2. Februar 2026

Beschämbarkeit in der Pflege: Die Ambivalenz des Blicks

Die Ambivalenz des Blicks! Autor Uwe Blass hat sich im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe "Transfergeschichten mit der Ethikerin Heike Baranzke über das Thema "Beschämbarkeit in der Pflege" unterhalten.

Dr. Heike Baranzke, Ethikerin an der Bergischen Universität – © Sebastian Jarych

„Gestern bin ich wieder abgespritzt worden“, teilte eine Heimbewohnerin ihrer Tochter mit und wollte damit sagen, dass die letzte Duschaktion eher daran erinnerte, in einer Waschanlage traktiert zu werden, als in einer Wohlfühlumgebung eine angenehme Körperpflege genießen zu können. Die Wuppertaler Ethikerin Dr. Heike Baranzke beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema der Beschämbarkeit und sagt: „Scham ist ein allgemein menschliches Gefühl, ein Affekt, gegen den man sich gar nicht wehren kann und dadurch ein sehr unangenehmes Gefühl. Unangenehm deshalb, weil man sich dann schämt, wenn man in einer Weise gesehen wird, in der man nicht gesehen werden will.“

Die Furcht vor dem sozialen Tod

Beschämbarkeit sei kulturell unverändert geblieben, erklärt die Wissenschaftlerin und konstatiert: „Alle Menschen schämen sich, wenn auch vielleicht nicht wegen derselben konkreten Anlässe.“ Aber warum ist das so? „Weil wir Menschen soziale Wesen sind. Man spricht auch von der Scham als dem sozialen Gefühl schlechthin, weil wir Menschen darauf angewiesen sind, in einer Gemeinschaft zu leben und anerkannt zu werden. Wenn man das Gefühl hat, man wird in einer unvorteilhaften Weise gesehen, in der man nicht gesehen werden will, ist damit die ganz tiefgreifende Furcht verbunden, dass dann die Gemeinschaft mit einem nichts mehr zu tun haben will, dass man vielleicht ausgeschlossen wird. Und mit diesem tiefen Gefühl der Scham verbindet sich dann die Angst vor dem sogenannten ’sozialen Tod‘.“

© Bergische Universität

Heike Baranzke erklärt den gesellschaftlichen Ausschluss an einem Beispiel aus einer jüngst ausgestrahlten Rundfunksendung zur Geschichte der Todesstrafe. „Die kulturgeschichtliche Forschung zeigt, dass ganz am Anfang, also vor Tausenden von Jahren, gar nicht zum Tode Verurteilte von Menschen zu Tode gebracht, sondern diese schlicht und einfach aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, in der wilden Natur, die voll von Gefahren war, ausgesetzt und damit letztendlich dem Tod preisgegeben. D.h., wenn man sich diese Dimensionen noch einmal vergegenwärtigt, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie dramatisch die Wurzel des Schamgefühls als Furcht vor dem Ausschluss aus der Gemeinschaft ist.“

Die Qualität des Blicks

Scham betreffe aber nicht nur Situationen in der Körperpflege, sagt Heike Baranzke, sondern u.a. auch Situationen der Hilflosigkeit sowie des Kontrollverlusts. Sich nackt oder befleckt zu fühlen, könne jemanden sowohl physisch als auch metaphorisch charakterisieren. Gerade im pflegerischen Bereich könne das zu einem moralischen Problem werden. Und das geschehe oft über den Blickkontakt. „Nun gibt es ja sehr unterschiedliche Qualitäten des Blickkontaktes“, erklärt sie, „gefährlich wird es z. B., wenn man übersehen, geschnitten, wenn man keines Blickes gewürdigt wird, wie es in der sogenannten ‚Schwarzen Pädagogik‘ üblich war. Ein Blickkontakt kann auch die Qualität eines Unterwerfungsaktes haben, das könnte dann ein strenger Blick sein, der einen zur Ordnung ruft oder den anderen nötigt, den Blick zu senken. D.h., auf diese nonverbale Art und Weise der Beziehungsgestaltung über den Blickkontakt, der höchst ambivalent sein kann, denn man kann ja auch jemanden liebend, emphatisch oder verständnisvoll ansehen, passiert sehr viel.“

Der Pflegeberuf erfordert viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl – © Pixabay

Es gehe dabei immer darum, ob man sich als Gleichberechtigte auf Augenhöhe begegne oder einen Machtkampf ausfechte. All diese Blick-Tönungen erfolgten meist unreflektiert, unwillkürlich, müssten aber in psychosozialen Berufen im Prinzip professionalisiert werden. „Jeder, der in psychosozialen Berufen – und dazu gehören ja auch Pflegeberufe, der Lehrerberuf oder medizinische Berufe und soziale Arbeit – arbeitet, sollte das reflektieren und sich über die Verantwortung in der Beziehungsgestaltung bewusst werden.“

