15. Januar 2026Peter Pionke
Die neue Macht-Symmetrie beim Wuppertaler SV
Rechtsanwalt und Steuerberater Ludger Kineke, der neue, starke Mann beim Fußball-Regionalligisten und Traditionsverein Wuppertaler SV – © Siegfried JähneEr ist kein ausgewiesener Fußball-Experte, bringt dafür aber andere wichtige Eigenschaften mit, die der in die Krise geratene Traditionsverein jetzt vielleicht mehr denn je braucht, als da sind Ruhe und Besonnenheit, gepaart mit Empathie und ganz viel Lebenserfahrung. Und er besitzt, was Gold wert sein kann, ein hochkarätiges Netzwerk. Als ehemaliger Wuppertaler CDU-Fraktionsvorsitzender galt er lange als natürlicher Anwärter für das Amt des Oberbürgermeisters. Wir haben uns zu Jahresbeginn mit Ludger Kineke, dem neuen, starken Mann des WSV über die Entwicklungen und die Perspektiven des bergischen Traditionsvereins unterhalten.
DS: Sie sind in Essen aufgewachsen, waren RWE-Anhänger und leben seit 1995 in Wuppertal. Sie haben zwar in der Jugend mit Leidenschaft Fußball gespielt, hatten aber ansonsten nie wirklich Berührung mit dem WSV. Wie kam es dazu, dass Sie sich jetzt für eine Spitzenposition in diesem Verein zur Verfügung gestellt haben?
Ludger Kineke. „Das hat viel mit den Menschen in dieser Stadt und mit meiner politischen Arbeit im Westen der Stadt zu tun, wo der WSV ja beheimatet ist. Dr. Hoss vom Verwaltungsrat hat mich 2024 angesprochen und mich für eine Mitarbeit beim WSV gewonnen“.
DS: Sie sind 66 Jahre alt, haben eine große Anwalts-und Steuerkanzlei mit Sitz am Elberfelder Ölberg, Sie sind CDU-Stadtverordneter und bekleiden dazu noch einige Ehrenämter. Wie schultern Sie das alles und wie lange wollen Sie das durchhalten? Sind Sie ein WSV-Vorstand auf Zeit?
Ludger Kineke: „Ich sehe mich nicht als Vorstand auf Zeit! Ich pflege effektiv zu arbeiten, nutze die Kanzlei und die neuen Techniken und komme in der Regel schnell, ohne viel Umwege zum Ziel, das hilft mir. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer langfristig plane“.
DS: Teile der Fan-Szene forderte nach acht sieglosen Spielen und der akuten Abstiegsgefahr zuletzt Konsequenzen für ein vermeintliche Miß-Management im WSV und skandierte lautstark: ‚Der Fisch stinkt vom Kopf‘. Fühlen Sie sich angesprochen und wie bewerten Sie diese Erscheinungen?
Ludger Kineke: „Auch wenn sich der Protest offenkundig in erster Linie gegen unseren Sportdirektor Gaetano Manno richtet und ich erst seit Februar 2025 Teil des Vorstandes bin, muß ich mich daher natürlich ebenfalls einer solchen Kritik stellen. Fan-Proteste sind auch in anderen Vereinen nicht unüblich, damit muß man im Zweifel leben“.
DS: Teilen Sie die Ansicht ihres Sportdirektors, dass diese Proteste ganz gezielt von interessierter Seite gesteuert sind?
Ludger Kineke: „Ich bin inzwischen auf eine protestierende Gruppe zugegangen und mit ihr ins Gespräche gekommen. Dabei war ich schon überrascht, welche Detailkenntnisse mir entgegen gehalten und welche konkrete Fragen mir gestellt wurden. Ich hatte vielfach nicht den Eindruck, etwa mit Chaoten zu sprechen, sondern in diesem Falle mit gestandenen, neugierigen Leuten, die mit offenem Visier argumentierten. Ob die protestierende Gruppe, von wem auch immer, gesteuert wird, kann ich nicht beurteilen. Es gibt aber sicher eine Stimmung gegen den Sportdirektor. Wir bleiben da noch im Gespräch mit den sogenannten Ultras, die für alle Vereine, so auch für unseren WSV, ja nicht ohne Bedeutung sind“.
