23. Februar 2026Peter Pionke
Schauspiel: Ein „Sandmann“, der Kinder-Träume entstehen lässt
Glänzte mit ihren schauspielerischen Leistungen im Stück „Der Sandmann“: (v.l.) Paula Püschel, Silvia Munzón López, Julia Meier und Konstantin Rickert – © Björn HickmannSehnsucht, Liebe, Angst und Wahn sind die Themen, die Anhänger von Siegmund Freuds Theorien bestätigt sehen werden. Es geht um die Komplexität menschlicher Wahrnehmung und Psyche, mit den Unschärfen zwischen Liebe und Selbstliebe sowie zwischen Wahnsinn und Klarheit. Psychologische Aspekte früher Kindheitserfahrungen stehen in der Deutung für den preisgekrönten Karsten Dahlem im Focus des Geschehens.
Es ist eine schaurig-schöne, entschärfte, aber dennoch spannende Neuinterpretation des bekanntesten Werks von dem Universialisten E. T. A. Hoffmann aus dem Jahre 1816, die der Kategorie „Schwarze Romantik“ zugeordnet wird. Dahlem (Jahrgang 1975), brach einst eine Ausbildung bei der Polizei ab, um Jura zu studieren. Nebenher jobbte er als Bühnentechniker und fand dadurch Interesse an der Arbeit am Theater. Eine Karriere als Schauspieler, Autor und Film-Regisseur folgte.
Leben in einer eigenen Welt
Wann immer die kleine Nathana müde ist, erzählte ihr die Mutter (Silvia Munzón López) vom geheimnisvollen Sandmann – einem böser Mann. In der Wuppertaler Inszenierung geht es um diese Nathana (Julia Meier), die für ihr Studium in die Landeshauptstadt gezogen ist. Seitdem versucht ihre Familie verzweifelt, Kontakt zu ihr aufzunehmen: Ihre Mutter, die vor Sorge kaum noch schlafen kann, „Schwester“ Lotte (Paula Püschel), die genervt vom Rest der Familie ist und Nathanas Verlobter Carl (Konstantin Rickert).
Die Violinistin Lydia Stettinius mit Kevin Wilke (Olimp) und Julia Meier (Nathana) – © Björn HickmannNathana hat sich unterdessen abgekapselt. Sie lebt in ihrer eigenen Welt und versucht ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Aber die Ereignisse ihrer Kindheit begleiten sie. Sie, die als Kind ihren Vater verloren hat. Ein Schuldiger für diesen Schicksalsschlag ist ausgemacht und dient als Projektionsfläche. Seit ihrer Kindheit fürchtet sie sich vor der Gestalt des „Sandmanns“, den sie im Advokaten Coppelius zu erkennen glaubt. Dieser vollzog damals mit ihrem Vater seltsame Experimente und sei nicht nur Schuld am Tod des Vaters, sondern habe Nathana auch misshandelt.
Nun, Jahre später, begegnet Nathana Coppola, den sie für Coppelius hält. Diese Begegnung reaktiviert ihre alten Ängste vor dem „Sandmann“. Zur gleichen Zeit verliebt sich Nathana in Olimp (Kevin Wilke), den scheinbar perfekten Sohn ihres Professors Spalanzani. Während Carl und der Rest der Familie versucht, zu Nathana vorzudringen und ihr zu helfen, scheint diese ihnen immer weiter zu entgleiten.
Die Frage ist, ob Nathana jemals dem geheimnisvollen Sandmann wird entrinnen können? Die Dramaturgin Marie-Philine Pippert war an der Darstellung der Antwort beteiligt. Die Darsteller selbst konnten einmal mehr ihr ganzes künstlerisches Repertoire aufbieten. In den Hauptrollen glänzen Julia Meier, die Nathana spielt sowie Konstantin Rickert als Carl. Ein Paar, dass alle Höhen und Tiefen einer Beziehung durchlebt.
In trauter Wohnzimmer-Atmosphäre: (v.l.) Paula Püschel, Konstantin Rickert und Silvia Munzón López) – © Björn HickmannNicht beherrschbare Mächte
Parallelen des Stückes lassen sich, wenn man so will, auch zu heutigen nicht beherrschbaren Mächten ziehen, die verzerrte Wahrnehmungen fördern, etwa durch Social Media oder Fakes. Das Geschehen im Wuppertaler Opernhaus wird von einer sehr einfühlsamen Musik (Geige Lydia Stettinius) wohltuend begleitet, die von Hajo Wiesemann stammt.
Der studierte u.a. Jazz-Klavier an der Folkwang Universität der Künste in Essen und am Conservatorium Amsterdam. Wiesemann komponierte schon die Filmmusik für den vielfach ausgezeichneten Film „Die Geschichte einer Familie“ von Regisseur Karsten Dahlem, mit Anna Maria Mühe in der Hauptrolle. Die Produktion „Der Sommernachtstraum“ von William Shakespeare, für die er die Musik komponierte, wurde 2017 für den Theaterpreis „Der Faust“ nominiert.
Text: Siegfried Jähne
Julia Meier begeisterte das Publikum im Opernhaus in der Rolle der „Nathana“ – © Björn HickmannBesetzung & Produktions-Team:
Karsten Dahlem – Inszenierung
Claudia Kalinski – Bühne & Kostüme
Hajo Wiesemann – Musik
Lydia Stettinius – Violine
Marie-Philine Lippert – Dramaturgie
Tom Dockal – Regieassistent
Ilja Betser – Inspizienz
Anna Jurczak – Kostümassistenz
Das Ensemble: (v.l.) Violinistin (Lydia Stettinius), Olimp (Kevin Wilke) Mutter (Silvia Munzón López), Nathana (Julia Meier), Carl (Konstantin Rickert) und Lotte (Paula Püschel) – © Björn HickmannJulia Meier – Nathana
Silvia Munzón López – Mutter
Konstantin Rickert – Carl
Kevin Wilke – Olimp
Dauer der Wuppertaler Aufführung im Opernhaus: Ca. 1 Stunde 35 Minuten, ohne Pause.
Weitere Vorstellungen sind bis zum 17. Juli geplant, die nächste am Samstag, 28. Februar.
Zu dieser Produktion gibt es ein theaterpädagogisches Begleitangebot mit der Pädagogin Charlotte Arndt.
Schulvorstellungen sind buchbar: kontakt@kulturkarte-wuppertal.de
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