29. Januar 2026

‚Eulenblick‘: Gegenpol zu Brekers ‚Pallas Athene‘

Das Kunstwerk „Eulensicht“ der österreichischen Künstlerin Azra Akšamija ist am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium von Kulturdezernent Matthias Nocke eingeweiht worden. Die säulenförmige Eulen-Skulptur, die einem münzbetriebenen Fernrohr ähnelt, lässt sich durch eine Mechanik auf die jeweilige Augenhöhe einer Person anpassen.  

Die imposante Skulptur „Eulensicht“ der österreichischen Künstlerin Azra Akšamija vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium – © Ralf Silberkuhl

Sie Skulptur lenkt den Blick auf Arno Brekers Bronzeplastik „Pallas Athene“ und macht so die „Schattengeschichten“ im Zusammenhang mit dem problematischen Erbe des Künstlers sichtbar. Beim Benutzen des Fernglases nehmen die Betrachtenden die Sicht der Eule ein und somit symbolisch die Weisheit der Eule an. 

Der Wuppertaler Künstler Arno Breker (1900–1991) war als typischer Vertreter des heroisierenden Neoklassizismus in exponierter Weise mit dem nationalsozialistischen Regime verknüpft: Staatsbildhauer, „Gottbegnadeter“ und Lieblingsbildhauer Adolf Hitlers, einer der wichtigsten und stilbildenden Repräsentanten nationalsozialistischer Kunstanschauung.

Breker erfüllte z.B. durch seine Monumentalskulpturen für das Olympiastadion 1936 und die Neue Reichskanzlei 1938 und vor allem durch seine Präsenz in der Massenpublizistik die Propagandafunktion, für die sein Name bis heute steht. Nach 1945 erhielt der gut vernetzte Breker, der im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft wurde, weiterhin zahlreiche Aufträge aus öffentlicher wie privater Hand.

1957 wurde Bronzeplastik „Pallas Athene“ von Arno Breker am Eingang zum Schulgelände des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums in Wuppertal-Elberfeld aufgestellt. Durch die Ferngläser des Kunstwerks „Eulensicht“ sieht man Brekers „Pallas Athene“, umrahmt von einer schablonenhaften Silhouette der Pallas Athene, die die Aneignung der griechischen Göttin durch die Nationalsozialisten darstellt. 

Wuppertals Kulturdezernent Mathias Nocke bei der Einweihung des Kunstwerks – © Ralf Silberkuhl

Die Vorgeschichte des Kunstwerks „Pallas Athene“ vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium: Der Architekt Friedrich Hetzelt, der ab 1953 Beigeordneter in Wuppertal war, hatte unter anderem das neue Stadtbad (Schwimmoper) entworfen und war ständiges Mitglied der Kunstkommission. Da er während der NS-Zeit von Arno Brekers Freund Albert Speer in die Planungen zur Neugestaltung der Reichshauptstadt einbezogen worden war, bestanden alte Verbindungen zum umstrittenen Künstler. 

So wurde Arno Breker 1954 auch in Wuppertal zu einem beschränkten Wettbewerb für ein Kunstwerk für den Neubau des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium eingeladen. Bei diesem  ging sein Entwurf einer an das humanistische, altsprachlich orientierte Gymnasium angepassten Pallas Athene in modernem Stil als Siegerkonzept hervor. Pallas Athene ist eine Göttin der griechischen Mythologie. Sie ist die Göttin der Weisheit, der Kampfstrategie, des Handwerks und der Kunst. Zudem ist sie die Schutzgöttin von Athen. Neben Arno Breker rhatten zwei weitere Wuppertaler Künstler Konzepte eingereicht: Hans Rompel (1910–1981) und Fritz Bernuth (1904–1979).

Die Silhouette der „Pallas Athene“ war erstmals 1933 auf einer Plakette zum Reichsparteitag erschienen. 1937 wurde das nahezu identische Motiv als Titelblatt des Katalogs zur „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München verwendet. Dieser Athene-Kopf, ergänzt um eine Fackel und einen Reichsadler mit dem Hakenkreuz in den Fängen, wurde schließlich 1938 als ständiges Titelblatt der Zeitschrift „Die Kunst im Deutschen Reich“ verwendet und avancierte damit gleichsam zum Logo einer im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie „deutschen“ Kunst.

