13. April 2026Peter Pionke
Verschwörungstheorien: Zu gut, um wahr zu sein
Der Literaturwissenschaftler Dr. Antonius Weixler von der Bergischen Universität – © Sebastian JarychAutor Uwe Blass hat sich im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe „Transfergeschichten mit Dr. Antonius Weixler unterhalten, der in einem Artikel die narrative Konstruktion solcher Verschwörungserzählungen und Theorien im Zeitalter der Sozialen Medien untersucht hat. „Wir haben letztendlich oft Erzählungen die behaupten, dass etwas im globalen Ausmaß geschieht und nicht ein zeitlich, lokal eng begrenztes Ereignis ist.“ Antonius Weixler zitiert dazu gerne den Tübinger Wissenschaftler Michael Butter, einen in Deutschland führenden Forscher von Verschwörungstheorien, der drei prägnante Merkmale zur Erkennung benennt.
Demnach geschehe nichts durch Zufall, sondern sei bewusst geplant, nichts sei so, wie es scheine, daher müsse man immer unter die Oberfläche schauen und alles sei miteinander verbunden, d.h. Personen, Institutionen und Ereignisse gehören zusammen. „Verschwörungserzählungen leben zudem ganz stark davon, ein Gerechtigkeitsproblem zu konstruieren“, ergänzt Antonius Weixler, „im Bereich des Öffentlichen und in der Politik gehe es letztlich ja stets um Verteilungskämpfe. Verschwörungserzählungen beschreiben diese immer als Gerechtigkeitsproblem. Und die Urheber einer solchen Verschwörung werden von Verschwörungsgläubigen in der Regel immer mit Kollektivsingularen angegeben. Also ein Kollektivsingular wie ‚Die Medien‘, ‚Die Politik‘, ‚Die Elite‘ oder ‚Die Wissenschaft‘“.
© Bergische UniversitätKonsens in der Wissenschaft wird angezweifelt
Verschwörungserzählungen zu erkennen, ist gar nicht so einfach. „Das vermeintlich ‚wahre‘ Wissen, also die Verschwörung, ist für Anhänger solcher Geschichten immer unter einer Oberfläche versteckt. Verschwörungserzählungen konstruieren daher immer die Durchbrechung einer solchen Oberfläche, wobei mit dieser Oberfläche ganz unterschiedliche Dinge gemeint sein können. Die Oberfläche kann ganz generell als die offizielle Version einer Geschichte angesehen werden, es kann damit aber auch die Moderne an sich damit gemeint sein. Wichtige weitere Merkmale, die dann noch mit dazu kommen, sind immer auch eine starke soziale Hierarchisierung von Gruppen und ein Dualismus aus Gut und Böse, ein sogenanntes manichäisches Weltbild. Die Erwartungshaltung von Verschwörungsgläubigen ist immer, dass die Eliten tendenziell Böses im Schilde führen.“
MAGA – Make America great again
Verschwörungserzählungen werden oft in Slogans zusammengefasst, um wirken zu können. Dazu Weixler: „In dieser Hinsicht ist sicherlich Trumps Wahlkampfslogan ‚Make America great again‘ sehr gut gemacht, weil er mit wenigen, sehr konzentrierten Worten ganz viel aufruft. Wir haben ein Opfernarrativ, ein Verlierernarrativ und letztlich auch ein Verteidigungsnarrativ. Wer dieser Meinung ist, dass Amerika früher einmal großartig war und dies heute nicht mehr ist, der fühlt sich fast automatisch auch als Verlierer dieser Entwicklung. Und wenn man sich als Verlierer dieser Entwicklung fühlt, dann erzeugt das ein Gerechtigkeitsproblem und auch Verteidigungsimpulse. Das Verlierer- und Opfernarrativ löst so automatisch ein Verteidigungsnarrativ aus, und deswegen steckt da so viel drin.“ Außerdem sei dieser Slogan auch ‚catchy‘, er funktioniere deshalb so gut, weil er die Menschen mitnehme, indem er eine WIR-Botschaft sende, so dass man sich dieser Gruppe leicht zugehörig fühle. Und das Kürzel ‚MAGA‘ präge sich zudem sofort ein.
