23. März 2026Peter Pionke
Der Erfolg der Freien Wohlfahrtspflege wird sichtbar
Dr. Markus Doumet, akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Finanzwirtschaft und Corporate Governance der Bergischen Universität – © Sylvie DoumetDaher war die Anfrage der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege eine besondere Herausforderung, die dann auch zu einem neuen Projekt führte, denn „als wir uns als Institut damit beschäftigt haben, was die Freie Wohlfahrtspflege eigentlich macht, wurde uns schnell bewusst, dass das, was wir sonst hier so bearbeiten, dort nicht funktioniert“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. „Es sind ja keine klassisch, privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen, die primär in einer Gewinnerzielungsabsicht handeln. Deshalb brauchten wir hier einen anderen analytischen Zugang.“ Mit sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege im Bergischen Städtedreieck (AWO, Caritas, Der Paritätische, Deutsches Rote Kreuz, Diakonie, Wohlfahrtsverband der jüdischen Kultusgemeinde) startete so das Projekt mit dem Titel ‚Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege im Bergischen Städtedreieck‘.
Freigemeinnützige Trägerschaften leisten Mehrwert für Gesellschaft
Alle untersuchten Einrichtungen und Träger des Projektes sind gemeinnützig und dem Gemeinwohl verpflichtet. „Sie erzielen keine Gewinne, sondern sie leisten einen Mehrwert für die Gesellschaft. Sie decken gesellschaftliche Bedarfe im sozialen Bereich“ erklärt Doumet. Daher könne man den Erfolg der Freien Wohlfahrtspflege auch nicht an betriebswirtschaftlichen Kennzahlen messen, da die erbrachten Leistungen und deren Wirkungen nicht im Unternehmen sichtbar würden, sondern sich in der Gesellschaft zeigten.
© Bergische UniversitätSonderstellung der Freien Wohlfahrtspflege durch Subsidiaritätsprinzip
Das Prinzip der Subsidiarität (Subsidiarität ist ein Prinzip, das besagt, dass eine übergeordnete Einheit nur dann eingreifen soll, wenn eine untergeordnete Einheit eine Aufgabe nicht selbstständig erfüllen kann, Anm. d. Red.) räumt der Freien Wohlfahrtspflege bei der Erfüllung sozialstaatlicher Aufgaben eine Sonderstellung ein. Dazu Doumet: „Das Subsidiaritätsprinzip an sich ist ein Grundprinzip, was wir in einem föderalen Staat haben, und das ist auch besonders sinnvoll. Es geht darum, für ein lokales Bedürfnis oder Problem eine kommunale Lösung zu finden. Und das ist erst einmal vorteilhaft, weil es die Eigenverantwortlichkeit der Bürger fördert. Es führt dazu, dass man bedarfsgerecht für das konkrete Problem vor Ort eine zugeschnittene Lösung findet.“ Konflikte könnten nur entstehen, wenn die Ziele auf Bundes- und Landesebene variierten. Dafür habe aber der Gesetzgeber die Möglichkeit, Bundes- oder Landesgesetze zu erlassen.
Die Freie Wohlfahrtspflege genießt auch den Vorrang bei der Vergabe von Leistungen, ein weiterer Punkt des Subsidiaritätsprinzips. Bei der Frage, ob eine Kommune eine Leistung bei einem privatwirtschaftlichen Träger oder bei der Freien Wohlfahrtspflege in Auftrag gibt, sei es historisch gewachsen, sowie politisch auch gewollt, dass der Staat vorrangig auf eine freigemeinnützige Trägerschaft zurückgreife. „Das bedeutet aber nicht, dass die Freie Wohlfahrtspflege machen kann, was sie will, sondern es gibt einen gesetzlichen Rahmen, in dem sie agiert. Zudem werden auch nicht alle Kosten immer übernommen.“ Doumet macht es am Beispiel einer Kita deutlich. „Bei der Kita orientiert sich das an der Anzahl der Kinder, an dem Alter der Kinder und dem Betreuungsumfang. Und die Kommunalen- und Landesmittel, die da reingehen, sind ganz klar beschränkt. Die Freie Wohlfahrtspflege kann gar nicht anders, als auch nach ökonomischen Grundsätzen zu arbeiten, weil sie sonst ihre Kosten nicht decken könnte.“ Zudem versuche man in den letzten 10 Jahren, verstärkt durch geänderte Gesetzgebungen, Wettbewerb zwischen den freien Trägern untereinander sowie privatwirtschaftlichen Trägern, wo es möglich ist, zu forcieren.