Am Kunstwerk des „Hitler-Günstlings“ erhitzen sich viele Jahre lang die Gemüter. 2003 wurde die „Pallas Athene“ im Jahr 2003 aus Protest von ihrem Sockel gestoßen. Seither wurde in der Wuppertaler Politik und in der Gesellschaft heiß und kontrovers darüber diskutiert, ob das umstrittene Werk Arno Brekers am bisherigen Standort verbleiben soll

Die „Eulensicht“ hat Arno Brekers Skulptur „Pallas Athene“ voll im Blick – © Ralf Silberkuhl

Im Dezember 2019 gipfelte die Auseinandersetzung in einer öffentlichen Podiumsdiskussion, in der es um die Frage ging: „Soll ein Breker vor einer Schule stehen?“. Es wurde darüber diskutiert, ob man das Kunstwerk mit moderner Formensprache vom belasteten Künstler trennen kann, inwiefern die Pallas Athene an dem Standort noch für nationalsozialistisches Gedankengut steht und wie es um die künstlerische Qualität der Plastik steht. Teilnehmer der Diskussionsrunde waren u.a Isabel Pfeiffer-Poensgen, ehemalige NRW-Ministerin für Kunst und Wissenschaft, Brigitte Franzen, ehemals Vorstandsvorsitzende der Irene und Peter Ludwig-Stiftung, Dr. Felix Krämer, Direktor des Museums Kunstpalast, Matthias Nocke, Kulturdezernent der Stadt Wuppertal, sowie der Geschichtslehrer Martin Schulte und zwei Schülerinnen des Gymnasiums. 

Die Mehrheit lehnte den Abriß der Skulptur ab, was auch aus denkmalschutzrechtlicher Sicht kaum realisierbar gewesen wäre. Stattdessen wurde beschlossen, einen Wettbewerb für einen künstlerischen Kommentar aus zeitgenössischer Sicht auszuschreiben.

Ziel des Wettbewerbs war es, für den Standort einen signifikanten künstlerischen Beitrag zu entwerfen, der zur kritischen Auseinandersetzung mit der „Pallas Athene“ beitragen und dem Ort im Zusammenwirken mit der baulichen Situation einen unverwechselbaren Ausdruck verleihen sollte. In dem zweiphasigen Verfahren hat eine Fachjury dann das Konzept der bosnisch-österreichischen Künstlerin und Architektin Azra Akšamija ausgewählt.

Claudia Schweizer-Motte, Schulleiterin des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums bei der Einweihung-Zeremonie – © Ralf Silberkuhl

Azra Akšamija (*1976) macht nach eigener Aussage Kunst für eine entfremdete Welt. Ihre Kunst ist stets interaktiv und verwandelt passive Zuschauer in aktive Teilnehmer. Sie lädt dazu ein, sich mit den sozialen, politischen und ökologischen Themen auseinanderzusetzen. So ist auch ihr Werk „Eulensicht“ „eine interaktive Skulptur, die die komplexe historische Symbolik der Pallas Athene untersucht und der Schülerschaft zugänglich macht“, so steht es im Konzept der Künstlerin.

Zum Werk gehört auch eine landschaftliche Umgestaltung. Die Eulen-Skulptur wird ebenerdig auf dem erhöht gelegenen Schulgelände stehen und von der Straße aus über eine Treppenarchitektur begehbar sein. Angelehnt an Wilhelm Dörpfelds bedeutende Rolle in der Archäologie, sollen die mit Stein in verschiedenen Farbnuancen verkleideten Stufen an sedimentierte Bodenschichten erinnern.

Bei Nacht kommt eine weitere Dimension hinzu: Die Pallas Athene wird angeleuchtet, sodass die Figur einen monumentalen Schatten auf die gegenüberliegende Wand wirft. Man wird an die Skulpturen erinnert, die Arno Breker für die Propagandabauten des nationalsozialistischen Regimes errichtet hat. Das mahnende Moment wird unterstützt durch folgendes Zitat des Philosophen George Santayana (1863–1953): „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt sie zu wiederholen.“ Es wird mit fluoreszierender Farbe auf die Wand aufgebracht, sodass es nur sichtbar sein wird, wenn Licht darauf fällt.

Die „Eulensicht“, ein Kunstwerk, das einen ganz besonderen, individuellen und kritischen Blick auf Arno Brekers umstrittene „Pallas Athene“ wirft. Eine Bereicherung  der Kunst-Szene Wuppertals.  (vom)

Link zur Webseite des Von der Heydt-Museums:

http://www.von-der-heydt-museum.de

 

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