Die Mondlandung: Eine Inszenierung der NASA? – © Foto: NASA gemeinfreiVerschwörungserzählungen erkennen lernen
„Privilegiertes Wissen ist Wissen, welches inszeniert ist und dem tatsächlichen Wissen lediglich ähnelt“, sagt Dr. Antonius Weixler, „aber es gibt ein paar Möglichkeiten, den Unterschied zu erkennen, deshalb spreche ich auch von Verschwörungserzählungen oder –narrativen im Unterschied zu Verschwörungstheorien.“ Dazu gehöre die Anwendung des Kollektivsingulars. Wenn also behauptet werde, ‚Die Medien‘ würden uns eine offizielle Version verkaufen, sei das nach Meinung von Verschwörungsgläubigen lediglich die Oberfläche, unter der dann ein irgendwie konstruiertes, vermeintlich ‚wahres Wissen‘ zu finden sei.
„Unter der Oberfläche haben wir nicht nur alternative Fakten und meinen eine Verschwörung erkennen zu können, sondern wir haben letztendlich dort auch eine andere Art von Wissen. Dieses vermeintliche ‚eingeweihte Wissen‘, das unter der Oberfläche ist, das ist oft auch so etwas, was man eigene Empirie nennen könnte. Es wird häufig mit eigener Anschauung argumentiert, also mit einem sehr subjektiven Beispiel im Sinne von: ‚Ich habe das so erlebt‘ oder ‚Ich habe gehört, dass das so ist‘, ‚Ich kenne jemanden, dem ist das so passiert‘. Es wird an die subjektive Erfahrung angelehnt, und das auch noch, wenn das oft gar nicht die eigene Erfahrung ist, sondern nur Hörensagen.“ Wenn man dann nach den konkreten Quellen einer solchen Information frage, können daher viele auch keine Antwort darauf geben. Es sei eine Parallelwelt mit einer anderen Art von Wissen, das oft auch nicht als Wissen, sondern mit Glauben beschrieben oder begründet wird.
In der Zukunft wollen wir zurück in die Vergangenheit
Verschwörungserzählungen konstruieren oft eine Vergangenheit, die es zwar so nie gab, die aber als ein Idealzustand verklärt wird, zu dem man zukünftig wieder zurück möchte. Daher basierten sie auf einem triardischen Zeitkonzept. „Wir haben drei Phasen in der Zeitrechnung“, erklärt Antonius Weixler, „eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft. Im triadischen Zeitkonzept ist es so gemacht, dass die Vergangenheit immer als dezidiert positiv gesehen wird. Früher war eben vermeintlich alles besser, früher war das ‚goldene Zeitalter‘, früher, das war das, was man unter Tradition versteht, wie auch immer man dann diesen Begriff füllen mag. Solche Traditionen sind aber immer bloße Erfindungen aus der Gegenwart. Traditionen waren so gut wie nie so, wie man denkt, dass sie gewesen sind.“
Modernisierungstendenzen wie Zuwanderung oder auch Globalisierung gefährden für Verschwörungsgläubige eine so gesehene Tradition. „Daher erscheint die Gegenwart als negativ. Und die Zukunft soll jetzt keine offene Zukunft der Entwicklung sein, sondern in der Zukunft wollen wir zurück in die Vergangenheit. Also ‚Make America great again‘, das ist der Blick zurück.