Ehrenamtliches Engagement lässt nach
Zwei wesentliche Aufgaben der Freien Wohlfahrtspflege betreffen die Vertretung von Interessen sozial benachteiligter Gruppen sowie die Mobilisierung des ehrenamtlichen Engagements. Während die erste Gruppe wächst, schrumpft das Engagement der zweiten Gruppe, vor allem bei traditionellen Vereinen. „Das ist erst einmal grundsätzlich richtig, dass das ehrenamtliche Engagement auf Vereinsebene rückläufig ist“ bestätigt der Wissenschaftler und sagt: „Die Art des ehrenamtlichen Engagements hat sich verändert. Es gibt weniger langfristiges Engagement in Vereinen, vor allem junge Leute engagieren sich eher kurzfristig, projektbezogen.“ Das sei wiederum eine Herausforderung für die Freie Wohlfahrtspflege, weil sie natürlich auch traditionell eher auf langfristig gebundene ehrenamtliche Tätigkeiten angewiesen sei. „Sie müssen sich also ein Stück weit neu erfinden, sich auf diese neue Engagementform einstellen und versuchen, andere, neue Angebote zu entwickeln, insbesondere für junge Menschen.“
Die wirtschaftliche Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege
Die Freie Wohlfahrtspflege ist einer der größten Arbeitgeber und somit ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der Region, und doch ist die Wahrnehmung in der öffentlichen Diskussion gering. „Wir hatten bei Projektbeginn noch keine Vorstellung von der Größenordnung“, stellt Doumet fest, „aber tatsächlich ist es so, wenn man sich diesen Bereich sozialer Dienstleistungen anschaut, losgelöst vom Ehrenamt, wirklich die harten, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse anschaut, sind das 10%, die auf diesen Bereich der sozialen Dienstleistungen entfallen. Ein Großteil eben auch auf die Freie Wohlfahrtspflege. Wenn dieser zentrale Bereich wegfallen würde, wäre jeder 10. Erwerbstätige arbeitslos.“
Jeder in die Freie Wohlfahrtspflege investierte Euro fließt vielfach zurück
Jeder investierte Euro in die Tätigkeit der Freien Wohlfahrtspflege durch direkte und indirekte gesellschaftliche Effekte, fließt vielfach zurück. Am Beispiel der Kindertagesstätten kann man diese soziale Wirkungsmessung nachvollziehen. „Wenn man eine Kita nimmt, kann man relativ einfach die Kosten errechnen, denn eine Kita muss nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen arbeiten und auch die Finanzierung lässt sich relativ einfach abbilden, weil es da hauptsächlich Landes- und Kommunalmittel sind. Es kommen dann noch Eigenmittel dazu, aber auch das kann man alles ermitteln.“ Um den Nutzen zu erfassen, führten die Projektverantwortlichen Interviews mit Erziehern, der Kitaleitung, mit den Eltern der Kinder und auch weiteren Angehörigen durch, um zu verstehen, was es für die einzelnen Akteure bedeutet, wenn ein Kind einen Kitaplatz hat.
