30. März 2026

Die beeindruckende Vielfalt repräsentativer Gräber

Deutschland hat eine Friedhofskultur. Am Beispiel des Unterbarmer Friedhofs hat Autor Uwe Blass das spannende Thema in der lehrreichen, beliebten Uni-Reihe "Transfergeschichten" aufgegriffen und sich mit der Kunstgeschichtlerin Dr. Doris Lehmann über die Vielfalt der repräsentativen Grabanlagen unterhalten.

Die Kunstgeschichtlerin Dr. Doris Lehmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Kunstgeschichte an der Bergischen Universität – © Lehmann

Deutschland hat eine Friedhofskultur. Gemeint damit sind die Friedhofsgestaltung, Bestattungspraxis sowie Trauer- und Erinnerungsrituale. Friedhöfe sind heute Abbilder einer pluralistischen Gesellschaft. Mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts veränderte sich die ursprüngliche Friedhofskultur erheblich. Das kann man gut an alten Grabsteinen ablesen, die oft standardisierte Formen hatten, nun aber zunehmend individueller gestaltet wurden. Jeder Grabstein sollte nicht nur die Grundinformationen zum Verstorbenen enthalten, sondern auch dessen Persönlichkeit widerspiegeln. Dabei kamen immer mehr verschiedene Materialien zum Einsatz, obwohl Naturstein und Granit weiterhin beliebt waren. Ein bekanntes Beispiel für historische Grabsteine aus dieser Zeit ist der Père-Lachaise-Friedhof in Paris, auf dem zahlreiche kunstvoll gestaltete Grabmäler aus Granit, Marmor und anderen Natursteinen zu finden sind. Viele dieser Gräber sind mit beeindruckenden Skulpturen und kunstvollen Inschriften verziert. Doch auch Wuppertal bietet dazu auf dem Unterbarmer Friedhof eine Reihe bemerkenswerter Gräber aus der Zeit. Was ist das Besondere an ihnen?

Doris Lehmann: „Der Friedhof Unterbarmen ist ein wunderbares Beispiel für die beeindruckende Vielfalt repräsentativer Gräber. Wer den 1822 eingeweihten Unterbarmer Friedhof besucht, begibt sich auf eine ebenso spannende wie berührende Zeitreise in Wuppertals prächtige Vergangenheit. Insbesondere um 1900 überboten sich hier finanzstarke Auftraggeber mit Grabmalgestaltungen, die teilweise wirklich spektakulär als Monument und in der Umgebung einzigartig sind. Mit dem technischen Know-how der Kölner Dombauhütte und der Offenheit für ein Nebeneinander verschiedenster kreativer Möglichkeiten entstand für die hier ansässigen Industriellen und ihre Familien historische Grabmalkunst, die nicht nur das Selbstverständnis der einzelnen Personen dokumentiert, sondern auch die Wirtschafts-, Sozial- und Stadtgeschichte des damals noch eigenständigen Barmen mit verschiedenen Facetten sichtbar macht. Dass dieses Nebeneinander so unterschiedlicher Vorstellungen noch erhalten und landschaftlich eingebettet erlebbar ist, macht den Unterbarmer Friedhof auch über die heutigen Stadtgrenzen hinaus berühmt. Der Besuch lohnt sich und offenbart einen ganz eigenen Charakter, gerade im Vergleich mit dem Alten Friedhof in Bonn, dem Friedhof Melaten in Köln oder dem Golzheimer Friedhof in Düsseldorf.“

© Bergische Universität

Sprechen wir über einige Beispiele: Das Grab der Eltern von Friedrich Engels ist dort zu finden. Der Grabstein aus Sandstein wurde 2019 aufwändig restauriert. Sandstein ist sehr anfällig, denn er erodiert und ist frostempfindlich, das wissen wir auch vom Kölner Dom. Warum nutzte man ihn trotzdem, und warum ist der Engels-Grabstein ein wichtiges historisches Denkmal?

