10. März 2026Peter Pionke
Siegfried Lenz: Die Konflikte moderner Gesellschaften
Der berühmte Autor Siegfried Lenz:, der am 17. März 100 Jahre alt würde – © Bundesarchiv, B 145 Bild-F030757-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA 3.0Siegfried Lenz gehört heute zum Pflichtprogramm in den Schulen. Warum?
Sabrina Huber: „Siegfried Lenz gehört zum schulischen Kanon, weil seine Texte exemplarisch zeigen, wie Literatur politische Erfahrungen erzählt. Diese Texte machen grundlegende Konflikte moderner Gesellschaften sichtbar. Besonders ein Roman wie „Deutschstunde“, der ja bis heute „das“ Lenz-Buch ist, verhandeln zentrale Fragen der Nachkriegsgesellschaft: individuelle Verantwortung, Gehorsam, Schuld und die Schwierigkeit, sich in autoritären Strukturen zu positionieren. Diese Konflikte sind nicht bloß historisch situiert, sondern zugleich strukturell: Sie betreffen das Verhältnis von Individuum und Macht, von Gewissen und Gesetz. Darin sind sie aktuell. Für den Unterricht ist das zentral, weil Literatur nicht nur Geschichte illustriert, sondern politische Erfahrung modelliert. Sie hält ein Nachdenken bereit, wie und warum Menschen handeln, wenn sie in politische Ordnungen eingebunden sind.
Lenz’ Texte eröffnen einen Raum, in dem solche Konflikte ohne moralische Vereinfachung diskutierbar werden. Sie zwingen zur Perspektivübernahme und fragen, wo und wie Handlungsspielräume entstehen oder versperrt werden, und auch, dass demokratische Selbstverständigung keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Dass Lenz bis heute gelesen wird, hängt also, glaube ich, mit der Aktualität dieser Fragen zusammen. Seine Texte sind Teil eines literarischen Diskurses, in dem sich die (junge) Bundesrepublik über Verantwortung und ihre Identität verständigt hat. Und genau deshalb behalten sie auch für spätere Generationen Bedeutung. Wenn Jugendliche heute Deutschstunde lesen, üben sie, zwischen Regeln und Gewissen eine eigene Haltung zu finden: Das ist eine zentrale demokratische Kompetenz.“
© Bergische UniversitätDie Kritiker sprechen häufig von einer besonderen Erzählweise, die Lenz kreiert hat. Was war daran so besonders?
Sabrina Huber: „Wenn von einer besonderen Erzählweise bei Lenz die Rede ist, meint das weniger eine formale Avantgarde als eine veränderte Haltung des Erzählens. Seine Prosa ist nüchtern, sprachlich zurückgenommen und konzentriert sich auf moralische Konfliktsituationen. Statt Pathos oder ideologischer Zuspitzung entwirft er Szenarien, in denen Figuren unter politischen und gesellschaftlichen Bedingungen Entscheidungen treffen müssen. Besonders war daran vor allem die Verbindung von erzählerischer Klarheit und ethischer Komplexität. Lenz verzichtet auf eindeutige Wertungen und zwingt uns Lesende, uns selbst zu positionieren. Literatur wird so zu einem Raum, in dem politische und moralische Fragen nicht behauptet, sondern in Handlungskonstellationen durchgespielt werden. Er erzählt, als würde er einen moralischen Versuch machen: Die Figuren stehen im Raum, und wir müssen entscheiden, was wir davon halten.“
Sein Verhalten im Zweiten Weltkrieg wurde später oft diskutiert. Warum?