In der Pflege wird der anblickbare Körper auch berührbar

In der Grundpflege gibt es viele nonverbale Interaktionsformen, die für Pflegepersonal einfach Routine, für Pflegebedürftige aber alles andere als normal sind. „In der Pflege erleben wir, dass der Mensch in seiner Körperlichkeit, nicht nur sichtbar und anblickbar ist, sondern aufgrund seines Körpers auch berührbar, antastbar wird. Da kommt also noch einmal neben dem Sehsinn auch der Tastsinn als sensorische Qualität dazu. Die Pflege ist ein in dieser Hinsicht besonderer Beruf, ein Berührungsberuf, der immer an den Grenzen der Scham und Beschämbarkeit arbeitet.“

Als Kinder lernten wir, erklärt die Ethikerin, dass Pflege im Verborgenen vollzogen werde, um sich dann wieder schöngemacht in der Öffentlichkeit zu zeigen, weil wir dann repräsentabel aussähen und man wieder gerne mit uns zu tun habe. Im Gegensatz dazu seien pflegebedürftige Menschen in einer Situation, diese ureigene Selbstpflege nicht mehr alleine erledigen zu können. Sie wären dabei stattdessen auf die Unterstützung durch eine andere, fremde Person angewiesen. „Durch die Beteiligung einer fremden Person gerät die Körperpflege in den Raum der Öffentlichkeit. Ich bin nicht mehr alleine in meinem heimischen Bade- oder Schlafzimmer, sondern ich bewege mich jetzt in einem Raum, wo ich von einer anderen Person bei der Pflege gesehen oder sogar noch berührt werde. Das macht den Pflegeberuf so herausfordernd, weil das eine Situation ist, die sowohl prekär für die pflegebedürftige Person als auch prekär für die pflegegebende Person ist, weil sie im Prinzip schambesetzte Akte durchführen muss. Daher ist es so unglaublich wichtig, dann mit sehr viel Taktgefühl und professioneller Reflexion auf diesen Tatbestand zu reagieren.“

Altenpflege durch einen Zivildienstleistenden – © CC BY-SA 3.0 de

Man behandele ja nie nur einen Körper. „Der menschliche Körper ist immer der Körper einer Person, d.h. wenn man einen Menschen berührt, berührt man immer zugleich nie nur einen Körper, sondern stets auch die Person, die diesen Körper trägt.“ Ob Genitalpflege oder gynäkologische Untersuchung, man komme an diesen schambesetzten Akten nicht vorbei und müsse die Situationen professionell entschärfen, z.B. indem man in diesen Situationen den Blickkontakt vermeidet. „Man muss auch erst einmal den Mut haben, sich mit diesem Gefühl auseinanderzusetzen und das dann in diesen Berufen zu thematisieren, was für alle Seiten unangenehm ist.“ Hilfreich dabei sei, sich dieses Blickmanagement bzw. der situationsabhängigen Ambivalenz des Anblickens bewusst zu sein. 

Die Kunst der Berührung

Der Pflegenotstand in Krankenhäusern und Altenheimen ist allgegenwärtig. Personal fehlt an allen Ecken und Kanten. Es scheint manchmal schwer zu sein, die Würde der zu behandelnden Person zu erhalten, wenn einfach keine Zeit für Erklärungen da ist. Heike Baranzke spricht in diesem Zusammenhang von der „Kunst der Berührung“ und erklärt sie mit einem Beispiel aus der Geschichte: „Katharina Gröning hat in ihrem Buch ‚Entweihung und Scham‘ das Beispiel der Kinderärztin Emmi Pickler geschildert, die vor Jahrzehnten, in der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts, Waisenkinder entsprechend gepflegt und gezeigt hat, wie eben durch die Art der Berührung, die eine ganz eigene Qualität hat, sich diese Kinder haben gut entwickeln können. Sie wurden nie achtlos angefasst, sondern in einer Weise, die sie als ein anderes Wesen respektierte und beim Aufbau ihrer psychischen Abwehrhaut unterstützte.“

In der Pflege müsse man nun diese Berührungen auch diversifizieren, denn, so erklärt Heike Baranzke, „arbeitet man in der Intimpflege, dann ist es im Sinne von Undoing-shame-Praktiken (‚Undoing shame‘ bedeutet, die lähmende Wirkung von Scham zu überwinden, Anm. d. Red.) besser, man arbeitet mit Handschuhen, gestaltet die Berührung möglichst funktional und vermeidet den Blickkontakt. Arbeitet man jedoch in der Altenpflege z. B. mit Menschen, die geduscht oder gebadet werden, oder sogar eine Massage erhalten, dann können Handschuhe das Wohlgefühl stören.“