Doris Lehmann: „Das sind beides sehr spannende Fragen und über die erste könnte man ein Buch schreiben. Wenn wir genauer hinschauen, dann stellen wir zuerst einmal fest, dass seit der Grundsteinlegung 1248 bis heute etwa 50 Steinsorten im Kölner Dom verbaut wurden. Erst im 19. Jahrhundert wurden unterschiedliche Sorten Sandstein als Alternative zum Trachyt des 1828 geschlossenen Steinbruchs am Drachenfels im Kölner Dom verbaut. Der heute bekannte Substanzverlust war damals so nicht vorhersehbar und betrifft ja auch nicht allein Bauteile aus Sandstein. Der Obernkirchener Sandstein, aus dem beispielsweise die Türme und Bodenplatten des Kölner Doms gearbeitet wurden, gilt sogar als sehr verwitterungsbeständig. Letztlich kommt es also auf mehrere Faktoren an: die Qualität hängt zwar einerseits unmittelbar mit den Entstehungsbedingen der Gesteinsschicht zusammen, relevant ist aber auch wie und wofür der Stein verwendet wurde. Je nach Funktion eignen sich unterschiedliche Steinsorten für verschiedene Aufgaben.

Das „Kolumbarium“, das Grabmal von Carl Toelle – © UniService Third Mission

Ein Stein, der für den Innenbereich sehr gut geeignet und dort auch haltbar ist, kann bei ungeeigneter Verbauung im Außenbereich stark verwittern und muss gegebenenfalls ausgetauscht werden. Man muss individuell schauen, was jeweils das Problem ist und stellt dann fest, dass Sandstein nicht gleich Sandstein ist. Auch wenn es unglaublich klingt, aber Quader aus ein und demselben Steinbruch können sich stark voneinander unterscheiden. Und dann macht es eben auch einen Unterschied, welchen äußeren Faktoren wie Positionierung, Witterung, Materialien oder Umweltbelastung dem Stein schaden können. Für Sandstein als Material sprachen im 19. Jahrhundert verschiedene praktische Erwägungen, die auch für die Errichtung eines Grabmals relevant waren: Dazu zählten Verfügbarkeit, Kosten und Transport. Sandstein wurde in der Praxis obendrein als vergleichsweise weiches Material geschätzt, das eine filigrane, also kleinteilige Bearbeitung sehr gut möglich machte. Für Steinmetze und Bildhauer war das eine nicht zu unterschätzende Arbeitserleichterung.

Berücksichtigen wir die Gleichzeitigkeit der Projekte, also die Vollendung des Kölner Doms einerseits und das Grabmal für Friedrich Engels senior andererseits, fällt die gestalterische Nähe ebenso auf wie die örtliche. Das Grabmal der Familie Engels hat die Form einer gotischen Fiale, also eines mit Maßwerk geschmückten Ziertürmchens, dessen Spitze mit einer Kreuzblume abschließt. Damit ähnelt es nicht nur dem Kölner Dom, sondern auch dem 1859 restaurierten Hochkreuz in Bonn-Bad Godesberg, das sogar als mögliches Vorbild diskutiert wurde. Bis zur Erneuerung dieses Wegekreuzes, das 1349–1362 von der Kölner Dombauhütte gefertigt worden war, war es von einem Kreuz bekrönt worden. Die Entscheidung für die Anfertigung des Grabmals im neugotischen Stil zeigt den ausdrücklichen Wunsch des Auftraggebers als christlich wahrgenommen zu werden, was zum Engagement von Friedrich Engels senior für die vereinigte Evangelische Kirchengemeinde passt. Als Denkmal repräsentiert die Grabgestaltung Ideale ihrer Entstehungszeit.“

Das Grab der Familie Kruse – © UniService Third Mission

Es gibt auf dem Unterbarmer Friedhof einen besonderen Weg, den die Wuppertaler auch als ´Millionenallee` bezeichnen. Warum heißt der so?