Mediale Entwicklungen leisten Verschwörungserzählungen Vorschub
Großereignisse wie 9/11 2001, die Finanzkrise 2007, die sog. ‚Flüchtlingskrise‘ 2015, aber auch die Trump-Wahl und die Brexit-Abstimmung 2016 sowie die Corona-Pandemie 2020 wurden von einer Flut von Falschmeldungen, Fake-News und insbesondere von Verschwörungserzählungen begleitet. Die mediale Entwicklung hat diese Ausbreitung begünstigt. „Diese Ereignisse decken ja eine Spanne von über 20 Jahren ab, da hat sich natürlich auch mediengeschichtlich extrem viel verändert“, sagt der Fachmann. „Während wir bei 9/11 erst mit einer zeitlichen Verzögerung und dann teilweise durch klassische Formate wie Dokumentationen, die dann auf YOUTUBE hochgeladen wurden, oder sogar Bücher, die geschrieben wurden, Gegenpositionen zu offiziellen Erklärungen bekommen haben, lief es bei der Coronapandemie wesentlich schneller, eben weil sich auch die Medien stark verändert haben. Die ‚neueren‘ und ‚geschlossenen‘ sozialen Medien wie Twitter, Instagram oder Telegram evozieren viel schnellere Reaktionen und durch ihre share-Funktionen überdies exponentielle Reproduktionen als dies in den im Vergleich dazu langsamen ‚alten‘ und ‚offenen‘ sozialen Medien wie Youtube oder Facebook der Fall war.“
Elvis Presley (1935 – 1977) Fans glauben immer noch, dass er lebt – © Foto: gemeinfreiVerschwörungserzählungen liefern in diesem Zusammenhang fast immer einfache Erklärungen für sehr komplexe Phänomene. „Und das hören die Menschen sehr gerne. Es ist eine sehr starke Komplexitätsreduktion. Sie bieten einfache Erklärungen für Bereiche, die sehr ambig sind, d.h. wir sehen bei Verschwörungsgläubigen eine verbreitete Unfähigkeit oder eine Vermeidungsstrategie, Uneindeutigkeit auszuhalten. Das geht uns vielleicht ganz generell in den Sozialen Medien mit der immer größer werdenden Informationsflut zusehend verloren. Heute haben wir unglaublich viele Medienkanäle, die nicht von ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten bedient werden. Also der große Bereich Social Media mit ihren Influencerinnen und Influencern. Heute kann jeder senden, und tut es auch. Daher kann man oft nicht mehr erkennen, was ein Informations- oder Meinungs-Kanal ist und was nicht, welche Informationen mit journalistischen Standards geprüft wurden und welche nicht. Wir brauchen eine viel stärkere Ausbildung in Medienkompetenz, Fiktionskompetenz und Narrativkompetenz. Wir müssen auch in der Ausbildung einiges verändern und den Menschen diese Grundkompetenzen wieder verstärkt beibringen.“
Bei den sehr einfachen Erklärungen in Verschwörungserzählungen würden immer Kausalitäten konstruiert, wo maximal Korrelationen oder meistens nur Scheinkorrelationen seien. Bei zwei Ereignissen, die räumlich und zeitlich weit auseinanderlägen, konstruierten Verschwörungserzählungen immer ganz klare, einfache Zusammenhänge. Diesen Verschwörungserzählungen stellt sich der seriöse Journalismus mit Aufklärung entgegen. „Wenn also auch einmal in der Presse über Verschwörungserzählungen berichtet wird, dann meistens im Modus des Dokumentarischen und des Aufklärerischen. Seriöser Journalismus lebt davon, dass jede Information zweimal abgesichert sein muss, das ist eine Grundarbeitstechnik.“
‚Fake news‘ sind für Verschwörungsgläubige alternativlos
Seit der Regierung Trump kennen wir den Begriff ‚Alternative Fakten‘, die uns eingeweihtes Wissen vermitteln sollen. „‚Alternative Fakten‘ erscheinen für die Eingeweihten als alternativlos: Das sog. ‚eingeweihte Wissen‘ ist für die Verschwörungsgläubigen nicht nur ein Wissen unter anderen, es ist für sie das ‚eine‘ Wissen. Dieser Aspekt erklärt, warum die Anhänger von Verschwörungserzählungen kaum je mit rationaler Argumentation von ihrem Verschwörungsglauben abgebracht werden können“, erklärt Antonius Weixler. Wenn man mit Verschwörungsgläubigen diskutiere, stelle man immer wieder fest, dass sie auf wissenschaftliches Argumentieren nicht eingingen und mit eigener Empirie, eigener Anschauung antworteten. „Es ist kaum ein Gespräch möglich, in dem wir im Modus der Argumentation bleiben; auch weil diese Gesprächstechnik der Argumentation ja bedeutet, dass man die Regeln des Argumentierens kennen und akzeptieren muss. Und wenn anstatt mit Argumenten und Fakten mit eigener Anschauung begründet wird, dann ist es unheimlich schwer, gegen eine persönliche Anschauung zu argumentieren, weil eigene Erfahrungen ja durchaus auch etwas Legitimes, wenn auch Subjektives, haben.“
