6. April 2026Peter Pionke
Vertrauen – Grundlage für nachhaltige Stadtentwicklung
Leila Rudzki vom Lehrstuhl Didaktik der visuellen Kommunikation an der Bergischen Universität – © Friederike von HeydenAls Dozentin für den Masterstudiengang Public Interest Design wollten sie und ihr Doktorvater Axel Buether den Studierenden nicht bloße Theorie vermitteln, sondern anhand eines konkreten Projektes zur aktiven Gestaltung der Stadt beitragen. „Wir fuhren also gemeinsam direkt zum Ort, der später die ‚StraßenOase‘ werden sollte, der Wichlinghauser Straße“, erzählt sie begeistert. „Sie ist wirklich besonders für alle Sinne und doch von Kontrast geprägt: das wunderschöne Aquädukt, gepaart mit einer extremen Lautstärke der rasenden Autos, die nur kurz vor einem festinstallierten Blitzer bremsen, sowie einem verlockenden Duft der anliegenden Restaurants. Zudem sind mir direkt die Menschen vor Ort und ihre Leidenschaft ans Herz gewachsen.“
Unterschiedliche Projektpartner – gemeinsames Ziel
Die ‚StraßenOase!‘ in Wuppertal-Wichlinghausen wurde initiiert und realisiert mit interdisziplinären Beteiligten. Neben den oben Genannten gehörten auch die Stadt Wuppertal, der BOB Kulturwerk e.V., die Initiative „Platz für alle“, Studierende aus dem Masterstudiengang Public Interest Design und das Quartierbüro ‚VierZwoZwo‘ dazu.„Ursprünglich hatten wir einen für die lokale Politik scheinbar zu utopischen Plan, einen rund 50 Meter langen Abschnitt der Wichlinghauser Straße temporär zu beruhigen und ihn in eine grüne Nachbarschaftsoase mit Sitzgelegenheiten, Schattenbereichen, gemeinschaftlichem Essen, Musik und kulturellem Leben zu verwandeln“, erklärt Leila Rudzki.
Und obwohl die Verwaltung diese Idee bereits genehmigt hatte, wurde sie drei Wochen vor dem Start von der Lokalpolitik gestoppt. „Wir hatten eigentlich mit der Stadtverwaltung alles sehr gut vorbereitet und sogar schon ein Straßenbauunternehmen engagiert“, berichtet sie weiter, „und dann wurde aber in der politischen Ausschusssitzung von einer Partei dagegen gestimmt, obwohl wir von Anfang an bemüht waren, alle Parteien ins Boot zu holen. Das war im ersten Moment wirklich ein Schock, denn von jetzt auf gleich standen wir bei null.“
© Bergische UniversitätDaraufhin verließen einige Beteiligte ernüchtert das Projekt, doch ein schnell anberaumtes Krisentreffen machte deutlich, dass die Verbliebenen die ‚StraßenOase! ’nun erst recht umsetzen wollten. Dazu Leila Rudzki: „Alle haben sich zusammen an einen Tisch auf dem BOB-Campus gesetzt, also Initiativen, Studierende, Menschen aus der Nachbarschaft und Vereine. Und bei diesem Treffen kamen so viele Ideen von den Studierenden, alle wollten aus tiefstem Inneren die StraßenOase!. Aus diesem ehrlichen Austausch entstand eine kreative Welle. Alle wollten weitermachen und sehen, was doch noch möglich ist.“
Und so wurde ein Stadtteilfestival in Wichlinghausen vorbereitet. Spontane Unterstützung erhielten die Macherinnen und Macher von zahlreichen lokalen Unternehmen wie z. B. dem Landschaftsbauunternehmen Leonhards, die kurzfristig eine Vielzahl an tonnenschweren Bäumen auf einem Schwerlasttransporter lieferten und zu einer außergewöhnlichen Begrünung beitrugen. „Wie aus dem Nichts schloss sich auch der Wuppertal DJ PSPAGEL42 an, der die Besucher auf einem eigenen Dancefloor begeistern konnte. Lokale Vereine sorgten für phantastisches Essen. Anwohnende organisierten Yoga, Kinderaktionen und sogar eine Live-Bühne mit Musik plus einem abschließenden politischen Gespräch konnten organisiert werden. Und das alles in nur knapp drei Wochen!“ So habe das Verbot alle in Bewegung gebracht: als Team, als Nachbarschaft, als demokratische Gemeinschaft.
66 Anwohnerinnen und Anwohner machten aktiv mit
Glücklicherweise gab es von Anfang an, schon allein durch das Quartiersbüro, viel Interesse an einem Stadtteilprojekt. „Mit dem Leiter, Andreas Röhrig, haben wir überlegt, was es schon alles hier gibt, welche Akteure da sind und welche man noch ansprechen sollte. Wir haben natürlich auch Klinken geputzt, sind in den Kiosken und Supermärkten gewesen und sind mit den Betreibern in den Austausch gekommen. Wir durften Plakate sowie Postkarten in ihren Schaufenstern ausstellen“, erzählt Leila Rudzki über ihr Engagement während der Planungen. Partizipation beginne mit Vertrauen.
Impressionen vom bunten Straßenfest auf der ‚StraßenOase‘ in Wichlinghausen – © Jenny HustUnd der Erfolg gab ihr recht. „Durch das Festival und den gemeinsamen Prozess konnten wir gelebte Demokratie im Alltag in direkter Nachbarschaft sichtbar machen. Das Festival ‚StraßenOase!‘ ließ spüren, was Demokratie bedeutet, nämlich miteinander reden, Lösungen finden, Fehler zulassen, die Ideen und Meinungen anderer akzeptieren und verstehen wollen, neugierig bleiben, sich begegnen und trotzdem gemeinsam weitermachen.“ Das Festival fand am 13.Juli 2025 statt und zeigte eindrucksvoll, was Mitgestaltung im öffentlichen Raum bedeuten kann. Besonders ein Satz ist Leila Rudzki an diesem Tag im Kopf geblieben, der da lautet: „Heute wurde hier Demokratie spürbar“.