Doris Lehmann: „Mit der Bezeichnung „Millionenallee“ ist eine prächtige Gräberstraße gemeint, deren Entstehung sicher eine enorme Geldsumme – die sprichwörtliche Million – gekostet haben dürfte. Seit wann die Wuppertaler ihre „Millionenallee“ so genannt haben, weiß ich leider nicht, aber klar ist, dass schon den Mitbürgern der Spätgründerzeit nicht verborgen blieb, dass sich nur reiche Auftraggeber so aufwändige architektonische und skulptural gestaltete Grabanlagen leisten konnten. Und die dichte Ansammlung ist eine zusätzliche Besonderheit, die Bewunderung ebenso hervorgerufen haben dürfte wie vermutlich auch hier und da ein wenig mehr oder weniger liebevollen Spott von denen, die den zur Schau gestellten Reichtum kritisch beäugten. In der Gründerzeit waren Billionäre und selbst Milliardäre noch kein Thema und auch die für Dagobert Duck erfundenen Zahlwörter Fantastillion oder Fantastilliarde gab es als Hinweis auf als unermesslich empfundenen Reichtum noch nicht. Die Bezeichnung „Millionenallee“ kennen bestimmt manche hier in der Umgebung auch aus einem ähnlichen Zusammenhang: Es gibt nämlich auch eine auf dem Melaten Friedhof in Köln, wo ebenfalls kräftig in den Nachruhm investiert wurde.“

Der Düsseldorfer Bildhauer Josef Hammerschmidt (1873–1926) hat 1911 einen bemerkenswerten Grabstein mit ägyptischem Flair auf dieser besagten Millionenallee geschaffen. Eine Sphinx in Unterbarmen ist schon ungewöhnlich, oder?

Doris Lehmann: „Ja, eine Sphinx auf einem Friedhof erscheint ungewöhnlich, wenn die Erwartungshaltung beispielsweise durch die zwischen 1885 und 1920 beliebten Darstellungen von Engeln auf christlichen Gräbern geprägt ist. Ein schönes Beispiel dafür wäre der Galvanoengel auf der Familiengrabstätte Reinhold Maus auf dem Friedhof Cronenberg an der Solinger Straße. Aber das Besondere und Schöne am langen 19. Jahrhundert ist ja aus meiner Sicht gerade die Vielfalt und das Nebeneinander ganz unterschiedlicher Vorstellungen. Und dafür ist die genannte Sphinx, manche würden auch sagen „der Sphinx“, ein in der Tat bemerkenswertes Beispiel. Bei diesem Grabmal versteckt sich das christliche Symbol im kreuzförmigen Grundriss, auf dem das imposante Fabelwesen ruht.

Das Grabmal Sphinx der Familie Riedel-Goschin – © UniService Third Mission

Inhaltlich passt die Sphinx, die Hammerschmidt mit einer trauernden männlichen Figur kombinierte und 1911 fertig stellte, sehr gut zu einer Bestattung: wie ein Wächter trennt die Sphinx die Bereiche von Leben und Tod. Um 1900 waren Sphingen in der Kunst ein wichtiges Thema. Sie gehörten zur rätselhaften Bildwelt des Symbolismus. In der Skulptur des Düsseldorfer Bildhauers wirkt noch die von Napoleons Feldzug ausgelöste Ägyptomanie nach: Diese Begeisterung für das Alte Ägypten führte bekanntermaßen dazu, dass zahlreiche Artefakte nach Europa transportiert wurden. Bis heute ist die 1912 gefundene und im Berliner Museum ausgestellte Büste der Nofretete ein Publikumsmagnet und Gegenstand von Restitutionsdebatten. Und letztere gibt es ja nicht nur um Kunstwerke, sondern auch um die damals zu Sammel- und Ausstellungsobjekten umdeklarierten menschlichen Überreste, die Mumien.