Das Logo des Bundesverbandes „Freie Wohlfahrtspflege des Landes Nordrhein-Westfalen“ – © Lars 70, CC BY-SA 4.0Das Ergebnis: Ein finanzieller Wirtschaftskreislauf, den Doumet so erklärt: „Es gibt drei wesentliche Effekte. Einmal die Beschäftigung der Kitamitarbeiter: das sind sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Das Geld, was also in die Kita hereinfließt und über Löhne und Gehälter an die Kitamitarbeitenden wandert, geht dadurch wieder zurück in den Wirtschaftskreislauf und zum Teil auch wieder zurück in den öffentlichen Haushalt. Da der Großteil der Mitarbeitenden auch im Bergischen Städtedreieck und in den angrenzenden Gemeinden lebt, bleibt das Geld auch vor Ort. Dann haben wir die Eltern. In dem Moment, wo ein Kind in die Kita geht, haben Eltern mehr Zeit und können auch einem Beschäftigungsverhältnis, oder einem Beschäftigungsverhältnis in einem höheren Umfang, nachgehen.“
Die Wissenschaftler haben auch die Folgen untersucht, die auftreten würden, wenn ein Kind nicht in die Kita kommen kann. „Das würde bei Haushalten mit zwei Elternteilen bedeuten, dass derjenige mit dem geringer bezahlten Job diesen noch mehr reduzieren oder gar aufgeben muss. Da würde also Einkommen wegfallen und zwar nicht nur unmittelbar, sondern vielleicht auch langfristig.“ Noch schlimmer sei es bei Alleinerziehenden, die vielleicht nicht einmal Großeltern in der Nähe haben, die seien dann auf einmal auf die sozialen Sicherungssysteme angewiesen, und das belaste den öffentlichen Haushalt zusätzlich.
Und dann gebe es noch einen entscheidenden Effekt bei den Kindern selbst: „Im Bergischen Städtedreieck haben wir natürlich einen sehr hohen Anteil an Kindern, wo Deutsch zu Hause keine Muttersprache ist. Das bedeutet, gerade für diese Kinder ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache, wo sie mit Gleichaltrigen sprechen, ganz wichtig, und es hilft ihnen später im schulischen Kontext, und zwar völlig losgelöst vom pädagogischen Kitakonzept. Wenn man sich anschaut, wie sich allein nur dieser Effekt auf die Bildungschancen im Grundschulalter und nachgelagert in der weiterführenden Schule auswirkt, ist das immens. Das sind frühkindliche Bildungseffekte, die wirken nicht unmittelbar, aber sehr lang und sehr stark, und das hat natürlich auch Folgen für den Eintritt ins Berufsleben und das gesamte spätere Arbeitseinkommen.“
Das alles lässt sich schwer in Zahlen fassen und doch haben die Wissenschaftler versucht, mit einem Model zu arbeiten, welches den Kosten-Nutzen-Effekt zumindest erahnen lässt. „Dann sind wir wieder in dem Bereich, den wir bearbeiten, nämlich der Finanzwirtschaft. Ein Euro, der in 20 Jahren entsteht, hat einen anderen Wert, als der Euro, der einen unmittelbaren Wert hat. Und wenn man das dann macht und es den unmittelbaren Kosten gegenüberstellt, ist man bei 4,60 bis 6,60 Euro Nutzen, gegenüber 1 Euro Kosten in die Kitas.“
Die gesellschaftliche Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege
Das Projekt übersetzt über traditionelle, oft rein kostenbasierte Bewertungen hinaus die gesellschaftliche Wirkung sozialer Arbeit in nachvollziehbare Kennzahlen. Die Freie Wohlfahrtspflege bildet damit einen unverzichtbaren Bestandteil der sozialen Infrastruktur im Bergischen Städtedreieck. Die Bedeutung des sozialen und auch wirtschaftlichen Engagements der Freien Wohlfahrtspflege liege in der Rolle als Arbeitgeber und Auftraggeber, betont Doumet. „Sie ist auch ein großer ökonomischer Player. Wir haben immer wieder gerade bei der Finanzierung der Freien Wohlfahrtspflege das Thema der Kosten. Im öffentlichen Haushalt werden immer nur die Kosten gesehen, und was wir versucht haben, ist eine Methode zu etablieren, mit der man zeigen kann, was denn die gesellschaftlichen und auch die Kosten im öffentlichen Haushalt sind, bei Einstellung oder Unterlassung einer Maßnahme.“ Um gesellschaftliche Folgekosten zu vermeiden, müsse man sich in der öffentlichen Diskussion immer fragen, ob eine kurzfristige Einsparung im öffentlichen Haushalt nicht zukünftig zu wesentlich höheren gesellschaftlichen Kosten führen könnte und das sei der Vorteil dieser Projektmaßnahme, weil man sich die Dimension langfristig anschaue.
Uwe Blass
Dr. Markus Doumet – © Sylvie DoumetÜber Dr. Markus Doumet
Dr. Markus Doumet ist akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Finanzwirtschaft und Corporate Governance an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Bergischen Universität, der Schumpeter School of Business and Economics.
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