26. Januar 2026Peter Pionke
Der Bau der Neuen Bergischen Synagoge
Die im Jahre 2002 eingeweihte Bergische Synagoge in Wuppertal. Der damalige israelische Staatspräsidente Mosche Katzav war bei der Zeremonie hoher Ehrengast – © CC BY-S 3.0Leonid Goldberg, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Wuppertal, wandte sich 2023 an die Bergische Universität mit der Bitte, den Bau der 2002 eingeweihten neuen Synagoge zu dokumentieren. Eine Gruppe von zehn Studierenden unter Leitung der Historikerin Prof. Dr. Juliane Brauer und ihrem Doktoranden Sebastian Braun (Arbeitsbereich Geschichte und ihre Didaktik) nahm sich der Aufgabe an und erarbeite ein sogenanntes „Narrativ wider das Vergessen“, welches viel mehr verspricht, als die reine Dokumentation der Geschichte eines Gebetshauses.
Jüdische Gemeinde in Wuppertal bittet die Universität um Hilfe
„Zunächst war ich etwas skeptisch“, gesteht die Historikerin Juliane Brauer, „denn Zeitgeschichte kann manchmal etwas schwierig sein, da wir noch zu dicht dran sind.“ Doch nach dem ersten Treffen hatte sie der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, Leonid Goldberg, überzeugt. „Weil ich einen Doktoranden bei mir habe, Sebastian Braun, der sich sehr gut mit den jüdischen Gemeinden nach 1945 auskennt, dachte ich sofort an ein gemeinsames studentisches Forschungsprojekt, aus dem auch Abschlussarbeiten entstehen könnten.“ Zudem interessierte die Wissenschaftlerin an dem „hochspannenden Projekt“ die historisch-gesellschaftliche Bedeutung des Baus einer neuen Synagoge für die Stadt Wuppertal.
© Bergische Universität1945 exis1tierte die jüdische Gemeinde hier nicht mehr
Am 08. Dezember 2002, also 64 Jahre nach der Zerstörung der Alten Barmer Synagoge, wurde die neue Bergische Synagoge in der Gemarker Straße eingeweiht. „1945 existierte die jüdische Gemeinde hier quasi nicht mehr“, erklärt Sebastian Braun und schildert den Neuanfang jüdischen Gemeindelebens. „Überlebende kamen aus den Konzentrationslagern zurück in die Stadt, hatten als ‚Untergetauchte‘ überlebt, zum Teil waren sogenannte jüdische ‚Displaced Persons‘ dabei. Die haben sich als kleine Gemeinschaft von ca. 145 Personen zusammengefunden und suchten dann erst einmal einen neuen Ort, an dem sie beten konnten.“
Da die gesamte Infrastruktur jüdischen Lebens zerstört war, fand man nur im ehemaligen jüdischen Altersheim an der Friedrich-Ebert-Straße 73 einen Ort, in dem die ersten Gottesdienste gefeiert wurden. Dieser provisorische Zustand blieb bis zur Einweihung der Bergischen Synagoge für lange Zeit bestehen. Dazu Sebastian Braun: „Der Gemeinde war es damals wie heute wichtig, zu sagen, auch wenn es nur ein kleiner Betsaal ist, es ist unsere Synagoge, denn sobald eine Thora in einem Raum ist, gilt dieser Raum als Synagoge.“
Vergreisende Gemeinde erlebt Mitgliederzuwanderung in den 1990ern
Ende der 1980er Jahre war der Fortbestand der Gemeinde aufgrund von Überalterung stark gefährdet. Nur noch ca. 100 Gemeindemitglieder zählte die kleine Glaubensgemeinschaft, berichtete Leonid Goldberg. Politische Ereignisse brachten dann aber eine entscheidende Wende, sodass die Gemeinde in kürzester Zeit auf über 2.000 Mitglieder wuchs. Was war geschehen? „1991 wurde ein Gesetz verabschiedet, das sogenannte ‚Kontingentflüchtlingsgesetz’“, berichtet Sebastian Braun. „Im Zuge dessen konnte man als Person jüdischen Glaubens nach Deutschland kommen und sich hier Gemeinden anschließen.“ Aus den Berichten der Interviewpartner, die die Studierenden zum Neubau der Synagoge befragten, wurde deutlich, dass sich durch den enormen Zustrom auch die Stadtgesellschaft veränderte.