WSV-Vorstand Ludger Kineke (l.) bei der Vorstellung des neuen Cheftrainers Mike Wunderlich (M.). Rechts Sportdirektor Gaetano Manno – © Jochen ClassenDS: Sportvorstand Thomas Richter ist am Jahresende 2025 zurückgetreten, Trainer Sebastian Tyrala wurde zeitgleich freigestellt. Der sportliche Leiter Gaetano Manno geht aus dem gesamten Prozess gestärkt hervor. Wie passt das alles zusammen?
Ludger Kineke: „Für den Vorstand ist es nicht immer ganz einfach, Ursache und Wirkung zu erkennen. Ich persönlich maße mir nicht an, die Feinheiten der fußballerischen Abläufe zu beurteilen. Wir haben dafür den bezahlten, sehr engagierten Sport-Direktor mit entsprechendem Sachverstand und sahen keine Veranlassung, ihm das Vertrauen zu entziehen. Es macht keinen Sinn, eigene Leute in Frage zu stellen. Dass Trainer gehen müssen, wenn der Erfolg ausbleibt, ist nicht ungewöhnlich“.
DS: Fan-Ausschreitungen bestimmen inzwischen vielfach die Fußball-Szene, der WSV ist da keine Ausnahme und lieferte hier zuletzt beim Pokalspiel in Büderich sogar ein besonders schlimmes Beispiel. Wie stehen Sie dazu?
Ludger Kineke: „Da gibt es keine zwei Meinungen. Wir als Vorstand sind jetzt erst Recht aufgefordert, alles zu unternehmen, solche Auswüchse zu verhindern. Deshalb sind wir auch im engen Kontakt mit den Sicherheitsorganen. Wir müssen aber auch festhalten, dass die Situation in Büderich trotz Warnung aus Wuppertal aus dem Ruder liefen. Die schlimmen Ereignisse konnten so nur passieren, weil die Gefährdungslage vor Ort unterschätzt wurde und man man nicht genügend vorbereitet war. Im Stadion am Zoo hätte das schon wegen der anderen baulichen Gegebenheiten so nicht passieren können“.
DS: Im Wuppertaler Stadion am Zoo wurden zuletzt Spiele mit höherer Gefährdungsstufe zeitlich so versetzt, dass Zuschauer gar nicht erst kamen. Kann denn das die Lösung sein?
Ludger Kineke: “Man muss hier wissen, dass der Verein bei erhöhter Gefährdungslage verpflichtet ist, für entsprechende Sicherheit zu sorgen. Und das kostet mehr Geld, als man durch einen höheren Zuschauerzuspruch einnehmen könnte, das ist leider so.“
DS: Aktuell hat der Verein nach dem Abgang von Klotzkowsky und Richter statt der vorgesehenen fünf Vorstandsmitglieder mit Dr. Leonhardt und Ihnen derer nur noch zwei. Wie und wann gedenkt man, die Vorstandsposten neu zu besetzen? Wie ist die aktuelle Aufgabenverteilung im Vorstand?
Ludger Kineke: „Dr. Jochen Leonhardt ist als Schatzmeister für Finanzen und Personalfragen zuständig, ich habe die Ressorts von Marvin Klotzkowski, nämlich Organisation, Marketing übernommen und beschäftige mich mit rechtlichen Fragen und allen Dingen, die da noch so anfallen. Für die erste Fußballmannschaft ist Gaetano Manno zuständig. Wir setzen weiter auf seine Expertise. Der inzwischen ausgedünnte Vorstand wird zeitnah ergänzt. Ich denke bis zur Jahreshauptversammlung im kommenden April wissen wir alle mehr.“
DS: Wie beurteilen Sie als Jurist noch offene Fragen mit der Firma Emka zu fraglichen Verbindlichkeiten in Millionen-Höhe aus der Ära von Mäzen Friedhelm Runge?