Um auf Hammerschmidts Sphinx und ihre Besonderheiten zurückzukommen, so basiert ihr Entwurf nicht auf einem fantasievollen Eigenentwurf des Künstlers. Diese Sphinx sieht nicht nur aus wie ein altägyptisches Denkmal, sie ist die wiedererkennbare Kopie eines berühmten Bildwerks, das sich seit 1826 im Besitz des Louvre in Paris befindet: Bekannt ist das Original als die Sphinx von Tanis. Das Vorbild aus Rosengranit ist an einigen Stellen beschädigt, was der Düsseldorfer Bildhauer nicht getreu kopierte. Das in Belgisch Granit ausgeführte Grabmal zeigt – wie übrigens andere großformatige Kopien der Sphinx von Tanis – keine Fehlstellen am Ohr, der linken Tatze oder am unteren Teil des Königsbartes. Spannend ist also nicht nur der Transfer der berühmten Sphinx ins heutige Wuppertal und auf einen Friedhof, was viele Fragen aufwirft, sondern auch der Umstand, dass es weitere ältere Kopien desselben Vorbilds gibt: Sechs Kopien aus Beton schmücken heute noch Treppen zur Terrasse im Crystal Palace Park in London, wofür sie 1852 angefertigt wurden. Damals wurde der Kristallpalast nach der ersten Weltausstellung hierhin versetzt. Um das Grabmal für die Textilfabrikantenfamilie Grote weiter einzuordnen, reichen Kenntnisse der Grabmalkunst im Rheinland also nicht aus.“

Ebenfalls in diesem Abschnitt des Friedhofes befindet sich auch Wuppertals einziges erhaltenes Kolumbarium, gestaltet mit lebensgroßen Figuren. Was hat es damit auf sich?

Doris Lehmann: „Es lohnt sich wirklich, dieses architektonische Grabmal genauer anzuschauen. Dann können wir nämlich mit eigenen Augen erkennen, dass hier ein Funktionswandel stattgefunden hat und das Kolumbarium erst nachträglich im Inneren der Grabkammer eingerichtet wurde. Als Kolumbarien bezeichnet werden in Nischen unterteilte Wände, die zur Aufbewahrung von mehreren Urnen dienen. Das Wort „columbarium“ stammt noch von den Römern, die damit ursprünglich das dichte Über- und Untereinander in einem Taubenschlag assoziierten. Die Grabanlage auf dem Friedhof Unterbarmen, die heute ein Kolumbarium beherbergt, wurde im Auftrag des Unternehmers Claus Toelle 1904 als sein Mausoleum errichtet. Diese Bezeichnung stammt ebenfalls aus der Antike und erinnert uns an eines der sieben Weltwunder: eben an den berühmten Grabbau für Maussolos in Halikarnassos, dem heutigen Bodrum.

Das Grab der Familie Engels – © UniService Third Mission

Toelles Grabbau besteht aus einem Grabmonument, das zwei übereinander liegende Räume beinhaltet: das Obergeschoss ist als Raum zur Andacht ausgestattet, darunter liegt eine Gruft als eigentlicher Begräbnisort. Als Mausoleum bewahrt der Grabbau in seinem Inneren immer noch Carl Toelles Urne und sein Porträtrelief. Von außen fällt die Grabanlage durch den monumentalen Figurenschmuck auf, der die Sichtachsen an der Weggabelung dominiert. Die beiden Figuren des Toelle-Grabmals stammen wie die Sphinx von dem Düsseldorfer Bildhauer Josef Hammerschmidt, sie sind aber bereits 1904 und damit etwas früher als das bereits besprochene Grabmal entstanden. Der Künstler selbst nannte das Figurenpaar „Hagen und Volker auf der Wacht“.