Die Historikerinn Prof. Dr. Juliana Brauer und Doktorand Sebastian Braun – © UniService Third Mission„Der Großteil der Menschen kam aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die Menschen sahen auf einmal eine Perspektive im Westen. Viele kannten das Judentum gar nicht, denn sie konnten es in der Sowjetunion nicht praktizieren. Die Perspektive, den Glauben erst einmal überhaupt kennenlernen zu dürfen, motivierte viele Menschen, nach Deutschland zu kommen. Dazu kam natürlich auch der Wunsch nach einer Zukunftsperspektive für die eigenen Kinder.“ „Die jüdische Gemeinde war dann sehr gefordert“, ergänzt Brauer, „sie wusste nicht, wohin mit den neuen Gemeindemitgliedern. Der Betsaal reichte nicht mehr und plötzlich war die Chance da, jüdisches Leben noch einmal ganz neu zu denken und zu organisieren. Das war, neben der Dokumentation des eigentlichen Bauprozesses für uns auch noch einmal historisch sehr interessant.“
Angehende Historiker und Historikerinnen werden gebrieft
Im ersten Teil des Projektseminars wurden im Frühjahr 2025 Studierende erst einmal umfassend in das Thema eingeführt. „Ich habe mich in erster Linie um den historischen Kontext gekümmert, damit die Studierenden das nötige Hintergrundwissen haben“, sagt Braun, „die Studierenden mussten erst einmal etwas über die Nachkriegsgeschichte jüdischer Gemeinden in Deutschland wissen. Ihnen war nicht bekannt, dass es auch in Wuppertal eine jüdische Gemeinde gibt.“ Auch die Geschichte der Zuwanderung mit den Herausforderungen, vor denen die jüdische Gemeinde stand, wie z.B. die Integration der neuen Gemeindemitglieder, Hilfestellungen bei den Behördengängen, mussten verstanden werden, um den Gesamtüberblick zu erhalten. „Dann mussten wir die Quellenlage bewerten, denn die brauchen wir als Historiker und Historikerinnen“, Sebastian ergänzt Brauer.
„Was für Wissen haben wir bisher über den Prozess ab 1996, als die Entscheidung zum Bau der Neuen Synagoge gefallen war, was für Informationen fehlen uns?“ Das Team sichtete dazu u.a. diverse Protokolle des Presbyteriums der evangelischen Gemeinde, auf deren Grundstück die neue Synagoge gebaut wurde. „Dann gab es den zweiten Teil des Projektseminars, in dem die Studierenden an die Methode der ‚Oral History‘, der mündlich erfragten Geschichte, herangeführt wurden“, so Brauer. „Was bedeutet es, wenn wir als Historikerinnen und Historiker Zeitzeugen interviewen und damit unsere eigenen Quellen produzieren? Was muss beachtet werden? Die biografischen Kontextinformationen zu den insgesamt sechs Interviewpartnerinnen und Interviewpartner erhielten wir durch einen Fragebogen, alles andere mussten die Studierenden leisten.“
Methodisch ging das Ganze sehr behutsam vonstatten, denn man könne nicht einfach junge Menschen mit der Kamera zu älteren Zeitzeugen schicken und mit der Befragung starten, erklärt die Wissenschaftlerin. „Das ist eine Situation, die ist weder der Studierende noch der ältere Interviewpartner gewohnt. Daher haben wir im Vorfeld „Rollenspiele“ gemacht und geprobt, wie führt man ein Interview, ohne dass man zu viel eingreift und dennoch alle relevanten Informationen erhält?“ Das Interessante an dieser Vorgehensweise sei vor allem die Tatsache, dass man eigene Quellen produziere, mit denen auch zukünftig gearbeitet werden soll. In den Interviews erfuhren die Studierenden nicht nur Hintergründe zum Bauprozess, sie stellten auch Fragen zum interreligiösen Austausch sowie zur postsowjetischen Zuwanderung und erweiterten damit die Themenbreite der Dokumentation.