Ludger Kineke: „Es gibt da ja eigentlich keine Probleme, es gibt da nur Lösungen. Die Beziehungen zur Firma Emka sind auf den Weg zu einer sehr guten Klärung. Es gab da unterschiedliche Beziehungs-Ebenen, die auch einen finanziellen Hintergrund hatten. Da wird aber vertrauensvoll zusammen gearbeitet, die Fragen werden effektiv und zielgerichtet geklärt. Emka unterstützt uns nach wie vor.“.
STADTZEITUNGs-Sportreporter Siegfried Jähne (r.) im Gespräch mit dem neuen WSV-Cheftrainer Mike Wunderlich – © Jochen ClassenDS: Nach unseren Informationen gab es zuletzt erhebliche Konflikte innerhalb des Verwaltungsrates. Wie erleben Sie das?
Ludger Kineke (lacht): „So, hört man das? Solche Gremien leben auch von der Reibung. So etwas gibt es auch in politischen Parteien. Ich finde unsere Sitzungen immer gut, weil die nach meiner Wahrnehmung meistens sehr offen sind.“
DS: Sportchef Gaetano Manno betont, der Verein habe „kein Geld“, dennoch wurde aktuell Nicolas Hirschberger ausgeliehen und weitere Transfers, wie Marko Stojanovic vom FC Bocholt, sind im Gespräch. Wie wird dieser personelle Kraftakt finanziert und welchen finanziellen Spielraum hat der Verein tatsächlich noch?
Ludger Kineke: “Klar, wir haben ein enges Budget. Aber wir haben jetzt den Spieler Lennard Wagemann verabschiedet und dadurch etwas Luft bekommen. Auch gehen wir davon aus, Trainer Sebastian Tyrala zeitnah von der Gehaltsliste streichen zu können, er hat eine gute Reputation und dürfte bald eine neue Aufgabe finden. Und im Notfall finden sich da bei auch noch kleinere finanzielle Reserven.“
DS: Sie, der ja Kontakt zu nahezu jedem mittelständigen Unternehmen der Stadt hat, sind vor einem Jahr mit der Ansage angetreten, die Dinge mit den Sponsoren wieder in die Balance zu bringen. Könnern Sie da schon von Erfolgen berichten?
Ludger Kineke: „Es gibt tatsächlich Firmen und Unternehmen, die die Wichtigkeit eines erfolgreichen Fußballvereins für ihre Stadt richtig einschätzen. Wie ich überhaupt feststellen konnte, liegt der WSV in unserer Stadt sehr vielen Menschen am Herzen. Ja, ich konnte durchaus Erfolge verbuchen, auch wenn der ganz große Wurf noch fehlt.“
DS: Wo sehen Sie die Schwerpunkte für ihre künftige Tätigkeit?
Ludger Kineke. „Ich möchte zuallererst die Geschäftsstelle effizienter organisiert sehen. Auch die Zustände rund um die Sportanlage Nocken bedürfen einer Modernisierung. Hier spielt unsere Jugend, der unsere ganze Aufmerksamkeit gelten müsste, zuletzt aber aus Geldmangel Beschränkungen erleben mußte. Dann ist mir wichtig, über den Tag hinaus zu planen. Wir haben zwar ein schönes Stadion, doch zukunftsfähig ist die Arena leider nicht. Denken Sie nur an die schlechten Parkbedingungen. Da könnten uns z.B. die Aktivitäten rund um BUGA sehr helfen, wo ja ein Parkhaus und eine Seilbahn in unmittelbarer Nähe zu Stadion entstehen wird. Hier gilt es den Hebel anzusetzen und Fördertöpfe zu nutzen.“
DS: Wie sieht ihr “Worst-Case-Szenario“ aus?
Ludger Kineke: „Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass wir neues Selbstvertrauen gewinnen und Erfolg haben werden. Ungeachtet dessen gibt es eine alte Erfahrung: Bevor es besser wird, muß es erst einmal schlechter werden. Eine Weisheit, die den Fortschritt durch Krisen beschreibt.“
DS: Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch. Wir wünschen Ihnen im Interesse der Stadt und des WSV viel Erfolg.
Das Interview führte SIEGFRIED JÄHNE
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