23. März 2026Peter Pionke
Das große Abschiedsgeschenk von Patrick Hahn
Dirigent Patrick Hahn mit der Koloratursopranistin Juliane Zara, die den Part der Woglinde sang – © Yannick DietrichDer Beifall für das hervorragende Ensemble, das brillante städtische Sinfonieorchester Wuppertal, den charismatischen Österreicher Patrick Hahn, die phantastische Lichtregie von Pascal Schüller und die geschickte Personenführung durch Fabio Rickenmann im beeindruckenden Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal wollte nicht enden. Es war in der Tat ein einmaliges Konzertprojekt, das Text, Musik und Regie zu einem Gesamtkunstwerk verband. Die vielgerühmte Akustik der Halle, das spektakuläre Raumgefühl unter seiner 17 Meter hohen Decke, mit seinen Ausschmückungen und Galerien begeisterte einmal mehr.
Das kulturelle Gedächtnis Deutschlands
Doch wie lässt sich der große Zuspruch auch im 21. Jahrhundert noch erklären? Es ist das kulturelle Gedächtnis Deutschlands, einer Achterbahn durch die dunklen und hellen Kapitel. Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ (Uraufführung des kompletten Zyklus 1876) ist ein kulturelles Monument, ein psychologisches Mammutprojekt, in dem historisch betrachtet die deutsche Identität von einer heroischen Selbstüberschätzung bis hin zum totalen Untergang alles darin steckt. Gesehen wird darin auch die Sehnsucht nach Helden, aber auch die historischen Abgründe. Der „Ring“ ist letztlich das Porträt einer Gesellschaft, die an ihren eigenen Regeln und ihrer Gier zerbricht.
Dabei wollte Wagner mit dem „Ring“ wohl zunächst nichts Geringeres als eine neue Form der Kunst erschaffen. Und zwar in einer Zeit, in der Deutschland als Nationalstaat noch in den Kinderschuhen steckte. Wagner aber hat auch die Musikgeschichte revolutioniert. Ohne seine Innovation gäbe es heute keinen Soundtrack von „Star Wars“ oder „Der Herr der Ringe“.
Beeindruckende Atmosphäre in der Historischen Stadthalle bei Richards Wagner „Götterdämmerung“ – © Yannick DietrichWagner hat die Musikgeschichte revolutioniert
Die Handlung in Kürze: Zu Beginn raubt der Nibelung Alberich (Johann Goltz) dem Rhein das Rheingold, das die Macht hat, alles zu beherrschen und schmiedet daraus einen Ring. Dafür zahlt er einen hohen Preis: Er muss fortan der Liebe entsagen. Göttervater Wotan hat sich von den Riesen Fafner und Fasolt eine Burg bauen lassen und ihnen als Bezahlung die Göttin Freia versprochen. Doch Wotan überlegt es sich dann anders und will die Riesen mit Alberichs Ring entlohnen. Wotan raubt Alberich den Ring, worauf dieser den Ring verflucht. Der Fluch zeigt Wirkung: Fafner erschlägt seinen Bruder und zieht mit dem Ring davon.
Jahre später kommt Siegfried (Benjamin Bruns) ins Spiel, der nicht weiß dass er zu Wotans Plan gehört, die Welt vom Fluch des Ringes zu erlösen. Er nimmt den Ring nach einem Kampf an sich, verliebt sich in Brünnhilde (Catherine Foster) und überlässt ihr den Ring als Liebespfand. Siegfried wird ein Zaubertrank eingeflößt, worauf dieser Brünnhilde vergisst und sich in Gutrune (Sofia Fomina) verliebt. Siegfried nimmt Brünnhilde den Ring wieder ab, worauf diese Hagen (Ain Anger) aus Rache Siegfrieds verwundbare Stelle verrät.
Brünnhilde lässt einen Scheiterhaufen für Siegfried errichten, ehe sie ihren grässlichsten Verrat erkennt, dass Siegfried schuldlos war und tötet Hagen. Siegfried, sieht in seiner letzten Stunde wieder klar und weiss um seine Liebe zu Brünnhilde. Brünnhilde stürzt sich zu ihrem Geliebten in das Feuer. Walhall („Die Halle des Erschlagenen“) geht in Flammen auf, die Rheintöchter ziehen Hagen in die Tiefe und erlangen den Ring zurück. Darauf tritt der Rhein über seine Ufer und die Rheintöchter holen sich zurück, was ihnen gehört: Den Ring.
Ain Anger als „Hagen“ (M.), Bariton Joachim Goltz (r.) als „Alberich“. Links Dirigent und Generalmusikdirektor Patrick Hahn – © Yannick DietrichText, Musik und Regie als Gesamtkunstwerk
Die Wuppertaler „Götterdämmerung“ zeigte den ältesten Kern des ganzen „Ringes“ nach dem Stoff der Nibelungensage, die ursprünglich als „Siegfrieds Tod“ konzipiert war. Große Chorszenen, Terzette der Verschwörungen, feierliche Schwüre, einen Trauermarsch sowie ein monumentales Schlussbild begeisterten.
Mit Patrick Hahn nimmt der wohl interessanteste Dirigent und Komponist seiner Generation Abschied von Wuppertal. Er wurde am 17. Juli 1995 in Graz geboren und begann seine musikalische Karriere als Knabensolist bei den Grazer Kapellknaben. Mit 26 wurde er jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands bei den Wuppertaler Bühnen und dem Wuppertaler Sinfonieorchester, das er seitdem geformt hat. Man darf sicher sein, dass von ihm auch in Zukunft noch einiges zu hören sein wird.
Text: Siegfried Jähne
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