Dargestellt sind zwei den Eingang zum ehemaligen Mausoleum hütende Helden der Nibelungen-Sage. Aufrecht steht der mit gezogenem Schwert bewaffnete Hagen von Tronje, unter dem Schutz seines mächtigen Schildes sitzt in tiefe Trauer versunken der Spielmann Volker von Alzey. Dessen Leier ruht ungenutzt auf seinem linken Knie. Der Bildhauer wählte für den verstummten Sänger den Ausdruck höchster Trauer, die als nicht mit künstlerischen Mitteln darstellbar gilt, einen seit der Antike berühmten Kunstgriff. Dieser erlaubt es, im Kunstwerk Emotion und Würde miteinander zu vereinbaren: Der Sänger birgt sein Gesicht und damit seine Mimik in seiner rechten Hand. Der Effekt des verhüllten Gesichts, das zur Projektionsfläche der Gefühle der Betrachtenden wird und diese innerlich bewegen soll, wird in der Kunstgeschichte nach dem legendären Erfinder dieser Bildlösung benannt: Timanthes. Verhüllte oder nicht sichtbare Gesichter von trauernden Figuren finden wir darum oft auf Friedhöfen.“

Die Tradition der künstlerischen Gestaltung von Grabsteinen ist schon sehr alt. Wo liegen denn da die Anfänge?

Doris Lehmann: „Erste figürliche Reliefs finden sich schon als Beispiele in der Vor- und Frühgeschichte. Grabstelen, die Verstorbene im Kreise der Familie zeigen, kennen wir aus der griechischen Antike und von römischen Gräberstraßen. Aber die künstlerische Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten ging ja schon im Altertum über Grabsteine hinaus und schloss Architekturen, Sarkophage und plastische Grabfiguren, wie die bekannten archaischen Kuroi und Koren, ein. Im Mittelalter gab es nicht nur auf Kirchhöfen oder an Kirchenwänden und -pfeilern Grabsteine, häufiger waren damals noch die in den Boden von Kirchen eingelassenen, teilweise mit Figuren geschmückten Grabplatten oder die plastischere Variante einer Tumba (sarkophagähnliches Grabmal, dessen Deckplatte meist mit einem in Stein gehauenen Bildnis des Beigesetzten geschmückt ist, Anm. d. Red.) mit Liegefigur. Erst im 18. Jahrhundert setzte sich der aufrechtstehende Grabstein durch.“

Antike Darstellungen finden sich auch auf dem Unterbarmer Friedhof. Wo kommen die denn in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf einmal wieder her?

Doris Lehmann: Hier zeigt sich einmal mehr, dass im Nebeneinander des Historismus jahrzehntelang wieder aufgegriffen werden konnte, was Künstlern und Auftraggebern gefiel. „Antikisch“ oder „pseudoantik“ trifft es in diesem Fall allerdings besser als „antik“, denn mit einem antiken Grabrelief würde die Darstellung der Familie Albert Villbrandt beispielsweise sicher nicht verwechselt werden. Zwar ist die Kleidung antikisierend wie auch beim älteren Niebuhr-Grabmal auf dem Alten Bonner Friedhof. Dort verweist der historisierende Rückgriff auf die Würdigung von Barthold Georg Niebuhr als Altertumsforscher. Im Gegensatz dazu steht beim Villbrandt-Grabmal die Kombination von langärmeliger Tunika, Manteltuch und bloßen Füßen im offenen Gegensatz zu der modischen Barttracht des Verstorbenen, der im Zentrum des Reliefs steht. Speziell der markant als gezwirbelt herausgearbeitete Oberlippenbart, der heute wieder Fans hat, findet sicher kein Vergleichswerk in der Antike. In Mode kam diese Barttracht nämlich erst Ende des 19. Jahrhunderts. Der Anachronismus war gewollt, angestrebt war ein Spagat zwischen Wiedererkennbarkeit und überzeitlichen Würdeformeln. Die Entscheidung gegen zeitgenössische Kleidung hat im Fall Villbrandts ihren besonderen Reiz: Das Gedenken hier gilt nämlich dem erfolgreichen Produzenten von Hosenträgerbändern.“

Bodenplatte des Grab es der Familie Benrath – © UniServce Third Mission

Auch komplette, kunstvoll aus Bronze gefertigte Bodenplatten finden sich auf dem Friedhof. Ein Grabstein kann also nicht nur vertikal sondern auch horizontal gestaltet werden?