Es sei zwar schon gut in der Praxis bekannt, dass die Pflege ein Beziehungsberuf sei, der auch immer eine Anerkennungsbeziehung zwischen Personen herstellen müsse, aber es fehle noch das Bewusstsein, wie sehr die Pflege auch ein Berührungsberuf ist, in dem man die Kunst der Berührung beherrschen müsse und nicht übergriffig oder unachtsam die psychische Haut des anderen verletzen dürfe. „Man muss sich immer auch verbal rückversichern, etwa mit der Frage: ‚Darf ich sie jetzt berühren?’“

Viele alte, aber auch junge Menschen nach Eingriffen im Krankenhaus brauchen Pflege – © Pixabay

Heim- und Krankenhausstrukturen obliegen der Produktlogik

Die Wissenschaftlerin stellt fest, dass die strukturelle Depersonalisierung in Altenpflegeheimen und Krankenhäusern ein pflegerisches Handeln sehr beeinträchtigen kann und sagt: „Und das geschieht durch die Ökonomisierung und den Zeitmangel. Dahinter steckt zum einen ein Arbeitsbegriff, der einer Produktlogik, also einer Herstellungslogik folgt. Dieses ganze DRG-System im Gesundheitswesen (Das DRG-System -Diagnosis Related Groups- ist ein pauschalisierendes Abrechnungssystem, das in Deutschland die Vergütung für stationäre Krankenhausleistungen regelt, Anm. d. Red.) kommt ursprünglich aus den Chicagoer Autofließbandfabriken, in denen arbeitsteilig gearbeitet wurde, bis dann nachher das fertige Auto herauskommt. Genau das spiegelt sich immer noch in unserem Gesundheitssystem. Man berührt in der Pflege aber nie nur einen Körper, sondern immer eine verkörperte Person, d.h. es geht in allen psychosozialen Berufen nie ohne vorhergehende Beziehungsarbeit, Anerkennungsarbeit.“

Beziehungsarbeit werde aber in unserer Gesellschaft als Arbeit gar nicht anerkannt oder bezahlt, also nicht als Arbeit gesehen, und Beziehungsarbeit brauche nun einmal Zeit. Werde aber diese Zeit nicht eingeräumt, z. B., weil zu wenige Beziehungsarbeiter in diesen Berufen für die anstehenden Aufgaben da seien, dann könne gar nicht verhindert werden, dass die zu pflegende Person zu einem Körper degradiert würde. „Und dann bekommt man auch einen menschenwürdigen Umgang nicht mehr hin! Da kann man auch einen Bogen zu den vieldiskutierten Pflegerobotern ziehen. Pflegeroboter sind zu dieser Beziehungsarbeit unfähig. Da denkt man wieder in so einer Produktlogik.“

Pflegebeziehung stärken

Heike Baranzke hat zusammen mit Dr. Helen Güther von der privaten Universität Witten/Herdecke einen Artikel mit dem Titel „Beschämbarkeit – Zur pflegeethischen Relevanz einer brisanten Vulnerabilität“ verfasst. Darin spricht sie vom ‚menschenblinden Gesundheitswesen‘. Tatsächlich könnten wir wieder sehend werden, wenn „wir die Unverzichtbarkeit der Erlebnisdimension personaler Anerkennung tatsächlich sehen, d.h., wenn wir aus unserer Dinglogik aussteigen und sagen, es macht einen fundamentalen Unterschied, nicht nur, dass wir etwas miteinander erledigt haben, sondern dass wir als Personen etwas miteinander getan haben. Auch eine Pflegebeziehung ist immer auf das Mittun der pflegeempfangenden Person angewiesen, sonst mündet es ganz leicht in Machtkämpfe, die auch in Gewalt umschlagen können. Es ist also auch eine Gewaltprävention, die hier eine große Rolle spielt. Wir müssen uns über dieses Grundbedürfnis, zu erleben, als Person anerkannt zu werden, kooperieren zu können, mittun zu dürfen und eingeladen zu werden, bewusst sein. Das ist elementar wichtig, davon lebt unsere Gesellschaft. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das der Anerkennung durch die Gemeinschaft bedarf und dieses soziale Grundbedürfnis endet nie.“

Uwe Blass

Dr. Heike Baranzke – © Sebastian Jarych

Über Heike Baranzke

Dr. Heike Baranzke ist Lehrbeauftragte für Theologische Ethik der katholischen Theologie in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universität.

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