Sabrina Huber: „Siegfried Lenz gehörte der Generation an, die als junge Männer in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Er diente in der Kriegsmarine und desertierte kurz vor Kriegsende. Wie bei vielen Schriftstellern der Nachkriegsgeneration wurde später die Frage gestellt, wie sie persönlich in das nationalsozialistische System eingebunden waren und wie sie ihre Erfahrungen literarisch verarbeitet haben. Die Diskussion betrifft daher weniger einen singulären Skandal als eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit biographischer Verstrickung und individueller Verantwortung. Gerade, weil Lenz in seinen Texten Fragen von Pflicht, Gehorsam und Gewissen verhandelt, wurde auch sein eigener Lebensweg im historischen Kontext betrachtet.“
Nach dem Krieg hat er erst einmal studiert, arbeitete dann aber ohne Abschluss ein paar Jahre bei der Tageszeitung „Die Welt“ bevor er sich entschied, freiberuflicher Schriftsteller zu werden. Das war sehr mutig so kurz nach dem Krieg, oder?
Sabrina Huber: „In der jungen Bundesrepublik war eine freiberufliche Schriftstellerexistenz keineswegs selbstverständlich abgesichert. Das ist sie heute aber auch nicht. Lenz hatte nach dem Krieg ein Studium begonnen und als Redakteur gearbeitet, also zunächst einen relativ stabilen beruflichen Weg eingeschlagen. Die Entscheidung, sich ganz dem literarischen Schreiben zu widmen, bedeutete deshalb durchaus ein berufliches Risiko. Gleichzeitig war sie Teil einer größeren Entwicklung: In den 1950er Jahren entstand ein neues literarisches Feld, in dem Autorinnen und Autoren versuchten, sich als unabhängige Stimmen der zu etablieren. So etwas wie eine neue literarische Öffentlichkeit formierte sich. Autorinnen und Autoren verstanden sich nicht nur als Erzählerinnen und Erzähler, sondern als Akteurinnen und Akteure im öffentlichen Diskurs einer sich demokratisch neu konstituierenden Gesellschaft. Lenz’ Schritt in die freie Schriftstellerei war daher auch eine Entscheidung für Literatur als eigenständige Form öffentlicher Intervention – nicht im parteipolitischen Sinn, sondern als Beitrag zur Aushandlung darüber, was uns als Gesellschaft ausmacht.“
Die Germanistin Dr. Sabrina Huber – © Ralf SchultheißLenz war regelmäßiger Gast des Literatentreffens Gruppe 47. Welche Bedeutung hatte diese Gruppe in der deutschen Nachkriegsliteratur?
Sabrina Huber: „Die Gruppe 47 war in den 1950er und 1960er Jahren „das“ zentrale Forum der westdeutschen Literatur. Hier wurden unveröffentlichte Texte gelesen, diskutiert, und über Literatur und Gesellschaft ge- und bestritten. Anerkennung entstand nicht durch institutionelle Autorität, sondern durch kritische Auseinandersetzung im Kreis der Autorinnen und Autoren. Viele prägende Stimmen der Nachkriegsliteratur – neben Lenz etwa Heinrich Böll, Günther Grass, aber auch die Autorinnen der Gruppe Ingeborg Bachmann natürlich, die übrigens dieses Jahr auch ihren 100. Geburtstag feiert, Ilse Aichinger bis zu Ingrid Bachér, die ich im November hier an der BUW zu Gast für eine Lesung hatte, – setzten in dieser Gruppe neue literarische Maßstäbe, dachten über die Sprache nach. Wie war denn nach allem überhaupt noch zu sprechen? Ihre Bedeutung lag weniger in einem gemeinsamen ästhetischen Programm als in der Funktion als literarische Öffentlichkeit. In einer Gesellschaft, die sich politisch und kulturell neu ordnete, bot die Gruppe einen Raum, in dem Sprache, Verantwortung und Gegenwartsdeutung verhandelt wurden. Sie trug wesentlich dazu bei, dass Literatur in der Bundesrepublik als ernstzunehmende Instanz öffentlicher Selbstverständigung wahrgenommen wurde.“
Mit 82 Jahren schrieb Siegfried Lenz seine erste Liebesgeschichte. Mit rund 360.000 verkauften Exemplaren war die Novelle „Schweigeminute“ der Überraschungserfolg des Jahres 2008. Die „Zeit“ schrieb: „Selten las man etwas so Keusches, etwas so Erotisches.“ Was fasziniert den Leserinnen und Leser so sehr an Lenz‘ Sprache?
