Wunderlich zuletzt als Trainer engagiert war. Kurios auch, dass der WSV noch vor den Festtagen Weihnachtsgrüße mit dem Konterfei von Sebastian Tyrala verschicke.

WSV-Kommunikation mangelhaft

Die Kommunikationspolitik erscheint insgesamt korrekturbedürftig. Die Nachricht, dass z.B. der nach Marvin Klotzkowski für Marketing zuständige Andreas Baxewanoglou nicht mehr beim WSV ist, wurde  nach unserem Kenntnisstand schlicht unterlassen. Auffällig ist, das viele, oft geschönte Informationen um das Team und den Verein zu finden sind, auch oder teilweise nur in überregionalen Medien. Eine Zeiterscheinung der heutigen, sich verändernden Medienwelt, die dann nicht selten oft ohne die notwendige kritische Reflexion der tatsächlichen Gegebenheiten oberflächlich daher kommen. Aber letztlich ist für den sportlichen Erfolg nicht entscheidend, was in den Gremien, sondern was auf dem Platz passiert. Jetzt zählen nur noch Punkte!

Der neue Trainer Mike Wunderlich ist fraglos eine starke Persönlichkeit. Er weiß genau, dass er nicht scheitern darf. Denn dann hat der Traditionsverein keine Patrone mehr im Lauf. Er hat jetzt sogar zwei Co-Trainer an seiner Seite: Kevin Rodrigues Pires und Adli Lachheb, der im Amt bleibt. Das kann von großem Vorteil sein, weil er die Mannschaft bestens kennt. „Er hat bekommen, was er wollte – jetzt müsse die Ergebnisse stimmen, um ein böses Desaster zu verhindern“, so die Erwartung sachkundiger Beobachter. Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf Mike Wunderlich.

Text: Siegfried Jähne

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