Altes Quartier neu gedacht mit Unterstützung des Verfügungsfonds
Um seine Straße hör- und sichtbar neu zu denken bedarf es unterschiedlicher Maßnahmen. „Man muss das Quartier erst einmal in seiner Eigenlogik verstehen“, sagt Leila Rudzki, „im Zentrum stehen für mich vier Dinge: Dialog, Kooperation, Offenheit und Freude.“ Wenn Menschen erlebten, dass ihre Ideen ernst genommen würden, entstehe echtes Engagement. Diese Haltung brauche aber Zeit und die Fähigkeit zuzuhören, sowie den Mut, unkonventionelle Wege zu gehen. „Gemeinsam haben wir nicht nur die Stadt gestaltet, sondern auch Vertrauen – und das ist vielleicht die wichtigste Grundlage für nachhaltige Stadtentwicklung, denn die Bürgerinnen und Bürger sind die Experten im Stadtteil.“
Hilfreich war außerdem die finanzielle Unterstützung aus einem städtischen Verfügungsfonds, der speziell kleine, bürgernahe Ideen, die direkt im Quartier wirken, finanziert. „Dank dieser Unterstützung konnten wir in relativ kurzer Zeit viele Menschen aktiv einbinden: Studierende, Nachbarschaft, lokale Geschäftsleute, Ehrenamtliche, Politik und Mitglieder der Verwaltung. Es entstanden neue Netzwerke, Kooperationen und Freundschaften. Daraus sind nun neue Arbeitsgruppen entstanden, die auch heute noch weiterdenken, wie Wichlinghausen in Zukunft aussehen kann, vor allem in Bezug auf ein Verkehrskonzept.“
Live-Musik als kulturelles Highlight auf dem Straßenfest der ‚StraßenOase‘ – © Jenny Hust‚StraßenOase!‘ Auch vielerorts einsetzbar
Das Projekt arbeitet mit einem sogenannten ortsflexiblen Baukastenprinzip und kann auch anderenorts eingesetzt werden. „Das Projekt ist bewusst offen und flexibel angelegt“ erklärt die Wissenschaftlerin, „man muss nur immer bedenken, jeder Stadtteil hat auch eigene Bewohner und Bedürfnisse. ‚StraßenOase!‘ ist jedenfalls kein starres Konzept, sondern eine Sammlung erprobter Werkzeuge, mit denen sich Beteiligung individuell gestalten lässt. Wichtig ist, dass man die Menschen mitnimmt, die Politik einbezieht und das jeweilige Quartier ernst nimmt.“
Jeder Ort habe seine eigene Dynamik, seine Herausforderungen und Träume. In Wichlinghausen sei es in diesem Fall der Wunsch nach Verkehrsberuhigung und mehr Aufenthaltsqualität gewesen. „Entscheidend ist: Die Methode passt sich an – nie umgekehrt. Das Prinzip lautet also: zuhören, anpassen, gemeinsam entwickeln und realisieren.“
Der Einfluss der Zivilgesellschaft
‚StraßenOase!‘ hat Vorbildcharakter für partizipative Stadtgestaltung, denn es schafft aus Rückschlägen etwas Neues und fördert die öffentliche Debatte zu Themen wie Mobilität, Klima und Gemeinwohl. Der Einfluss der Zivilgesellschaft im laufenden Prozess ist entscheidend. „Die Bürgerinnen und Bürger hatten bei StraßenOase! nahezu komplette Entscheidungsfreiheit – und genau das machte den Unterschied. Man kommt in einen total kreativen Prozess, wie Zahnräder, die sich verzahnen, und dann drehen sich alle Teile harmonisch wie ein Uhrwerk“, stellt Leila Rudzki fest.
Sicherlich gab es einen formalen Rahmen, ein finanzielles Limit und rechtliche Vorgaben wie Feuerwehrzufahrten oder Sicherheitskonzepte, aber darüber hinaus wurde alles gemeinsam abgestimmt, diskutiert, gestaltet. „’Der Sinn von Politik ist Freiheit‘, sagte die Philosophin Hannah Arendt. Genau das haben wir gelebt: Freiheit durch gemeinsames Handeln im öffentlichen Raum. Wenn über den Kopf der Menschen geplant wird, entsteht Frustration und Misstrauen. Das belegt auch die seit 85 Jahren laufende Harvard Grant Studie, die sagt, dass das größte Glücksrezept gute Beziehungen sind. Mitentscheiden und sich verbunden fühlen macht dauerhaft glücklich.“
Ende vergangenen Jahres erhielt Leila Rudzki für ihr Engagement als Zweitplatzierte den erstmals verliehenen Third-Mission-Ehrenamtspreis der Bergischen Universität, gesponsert von der Firma Knipex. „Das ist eine wunderbare Anerkennung für unser gemeinsames Projekt, und zeigt was entsteht, wenn Engagement, Forschung und Herzblut zusammentreffen“, sagt die Wissenschaftlerin abschließend, die jetzt erst einmal ihren Fokus auf die Fertigstellung ihrer Doktorarbeit zum geplanten Thema Partizipation als Gestaltungsprinzip legen will.
Uwe Blass
Leila Rudzki – © Friederike von HeydenÜber Leila Rudzki
Leila Rudzki ist seit 2022 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Didaktik der visuellen Kommunikation.
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