Sabrina Huber: „Was Leserinnen und Leser an Lenz’ Sprache faszinieren kann, ist die Verbindung aus äußerster Zurückhaltung und körperlicher Intensität. Die entscheidenden Momente werden nicht ausgestellt, oder gar ausgeschmückt, sondern fast beiläufig erzählt. Da gibt es keinen Kitsch, keine abgedroschene Liebessprache. Wenn der Ich-Erzähler Christian in „Schweigeminute“ etwa sagt: „Ich spürte ihren Atem, den leicht beschleunigten Atem, ich spürte die Berührung ihrer Brust, ich küsste sie noch einmal, und jetzt löste sie sich aus meiner Umarmung und bewegte sich ohne ein Wort zum Bett“, dann ist das weder ausschweifend noch metaphorisch überhöht. Die Wirkung entsteht aus der Wiederholung, aus der Konzentration auf Wahrnehmung und aus der Nüchternheit der Syntax, aber auch in diesem Bruch, diesem Beiläufigen; gerade noch geküsst und dann „bewegte sich ohne ein Wort zum Bett.“ Diese sprachliche Nüchternheit erzeugt jene eigentümliche Spannung, die man zugleich als keusch und erotisch empfinden kann. Lenz erklärt nichts, er vertraut darauf, dass seine Lesenden das Ungesagte mitdenken.“
Kurz vor seinem Tod wurden ca. 80 bisher unbekannte Gedichte von ihm gefunden, die zwischen 1947 und 1949 entstanden sein sollen. Darin geht es um seine Kriegserlebnisse und die Probleme im Nachkriegsdeutschland. Warum sind die bis heute nicht veröffentlicht worden?
Sabrina Huber: „Lenz hat diese Gedichte zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Warum, wissen wir nicht, denn er hat sich dazu nicht ausdrücklich geäußert. Vermutlich, weil er sich literarisch früh und entschieden als Erzähler verstand. Sein Werk ist nahezu ausschließlich prosaisch. Ich kann da nicht in ihn hinschauen, aber viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben in jungen Jahren Lyrik, ohne sie später als Teil ihres eigentlichen Werks zu betrachten. Die Gedichte gehören offenbar in eine Suchphase unmittelbar nach dem Krieg. Dass diese Texte nun im Nachlass auftauchen, macht sie literaturhistorisch zwar interessant, aber ihr Nicht-Erscheinen ist kein Skandal, sondern eher Ausdruck einer bewussten Werkpolitik. Aber es liegt mir fern, über innere Gründe zu spekulieren. Das macht Literatur weder besser noch schlechter, wir sollten sie einfach lesen.“
Wie erinnern wir uns zu seinem 100. Geburtstag an ihn?
Sabrina Huber: „Wir erinnern uns an Siegfried Lenz nicht nur als Erzähler großer Stoffe, sondern als Autor, der Literatur als Ort moralischer Prüfung verstand. Seine Texte kreisen um Verantwortung, Entscheidung, Loyalität und Gewissenskonflikte. Das sind Themen, die nicht an eine Epoche gebunden sind. Und die mir aktuell und gerade jetzt dringlich erscheinen. Wenn wir ihn heute lesen, dann weniger nostalgisch als prüfend: Was heißt Haltung? Wie wird aus individuellem Handeln gesellschaftliche Wirkung? Was heißt es, Teil einer demokratischen Gesellschaft zu sein? Lenz’ Werk erinnert, dass Literatur ein Raum ist, in dem politische und ethische Fragen erzählerisch durchgespielt werden – nicht mit Parolen, sondern mit Figuren – und das scheint mir, angesichts der politischen Tendenzen, unserer gegenwärtigen Sorge um demokratische Haltung bei autoritären Versuchungen, die wir wohl alle besorgt wahrnehmen, dringend notwendig.“
Uwe Blass
Dr. Sabrina Huber – © Ralf SchultheißÜber Dr. Sabrina Huber
Dr. Sabrina Huber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Bergischen Universität.
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