Im Unterschied zu persönlichen Anschauungen sei Wissen und wissenschaftliche Erkenntnis aber immer falsifizierbar und tauge nicht als Kollektivsingular. „Es gibt schlichtweg nicht ‚das Wissen‘“, sagt Weixler, „das Wissen von heute ist morgen vielleicht schon ein anderes. Wissenschaftliche Erkenntnis bedeutet zudem nicht, dass wir je etwas mit 100% Sicherheit bestimmen können.“
Klimawandel in der Arktis: Schmelzendes Eis – © PixabayDie letzten, oft wenigen Prozentpunkte wiederum nutzen Verschwörungsgläubige als Einfallstor für ihre Gegenargumentation. Ein Beispiel: „Der Klimawandel: Das Spektakuläre an der Erforschung des Klimawandels ist, dass wir, wie wohl noch nie zuvor in der Wissenschaftsgeschichte, von allen seriösen Wissenschaftlern auf der Welt einen Konsens haben, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt. Aber selbst so ein Konsens ist nicht mit 100% anzugeben. Diese Unsicherheit dient Verschwörungsgläubigen sofort als Einfallstor.“ Das konnte man auch wunderbar bei der Rede des amerikanischen Präsidenten auf der UN-Vollversammlung im September letzten Jahres erkennen, als er den Klimawandel als ‚den größten Betrug, der jemals an der Welt begangen wurde‘, beschrieb.
Verschwörungsgläubige haben ein sehr verfestigtes Weltbild
Die Wissenschaft sagt, Verschwörungserzählungen sind final motiviert, d.h. es steht schon von Beginn an fest, wie eine Geschichte enden wird, daher scheinen sie auch immer abschließende Antworten geben zu können. „Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungsgläubige haben ein sehr verfestigtes Weltbild“, erklärt der Literaturwissenschaftler, das bestehe aus der Grundunterscheidung von Gut und Böse sowie aus einer sehr einfachen Vorstellung davon, wie Handlungsmacht funktioniere, also, dass z.B. ganz wenige Individuen globale Ereignisse steuern können. „Das widerspricht letztlich allem, was die Wissenschaft über Handlungsmacht und Entscheidungsprozesse weiß, denn globale Ereignisse sind nie nur von einzelnen Menschen gesteuert. Sobald aber eine größere Anzahl von Individuen an Entscheidungen beteiligt sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass früher oder später immer irgendjemand etwas ausplaudern würde. Verschwörungen wiederum basieren auf der falschen Annahme, dass ein sehr kleiner Kreis etwas plane und dass alle in diesem Kreis stillhalten.“
Auf die Frage, ob auch der Literaturwissenschaftler schon einmal einer Verschwörungserzählung geglaubt habe, sagt Weixler abschließend, dass er Erzählungen, die globale Verschwörungen konstruieren, grundsätzlich immer skeptisch gegenüber stehe. Im täglichen Leben und im kleinen, privaten Bereich säßen aber auch wir, ob wir wollten oder nicht, hin und wieder Verschwörungserzählungen auf, vor allem wenn es um Klatsch und Tratsch gehe. „Manche Geschichten sind einfach zu gut, um wahr zu sein, sagt der Volksmund ja so schön, und was der Volksmund damit ausdrückt ist ja auch, dass wir den Wahrheitsgehalt mancher Geschichten eigentlich misstrauen müssten, weil sie kaum wahr sein können. Zugleich weiß der Volksmund damit aber auch, dass wir dieser Wahrheit nur deshalb glauben wollen, weil uns die Erzählung so gut gefällt, sie starke Emotionen in uns auslöst und wir zu den Eingeweihten dieser Geschichte, dieses ‚exklusiven Wissens‘, zählen.“
Uwe Blass
Dr. Antonius Weixler – © Sebastian JarychÜber Dr. Antonius Weixler
Dr. Antonius Weixler arbeitet als Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft der Bergischen Universität.
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