Doris Lehmann: „Ja, es ist möglich den Grabschmuck seiner Umgebung horizontal oder vertikal anzupassen und auch den Umraum auf verschiedene Weise zu nutzen. Unter einer Bodenplatte auf einem Friedhof kann sich mehr als ein Grab verbergen, möglicherweise liegt dort der Zugang zu einer unterirdischen und begehbaren Gruft. Die wenigsten sehen vermutlich so aus wie in einem Dracula-Film. Tatsächlich gab es nach 1900 Überlegungen die Friedhofskultur in Deutschland zu modernisieren. Der Architekt August Thiersch entwickelte eine entsprechende Idee ab 1907 für München, inspiriert war diese von römischen Katakombenanlagen. Thiersch plädierte für unterirdisch gelegene Grabkammern für ein bis 36 Särge. Die Individual- und Sammelgrüfte sollten von einem schön gestalteten Park mit Tempelstadt und feierlichen Eingängen aus zugänglich sein. Sein Vorschlag bezog elektrische Beleuchtung, Metalltüren und Fenster ein. Die 1913 überregional bekannt gewordene Planung ging indes als gescheiterte Friedhofsutopie in die Kunstgeschichte ein, weil sie zwar öffentlich gelobt, aber nicht realisiert wurde. Was wir für gewöhnlich auf einem Friedhof wie in Unterbarmen sehen ist die Ausdehnung einer Anlage in die Höhe, nicht aber die in die Tiefe.“

Wie monumental ein Grab gestaltet werden kann, sieht man auch am Beispiel der Familie Kruse. Da steht eine lebensgroße Frauenfigur mit einer Urne in der Hand vor einer schmiedeeisernen Pforte, umspannt von einem riesigen Torbogen. Das sind ja schon richtige Dioramen, die auch eine Geschichte erzählen, oder?

Doris Lehmann: Ja, und es gibt auch noch weiter in die Breite entwickelte Darstellungen mit mehreren Figuren wie das Grabmal „Mutter Erde“, das Simatscheck 1912 für die Familie Dernen – von Wittgenstein schuf und das auf dem Burgfriedhof in Bad Godesberg zu sehen ist. Hier jedoch sehen wir symbolisch mit der einzelnen Figur einen Moment des Übergangs, des Abschieds und der verewigten Trauer. Vor uns steht eine Trauernde mit einer Ascheurne an der Schwelle zwischen Leben und Tod, die wir auch schon am Beispiel der Sphinx angesprochen hatten und die ja auch die Wächter am Eingang zum Mausoleum schützen. Was einige als Pforte zur Ewigkeit betiteln ist hier als riesiges Portal mit dahinter liegender Leerstelle inszeniert.

Historismus und Antike – © UniService Third Mission

Da das Tor hinter der schmiedeeisernen Tür aus der Sicht von uns Lebenden ins Nichts zu führen scheint, womit symbolisch das Jenseits gemeint ist, wirkt das Grabmal wie aus Ort und Zeit gerückt. Die Szene spielt also in einer eigenen Sphäre. Dafür ist es auch unerheblich, ob es sich wirklich auf eine Urnenbestattung oder eine Sargbestattung bezieht. Entrückt sehen wir eine junge Frau im antikischen Gewand, was noch einmal klar machen soll, dass Zeit für die Verstorbenen und zudem für das, was wir sehen, keine Bedeutung mehr hat. Die Bronzefigur ist einerseits schreitend und andererseits statisch, wie eingefroren, auf den Stufen einer Treppe gezeigt, ihre rechte Hand liegt auf der Türklinke. Schon geht das Kopfkino los: Woher kommt Sie? Wohin geht sie? Das lädt zum Verweilen und Nachdenken über den Tod ein. Der Anblick von trauernden Figuren richtet sich also nicht allein an die Hinterbliebenen. Als Thema der Kunst wurde schon im 15. Jahrhundert darüber geschrieben. 