Die Barmer Theologische Erklärung von 1934
Die Barmer Theologische Erklärung (BTE) von 1934 spielte in diesem Zusammenhang für die Interviewpartner der evangelischen Gemeinde eine sehr wichtige Rolle. Zunächst einmal wurde die BTE an dem Ort beschlossen, an dem heute die Bergische Synagoge steht. „Besonders für die christlich-evangelische Seite nimmt die BTE einen hohen Stellenwert ein, denn das war sozusagen die Gründung der ‚Bekennenden Kirche’“, sagt Sebastian Braun Braun. „Da haben sich Vertreter der lutherischen, reformierten Kirche gegen die nationalsozialistische Ideologie ausgesprochen. Gleichzeitig fehlt dieser Erklärung aber ein ganz wesentlicher Teil, denn die Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Menschen wird in der Erklärung mit keinem Wort erwähnt. Man wusste davon und positionierte sich nicht deutlich.“ Das hing der christlich-evangelischen Kirche lange nach, zwar gab es auch interne Debatten, aber der richtige Aufarbeitungsprozess begann erst in den 1980er Jahren.
Die „Begegnungsstätte Alte Synagoge“ an der Genügsamkeitsstraße. Hier stand früher die Alte Synagoge Elberfeld, die in der Pogromnacht im November 1938 von den Nazis zerstört wurde – © Begegnungsstätte Alte Synagoge„Heute“, ergänzt Braun, „verstehen die christlich-evangelischen Interviewpartner diesen Synagogenbau auf einem ehemaligen Grundstück der evangelischen Landeskirche sozusagen als ungeschriebene materialisierte These“. Deutschlandweit sei der Neubau einer Synagoge auf ursprünglich evangelischem Gemeindeland einzigartig, erklärt Brauer, und daher sei die Geschichte der Entscheidungsfindung und des Bauprozesses eine besondere für Wuppertal. „1996 war die Lage schon dramatisch“, erklärt Prof. Brauer, „es gab so viele neue jüdische Mitbürger und Leonid Goldberg hat in diversen Ausschüssen darauf hingewiesen, dass die Gemeinde dringend eine größere Bleibe brauche. Aber es gab einfach kein freies Grundstück, dass zur Debatte stand. Das Areal der alten Synagoge ist eine Gedenkstätte, ein Ort der Begegnung. Und dann kam von vielen unterschiedlichen Seiten die Idee auf, der gewachsenen jüdischen Gemeinde das freie Grundstück, direkt angrenzend zur Gemarker Kirche zu überlassen, und zwar kostenfrei.“
Die an dem Prozess beteiligten Zeitzeugen sprachen in diesem Zusammenhang immer wieder von einem ‚Wunder‘. So trafen sich Vertreter der jüdischen Gemeinde mit Vertretern der evangelischen Gemeinde sozusagen inkognito im Dunkeln an einem Abend im Februar 1996 und schritten das Baugrundstück ab, weil sie nicht wollten, dass die Information zu früh an die Öffentlichkeit geriet. „Dann wiederum ging es blitzschnell“, fährt Prof. Brauer fort. „Der Paukenschlag kam im September 1996, mit der ersten Presskonferenz zu dem Projekt. Der Bauprozess scheint auch nicht so bürokratisiert abgelaufen sein, denn wir wissen von Leonid Goldberg, dass er auf Anfragen des städtischen Bauamtes oft schnelle Entscheidungen bzgl. Fliesen, Tapeten oder Bestuhlung treffen musste. Der erste Spatenstich erfolgte zum historischen Datum, den 09.11.1998, die Einweihung der Synagoge dann 2002.“
Zeitzeugen ersetzen fehlende schriftliche Unterlagen
Mit Unterstützung der jüdischen Gemeinde sowie der Gemarker Gemeinde kamen die Wuppertaler Studierenden mit den Zeitzeugen zusammen. Zu ihnen gehörten die am Entscheidungsprozess zum Bau der Neuen Synagoge beteiligten Gemeindevertreter sowie Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Dazu Brauer: „Das Bedürfnis von Herrn Goldberg, den Prozess zu dokumentieren, war sehr groß. Und auch die Sorge, dass die Zeitzeugen irgendwann nicht mehr da sein könnten. Und tatsächlich ist ein Interviewpartner kurz nach unserem Gespräch verstorben. Wenn man sich dann die Aufnahmen noch einmal anhört, dann erscheint die Sorge von Herrn Goldberg sehr real, denn man hat Interviews mit Menschen geführt, die tatsächlich auf einmal nicht mehr da sind, und wir sind froh, dass wir gerade noch die Chance für dieses Gespräch hatten.“
Israelischer Staatspräsident bei Einweihung zugegen
Den hohen Stellenwert der Einweihung der neuen Bergischen Synagoge in Wuppertal 2002 unterstrich auch der Besuch des damaligen israelischen Staatspräsidenten Mosche Katzav, dessen Kommen durch die Hilfe des damals amtierenden Bundespräsidenten Johannes Rau ermöglicht wurde. „Es gab ein hohes Sicherheitsaufgebot und das fand bei der Bevölkerung keinen großen Anklang“, berichtet Sebastian Braun, „das haben die Zeitzeugen auch berichtet. Aber es ist bis heute einzigartig, dass ein israelischer Staatspräsident zu einer Synagogeneinweihung in Deutschland zu Gast war.“
Ergebnisse des Projektes werden präsentiert
Prof. Dr. Juliane Brauer hat bei der Durchführung des Projektes großen Wert daraufgelegt, dass die Studierenden in einem geschützten Raum arbeiten können. Daher rückte das Wie und Wann der Dokumentation zunächst in den Hintergrund. „Aber nach Sichtung der Interviews waren wir so begeistert und euphorisch über die Leistungen der Studierenden, dass jetzt für mich feststeht, dass es eine Publikation dazu geben wird“, resümiert die Historikerin und sagt abschließend: „Es entstehen zwei Masterarbeiten und eine Bachelorarbeit aus diesem Projekt und auch diese Arbeiten können dann modifiziert Teil der Publikation werden.“ Weitere Überlegungen zur öffentlichen Präsentation stehen im Raum, aber die brauchen noch ein wenig Zeit und Absprachen mit allen Projektbeteiligten. Es bleibt also spannend, was noch aus diesem Projektseminar zu einem hochrelevanten Thema Wuppertaler Zeitgeschichte zu hören sein wird.
Uwe Blass
Prof. Dr. Juliana Brauen und Sebastian Braun – © UniService Third MissionÜber Prof. Dr. Juliane Brauer und Sebastian Braun
Prof. Dr. Juliane Brauer lehrt Geschichte und ihre Didaktik in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal. Ihre Forschungsschwerpunkte im Bereich der Geschichtsdidaktik sind Emotionen und historisches Lernen, Musik im Geschichtsunterricht sowie Geschichts- und Erinnerungskultur. Für die Neuere und Neueste Geschichte forscht und lehrt sie vor allem zur Geschichte des Nationalsozialismus und des geteilten Deutschlands.
Sebastian Braun ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte und ihre Didaktik und promoviert zu „Heimatpraktiken“ und „Heimatgefühlen“ in jüdischen Gemeinden an Rhein und Ruhr zwischen 1945 und 1965.
Weiter mit:
Kommentare
Neuen Kommentar verfassen