So hat der Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti den Kunstschaffenden erklärt, dass wir mit Traurigen trauern und dass entsprechende Darstellungen die Betrachtenden zum Mitfühlen bewegen. Der Anblick trauernder Friedhofsfiguren kann als Trost spendend empfunden werden und die Gefühle der Hinterbliebenen positiver stimmen, weil sie dann einen Tod möglicherweise besser verarbeiten oder es ihnen gelingt damit verbundene Schmerzen zu überwinden. Damit haben trauernde Grabmalfiguren nicht nur eine besondere Bedeutung für ihre Auftraggeber, sondern nach wie vor eine sehr wichtige gesellschaftliche Funktion für alle, die sie ansehen.“

Grabsteine, früher auch Leichensteine genannt, wurden seit jeher künstlerisch bearbeitet. Sind sie deshalb heute auch Kunstwerke im öffentlichen Raum?

Doris Lehmann: „Nekropolen oder Gräberfelder, also Bestattungsorte, waren schon lange bevor Friedhöfe wie der Unterbarmer Friedhof entstanden, viel besuchte Orte und außerhalb der Wohnbereiche präsent. Das gilt auch für Bestattungen in Kirchen und auf Kirchhöfen: Gräber und Gruften gehörten dazu. Seit Jahrhunderten gestalten Menschen Gräber zu Erinnerungsorten um. Der Wunsch, dem Vergessen entgegenzuwirken und langanhaltende oder sogar dauerhafte Aufmerksamkeit zu schaffen und Wertschätzung zu hinterlassen, ist ein mächtiger Antrieb. Seit es Legenden zur Entstehung der ersten Kunstwerke gibt, sind sie mit dem Gedanken verbunden, Erinnerungen an geliebte Menschen zu bewahren und anschaulich zu machen. Tod und Leben gehören seit jeher zusammen und eine Trennung gab es letztlich nie. Man mag das vorübergehend verdrängen, so wie den eigenen Tod, aber letztlich ist es wie mit den wunderbaren Illustrationen von Wolf Erlbruch in Ente, Tod und Tulpe. Der Tod ist da, ob wir ihn sehen oder nicht. Und so ist es mit der Kunst um uns herum auch.“

Das Interesse an der Geschichte dieser Grabanlagen ist groß, regelmäßig werden in Wuppertal auch Führungen angeboten. Welche Steingestaltung spricht sie persönlich am meisten an?

Doris Lehmann: „Wegen meiner persönlichen Beziehung zum Kölner Dom mag ich die Fialen im Stil der Gotik, mit den Details wie Maßwerk und Krabben. Auch fasziniert es mich, wenn es Bildhauern gelingt, Stein weich oder leicht erscheinen zu lassen. Aber wenn ich auf einen Friedhof gehe, dann freue ich mich immer über die beeindruckende Vielfalt und die Unterschiede.“

Uwe Blass

Dr. Doris Lehmann

Über Doris Lehmann

Dr. Doris H. Lehmann ist gelernte Fotografin und studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Provinzialrömische Archäologie und Lateinische Philologie an der Universität zu Köln und wurde 2005 ebenda promoviert. 2018 habilitierte sie sich an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit einer Arbeit zu den Streitstrategien bildender Künstler in der Neuzeit und ist seitdem Privatdozentin. Seit Oktober 2018 lehrt sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunstgeschichte an der Bergischen Universität.

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